29.07.1968

GEHEIMDIENSTE / CIATote Ratten

Frode Thornassen, Nachtdienst-Fernschreibkraft der norwegischen Nachrichten-Agentur "Arbeidernes Pressekontor", verließ unauffällig sein Ticker-Zimmer und schlich durch die dunklen Redaktionsräume im Osloer Gebäude Youngstorget 2.
Hastig durchwühlte der Telex-Typist einen Journalisten-Schreibtisch. Der nächtliche Schnüffler, linker Flügelmann des norwegischen Jungsozialisten-Bundes "Arbeidernes Ungdomsfylking" (AUF), suchte Belastungsmaterial gegen einen politischen Intim-Rivalen: den rechten AUF-Führer Ola Teigen, 31, Redakteur für Gewerkschaftsfragen im "Pressekontor".
Thornassen fand einen 246 Schreibmaschinen-Zeilen langen, an Teigen gerichteten Brief, der den handschriftlichen Vermerk "Fortroligt" (Vertraulich) trug und -- so die Stockholmer "Dagens Nyheter" -- "eine Sensation" barg. Das Schreiben beweist:
* Der US-Geheimdienst CIA hat sich der Jung-Sozialdemokraten in aller Welt zu bedienen versucht, um Einfluß auf die kommunistisch geleiteten Weltjugendfestspiele zu nehmen, die in dieser Woche in Bulgariens Hauptstadt Sofia beginnen.
* Die "International Union of Sodalist Youth" (IUSY), von Deutschen, Osterreichern und Skandinaviern beherrschter Dachverband sozialistischer Jugendorganisationen aus siebzig Ländern, hat anderthalb Jahrzehnte lang CIA-Gelder bezogen und noch für ihren 1968-Etat eingeplant.
Als Absender des enthüllenden Briefes zeichnete mit "kammeratlig hilsen" ("kameradschaftlichen Grüßen") der dänische Minister-Sohn Jan Haekkerup, 27, ein rundlicher, bebrillter Jung-Politruk, seit 1966 Generalsekretär in der Wiener IUSY-Zentrale und Kontaktmann der CIA.
Der Geheim-Brief, am 11. November 1967 in Wien an Haekkerup-Freund und IUSY-Führungsmitglied Teigen geschrieben, im Februar geklaut und im Juni Journalisten zugespielt, stürzte den roten Junioren-Weltbund in seine bislang schwerste Krise.
Zwei starke deutsche Mitgliedsorganisationen sehen sich in die Agenten-Affäre verwickelt: die Jungsozialisten der SPD (170 000 Mitglieder) und die Sozialistische Jugend Deutschlands "Die Falken" (110 000 Mitglieder); ferner gehören der Jungsozialisten-Internationalen der deutsche Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB; 2000 Mitglieder) und, assoziiert, der linksradikale Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS; 2400 Mitglieder) an.
"Wir treten jetzt aus dem Verein aus", erklärte vorletzte Woche in Frankfurt SDS-Vorsitzender Karl Dietrich Wolff, 25. Ein SHB-Sprecher fand, es sei "ganz unmöglich, daß ein sozialistischer Verband mit der CIA zusammenarbeitet, die in der Dritten Welt Befreiungsbewegungen unterdrückt", und forderte gemeinsam mit "Falken" und Jungsozialisten die "Beurlaubung" Haekkerups, der denn auch letzten Donnerstag zurücktrat.
Noch im Spätherbst 1967 hatte "General" Haekkerup in New York Finanz-Verhandlungen für die IUSY geführt. Er konferierte mit einem gewissen "Lunn von der Foundation": CIA-Agent Harry H. Lunn. der im Februar 1967 als Generalsekretär der "Foundation for Youth and Student Affairs" (FYSA) zu den Schlüsselfiguren eines Skandals zählte, der laut "New York Times" Amerikas "Glaubwürdigkeit schlimmer besudelte, als dies je einem Feind hätte gelingen können".
Damals hatten US-Blätter enthüllt, die CIA subventioniere seit 1952 mit jährlich 50 Millionen Dollar im Rahmen ihres "PPPM"-Programms (für psychologische, politische und paramilitärische Aktionen) Dutzende von Organisationen, darunter Jugend-Bünde, die als verlängerter Arm der amerikanischen Außenpolitik wirkten.
Um die Zahlungen der "Firma" (Kodewort für CIA) abzuschirmen, arbeiteten die Geheimdienstier "mit Tarn-Firmen zusammen, so der FYSA, die sich als "private philanthropische Stiftung" bezeichnet. Lunn diente der CIA als Hauptkontakt zu Jugendfunktionären -- den "kiddies" (Hosenmätzen), wie CIA-Profis die jungen Dollar-Empfänger nannten.
Daß auch die Führer von Haekkerups IUSY zu den Hosenmätzen der CIA zählten, war ebenfalls im Februar letzten Jahres bekanntgeworden (SPIEGEL 10/1967). Wie groß die CIA-Zahlungen an die Jung-Sozialisten waren, wurde jedoch erst durch den Haekkerup-Brief offenbar: "45 000 bis 50 000 Dollar pro Jahr".
Anlaß des Haekkerup-Kontaktes mit den CIA-Agenten waren die Sofioter Weltjugendfestspiele 1968, zu denen die IUSY eine Beobachter-Delegation zu entsenden plante; der CIA lag daran, das kommunistisch gelenkte Festival zu stören -- wie früher schon:
