20.02.2006

NEW ORLEANSCheckout in Louisiana

Fünf Monate nach dem Sturm „Katrina“ fängt das Aufräumen in der gefluteten Stadt erst an. Versprochen werden sichere Deiche und eine Verwaltung, die funktioniert - doch viele Viertel liegen noch in Trümmern. Trotzdem feiert New Orleans jetzt Mardi Gras. Von Alexander Osang
Fast auf den Tag genau fünf Monate nachdem der tropische Sturm "Katrina" New Orleans heimsuchte, begeben sich vier weiße Reisebusse auf seine Spur. Auf den Bussen steht "Gaten's Adventures Unlimited", in den Bussen befinden sich Kongressabgeordnete des Staates Louisiana, im ersten Bus, ganz vorn, wo sonst der Stadtführer sitzt, hat Kathleen Blanco Platz genommen, die Gouverneurin von Louisiana. Sie trägt einen leuchtend blauen Hosenanzug, ihr Haar sitzt wie ein Helm, sie sagt: "Die Dächer da waren gar nicht zu sehen." Und: "Hier konnten die Helfer natürlich nur schwer rankommen." Die Abgeordneten schauen aus den Fenstern auf das Ende der Welt und schnattern, als wären sie auf einer Klassenfahrt.
Viele von ihnen sind seit dem Sturm zum ersten Mal nach New Orleans zurückgekehrt. Sie haben nicht viel verpasst. Die Welt dort draußen sieht aus, als wäre das Wasser eben erst abgelaufen. Autowracks, verlassene Viertel, Häuser, an die Kreuze gemalt sind, Trümmer, kaum Menschen. Eine Geisterstadt. Ab und zu sieht man ein paar Männer in Arbeitssachen am Straßenrand, die überrascht zu den weißen Reisebussen aufschauen.
"Ich glaube, Sie verstehen jetzt die Größenordnung, mit der wir es zu tun haben", sagt die Gouverneurin. "Das ist endlos."
Die Männer im Bus tragen blütenweiße Hemden, Krawatten und Anzüge, in den Jacketttaschen haben sie kleine Bündel mit ihren Visitenkarten, die Frauen sind geschminkt wie Fernsehmoderatorinnen, im vierten Bus fahren die Kameraleute der lokalen Fernsehsender.
Die Busse streichen durch Lakeview, den Nordosten der Stadt, durch den St.-Bernard-Bezirk, fahren am Mississippi vorbei und biegen schließlich in den Lower 9th Ward, die Gegend, die vom Wasser fast restlos weggespült wurde. Es gibt hier keine Straßen mehr, nur noch Schneisen, die Planierraupen durch das Geröll gezogen haben. 200 Meter von der Stelle, an der der Deich zum ersten Mal brach, halten die Busse an.
In den Trümmern warten ein paar Menschen mit Transparenten, auf denen steht, dass der Deich zum Lower 9th Ward gebrochen wurde, um die reichen Gegenden von New Orleans zu schützen, wie schon einmal in der Geschichte der Stadt.
Die Abgeordneten stehen zunächst verloren in der Wüste, dann kommt eine kleine Einheit von Deichschutzsoldaten und nimmt sie an die Hand. Oberst Lewis erklärt, wie die Dämme wieder aufgebaut werden. Stärker als zuvor oder wenigstens genauso stark. Ein Unteroffizier hält ein Pappschild in die Luft, auf dem die Arbeitsschritte der Deichbauer aufgelistet sind. Immer neue Pappen werden in die Luft gehalten, immer lauter schreien die Demonstranten. Irgendwann geht die Gouverneurin
auf eine kleine Gruppe zu und schüttelt die Hand einer schwankenden, mittelalten schwarzen Frau. Wir müssen Geduld haben, sagt die Gouverneurin. Wir helfen jedem. Wir werden Washington auf die untragbaren Zustände aufmerksam machen. Hilfe ist auf dem Weg, sie wird nicht morgen eintreffen, aber bald.
