10.06.1968

PROFESSOREN / RUBINTirili tirila

Professor Dr. Berthold Rubin, 56, Leiter der Abteilung Byzantinistik am Institut für Altertumskunde der Universität Köln, gewahrte durch seine kreisrunden Brillengläser eine "Schande" und beschloß, sie zu tilgen -- mit Flammen und drei Tüten.
Was Rubin entsetzte, war von streikenden Anti-Notstand-Studenten (Rubin: "Lumpengesindel") am 30. Mai mit roter Farbe an das Kölner Uni-Portal gepinselt worden: "Rosa-Luxemburg-Universität". Davor hatten linke Kommilitonen eine Barrikade errichtet, die rechte Studenten mit Latten und Stinkbomben bestürmten.
Gegen 11.30 Uhr nahte Verstärkung für die Streikbrecher: Ein älterer Mann mit kariertem Hemd und Bauarbeitermütze versuchte, mit einer Gaslampe die hölzerne Sperre in Brand zu setzen. Posten schlugen den Flammen-Werfer in die Flucht -- und erkannten ihn: Es war Ruhm.
Wenig später stieß der verhinderte Brandstifter -- im grauen Anzug, ein langes Klappmesser schwingend -- erneut zur Barrikade vor, wo ihn ein Uni-Bediensteter mif dem Hinweis ablenkte, im Rektorat sei Kultusminister Fritz Holthoff eingetroffen.
Berthold Rubin verließ die Barrikade, eilte ins Rektorat und fuhr den mit Kölns Professoren tagenden Minister an: "Was ist dieser Staat noch wert, der solche Dinge duldet?" Als ihm niemand antwortete, kündigte Rubin entschlossen an, er werde "die Tilgung der Schande der Inschrift "Rosa-Luxemburg-Universität" auf meine Kappe" nehmen, verließ die Minister-Runde und kaufte mehrere Plastiktüten mit "ganz gewöhnlicher schwarzer Farbe" (Rubin).
Vor dem Universitätsportal nahm der Professor -- nun mit kurzärmeli-
* Bei der Kölner Studenten-Demonstration.
gem Hemd und Gasmasken-Brille angetan -- Anlauf und schleuderte drei Farbtüten gegen die Inschrift. Demonstranten, von der Flüssig-Farbe "ein bißchen in Mohren verwandelt" (Rubin), hielten den Einzelkämpfer fest, der um sich schlug und schrie: "Ich bin Deutschlands Che Guevara!"
Ein Streikposten zog dem strampelnden Che-Rubin die Schuhe aus, ein anderer Student ging im Tumult zu Boden und wurde mit zerschmetterter Kniescheibe in ein Krankenhaus gefahren. Als Jung-Akademiker den schimpfenden Alt-Historiker ("Ihr dummen Bengels") schubsen wollten, bahnten ihm SDSler eine Gasse: Ohne Schuhe und mit Farbe bekleckert, durfte der Ordinarius gehen.
Wie Rubin machten auch anderswo Professoren auf eigene Faust Front gegen studentische Notstandsgegner -- so in Tübingen, wo Zoologe Karl Grell eine Studenten-Nase blutig boxte und Jurist Martin Heckel mit seinem quergestellten Wagen einen Auto-Korso studentischer Demonstranten aufhielt; so in Mainz, wo der Chemiker Leopold Homer eine Flasche Buttersäure über Sitzstreik-Demonstranten ausgoß.
Doch keiner der professoralen Gegendemonstranten hatte so viel Einzelkampf-Erfahrung wie Rubin: In der Mitternachtsstunde des 1. Oktober 1962 hatte der Byzanz-Kenner, unterstützt von einem Inder, versucht, mit Hammer und Meißel ein Loch in die Berliner Mauer zu schlagen. "Mit meinem Hammer", erläuterte er, "wollte ich den Schrei von 80 Millionen Deutschen zum Ausdruck bringen."
