15.07.1968

„TRANSALL“Einfach einmotten

Bundesdeutschlands westeuropäische Waffenbrüder erwarten einen Bonner Sommerschlußverkauf in militärischer Hartware. Sie spekulieren auf Ramschpreise für funkelnagelneue Transportflugzeuge.
Diese Spekulation gründet sich auf eine Fehlplanung der Bonner Rüstungsbeschaffer. Sie beschert Westdeutschlands Wehr in den nächsten Jahren eine Transportflotte von Big-Lift-Ausmaßen, die bislang schon 2,65 Milliarden Mark verschlang und mit der die Luftwaffe wenig anzufangen weiß.
Am 23. Oktober 1963 bewilligte der Verteidigungsausschuß des Deutschen Bundestages auf Betreiben des damaligen Luftwaffen-Inspekteurs, des Generals Panitzki, die Anschaffung von insgesamt 110 gemeinsam mit Frankreich entwickelten Transportmaschinen des Typs C 160 "Transall".
Das bullige Flugzeug ist mit einer Spannweite von 40 Metern und einer Zuladekapazität von 16 Tonnen der größte zweimotorige Transporter der Welt. Es sollte vor allem dem Heer dienen, das damit Menschen, Material und Treibstoff in die Kampfzone befördern wollte.
Knapp fünf Jahre nach der Entscheidung entdeckte das Heer jedoch eine bessere Lösung seiner Transportprobleme: Inspekteur Josef Moll verlangte den Kauf von 135 Transporthubschraubern des Typs Sikorsky CH -- 53 A, die nun auch nicht der Luftwaffe zugewiesen, sondern von Heeresfliegern bedient werden sollten.
Verteidigungsminister Gerhard Schröder und der Bundestags-Verteidigungsausschuß billigten die neue Anschaffung -- zum Preis von 10,37 Millionen Mark je Hubschrauber, einschließlich Ersatzteil-Grundausstattung und Umschulungskosten für die Piloten.
Zuvor hatte der Minister vergebens versucht, die Luftwaffe von ihrem "Transall"-Obligo zu befreien. Doch die deutsche Industrie, die bereits Millionen in die Vorbereitung der Serienproduktion investiert hatte, und auch der französische Partner sträubten sich.
Sie stellten Bonn vor die Wahl, entweder die vertraglich vereinbarte Zahl von 110 Maschinen abzunehmen oder bis spätestens 1. Oktober 1968 die deutsche "Transall"-Serie zu kürzen und dafür Ausfallzahlungen in Höhe von 320 Millionen Mark zu übernehmen. Der Preis für eine "Transall" inklusive der erforderlichen Ersatzteil-Grundausstattung hatte sich seit 1963 von etwa 14 auf über 20 Millionen Mark erhöht.
Schröder entschied sich für die Ware: 90 Maschinen teilte er der Luftwaffe zu. Für die restlichen 20 Transporter sucht er nun potente und honorige Käufer.
Zwar gibt es genügend Interessenten für Kriegsgerät dieser Art, doch fehlt es ihnen entweder an Geld, oder sie leben in Spannungsgebieten, die nach dem Nato-Reglement und dem deutschen Kriegswaffengesetz für den Waffenexport tabu sind.
Nun konzentrieren sich alle Hoffnungen auf die Nato-Partner Belgien, Dänemark und Griechenland, denen ein Transporterbedarf von etwa 30 bis 32 "Transall" zugerechnet wird. Auch die marokkanische Luftwaffe zeigt sich interessiert. König Hassan II. will den Riesenvogel selber testfliegen.
Die Nato-Kameraden freilich lassen sich mit ihrer Entscheidung Zeit. Sie glauben, daß der Bonner Bund sich im Laufe des Sommers schließlich bereit finden werde, die überschüssigen 20 Maschinen unter Preis zu verschleudern.
Denn die Industrie -- für den Export zeichnet ein gemeinsames Büro der Hamburger Flugzeugbau (HFB) und der Bremer Vereinigten Flugzeugtechnischen Werke (VFW) verantwortlich -- offeriert das "Transall"-Exemplar schon heute zum Billigpreis von acht bis zehn Millionen Mark, allerdings ohne Ersatzteil-Zugabe.
Aber selbst wenn es Bund und Industrie gelingen sollte, die überschüssigen 20 Maschinen zu verhökern -- der Luftwaffe wäre damit nicht geholfen. Ihr "Transall"-Bedarf nämlich ist weit geringer als jene 90 Maschinen, die Schröder ihr zugewiesen hat und die 7290 Soldaten auf einmal liften können. Zwei Drittel würden genügen.
Führungsstäbler der Luftwaffe sind deshalb auf die Idee gekommen, mindestens 20 der unerwünschten "Transall"-Transporter, die ihr bis Ende 1971 geliefert werden, einfach einzumotten -- für den Ernstfall.

DER SPIEGEL 29/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„TRANSALL“:
Einfach einmotten

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling