08.07.1968

SPRACHE / UMGANGSDEUTSCHSchlick und Schlunz

Eine Gaststätte ist ein "Freßtaurant", eine Bar eine "Durst-Stillation". Das Gefängnis wird auch eine "Sitzgelegenheit" genannt. Ein Mensch mit schlechtem Gedächtnis hat einen "porösen Keks".
Solche Spott- und Spezialausdrücke sammelt der rheinische Sprachforscher Dr. Heinz Küpper, 59, seit 13 Jahren, erst neben- und seit zwei Jahren hauptberuflich. Er tut es so intensiv, daß aus seinem Familiennamen ein Verb wurde: "Küppern" ist laut Küpper ein Synonym für "den Leuten aufs Maul sehen".
Kürzlich hat er den fünften Band seines "Wörterbuchs der deutschen Umgangssprache" herausgebracht, das vielen Fachleuten nützlich ist. Sie schlagen nach bei Küpper, um zu erfahren, wie das Volk redet.
Jetzt präsentiert sich der Volkssprachforscher zum ersten Male dem Volke: Es erschien ein "Handliches Wörterbuch der deutschen Alltagssprache"*.
In den fünften Band seines Sammelwerkes hat Küpper von "Aa" ("kleine Fliegerbombe") bis "Zylinderdestille" ("kleines Lokal für höhere Ansprüche") 10 000 Wörter gepackt, die er in 228 Zeitungen und Zeitschriften sowie in 611 Büchern fand. In dem Hand- und Volksbuch hat er von "Aa" ("Darmentleerung, Kothaufen") bis "Zylindernehmen" ("Um den Abschied einkommen") 13 000 Wörter verzeichnet, die er dem deutschen Alltag abgelauscht hat.
Dazu gehört Triviales ("Angeberauto"), fast Geniales ("Mechanichtsnutz") und häufig Genitales ("Schwänzeigroschen"). Küpper durchforscht den Jargon der Gymnasiasten" in dem ein Geldstück "Dittchen" heißt, und er durchforstet das Rotwelsch der Ganoven, in dem ein Hundertmarkschein "Fetter" oder "Blauflügel" genannt wird. Soldatenslang und Gossenjargon" Volksmund und Mundart. Berufs-
* Heinz Küpper: "Wörterbuch der deutschen Umgangssprache", Band V; Claassen Verlag; 380 Seiten; 36 Mark. Heinz Küpper: "Handliches Wörterbuch der deutschen Alltagssprache"; Claassen Verlag, Hamburg und Düsseldorf; 484 Seiten; 20 Mark.
sprachliches und Mutterwitz sind in den 55 Zettelkästen Küppers gesammelt.
Er begann als einsamer Hobbyist" denn zunächst war der Rheinländer Hilfsassistent an der Universität, Deutschlehrer und Berufsberater, bevor er sich selbständig machte. Heute versorgen ihn, wie Küpper selbst schätzt, "rund 1050" Lieferanten mit neuem Material.
Den Schriftwechsel brachte er in "achtzig Ordnern (sieben Zentimeter Rücken)" unter. Wörter werden ihm ins Haus geschickt "von Universitätsprofessoren und denen, die mit dem Gunstgewerbe zu tun haben" ebenso wie von Geistlichen und Hausfrauen. Küpper über seine Hilfswilligen in aller Welt und daheim: "Sie alle tun es aus Freude an der Sache, meine Frau tut es aus Liebe."
Küpper sammelt und sortiert in der bei Koblenz gelegenen Gemeinde Stromberg (766 Einwohner). Fern vom Großstadtlärm und ohne Telephon, sucht er in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern sowie am Radio und vor dem Bildschirm nach neuem Sprachgut. Küpper über sein Tagespensum: "Wenn das Fernsehen eine Sendung bringt, die sich vokabulär ausbeuten läßt, werden es gut und gern 16 Stunden."
Mittlerweile besteht Küppers gesammeltes Sprechen aus 110 000 Stichwörtern, die er in seinen Kästen hat. Unter dem Stichwort Auto etwa trug er bisher 331 Umschreibungen zusammen. Für Film fand er 173, für Schnaps 171 Synonyme. Für Prostituierte gar sammelte er 508 Entsprechungen (siebe Kasten Seite 55).
Abgehört werden Kiesinger ebenso wie Kulenkampff, Kabarettisten so wie Kriminelle. Küpper registrierte, daß ein Bordell in Berlin eine "Fleischmarkthalle" genannt wird und in der NS-Zeit als "Haus der Bewegung" umschrieben wurde, daß es in der Soldatenwelt "Verkehrszentrum" und In der Halbwelt "Knallhütte" heißt.
Küpper fand heraus, daß ein Verbrecher "Zuchthaus" sagt, wenn er ein Internat meint" während umgekehrt ein Pennäler an seine Schule denkt, wenn er vom "Zuchthaus" redet.
Gefördert wird die Arbeit des Privatgelehrten aus Staatsmitteln: von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die gemeinhin nur Hochschulwissenschaftler unterstützt. Küpper blickt denn auch ohne falsche Bescheidenheit auf sein Werk: "Meine Sammlung ist einmalig in der Welt."
Fachleute freilich neigen zur Kritik an dem Außenseiter. Sie tadeln, daß seine Wörterbücher unübersichtlich gegliedert sind und damit ihren Daseinszweck verfehlen würden, gäbe es eine Konkurrenz. Doch das einzige deutsche Buch ähnlicher Art seit Kriegsende ist in der DDR erschienen.
Hinzu kommt, daß Küpper, der in Gossen und Zellen viele Wörter findet, sich vor dem gar zu Drastischen scheut. Etliche Ausdrücke, so versicherte er seinen Lesern, habe er "aus Schicklichkeitsgründen" nicht aufgenommen. Andere erklärt er zum Teil lateinisch, so den "Heckpfennig": "Entgelt für den Bordellbesuch ... Hier geht es um 'hecken = coire'."
Warum eine "Besserungsanstalt für gefallene Mädchen" auch "Moral-Korsett" genannt wird, erklärt der Rheinländer so: "Dort sucht man ihrer Moral eine Stütze zu geben, wie sie das Korsett der Büste verleiht." Und zum Stichwort "Bücherwurm" erläutert er: "Käfer wie Bücherliebhaber leben in Büchern -- der eine als Feind, der andere als Freund."
Und Zweifel dürften berechtigt sein, ob die Deutschen im Umgang miteinander wohl all jene Wörter gebrauchen, die Küpper in seinen Umgangssprach-Büchern gesammelt hat.
Mancher dürfte erst bei der Lektüre dieser Sammelwerke erfahren, daß der Fußball auch "Bolle", "Kaule", "Laberl", "Pülle" und "Quetsche" heißt und daß für Essen auch "Knutsch"" "Motze", "Zadder", "Schlick" und "Schlunz" gesagt werden kann.

DER SPIEGEL 28/1968
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