Ermuntert durch den Beifall der "Soldaten-Zeitung" ("Herr Professor, es ist wunderbar"), bereitete Rubin weitere "Einsätze für die Wiedervereinigung" vor, nun mittels Sportflugzeug und Fallschirm. Doch die Pläne des Gelehrten, der als Kind ein Auge und zwei Trommelfelle verloren hat, endeten mit dem "von deutschen Fliegerärzten mir nachgerade vertraut gewordenen Rausschmiß". Rubin selbstkritisch: "Auch unsere Wehrmacht hochseligen Angedenkens hätte ja bei etwaigen Fallschirmjägerambitionen mich Stoppelhopser vor Lachen bis auf den Mond gepustet."
In den USA durfte der Fallschirm-Fan Rubin ("Hohlkreuz ist König, Hohlkreuz ist Trumpf") endlich springen: Im privaten "Lakewood Sport Parachuting Center" in New Jersey demonstrierte er, einen "hochkomfortabel mit Funk versehenen Astronautenheim" auf dem Kopf, "getreu einer privaten Selbstverpflichtung" zum dritten Jahrestag des 13. August 1961 mit 17 Fallschirmsprüngen gegen die Berlin-Mauer.
Seine vorerst letzte Aktion stieg am 12. Mai dieses Jahres. Um etwas für die Entlassung des Hitler-Stellvertreters Rudolf ließ aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis zu tun, kopierte Rubin dessen privaten Friedensflug nach Großbritannien -- fast auf den Tag 27 Jahre danach.
In einer einmotorigen "Cessna" ließ sich Rubin -- "geheim wie ein Bankraub" -- nach Schottland fliegen, sprang, landete in einem Baum, 600 Meter von der Stelle entfernt, an der ließ niedergekommen war, wurde von dem Bauern Basil Baird entdeckt, der 1941 auch ließ gefunden hatte, und wurde -- wie ließ zur Polizeistation Giffnock gebracht und von Polizeioffizier Robert Graham vernommen, der einst auch ließ verhört hatte.
Von Fachkollegen und ultrarechten Sektierern wird der springende Gelehrte ernst genommen. Seine Bücher -- etwa: "Prokopios von Kaisareia" -- gelten zum Teil als Standardwerke der byzantinischen Geschichte.
Für die "Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung" schreibt der Professor gern politische Artikel, die er zuweilen durch Ausrufe wie "tschingbumdera" und "tirili tirila" auflockert und in denen er beispielsweise den Bonner Staat eine "weichgepolsterte Gummizelle" nennt.
Auch in der radikal-rechten "Aktion Oder-Neiße (Akon)" (SPIEGEL 24/67), die "der polnischen Schuld ... die polnische Sühne" folgen lassen möchte, war Rubin, der "auf keinen Zentimeter deutschen Bodens" verzichten will, aktiv -- bis Akon-Funktionäre Anfang dieses Jahres andeuteten, zumindest Ost-Oberschlesien müsse wohl doch verloren gegeben werden. Da erkannte Rubin: "Solche Vereine haben für mich nur Sinn, wenn ich der Chef bin", half die Akon auflösen und ließ sich von 64 Getreuen zum Führer einer neuen "Aktion Deutscher Osten (Ado)" wählen.
Nach dem Kölner Barrikaden-Sturm droht dem Historiker nun ein Disziplinarverfahren, obwohl der Ado-Führer sich Mühe gibt, seine Anti-Apo-Demonstration und dabei ausgestoßene Kampf rufe ("Es lebe das Vierte Reich!") zu rechtfertigen: "Damit verarsche ich doch den Dutschke."
Derweil plant Rubin weitere Aktionen "über, auf und unter der Erde". Den ihm von mehreren Kollegen erteilten Rat, sich "aus gesundheitlichen Gründen" beurlauben zu lassen, will er nicht befolgen: "Ich fühle mich besser als die ganzen Herren zusammen."

DER SPIEGEL 24/1968
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