New Orleans scheint in seinem zerstörten Zustand eingefroren zu sein wie der Ground Zero in Manhattan. Hier wie da haben Politiker schnell verkündet, dass man zurückkommen werde, so groß und so schön wie vorher. Vielleicht gehen Amerika die Visionen aus. Vielleicht sind auch die Katastrophen zu groß und das schlechte Gewissen. Jeder will sich angemessen verhalten. Aber das ist schwer.
Es fängt an zu regnen, die Abgeordneten flüchten in die Busse, die über die Kanäle zurück in die Innenstadt rollen.
"Was empfanden Sie, als Sie das sahen?", fragt Kameramann Kevin Henry von den lokalen Fox-Nachrichten die Abgeordnete Carla Dartez, deren Make-up erzählt, dass sie damit gerechnet hat, interviewt zu werden. Carla Dartez kommt aus Morgan City, Louisiana, und ist seit sechs Jahren im Parlament.
"Schockierend, surreal", sagt Carla Dartez. "Aber wir werden New Orleans wieder aufbauen. Wir müssen über Parteigrenzen hinwegsehen. Das ist kein Popularitätswettbewerb."
Die Buskolonne biegt vom Highway 10 ab, fährt am Superdome vorbei auf die Canal Street, die Hauptstraße von Downtown New Orleans, wo die wichtigsten großen Hotels zu finden sind. Es ist die beste Gegend der Stadt, es gibt wieder Menschen auf den Bürgersteigen. Die Abgeordneten tauchen zurück ins Leben. Niemandem fällt auf, dass vorm Eingang des Astor Crowne Plaza Hotel Menschen stehen, die dort eigentlich nicht hinpassen. Menschen in Trainingsanzügen, in zu weiten oder zu engen Hosen, in zu kurzen oder zu langen T-Shirts, Menschen mit dicken Goldketten, Menschen, die in ihre Handys brüllen wie in Walkie-Talkies. Die Menschen stehen vor dem Hotel, rauchen und schauen in die Abendsonne. Sie warten, dass es dunkel wird. Und dann wieder hell. Und dann wieder dunkel. Und wieder hell.
Es sind die Menschen, die die Wüste verlassen haben, durch die die Abgeordneten eben gerollt sind. Sie haben die Katastrophe in die Innenstadt von New Orleans getragen. Ins Marriott Hotel, ins Interconti und auch ins Astor Crowne Plaza. In dieser Umgebung ist die Katastrophe, aus dem Busfenster betrachtet, nur schwer zu erkennen.
Aus dem Hotellift des Plaza treten eine junge Frau und zwei hübsch angezogene Kinder. Das sind Brittany Brown, ihr Sohn Allan und ihre Tochter Anaya, die seit vier Monaten ein Doppelbettzimmer im Astor Crowne Plaza bewohnen. Wenn sie die Rechnung bezahlen müssten, wären das jetzt etwa 12 000 Dollar, aber darüber haben sie noch nie nachgedacht. Die drei laufen über den Marmorboden der Lobby, zwischen eingetopften Palmen, an den Wandteppichen und den drei ausdruckslosen Rezeptionisten vorbei. Sie verweilen einen Moment unterm Baldachin des Crowne Plaza, dann gehen sie nach links zu Domino's Pizza, um zu Abend zu essen. Sie haben immer nur die Wahl zwischen Domino's Pizza oder Popeyes, einem Fast-Food-Restaurant, das sich auf frittierte Hühnerteile spezialisiert hat. Domino's oder Popeyes. Man kann ja nicht kochen in einem Hotelraum, und drei Gerichte im Hotelrestaurant Bourbon House kosten etwa so viel wie die Sozialhilfe, die Brittany Brown für eine Woche bekommt.