So war das rote Welt-Jamboree 1959 in Wien zu einem Tummelplatz bezahlter Jung-Provokateure aus dem Westen geworden: Der US-Geheimdienst übernahm die Kosten für 180 antikommunistische Jugendliche aus Chikago, die durch aufgebrochene Türen in interne Veranstaltungen eindrangen und Tränengas-Pistolen zückten. als KP-Ordner sie hindern wollten, die mit CIA-Hilfe herausgegebenen "Wiener Nachrichten" zu verteilen.
Auch die Jungsozialisten-Internationale trug in Wien zum "Anti-Festival" bei -- wie der SPD-nahe Pressedienst "PPP" berichtete, "unter starker deutscher Beteiligung". Junge "Antis" trugen Schilder: "Denkt an Ungarn!" -- und landeten in Wiens Spitälern; die Polizei registrierte allein am ersten Festspiel-Tag 13 Straßen-Schlägereien.
Bei den Festspielen der jungen Kommunisten 1962 in Helsinki waren 160 junge US-Antikommunisten dabei. Die Kosten, 40 000 Dollar, bestritt -- laut "Wall Street Journal" -- wieder die CIA. Mit Jazz und hübschen Hostessen versuchten die Amerikaner, vor allem Delegierte aus den Entwicklungsländern von den Vorzügen der Freien Welt zu überzeugen.
Eine 40köpfige IUSY-Gruppe, ebenfalls von der CIA finanziert, verteilte Anti-Festival-Zeitungen und betrieb "reine Abwerbung", wie sich letzte Woche "Falken"-Sekretär Heinz Lietz, 31, erinnerte. Lietz zum SPIEGEL: "Da hatte auch der Gehlen seine Finger drin. Wenn wir das früher gewußt hätten, hätten wir damals nicht mitgemacht."
Demonstrationen gegen das Festival mußte Helsinkis Polizei mit Tränengas auflösen. Der sowjetische Lyriker Jewgenij Jewtuschenko dichtete: "Der Faschismus schmatzte am Chewin-gum, schleuderte Flaschen in Festivalbusse ... und barg tote Ratten unterm Talar."
"Von morgen bis abends", so der damalige Jungsozialisten-Bundessekretär Horst Seefeld, waren IUSY-Mitglieder in Helsinki dabei, farbigen Festival-Besuchern Freiflüge nach Westeuropa anzubieten. Ergebnis dieser Bemühungen: 270 Delegierte verließen Finnland. Deutschlands SPD-Jugend flog 73 Tunesier und 40 Ceylonesen an die Berliner Mauer und konfrontierte sie mit "rauher kommunistischer Wirklichkeit" (Seefeld).
Nach den Enthüllungen über die CIA-Gelder erschien es den Jung-Sozialisten wenig opportun, auch die 1968er Weltfestspiele zu stören. Diesmal wollten sie sich mit der Entsendung von Beobachtern begnügen, auf CIA-Gelder aber nicht verzichten. Allerdings knüpfte Haekkerup an die Annahme der US-Subventionen, wie er in seinem Brief mitteilte, Bedingungen:
* Die Jung-Sozialisten wollten in Sofia "keine Anti-Festival-Propaganda" treiben ("politisch tölpelhaft nach der CIA-Affäre").
* Die IUSY sollte bei der Geldbeschaffung nicht erwähnt werden.
* Die US-Zuschüsse sollten auf Tarn-Konten dreier europäischer Mitgliedsverbände überwiesen werden. Nur "einen äußerst engen Kreis" wollte Haekkerup einweihen. "Ich werde die Angelegenheit", schrieb er Teigen, "jetzt mit (dem österreichischen IUSY-Funktionär) Schieder besprechen, und ich rechne damit, daß das Finanzkomitee informiert wird."
Am 28. November 1967, bei einer Sitzung In Wien, hatte Haekkerup Gelegenheit, das dreiköpfige "Finanzbeschaffungs und Kontrollkomitee" zu informieren, dem neben dem Österreicher Schieder zwei Deutsche angehören:
* als Vorsitzender der hessische "Falken"-Führer Reinhard Göpfert, 39, Gemeindeoberinspektor in Dietzenbach bei Frankfurt, und
* Horst Seefeld, 37, früher IUSY-Präside und Jungsozialisten-Funktionär, heute Pressereferent im Bonner Verkehrsministerium.
Zwei Monate später, im Januar 1968, teilte Haekkerup dem "Internationalen Vorbereitungskomitee" in Sofia mit, der IUSY sei "herzlich" an "besserer Verständigung" gelegen. Er meldete eine 70köpfige IUSY-Delegation für das Festival an.
Das Sofia-Komitee antwortete, es begrüße "die nun vom IUSY-Büro eingenommene Haltung", und akzeptierte die Anmeldung -- "obwohl die IUSY früher dem Festival feindlich gesonnen war".
Die Festival-Funktionäre änderten ihre Haltung allerdings, als im Juni in Skandinavien der "Fortroligt"-Brief Haekkerups veröffentlicht wurde: Nun habe sich die IUSY "selber von der Teilnahme an den Weltfestspielen ausgeschlossen".
Dennoch sind in dieser Woche alle deutschen IUSY-Mitgliedsverbände in Sofia vertreten: "Falken" und Jungsozialisten, SHB und SDS brauchen sich -- als Angehörige des westdeutschen "Teilnehmerkreises" -- von der Ausladung ihres Dachverbandes nicht betroffen zu fühlen.
In Sofia erwartet sie nach der Haeckerup-Affäre "ein harter ideologischer Kampf", so "Falken"-Bundessekretär Dieter Lasse, 27: Das Ost-Berliner FDJ-Organ "Junge Welt" drohte bereits, man werde "auf das CIA-IUSY-Komplott ... an Ort und Stelle, in der bulgarischen Hauptstadt, die Antwort geben".

DER SPIEGEL 31/1968
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