10.06.1968

VIETNAM / SAIGON-OFFENSIVEWaffen im Überfluß

In Paris lieferten sich die Delegierten Washingtons und Hanois am Mittwoch letzter Woche das siebte Gefecht -- es war nur ein zaghafter Schlagabtausch.
In Saigon, 10 000 Kilometer vom Konferenztisch entfernt, schlugen Amerikas und Nordvietnams Feldtruppen hingegen verbissen aufeinander ein -- heftiger als je zuvor.
Vietcong-Einheiten -- die nach Aussagen eines desertierten kommunistischen Offiziers zu 95 Prozent aus regulären nordvietnamesischen Truppen bestehen -- zernierten in der vergangenen Woche Südvietnams Metropole, erstürmten die Stadtteile Cholon -- das Chinesenviertel -- und Gia Dinh. Täglich feuerten sie bis zu 40 Raketen in das Zentrum von Saigon.
Eroberte Häuser verteidigten sie hartnäckig. Alliierte Panzerkanoniere und Artilleristen legten daraufhin ganze Stadtviertel in Schutt. In den letzten vier Wochen zerstörten sie mehr als 10 000 Vietnamesen-Häuser.
1920 amerikanische und 1733 vietnamesische Soldaten fielen im vergangenen Monat, 8695 Amerikaner und 5520 Südvietnamesen wurden verletzt. Die Verlustziffer der GIs stieg im Vergleich zum Vorjahr um 64 Prozent.
Unter den Angriffen der Roten brach die Regierungsautorität in einigen Distrikten von Saigon zusammen. Bauern, die vor rotem Terror und amerikanischem Napalm in die bislang relativ ruhige Metropole geflohen waren, flohen erneut: in ihre -- von den Vietcong beherrschte -- Heimat.
Südvietnamesische Regierungstruppen und in Saigon zusammengezogene GIs konnten die Vietcong-Offensive nur mühsam stoppen. Denn die Roten überlisteten sie: Sie griffen nach einem genau abgestuften Zeitplan an entgegengesetzten Punkten der Stadt an und zwangen damit die Hauptstadt-Verteidiger, ihre Panzertruppen dauernd durch die von Flüchtlingen, Kulis und Ochsenkarren verstopfte Saigoner Innenstadt zu schicken. Tauchten die Tanks dann im Kampfgelände auf, tauchten die Guerillas unter.
Ihre mobilste Waffe, die Kampfhubschrauber, setzten die Amerikaner jetzt nur noch vorsichtig ein: Vorletzten Sonntag hatte ein US-Schraubflügler eine Rakete in einen Befehlsstand der südvietnamesischen Armee gefeuert. Sechs hohe Offiziere und Beamte wurden getötet. Seitdem dürfen amerikanische Hubschrauber-Schützen nur noch nach Rückfrage Raketen schießen.
Nach harten Straßengefechten, bei denen sich die Alliierten von Haus zu Haus, von Etage zu Etage durchkämpfen mußten, zogen sich die Vietcong -- scheinbar -- zurück. Doch sie kamen wieder -- als Händler und Bauern verkleidet.
Unaufhörlich schmuggeln sie Waffen in die Metropole und verteilen sie an geheime Zellen, die -- nach amerikanischen Berichten -- zumeist von jeweils fünf Guerillas gebildet werden.
"Waffen im Überfluß", berichtete der Pariser "Figaro", fanden alliierte Kommandos bereits in der vergangenen Woche bei der Gefangennahme von Vietcong-Soldaten -- so viele, daß südvietnamesische Ranger beispielsweise ihre roten Brüder mit roten Beutewaffen bekämpften.
Der Nachschub aus dem Norden fließt heute reichlicher denn je. US-Aufklärungs-Piloten berichteten von Kolonnen mit etwa 100 Lastwagen -- bislang waren es höchstens zehn. Und im zentralvietnamesischen Hochland machten amerikanische Suchtrupps Artillerie-Stellungen des Vietcong mit 100-Millimeter-Geschützen aus.
Während der noch amtierende US-Oberbefehlshaber in Südvietnam, General Westmoreland, seinem Präsidenten im Weißen Haus wieder einmal den nahen Endsieg verkündete ("Der Feind scheint sich der Erschöpfung zu nähern, seine Streitkräfte lassen an Stärke und Qualität nach"), versucht Amerikas Friedensunterhändler Averell Harriman in Paris, seinen Hanoier Partner Xuan Thuy zu einer Gegenleistung für die Einstellung amerikanischer Bombenangriffe nördlich des 20. Breitengrades zu gewinnen.
Es gelang ihm nicht ganz. Thuy ironisch: "Mein Land verpflichtet sich, sofort auf Bombardierungen und alle übrigen feindlichen Akte gegen das gesamte Territorium der Vereinigten Staaten zu verzichten."

DER SPIEGEL 24/1968
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