Brittany Brown ist 23 Jahre alt und im 9th Ward aufgewachsen. Mit 14 hat sie ihren Sohn Allan bekommen, mit 17 ihre Tochter Anaya. Zunächst hatte sie mit den Kindern bei der Mutter ihres Freundes gelebt, aber zwei Jahre lang hatte sie ein eigenes Apartment, zwei kleine Zimmer in einem Wohnkomplex namens "Florida" im Bezirk Gentilly, direkt an der Interstate Nummer 10. In einem Zimmer schlief Brittany, im anderen waren die Kinder untergebracht. Ihre Tochter ging in den Kindergarten, ihr Sohn in die öffentliche Schule, Brittany arbeitete in der Bäckerei la Madeleine im French Quarter. Am Tag bevor der Sturm "Katrina" New Orleans erreichte, versammelte sich die Familie, 18 Leute insgesamt, und brach in fünf Autos nach Norden auf, wo ein Cousin ein Zwei-Zimmer-Apartment besaß. Sie flohen vor dem Sturm, sie folgten den Anweisungen.
Für Brittany Brown war es die längste Reise ihres Lebens, 45 Meilen nordwärts. Sie hat Louisiana noch nie verlassen.
Nach anderthalb Monaten zerstreute sich ihre Familie. Die Mutter ging mit Brittanys beiden Geschwistern nach Kalifornien und dann nach Houston, zwei Cousins brachen nach Maryland auf, Brittany ging mit ihren Kindern zurück nach New Orleans. Sie fuhr kurz zum Apartmentkomplex "Florida", konnte das Haus aber nicht betreten, weil Schlamm und Trümmer den Eingang versperrten. Sie rief die Telefonnummer der staatlichen Katastrophenhilfe Fema an und bekam im Oktober einen Raum im Astor Crowne Plaza zugewiesen. 13. Stock, Fenster zur Canal Street.
Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie in einem Hotel schlief, und am Anfang war das auch aufregend. Das Crowne Plaza ist ein feines Hotel, direkt an der Ecke zum French Quarter, sein Restaurant Bourbon House kürte die "New York Times" zum Platz, an dem man in New Orleans am besten berühmte Leute beobachten kann. Normalerweise kostet ein Zimmer dort über 100 Dollar am Tag, in der Saison sogar über 200. Aber auf die Dauer können einem Hotelräume ganz schön auf die Nerven gehen. Und berühmte Leute gab es hier auch nicht mehr.
Nach ein paar Wochen zog Brittanys Freund mit in ihr Zimmer, ihre Schwägerin bewohnte mit der Schwiegermutter und dem Neffen Tyler ein Zimmer im vierten Stock des Astor Crowne Plaza, ihre Tante und ihr Onkel zogen ins Zimmer nebenan. 320 der knapp 700 Räume des Hotels waren von Flüchtlingen bewohnt. Die Fema bezahlte den Hotels meist die regulären Preise. In Louisiana waren 10 000 Hotelräume von Flüchtlingen belegt, landesweit waren es 25 000.
Im Oktober bewarb sich Brittany Brown bei der Fema um einen Wohnwagen. Sie mag eigentlich keine Wohnwagen, aber irgendwie bewarben sich alle, und so machte sie es auch. Im November rief jemand von der Fema an und sagte, ihr Wohnwagen sei genehmigt. Im Dezember meldete sich die Fema wieder und teilte Brittany Brown mit, dass ihre Unterstützungsberechtigung mit dem 31. Dezember erlösche. Ihr früheres Apartment befinde sich in einer Gegend, die als "lebenswert" eingestuft worden sei. Sie solle nach Hause gehen. Vom versprochenen Wohnwagen redete niemand mehr. Am 31. Dezember erhielt Brittany Brown die Nachricht, dass sie am 7. Januar aus dem Hotel ausziehen müsse. Am 6. Januar erfuhr sie, dass die Fema ihr Hotelprogramm um einen Monat verlängert habe. Sie müsse nun am 13. Februar ausziehen. In der zweiten Welle.
Am vorigen Wochenende hatten die Fema und die lokale Homeland Security noch darüber verhandelt, das Hotelprogramm bis zum April auszudehnen. Die Fema aber konnte nicht mehr. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie 560 Millionen Dollar für die Hotelunterkünfte der gestrandeten Hurrikanflüchtlinge ausgegeben. Scott Wells, Direktor der Fema in Louisiana, sagte: "Wir wollen von den Übergangslösungen bei Wohnraum jetzt zu längerfristigen Lösungen übergehen. Dies ist ein neuer Schritt." Mark Smith von der Homeland Security Louisiana dagegen sagt: "Die Leute wurden erst in Notunterkünfte gesteckt, dann in Hotels und jetzt wieder in Notunterkünfte. Keine gute Entwicklung."
