08.07.1968

SEUCHEN / RATTENPLAGEWeg durch die Wange

Revolutionäre und Ratten besetzten die Pariser Sorbonne. Die Revolution ruht, das Ungeziefer nagt weiter.
Soldaten und Ratten suchten in den Gräben der vietnamesischen Dschungelfestung Khe Sanh gemeinsam Deckung vor Granaten. Die Amerikaner ziehen sich jetzt zurück, die Ratten vertilgen die Reste.
Vor Hunger entkräftete Inder verenden in den Straßen von Bombay und Kalkutta, Indiens Ratten leben im Überfluß.
In Untersee-Booten und Gotteshäusern, in Gullis und Grachten, Neger-Gettos und Palästen, von Moskau bis Melbourne plagen 570 verschiedene Arten der grauen und schwarzen Langschwänze die Menschheit; mit der Rattenseuche beschäftigen sich Regierungen und Parlamente, selbst die Uno ordnete eine Untersuchung über das Nager-Problem an.
33 Millionen Tonnen Getreide, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, werden jährlich Beute der Ratten, von denen es etwa so viele wie Menschen gibt -- 3,5 Milliarden. 200 Millionen Menschen, fast das halbe Volk der Inder, könnte mit der Rattenbeute ausreichend ernährt werden.
Die im Schnitt ein Pfund schweren und 20 Zentimeter langen Tiere durchwühlen Dämme und verursachen damit Überschwemmungen, sie durchbeißen Eisenbahnbohlen und bringen damit Züge zum Entgleisen. Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind sie für jeden vierten unaufgeklärten Brand verantwortlich. Sie knabbern an Kabeln und bewirken so Kurzschlüsse.
Ratten gab es auf der Welt schon vor den Menschen. Sie verbreiten 35 verschiedene Krankheiten und Seuchen, vor allem die Beulen-Pest und Typhus. Von Ratten übertragene Pestkrankheiten brachten im Mittelalter mehr Menschen den Tod, beeinflußten die Geschichte vermutlich stärker als Kriege und Kaiser. Zwischen 1348 und 1352 wurden Teile Europas von der Pest fast entvölkert, etwa 40 Millionen Menschen starben an Seuchen.
"Aus den Verschlägen, den Untergeschossen, den Kellern, den Kloaken", schrieb Nobelpreisträger Albert Camus in seinem Buch "Die Pest" über die Epidemie in Nordafrika in diesem Jahrhundert, "stiegen sie in langen wankenden Reihen hervor, taumelten im Licht, drehten sich um sich selber und verendeten in der Nähe der Menschen ... Am Morgen fand man sie in den Straßengräben der Vorstädte ausgestreckt, ein bißchen Blut auf der spitzen Schnauze, die einen aufgedunsen und faulig, die anderen steif mit gesträubten Schnauzhaaren".
Noch im letzten Jahr stellte die Weltgesundheitsorganisation 1300 Pest-Fälle fest, 134 Infizierte starben, davon 26 in Vietnam.
Im Mittelalter hängte sich die Bevölkerung Glöckchen um den Hals, in der Hoffnung, die Plage durch das Gebimmel zu verscheuchen. Die alten Ägypter schickten erstmals Katzen auf Rattenjagd. Auf den Karibischen Inseln wurden marder-ähnliche Mungos eingesetzt. Sie dezimierten das Ungeziefer, vermehrten sich aber derart, daß sie selbst zur Plage wurden.
Rattenfänger galten stets als ehrenwerte Zunft. Berüchtigt berühmt wurde der Rattenfänger von Hameln, der 1284 den Ratsherren der Weser-Stadt versprochen haben soll, das Ungeziefer gegen entsprechende Entlohnung zu beseitigen.
Er lockte die Ratten mit Tönen aus seiner Querflöte ins Wasser, doch niemand belohnte ihn. Daraufhin, so die Mär, rächte er sich am geizigen Volk, indem er Hamelns Kinder mit Flötentönen entführte.
In Englands Gasthäusern wurden früher Ratten gegen Eintrittsgeld öffentlich umgebracht. Gelegentlich bissen die Rattenfänger ihre Beute vor dem Publikum selbst tot.
Auch im Atomzeitalter behielten Englands 2000 verbliebene Rattenfänger ihr Standesbewußtsein. Künftig, so forderten sie unlängst, wollen sie nicht mehr "rat catcher" genannt werden, sie wollen lieber "rodent Operator", Nagetier-Meister, heißen.
Karriere machte der Rattenfänger Stan Woolhouse, 56, der in der Dom-Stadt Lincoln sein Revier hat. Er wurde von seiner Gemeinde zum sozialistischen -- Ratsherrn gewählt und 1965 sogar für ein Jahr zum ehrenamtlichen Bürgermeister. Heute jagt er wieder Ratten.
Ein Volk von Rattenjägern sollte 1959 Nationalchina werden. Die Regierung offerierte hohe Prämien pro Rattenschwanz. Das Halali ergab sieben Millionen Schwänze. Doch die Ratten starben auf Formosa nicht aus.
Theoretisch könnte ein Rattenpaar in drei Jahren Millionen von Nachkommen haben. Ein Muttertier wirft jährlich drei- bis sechsmal zehn Junge -- die freilich durchschnittlich nur sechs Monate leben.
Im 20. Jahrhundert wurde die Chemie gegen die Nager-Plage mobilisiert. Rattengifte sollten zu inneren Blutungen führen und zugleich die Gerinnfähigkeit des Blutes so weit herabsetzen, daß die Tiere verbluten. Doch ehe die Schlacht durchschlagende Erfolge zeigte, waren die Ratten gegen das Gift immun geworden.
In Indien, wo die Plage am drückendsten ist, sind die Ratten heilig. Die Hindus vermuten in dem Ungeziefer den "Gott der Weisheit". Allein in Bombay werden jährlich 20 000 Menschen von dieser Weisheit gebissen. Hungernde Ratten-Anbeter pilgern zum "Tempel der Ratten" und huldigen dem Gott im Tier, während die Millionen Langschwänze sich in den Kornkammern des Subkontinents mästen.
Nebst den Indern leiden Amerikas Slum-Bewohner am ärgsten unter der Rattenplage. Präsident Johnson nannte es eine "nationale Schande", daß auch im reichsten Land der Welt "Kinder von Ratten angegriffen, gebissen und sogar von ihnen getötet werden". In den Gettos von New York fallen Ratten jedes Jahr 600 Kleinkinder an.
Nicht nur in mittelalterlichen Chroniken und bei Camus sind Ratten Objekte der Literatur geworden: Polit-Utopist George Orwell macht in seinem Roman "1984" Ratten zu Folterwerkzeugen: "Diese von Hunger fast wahnsinnigen Scheusale werden wie Geschosse ... hervorschießen. Sie werden Ihnen ins Gesicht springen und sich sofort einen Weg hindurch bahnen. Sie wählen sich durch die Wangen und zerfressen die Zunge."
* Oben: Im Rattentempel von Deshnoukh; unten: Bei der Seuchen-Kontrolle im "Labor du rat" der Pariser Polizeipräfektur.

DER SPIEGEL 28/1968
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