15.07.1968

VIETNAM / VERHANDLUNGENWinzige Zeichen

Seit vom Frieden die Rede ist, tobt der Krieg heftiger denn je.
Am 31. März verzichtete Präsident Lyndon Johnson auf eine neue Kandidatur und ermöglichte mit der Ankündigung eines teilweisen Bombardierungsstopps gegen Nordvietnam Friedensgespräche zwischen Hanoi und Washington.
Seither aber mußte das Pentagon etwa 5000mal an amerikanische Familien telegraphieren: "Wir bedauern, Sie benachrichtigen zu müssen ..."
Jedes dieser Telegramme meldete den Tod eines GI im vietnamesischen Dschungel: Im ersten Halbjahr 1968 starben 9557 Amerikaner in Vietnam -- etwa 200 mehr als im ganzen Jahr 1967.
Auf den südlichen Teil Nordvietnams, für den der Bombenstopp nicht gilt, fallen seit Anfang April mehr Bomben als vorher auf die ganze rote Republik. Die Amerikaner riskieren sogar den Verlust von B-52-Superbombern, um mit riesigen Bombenteppichen Quadratmeter für Quadratmeter der nordvietnamesischen Nachschubrouten umzupflügen.
Unter der -- zweiten -- kommunistischen Offensive, die nach Eröffnung der Friedensgespräche in Paris begann, litt Südvietnams Hauptstadt Saigon ungleich härter als während der ersten Angriffswelle im Februar: 16 000 Häuser wurden zerstört.
Nordvietnams Chefstratege Giap schickt seit April monatlich bis zu 30 000 Hanoi-Soldaten in den Süden; früher waren es 7000.
Südvietnams Regierung hat die totale Mobilmachung befohlen. Die Saigoner Armee soll um 135 000 auf 800 000 Mann verstärkt werden.
Der Schlachtenlärm aus dem Fernen Osten übertönte die Nachrichten aus Paris, wo seit über zwei Monaten Spitzendiplomaten der USA und Nordvietnams versuchen, den Dschungelkrieg zu beenden.
Bisher beschränkten sich Amerikas Harriman und Nordvietnams Xuan Thuy in zwölf Sitzungen freilich darauf, einander stundenlang Vorwürfe und Beleidigungen vorzulegen.
Kam es zu einem Dialog, dann hörte er sich so an:
Thuy: "Wann werden die USA bedingungslos alle Bombardierungen und anderen kriegerischen Akte gegen Nordvietnam einstellen, so daß die Gespräche zu anderen Problemen einer Friedensregelung in Vietnam übergehen können?"
Harriman: "Wann wird Ihre Delegation bereit sein, solche anderen Probleme zu erörtern?"
Thuy: "Ich sagte schon, daß die USA die Bombardierungen einstellen müssen, bevor andere Probleme diskutiert werden können.
Harriman: "Ich kann nur die Hoffnung ausdrücken, daß eines baldigen Tages diese Fragen gleichzeitig erörtert werden können, denn es sind Fragen, die zusammengehören."
Die Verhandlungen drehen sich im Kreis, weil beide Seiten meinen, ihre eigenen Vorleistungen schon erbracht zu haben:
>die Amerikaner durch die Beschränkung der Bombardierungen und die Initiative zu den Gesprächen;
* die Nordvietnamesen durch ihre Gesprächsbereitschaft trotz des nur begrenzten Bombenstopps und ihre Zustimmung zum Verhandlungsplatz Paris -- statt, wie von ihnen gewünscht, Warschau oder Pnom Penh.
Beide Parteien waren sich nach den letzten Meetings offiziell einig darüber, daß sie noch vollends uneins seien: Thuy sagte, man sei "keinen Zentimeter" vorangekommen, Harriman meinte, die Ausfälle der Nordvietnamesen nähmen "lächerliche Ausmaße" an.
Dennoch mehren sich winzige Zeichen, daß sich beide Seiten, wenn auch nur schneckengleich, aufeinander zubewegen -- auf dem Schlachtfeld wie am Verhandlungstisch.
In Vietnam räumten Amerikas Ledernacken Anfang Juli ihre Prestige-Festung Khe Sanh nahe der nordvietnamesischen Grenze, wo Anfang des Jahres etwa 6000 GIs zweieinhalb Monate lang von 25 000 Nordvietnamesen eingekesselt gewesen waren.
US-Oberbefehlshaber General Westmoreland hatte seinem Präsidenten schriftlich versichern müssen, daß Khe Sanh gehalten werden könne. Es wurde gehalten -- für den Preis von 200 toten und 1600 verwundeten US-Soldaten und der größten Bomben-Konzentration der Kriegsgeschichte: Auf die Umgebung von Khe Sanh fielen insgesamt 100 000 Tonnen.
Jetzt zog Westmoreland-Nachfolger General Abrams die Ledernacken aus Khe Sanh zurück. Der Krieg, so seine Begründung, solle künftig beweglicher geführt werden.
Die US-Strategen beseitigten damit die Gefahr einer neuen Prestige-Konfrontation, die den Krieg unweigerlich noch weiter eskaliert hätte. Die Nordvietnamesen revanchierten sich, indem sie in den letzten Wochen ihre Drohung vom Mai nicht wahrmachten, die Hauptstadt Saigon "hundert Tage lang mit je hundert Raketen" zu beschießen.
Selbst In Paris mehrten sich die Zeichen, daß die Gespräche nicht allein die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sein müssen. Die sogenannten Teepausen während der Verhandlungen wurden immer länger. Über 40 Minuten lang diskutierten die Unterhändler zuletzt während dieser Pausen -- und dabei brauchten sie nicht aus dem Fenster zu reden.
Einem Teepausen-Gespräch ist angeblich die jüngste Geste der Nordvietnamesen zu danken: die Freilassung von drei gefangenen US-Piloten am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag.
Und selbst die Eskalation auf dem Schlachtfeld könnte eine Vorstufe zur De-Eskalation sein. Amerikas Bombereinsatz, so heißt es in Paris, sei nur deshalb so massiv, damit vor einem endgültigen Bombenstopp noch möglichst viele militärische Objekte zerstört werden könnten.
"Irgendwie werden die Gespräche in Paris zu einem Ende der Kämpfe führen", prophezeite Star-Kolumnist Walter Lippmann, "denn beide Seiten haben zuviel zu gewinnen, wenn sie sich verständigen, und zuviel zu verlieren, falls sie sich nicht einigen."

DER SPIEGEL 29/1968
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