Brittanys Reise ging weiter.
Etwa zu der Zeit, als Brittany Brown mit ihren Kindern vom Pizzaimbiss zurück ins Hotel geht, betritt Gouverneurin Kathleen Blanco die Bühne des großen Saals im Convention Center von New Orleans, wo sich die Kongressabgeordneten nach der Bustour versammelt haben. Zum ersten Mal seit 125 Jahren trifft sich der Kongress von Louisiana an diesem Tag außerhalb der Hauptstadt Baton Rouge. Es sei ein historisches Meeting, sagt Gouverneurin Blanco. In den folgenden zwölf Tagen werde sich der Kongress von Louisiana damit beschäftigen, wie man die Deiche sicherer machen, die Verwaltung effektiver und mehr Wohnraum zur Verfügung stellen könne. Nicht zufällig habe man für die Eröffnungssitzung das Convention Center von New Orleans ausgewählt, wo im September Zehntausende Menschen alleingelassen wurden, eine hoffnungslose, wütende Menge, die das Versagen des Staates in einer großen Krise demonstrierte.
Präsident Bush habe in seiner Rede zur Lage der Nation New Orleans als ein Problem von gestern behandelt, sagt sie. "Wir müssen Tacheles reden, weil das die einzige Sprache ist, die man in Washington versteht", ruft die Gouverneurin. Sie trägt jetzt ein rotes Kostüm.
Am nächsten Vormittag, als die Abgeordneten längst wieder in Baton Rouge sitzen, ziehen die ersten Flüchtlinge aus dem Astor Crowne Plaza aus. Die meisten gehen mit schnellen Schritten durch die Halle und hüpfen in ihre Autos, die draußen in der zweiten Reihe parken. Sie haben nicht mehr als zwei, drei Plastikmüllsäcke mit ihren Sachen dabei. Vor dem Hotel stehen ein paar langhaarige Mädchen und Jungen, mit selbstgenähten Beuteln über der Schulter und Ringen in der Nase, die den Flüchtlingen
im Namen der Organisation Common Ground ihre Hilfe anbieten, sowie Libby Wunsch, die nicht viel älter ist als die Leute von Common Ground, aber besser angezogen. Sie trägt einen beigefarbenen Hosenanzug, der wie angegossen sitzt, und zeigt ein unerschütterliches Lächeln. Libby Wunsch repräsentiert hier die zehn New Orleans Fine Hotels, sie erzählt, wie reibungslos der Prozess der Räumung verlaufe und wie vorbildlich sich das Hotel verhalte. Sie sagt, die Flüchtlinge dürften die Faxgeräte an der Rezeption benutzen, und wer auf eigene Kosten weiter im Hotel bleiben wolle, könne das jederzeit.
Zu welchem Preis?
"Oh, das müsste verhandelt werden", sagt Libby. "69 Dollar aber mindestens."
90 der 320 Räume werden heute geräumt, sagt sie. Checkout-Zeit ist zwölf Uhr, aber wir schauen natürlich nicht auf die Uhr, wenn jemand ein bisschen länger braucht.
Und was passiert, wenn sich jemand weigert auszuziehen?
"Oh, ich glaube nicht, dass das passieren wird", sagt Libby Wunsch und strahlt.
Um kurz nach zwölf kommen Jermaine Foe und sein Kumpel Darryll Travis aus dem Hotel. Beide haben einen Plastiksack mit Wäsche unterm Arm. Sie wollten nach Houston, sagen sie. Aber erst mal stellen sie die Säcke auf den Bürgersteig neben dem Hotel und rauchen. Beide sind 24 Jahre alt und im Lower 9th Ward aufgewachsen, die Häuser, in denen sie wohnten, gibt es nicht mehr. Sie haben ein paar Tage auf Dächern zugebracht, bis man sie mit Polizeibooten rettete, dann waren sie im Superdome, dann im Astrodome in Houston, seit Oktober sind sie im Hotel, heute checken sie aus. Sie haben die ganze Geschichte der Stadt erlebt. Sie sind seltsam friedlich. Vielleicht weil sie nicht mehr wissen, wohin sie mit ihrer Wut sollen.
