10.06.1968

„WERDET IHR VERGESSEN, DASS ICH HIER WAR?“

Auf der Straße nach Oakland stoppte ein Streifenwagen die Kolonne, Polizisten belferten: Ein Kameramann hockte auf dem Kofferraum eines Begleitfahrzeuges. Das aber war nicht gestattet.
Während Verkehrssünder und Verkehrshüter über Schuld und Sühne stritten, verließ der Mann, den die Kolonne begleitete, nahezu unbemerkt seinen offenen Ford.
Tausende hatten ihn eben noch in den Straßen von San Francisco umjubelt; dann, auf der 15-Kilometer-Fahrt über die San Francisco -- Oakland Bay Bridge, war er müde, erschöpft in seinem Auto zusammengesunken; nun, am Nachmittag des vorletzten Freitag, stapfte Robert F. Kennedy durch das hohe Gras am Rande des Highways -- den Kopf gebeugt, die Hände tief in die Taschen vergraben, allein. Nur ein Hund trottete neben ihm her, sein Cockerspaniel Freckles.
Und wie immer, wenn Robert Kennedy sich unbeobachtet glaubte: verschwand das schüchterne, das jungenhafte Lächeln, das seine Freunde liebten. Es kehrten jene tiefen Falten zurück, die seine Feinde als Runen der Rücksichtslosigkeit und Härte werteten -- und haßten.
Sie waren Zeichen der Resignation. Sie prägten sein Gesicht seit einer anderen einsamen Wanderung an einem Freitag vor viereinhalb Jahren: an jenem 22. November 1963, als Robert Kennedy durch die Schüsse von Dallas zum Wahrer des politischen Vermächtnisses von Bruder John geworden war.
Seither war er ein einsamer Mann geblieben -- trotz der elf köpfigen Familie, trotz der Zehntausende, die ihn vorletzte Woche auf den Straßen von Los Angeles erwartet hatten, trotz des Jubels der Frauen und Mädchen, die in Ekstase gerieten. wenn sie nur seine Stimme hörten.
Er liebte sie alle, diese begeisterten Massen, er fühlte sich wohl unter ihnen, er genoß es, wenn sie ihn hautnah bedrängten, nach seinen Manschettenknöpfen faßten -- von denen er bis zu zwanzig Paar in der Woche verlor -- oder ihm gar die Schuhe auszogen, nur um ein Souvenir zu erhaschen.
Aber nur allzuoft sah ich ein Lachen, das leer wirkte und eingefroren, lachten die Augen nicht mit, schüttelte er mechanisch fremde Hände, schien er die Menschen um sich herum gar nicht wahrzunehmen, die da schrien: "We want Kennedy! We want Kennedy!"
Dachte er dann an den amerikanischen Traum, den er und sein erschossener Bruder verwirklichen wollten, jenes Amerika ohne Haß und Gewalt, ohne unüberwindbare Schranken zwischen arm und reich, zwischen Weiß und Schwarz? Oder dachte er an den Haß, der ihm ebensooft entgegenschlug wie die Verehrung, an "die Feindseligkeit gegen Kennedy als Mensch", die nach der Diagnose des Politologen Max Lerner "so stark und so elementar ist, daß sie fast einem Tropenkoller gleichkommt"?
Über ihn hatten sie alle ein fertiges Urteil: Sie liebten ihn, oder sie haßten ihn -- ein Mittelmaß gab es nicht.
Für die Armen, für die Farbigen war der reiche Weiße Schutzheiliger und Prophet einer besseren Zukunft. Alte Negerinnen drängten sich, um "den nächsten Präsidenten" zu sehen; junge Mütter streckten ihm verkrüppelte Kinder entgegen, so als könne die Berührung seiner Hand das Wunder der Heilung vollbringen.
Arme und Farbige waren seine treuesten Anhänger, zu ihnen konnte er kommen, selbst wenn das Getto brannte, sie folgten seinem Auto kilometerweit im Dauerlauf.
