15.07.1968

WÄHRUNG / PFUNDLetzte Hilfe

In Basels Centralbahnstraße 7, zwischen dem Beatschuppen "Café Sattler" und der Teestube "Singer", verlor England am vorletzten Sonntag sein letztes Stück Weltgeltung.
Ohnmächtig mußte Englands Notenbankchef Sir Leslie O'Brien mit ansehen, wie im Gebäude der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Zentralbankiers aus 13 Nationen das britische Pfund Sterling als internationale Reservewährung absetzten*.
Statt wie bisher auch Pfunde sollen die Staaten der Welt künftig nur noch Dollar, Gold und sogenannte Hartwährungen -- wie beispielsweise die Mark -- als Währungsreserven in ihren Tresoren stapeln. Das Pfund aber, einst das begehrteste Geld der Welt, wird zur Valuta zweiter Klasse degradiert.
Mit dem Basler Sterling-Sturz zog die internationale Hochfinanz die Kon-
* Anwesend waren Vertreter Belgiens, der Bundesrepublik, Dänemarks, Frankreichs, Hollands, Italiens, Japans, Kanadas, Norwegens, Österreichs, Schwedens, der Schweiz und der Vereinigten Staaten.
Sequenz aus der Dauer-Krise des englischen Pfunds, deren Ursachen bis vor 1945, zurückreichen.
Aus dem Zweiten Weltkrieg war England zwar als Sieger, aber auch als größter internationaler Schuldner hervorgegangen. Denn anders als beispielsweise Hitler, der den Krieg durch Zwangsanleihen der deutschen Wirtschaft finanzierte, hatte sich Premierminister Churchill die Kriegsausgaben vom befreundeten Ausland vorschießen lassen. 1945 klaffte daher in Englands Devisenkasse ein Loch von 35 Milliarden Mark.
Da London dieses Geld unmittelbar nach dem Krieg nicht zurückzahlen konnte, ersuchten Englands Währungsbankiers die ausländischen Gläubiger, die Kriegskredite stehenzulassen. Die Gläubiger -- unter ihnen Australien, Neuseeland, die Ölscheichtümer des Nahen Ostens, Malaya, Singapur und Hongkong -- willigten ein und verbuchten die Forderungen an Londons Bank of England als Deckungsreserve für ihre eigenen Valuten.
Zum Dank für das Entgegenkommen gestand London seinen Gläubigern in Übersee zu, die Guthaben zum noblen Satz von bis zu neun Prozent zu verzinsen und diese sogenannten Sterling-Balances zurückzuzahlen, wenn England einmal bessere Zeiten sähe.
Auf diese besseren Zeiten freilich warten Englands Gläubiger auch heute noch vergebens. Eine veraltete Wirtschaftsstruktur, ein streikanfälliges Gewerkschaftssystem und die Unfähigkeit britischer Manager, nach modernen Methoden zu produzieren und, zu verkaufen, vereitelten die Versuche aller Nachkriegskabinette, Englands Finanzen zu sanieren.
Auch die Kredite, die befreundete Banken und der Internationale Währungsfonds dem bedrängten Pfund in den vergangenen Jahren zur Verfügung stellten (bis Juni dieses Jahres: 34 Milliarden Mark), vermochten nichts an der englischen Krankheit zu ändern. Erst im November letzten Jahres mußte der Labour-Premier Wilson das Pfund -- wie vor ihm schon sein Parteikollege Attlee 1949 -- abwerten. Durch diese Manipulation verminderte Wilson zwar Englands Schuld um mehr als 14 Prozent, trotzdem aber blieben noch für rund 50 Milliarden Mark Verpflichtungen übrig.
Englands Gläubiger. die auf diese Weise rund acht Milliarden Mark verloren hatten, wollten nun nicht länger stillhalten. Um nicht ein weiteres Mal durch eine Abwertung geschädigt zu werden, verlangte als erster Gläubiger die Kronkolonie Hongkong im Juni dieses Jahres ihr Darlehen im Gegenwert von zwei Milliarden Mark zurück.
Wilson, der befürchtete, daß außer Hongkong auch die anderen Gläubiger ihr Geld massiert. zurückverlangen könnten, schlug der mißtrauischen Kolonie einen Kompromiß vor: Falls Hongkong sein Geld Im Mutterland stehen ließe, wolle England die Forderungen gegen jeden Währungsschnitt absichern. Statt wie bisher in Pfund wollte London Hongkongs Guthaben im abwertungsunverdächtigen Hongkong-Dollar verbuchen. Hongkong willigte ein.
Doch damit hatte Großbritannien nur eine neue Gefahr für das Pfund heraufbeschworen. Sofort nach Abschluß des Sondervertrags mit Hongkong fühlten die Regierungen Kuwaits, Singapurs und des Malaya-Nachfolgers Malaysia in London vor und verlangten eine ähnliche Garantie auch für ihre Sterling-Guthaben.
London sah sich außerstande, eine solche Garantie zu geben. In den Tresoren der Bank von England lagerten Anfang dieses Monats nur noch Gold- und Devisenreserven im Gegenwert von elf Milliarden Mark. Auf den doppelten Betrag aber haben die Gläubiger sofort einen Anspruch*.
Wie schon so oft suchte nun England Währungshilfe bei seinen Freunden auf dem Kontinent. Und wie so oft sprangen die Zentralbankiers dem Pfund ein weiteres Mal bei.
Bei sommerlicher Hitze (28 Grad im Schatten) erklärten sich am vorletzten Sonntag zwölf der im Basler BIZ-Gebäude versammelten Nationen bereit, England für die nächsten zehn Jahre nochmals einen Devisenkredit in Höhe von acht Milliarden Mark bereitzustellen. Einzige Bedingung: England solle sich von seinen überseeischen Gläubigern verbindlich versprechen lassen, die Sterling-Guthaben nur nach einem genau festgelegten Zeitplan abzuziehen. Gleichzeitig solle England einen Modus finden, der es seinen Gläubigern ermöglicht, ihre Währungsreserven, die bisher auf Pfund Sterling lauten, von der britischen Valuta zu lösen.
Hiermit verlangten die Bankiers, was noch vor wenigen Jahren niemand zu fordern gewagt hätte: Die Abdankung des Pfunds als Weitwährung, die bisher neben Dollar und Gold zum Grundstock jeder Notenbank gehörte. Und Englands O'Brien, der keine andere Möglichkeit sah, an die dringend benötigten acht Milliarden Mark zu kommen, stimmte zu.
Deutschlands Bundesbankdirektor Dr. Otmar Emminger, der dem britischen Pfund in den vergangenen Jahren bereits mit Milliarden-Krediten beigesprungen war, warnte die englischen Freunde: Der nunmehr zugesagte Kredit von acht Milliarden Mark sei die letzte Hilfe, zu der sich die internationale Bankwelt bereitfinden könne. Emminger: "Dies ist der letzte Schluck aus der Pulle."
Weitere 28 Milliarden Mark Währungsschulden sind zu späteren Terminen fällig.

DER SPIEGEL 29/1968
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