01.07.1968

USA / MARSCH DER ARMENGott helfe uns

Washingtons farbiger Bürgermeister Walter Washington verhängte über die Hauptstadt der USA nächtliche Ausgangssperre. 900 Nationalgardisten verstärkten die Polizeistreifen der Stadt. 1600 Elitesoldaten der US-Armee warteten in Alarmbereitschaft.
Im Negerviertel wurden weiße Polizisten von Farbigen mit Steinen bombardiert, die Ordnungshüter schossen Tränengas in die Menge. In Amerikas Hauptstadt drohte der heiße Sommer auszubrechen.
"Gott helfe uns, daß nichts passiert", hatte Washingtons Washington gewünscht, als vor sieben Wochen etwa 3000 bedürftige Amerikaner im West Potomac Park mit Genehmigung des Innenministeriums die "Stadt der Auferstehung" besiedelten.
Schwarze, gelbe, weiße und rote Amerikaner zogen dort in Sperrholzhütten und Zelte. Tagsüber pilgerten sie in langen Zügen vor die Ministerien und forderten ein besseres Leben für die -- etwa 30 Millionen -- Armen der USA.
Nobelpreisträger Martin Luther King hatte den Marsch der Armen und ihre Stadt im Park geplant. Er wollte den Parlamentariern in Washington das Elend und die Armut der Nation demonstrieren und sie unter dem Eindruck der Tragödie zu schnellerer parlamentarischer Aktion zugunsten der Vergessenen treiben. Hollywoodstars und Politiker, Kirchen und Privatfirmen stifteten Geld für die "Poor People"s Campaign", die allein in den ersten vier Wochen 1,5 Millionen Dollar kostete.
"Wir bringen unsere Ratten und Mäuse mit", drohte der farbige Bürgerrechts-Pastor Ralph David Abernathy, der im "Pitts Motor Hotel" Quartier bezog. "Wir werden sie im Vorhof des Kongresses abladen und warten, bis der Kongreß beschließt, etwas gegen sie zu tun."
59 Seiten umfaßte die Wunschliste des Pastors, der nach der Ermordung seines Freundes Martin Luther King Präsident der Bürgerrechtsorganisation "Southern Christian Leadership Conference" geworden war.
19mal wurden Nobelpreisträger King und Ralph Abernathy gemeinsam verhaftet, schon drei Jahre vor seinem Tod bestimmte King seinen Freund zum Nachfolger. Wie King erhielt auch Abernathy, dessen Vater noch Sklave war, Drohungen von radikalen Weißen. Unbekannte beschossen sein Haus in Montgomery (Alabama) mit Gewehren.
Als Negerführer King in Memphis ermordet wurde, war Baptisten-Pastor Abernathy bei ihm. Später hielt er die Leichenrede für den Freund. "Man kann den Träumer töten", beruhigte Abernathy seine Freunde, "doch nicht die Traume.
In den ersten Tagen der Auferstehungsstadt träumten die Insassen noch gut. Kirchenklubs stifteten Betten, Bekleidung und Decken. Warenhausketten lieferten Konserven, Washingtons Bäckereien schickten täglich kostenlos " Nach seiner Festnahme im Polizei-Bus. 850 Brote. Die Molkereien lieferten 1500 Tüten Milch. Farbige Jazz-Musikanten wie Trompeter Dizzy Gillespie unterhielten die armen Protestanten auf der "Martin Luther King Plaza", Hollywood-Filmstar Sidney Poltier ("Flucht in Ketten") sammelte Abfall mit seinen farbigen Brüdern in der "Poor Avenue
Doch nach einer Woche Lagerleben verließen die ersten 300 Armen die "Stadt der Auferstehung".
Dauerregen weichte die Graswege zwischen den 540 Hütten zu Schlammpfaden, Wasser sickerte in Zelte und Sperrholzhäuser. Zu Scharen packten die Bewohner ihre kargen Bündel und kehrten in ihre Heimat zurück -- arm wie sie gekommen waren, mehr enttäuscht als erfüllt.
In Washington klagten Hotels, Restaurants und Kaufhäuser über die Bewohner der Armuts-Siedlung" Washingtons Touristenstrom ging um 20 Prozent zurück. Als der Bruder des Negerführers Martin Luther King, William King, in einem exklusiven Restaurant nicht bedient wurde, weil er und fünf Begleiter in schmutziger Arbeitskleidung dinieren wollten, holten die Farbigen Verstärkung aus ihrer "Stadt der Auferstehung".
80 erbärmlich gekleidete Farbige besetzten das Speiselokal und bestellten Steaks. Der Restaurantchef kapitulierte. Von der Rechnung in Höhe von 2000 Mark zahlten die Protestanten nach langer Debatte 800 Mark.
Die Behörden verlängerten der Stadt im Park die Siedlungsgenehmigung um eine Woche. Doch Abernathy gelobte, er werde mit seiner dezimierten Schar in Washington bleiben, "bis der Kongreß sich entschließt, die Armut in diesem Land zu beenden".
Indianer-Häuptling George Crow Flies High erlaubte seinem schwarzen Bruder, auch nach Ablauf der Mieterfrist weiterhin zu bleiben. Der Boden sei Eigentum der Indianer, die Weißen hätten ihn gestohlen.
Am Montag letzter Woche, 15 Stunden nach Ablauf der Genehmigung, riegelten 1500 Polizisten das Camp ab. 200 Mann durchsuchten die Hütten. Eine Stunde gewährten die Polizisten den Zeltern zu packen. Doch die wollten lieber ins Gefängnis als nach Hause. 114 Bewohner wurden wegen "illegalen Zeltens" festgenommen.
Unterdessen verhandelte Farbigenführer Ralph Abernathy, der 350 Arme in die Nähe des Kongresses geführt hatte, mit dem Polizeichef des Kapitols, James Powell, über den geeignetsten Platz für eine Festnahme. Abernathy: "Wir gehen alle in den Bau, darüber gibt es keine Frage."
Nacheinander überschritten die Demonstranten die Grenze der Bannmeile, die Amerikas Parlamentarier vor Demonstranten schützen soll. Ralph Abernathy wurde als Vierzehnter festgenommen und in einen der bereitstehenden Polizeibusse geführt. Er erhielt wegen Verletzung der Bannmeile 20 Tage Gefängnis.
Bulldozer räumten die "Stadt der Auferstehung". Die Armen hatten in ihr die amerikanische Tragödie wie auf einer Schaubühne aufgeführt -- vor einem Publikum, das teils verbittert, teils angeekelt, teils ratlos war.

DER SPIEGEL 27/1968
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