Und sie taten für ihn, was er verlangte. Fragte er: "Werdet ihr am Dienstag zur Wahl gehen?", so brüllten sie im Chor zurück: "Yeah."
Fragte er: "Werdet ihr mir helfen?", so antwortete wieder der Chor, spontan: "Yeah."
"Oder werdet ihr für McCarthy stimmen?" -- "No."
"Oder für Hubert Humphrey?" "No."
"Die waren doch auch beide hier?" "No."
"Ich bin schockiert! Wer war also der einzige, der zu euch kam, der sich um euch kümmert?" --
Dieses Gelübde schien ihn zu ermutigen, zu entkrampfen. Er schäkerte mit den schmuddeligen Kleinen, denen die Mütter Strohhüte mit seinem Bild aufgesetzt hatten, doch er wurde sofort wieder ernst, wenn er unter den Kindern ein gebrechliches Mädchen, einen geisteskranken Jungen sah.
Für seine Widersacher, ob aus der eigenen oder aus der Republikanischen Partei, war das Schau, Schmierentheater.
Die ihn haßten, hallten ihn nicht nur wegen seines Charismas, sie haßten ihn, weil er immer wieder einen Katalog der amerikanischen Schmerzen ausbreitete, weil er immer wieder Opfer forderte.
Das war unbequem -- für jene, die hätten opfern müssen, um den Armen zu helfen; für jene, die nur so viel Steuern zahlten, wie sie selbst für richtig hielten; für jene, die immer noch in der Vergangenheit befangen sind.
Sie formierten sich zu einer unheiligen Allianz von reichen Kaufleuten und Gewerkschaftsfunktionären, Parteiprofis und rassistischen Südstaatlern. Sie nutzten all ihre Macht und all ihre Tricks, um den "frechen jungen Knirps" (Lyndon Johnson) auf seinem Weg "zu einem besseren Amerika" zu stoppen. Denn ihm, so argwöhnten sie, ging es nicht um die Zukunft Amerikas, ihm ging es nur um die Zukunft Robert Kennedys.
Sie erinnerten an die hemdsärmeligen Methoden, mit denen er in den fünfziger Jahren schmutzige Praktiken der Gewerkschaften aufdeckte, sie schimpften ihn einen "rücksichtslosen Opportunisten", der Amerika "durchaus in ein neues Vietnam führen könnte" (Eugene McCarthy).
Und sie schickten auch Störtrupps in seine Wahlveranstaltungen. Einmal, am vorletzten Sonnabend, hieben junge Männer Kennedys bester Wahlhelferin, Ehefrau Ethel, gar ein Plakat auf den Kopf." Mein Gott, welche Menschen", hörte ich sie leise stöhnen.
Als ihr Mann sich -- einen Tag nach seiner Wahlniederlage in Oregon, eine Woche vor seinem Tod -- allein, ohne Presse-Gefolge im "Benson"-Hotel von Portland reihum beim Dienstpersonal bedankte" blickten die wohlhabenden Kaufleute nicht einmal vom "Wall Street Journal" auf.
Einer der Portiers dagegen erbarmte sich des einsamen Verlierers mit dem müden Gesicht, legte ihm tröstend den Arm um die Schulter.
Der Mann in der braunen Uniform gehörte zu jenen, die Robert Kennedy liebten, zu jenen, die der Senator auf seinen Wahlversammlungen immer wieder gefragt hatte: "Werdet ihr vergessen, daß ich hier war?"
Nein, hatten sie stets geantwortet, nein.
* Kurz vor dem Attentat im "Ambassador"-Hotel von Los Angeles.

DER SPIEGEL 24/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„WERDET IHR VERGESSEN, DASS ICH HIER WAR?“

  • Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • "Mich hat das Auto immer fasziniert": Niki Lauda im Interview (1993)
  • Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?
  • Hochwasseralarm: Tief "Axel" bringt Überschwemmungen