Es ist nicht das Problem des Hotels, sagt Darryll Travis. Das Hotel will ja auch nur ein Geschäft machen. Jermaine Foe nickt. Dann schnippen sie ihre Kippen auf die Straße, gehen mit wippendem Oberkörper die Canal Street hinunter, biegen ab und verschwinden. Nach Houston wahrscheinlich.
Brittany Brown bringt ihre Kinder zur Schule, und als sie zurückkommt, bleibt sie unten vor dem Hoteleingang stehen. Oben im 13. Stock schläft ihr Freund, der nachts Kisten auf Lkw lädt, sie will ihn nicht stören. Und arbeiten geht sie ja nicht. Die Bäckerei la Madeleine hat immer noch geschlossen. Sie hat kurz überlegt, ob sie heute zu einem Bewerbungsgespräch im Harrods Casino geht, hat es dann aber doch gelassen, weil sie ja nicht weiß, wo sie in der nächsten Woche wohnen wird, sagt sie. Sie steht einfach in der Sonne und sieht den Leuten zu, die das Hotel verlassen. Sie wartet, dass irgendwas passiert, und irgendwann spricht sie auch eine der jungen Frauen von Common Ground an. Die sagt, dass sie Soleill Rodigue heiße und für sie kämpfen werde, wenn es nötig sei. Brittany erzählt, dass sie in der nächsten Woche ausziehen müsse, weil die Fema ihre Akte schließe. Soleill Rodigue sagt, dass die Hotels die Leute noch vor dem Mardi Gras aus ihren Räumen haben wollten, weil sie während der Faschingssaison die Preise verdoppeln könnten. Das müsse man verhindern.
Soleill gibt Brittany ein Stück Papier und diktiert ihr einen Brief, in dem Brittany ihre Situation schildert und fordert, die Akte wieder zu öffnen. Brittany macht das, auf der Kühlerhaube eines Polizeiautos.
"Das faxt du jetzt der Fema", sagt Soleill, als sie fertig sind.
Brittany geht mit dem handgeschriebenen Zettel zur Rezeption des Hotels und legt ihn auf ein Faxgerät, tippt eine Nummer ein und sieht zu, wie ihre Beschwerde in die Welt gesaugt wird. Sie steht noch einen Moment unschlüssig vor dem Faxgerät. So richtig weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Sie bewirbt sich seit Monaten für ein Leben, das sie eigentlich nicht will. Sie will nicht in Trailern leben, sie will nicht im Hotel leben. Sie sagt, dass dies hier, die Canal Street, ja eigentlich nicht ihre Gegend sei, sie wolle nach Hause, nach Gentilly. Aber da sei ja nichts.
Es ist nur eine Viertelstunde mit dem Auto bis zum Apartmentkomplex "Florida". Es ist ein langgestrecktes dreistöckiges Steinhaus. Auf dem Parkplatz stehen ein paar ausgeweidete Autos, im Treppenhaus liegt Gerümpel, alles ist feucht. In dem winzigen Pool im Hof steht grünes, schlieriges Wasser. Die Wohnungstüren stehen offen, man sieht verquollenen Fußbodenbelag. Das Wasser stand bis zum zweiten Stock, es sieht nicht so aus, als könnte man das Haus jemals wieder bewohnen. Brittany Browns Apartment liegt im dritten Stock, ganz außen, direkt neben der Autobahn. Wenn ein Laster in Richtung New Orleans rollte, wackelte die Lampe, sagt sie, bevor sie zum ersten Mal seit fünf Monaten wieder ihre Wohnung betritt.
