05.08.1968

INDIEN / LANDWIRTSCHAFTRekord für Ratten

Indien fuhr die größte Ernte aller Zeiten in die Scheuern -- und hungert trotzdem weiter.
Die 350 Millionen Bauern des Subkontinents ernteten in diesem Jahr 95 Millionen Tonnen Getreide -- nahezu sechs Millionen Tonnen mehr als im bisherigen Rekordjahr 1965. Der Getreide-Boom könnte das Halb-Milliarden-Volk vor dem Hunger retten, aber Hunderttausende von Getreidesäcken vergammeln, weil die Transportverwaltung die Futter-Flut nicht bewältigt.
Die Rekordernte war der erste große Erfolg einer neuen Landwirtschaftspolitik der indischen Regierung. Bis zur Mitte der sechziger Jahre hatten die Planer in Neu-Delhi in erster Linie die Industrialisierung forciert und die Landwirtschaft vernachlässigt.
Ergebnis: Indien konnte in den Jahren zwischen 1962 und 1966 zwar seine Industrieproduktion um jährlich sechs Prozent steigern, schlitterte aber in die größte Ernährungskrise der Nachkriegszeit.
Zwei Dürrejahre -- 1966 und 1967 -- drückten die Getreide-Erträge auf 72 beziehungsweise 76 Millionen Tonnen. Die tägliche Getreideration sank in einigen Regionen des Bundesstaats Bihar auf 100 Gramm pro Kopf, etwa 40 Millionen Inder litten an chronischer Unterernährung.
Indiens Regierung gab daraufhin der Landwirtschaft höchste Priorität. Ziel: bis 1975 die Getreideernte auf 150 Millionen Tonnen zu steigern.
Zunächst suchte die Regierung, die Stellung des Bauernstandes aufzuwerten. Bislang galten die Bauern als verachtete Klasse. Die niedrigste Landarbeiterkaste der "Harijans" ist durch -- erzwungene -- Inzucht zu reinen Arbeitssklaven degeneriert.
PR-Teams aus Delhi propagierten das Bild eines neuen Farmers; immer mehr Inder der höheren Kasten begannen zu ackern -- mit neuen Methoden. Die Regierung lieferte Bewässerungsanlagen und Kunstdünger.
Zwar wurde nach dem neuen Entwicklungsplan nur etwa ein Zehntel der 136 Millionen Hektar besäter Ackerfläche intensiv genutzt, aber die Hektarerträge (indischer Durchschnitt: 0,7 Doppelzentner gegenüber 32 in der Bundesrepublik) stiegen in diesem Jahr auf das Zehnfache; in einigen Musterfarmen sogar auf 70 bis 80 Doppelzentner.
Bei dem Tempo blieb jedoch Indiens Transport auf der Strecke. Es fehlen genügend geschlossene Eisenbahnwaggons und Lastwagen, um das Getreide in Hungergebiete zu transportieren, aber auch Lagerraum ist knapp.
Indiens Bauern karrten die gesamte Ernte sofort zu den staatlichen Ankaufstellen, da in früheren guten Erntejahren der staatlich festgesetzte Ankaufspreis (derzeit 81 Rupien -- 43 Mark -- je Doppelzentner) regelmäßig herabgesetzt wurde.
Folge: Im Punjab richtete die Regierung jetzt Schulen als Not-Silos ein, die Armee füllte ihre eigenen Vorratshäuser auf, die Eisenbahnverwaltung setzte auch offene Güterwagen für den Abtransport ein. Trotzdem stapeln sich Getreidesäcke auf Marktplätzen -- und der Monsun zerstört sie.
Das klassische Händlerland Indien bewältigt auch den Handel nicht. Privatkaufleute weigern sich, Getreide anzukaufen, weil sie den hohen Regierungspreis nicht zahlen wollen. Privaten Transportfirmen hatte die Regierung untersagt, Getreide von einem Bundesstaat in einen anderen zu bringen: Zu oft hatten gerissene Unternehmer Getreide nach der Ernte in Anbaugebieten zu niedrigen Preisen aufgekauft und sie auf den Schwarzmärkten der Hungerprovinzen zu Höchstpreisen verschleudert.
So profitieren bisher hauptsächlich Indiens fünf Milliarden Ratten von der Rekordernte. Sie werden, so schätzen Experten, mehr als ein Viertel der Ernte vernichten.

DER SPIEGEL 32/1968
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