In der Mitte des Wohnzimmers liegt eine noch benutzbare Matratze, der einzige verbliebene Wertgegenstand. Daneben Kindervideokassetten, ein paar zerlesene Taschenbücher, Plüschtiere und ein ausgekippter Glaskrug mit Pennies. Brittany geht durch das kleine Apartment, die Autobahn rauscht durch die offenen Fenster. Am Kühlschrank kleben ein paar schwarz- weiße Fotokopien mit den Gesichtern ihrer Kinder. Brittany Brown findet drei Dinge, die sie mitnehmen will: einen kleinen Halskettenanhänger mit einem Foto, das sie im Alter von vier Jahren zeigt, und zwei zerkrumpelte Plastikbänder, die ihren Kindern nach der Geburt ums Handgelenk gebunden wurden.
Wir fahren noch eine Viertelstunde durch das Wohngebiet, ohne einen einzigen Menschen zu treffen. Es sieht nicht so verheerend aus wie im Lower 9th Ward, aber genauso niederschmetternd. Der Supermarkt, der Kindergarten und das McDonald's-Restaurant sind vernagelt.
"Und das soll lebenswert sein", sagt Brittany Brown, als wir zurück auf den Highway fahren.
Sie verschwindet schnell im Hoteleingang, in dem jetzt zwei breitschultrige Sicherheitsbeamte in schwarzen Anzügen stehen und die Straßen hoch- und runtersehen. An ihrer Seite taucht nach ein paar Minuten ein Mann in einer Lederjacke auf, der aussieht wie Eddie Compass - und der Eddie Compass ist.
Compass war der Polizeichef von New Orleans, als "Katrina" kam. Für ein paar Tage im September schien er die Stadt zu führen. Als Bürgermeister Ray Nagin die Kräfte schwanden, sprach Compass für New Orleans. Er stand breitbeinig vor Fernsehkameras, ein Symbol dafür, dass sich New Orleans nicht unterkriegen lassen würde. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens führte er lächelnd in einer weißen Uniformbluse mit goldenen Schulterstücken Vizepräsident Dick Cheney durch New Orleans. Ende September dann trat Polizeichef Eddie Compass zurück.
Es hatte immer Gerüchte gegeben, dass Compass in den entscheidenden Stunden der Katastrophe die Stadt verlassen habe, wie viele seiner Polizisten. Vielleicht lag es daran. Compass hat nie darüber geredet und will es auch jetzt nicht tun.
"Das ist meine Vergangenheit", sagt er. "Das liegt hinter mir."
Er ist jetzt Sicherheitsberater der New Orleans Fine Hotels, zu denen das Astor Crowne Plaza gehört. Er ist dafür verantwortlich,
dass die Räumung der Flüchtlinge reibungslos verläuft. Er treibt die Leute auf die Straße, die er einst aus den Fluten rettete. Man könnte denken, er habe die Seiten gewechselt, aber das ist wahrscheinlich zu einfach. Es ist sicher auch kein Zufall, dass Compass von den Hotelgästen begrüßt wird wie ein alter Freund. In ihren Augen ist er auch ein Opfer, jemand, der weggespült wurde, als die Deiche brachen. Wie sie. Und wahrscheinlich stimmt das sogar. Compass steht breitbeinig auf der Canal Street, lächelt und wartet darauf, erkannt zu werden. Der ehemalige Polizeichef einer untergegangenen Stadt. Ein Maskottchen. Ein Symbol wie damals, im September.
Im Andenkenladen neben dem Hotel liegen die "Katrina"-Bildbände gleich neben der Kasse. Im Schaufenster hängen T-Shirts mit dem Aufdruck "Katrina gab mir den schärfsten Blow Job meines Lebens". New Orleans ist zum Synonym für die Katastrophe geworden. Im Moment sieht es so aus, als wäre sie die einzige Attraktion, die die Stadt zu bieten hat. Selbst der bevorstehende Karneval lockt mit der Aussicht, die Stadt vorm Untergang zu retten.
"Katrina", so steht es im Bericht der Untersuchungskommission des US-Repräsentantenhauses, habe "ein nationales Versagen" offengelegt, eine "Abkehr von der Verpflichtung, für das Gemeinwohl zu sorgen". Ein Versagen auf allen Ebenen, vom Heimatschutzminister Michael Chertoff über die Gouverneurin Kathleen Blanco bis hinunter zur Stadtverwaltung von New Orleans.
Wenn man durch die Stadt fährt, sieht man überall eingezäunte Felder mit nagelneuen Wohnwagen. Es gibt überhaupt keine Infrastruktur, um sie irgendwo anzuschließen. Genaugenommen machen sie das Problem nur noch größer. Es heißt, auf einem schlammigen Feld in Arkansas versackten zurzeit 10 000 brandneue Wohnwagen, die zu schwer und zu groß waren, um in den Krisengebieten von Louisiana eingesetzt zu werden.
Im Untersuchungsbericht wird auch beschrieben, wie die Fema wahllos staatliches Geld an "Katrina"-Opfer verteilte. Viele mussten am Telefon nur behaupten, sie seien sturmgeschädigt, und bekamen Geld überwiesen. Manche gaben dazu die Sozialversicherungsnummern von Toten an, die Unterstützungsschecks wurden in Spielhöllen und in Pornogeschäften umgesetzt. In New York wohnte ein Flüchtling aus New Orleans in einem Hotelraum, der mehr als 600 Dollar pro Nacht kostete.
Brittany Brown hat gleich im September 2000 Dollar von der Fema bekommen, Anfang Oktober noch mal 2358; wofür das Geld war, kann sie nicht mehr genau sagen. Vom Roten Kreuz bekam sie dann noch mal 975 Dollar. Das ist alles, sagt sie. Und natürlich bekommt sie das Hotel bezahlt und auch die Privatschule für ihre Kinder. Sie gehen auf eine katholische Schule, die sich Brittany normalerweise nicht leisten könnte. Und vielleicht kommt ja auch irgendwann noch der Wohnwagen dazu, den sie eigentlich gar nicht will. Brittany Brown ist ein schönes Beispiel für die Reaktionen, die die Katastrophe ausgelöst hat. Es gibt viel Bewegung, aber man erkennt kein System.
Die Antwort der Behörden auf den Sturm ähnelt dem Sturm selbst.
Um drei Uhr am Nachmittag des Tages, an dem die Fema ihre Zahlungen für die Hotelunterkünfte der Flüchtlinge einstellt, holt Brittany ihre Kinder Allan und Anaya und auch Tyler, den Sohn ihrer Schwägerin, aus der Schule ab. Wie jeden Tag. Sie laufen durch die Lobby an den Wandteppichen, Palmen und ausdruckslosen Rezeptionisten vorbei zum Fahrstuhl, fahren in die 13. Etage des Astor Crowne Plaza.
Im Fernseher läuft eine Gerichtsshow, Tyler und Allan springen auf dem linken Bett herum, Anaya setzt sich auf die Fensterbank und schaut auf die Stadt. Brittany Brown sitzt auf dem rechten Bett, guckt zum Fernseher, wo irgendein Fall verhandelt wird, und wartet, dass es weitergeht.
Und während sie wartet, beraten die Abgeordneten von Louisiana in Baton Rouge über Wohnraum in New Orleans und den Wiederaufbau der Deiche, in Washington werden die Repräsentanten von Fema und Homeland Security vom Senat befragt, es erscheint der Bericht der Untersuchungskommission, es gibt empörte Leitartikel, alle beschuldigen sich gegenseitig wie seit Monaten, und irgendwann, am Tag bevor Brittany Brown und ihre Kinder aus dem Astor Crowne Plaza endgültig ausziehen sollen, klingelt auf ihrem Hotelzimmer das Telefon, und die Fema ist am Apparat. Sie sagt, dass Brittany und ihre Kinder nun doch noch länger im Hotel bleiben dürften. Bis zum ersten März, erst mal. Warum, sagen sie nicht. Brittany Brown packt ihre Koffer wieder aus.
Vielleicht ist das ein Erfolg, vielleicht nicht.
Gesellschaft
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 8/2006
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