13.05.1968

WIRD DAS MITTELMEER EIN SOWJET-MEER?

SPIEGEL: Herr Admiral, eine Flotte von 40 Sowjet-Schiffen operiert derzeit im Mittelmeer. Sie selbst haben gesagt, dies sei ein historisches Ereignis. Wird das Mittelmeer, bisher als "amerikanischer See" bezeichnet, zu einem Sowjet-Meer an der Südflanke der Nato?
RIVERO: Ich glaube nicht, daß die Bezeichnung "amerikanischer See" gerechtfertigt ist. Auch die Flotten einer ganzen Reihe kleinerer Staaten sind im Mittelmeer präsent. Jetzt ist dorthin allerdings eine neue Macht vorgedrungen -- die Sowjet-Union. Ihre Präsenz ist politisch, psychologisch und militärisch von Bedeutung, wobei ich der politischen und der psychologischen Bedeutung den Vorrang vor der militärischen geben würde.
SPIEGEL: Das Eindringen der Sowjets ins Mittelmeer hat den Schwerpunkt der Nato-Verteidigung doch offenbar von Mitteleuropa in dieses Gebiet verlagert.
RIVERO: Die Präsenz einer Sowjetflotte im Mittelmeer stellt eine neue Bedrohung in diesem Gebiet dar. Meines Erachtens war der Mittelmeerraum aber immer schon besonders wichtig.
SPIEGEL: Nur wird das offenbar erst erkannt, seit sowjetische Kriegsschiffe bis nach Gibraltar streifen. Eine Intervention wie die amerikanische Landung im Libanon 1958 ist heute offenbar nicht mehr möglich.
RIVERO: Die Russen haben schon immer ins Mittelmeer vordringen wollen, von der Ostsee her oder vom Schwarzen Meer aus, wie es jetzt geschah. Sie benutzten ihre Seestreitkräfte im Mittelmeer als Waffe der Diplomatie in Friedenszeiten. Das ist · Mit SPIEGEL-Redakteuren Günther Zacharias, Dieter Wild und Carl-Gideon von Claer.
ein neuer Aspekt der sowjetischen Verteidigungspolitik.
SPIEGEL: Sie sehen also den Einbruch der Sowjets ins Mittelmeer mehr als eine Demonstration. Aber der gemischte Verband, den die Sowjets "Eskadra" nennen, stellt zugleich eine Macht dar. Natürlich ist die amerikanische Sechste Flotte stärker. Nur -- wie lange noch?
RIVERO: Die meisten US-Schiffe im Mittelmeer sind höchst modern. Wir dürfen auch nicht nur die Sechste Flotte betrachten. Die Nato-Partner Italien, Griechenland und die Türkei haben gleichfalls kampfkräftige Verbände im Mittelmeer.
SPIEGEL: Herr Admiral, Sie sprechen von Ihren Verbündeten sehr diplomatisch
RIVERO: Es sind nicht meine Verbündeten. Ich bin ein Nato-Befehlshaber. Es sind die Verbündeten der USA und anderer Nato-Staaten.
SPIEGEL: Aber diese Verbündeten haben der Nato nur einen verschwindend geringen Teil ihrer Schiffe unterstellt. Es besteht doch kein Zweifel, daß die Sechste Flotte das Rückgrat des gesamten Verteidigungssystems in Südeuropa bildet.
RIVERO: Ja, das stimmt wohl. Ich möchte nur, daß Sie die Dinge in der richtigen Perspektive sehen.
SPIEGEL: Bisher war der Bereich Nato-Süd an drei Stellen gefährdet, die als Einfallstore eines Aggressors aus dem Osten galten: die Po-Ebene, Thrazien und die Dardanellen. Jetzt aber ist diese strategische Unsicherheit sozusagen generell geworden.
RIVERO: Bevor das Kommando Navsouth in Malta mit uns vereinigt wurde, hatten wir hier keine direkte Verantwortung für Flottenoperationen im Mittelmeer, Operationen der Sechsten Flotte ausgenommen. Jetzt fallen nicht nur die Flottenoperationen, sondern auch der Schutz der Handelsschiffahrt unter mein Kommando. Ich sehe mich einer zusätzlichen Verantwortung und einer zusätzlichen Gefahr gegenüber.
SPIEGEL: Angenommen, es käme zu einem Konflikt: Welche Angriffsziele hätten Sowjet-Streitkräfte in diesem Raum?
RIVERO: Im Fall eines allgemeinen Krieges wäre das vordringlichste Ziel der Russen, unsere Flotte zu vernichten und anschließend die Verbindungswege nach Italien, Griechenland und zur Türkei zu unterbrechen. Die Unterbrechung der Versorgungswege wäre strategisch ein äußerst wichtiges Ziel. Der Gegner würde außerdem wohl versuchen, unsere Flugzeugträger zu vernichten, um damit die Bedrohung der Landstreitkräfte des Warschauer Paktes durch eventuelle Luftangriffe aus der Südflanke auszuschalten. Die Russen verfolgen also ein zweifaches Ziel.
SPIEGEL: Würden Sie eine Aggression in diesem Raum als einen Angriff von sekundärer oder primärer Bedeutung werten oder umgekehrt? Geht es für Sie lediglich darum, die Südflanke zu schützen, während die entscheidenden kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitteleuropa stattfinden? Dann wäre ja die Bedrohung durch die "Eskadra" gar nicht so schlimm.
RIVERO: Wie Sie wissen, sieht das neue strategische Konzept der Nato auch die Möglichkeit eines begrenzten Konflikts vor. Ein solcher begrenzter Konflikt kann sich auf einer niedrigeren Stufe als der eines allgemeinen Krieges vollziehen. Es läßt sich aber sehr schwer voraussagen, wo der strategische Schwerpunkt liegt. Auf alle
* Im Vordergrund rechts: US-Flugzeugtr#ger "Franklin D. Roosevelt.
· Fälle müssen wir für einen totalen Angriff gerüstet sein.
SPIEGEL: Wenn ein starker Sowjet-Verband etwa die Türkei angreift, dann ...
RIVERO: ... dann wäre das zweifellos gleichbedeutend mit einem großen Krieg. Dasselbe gilt für Griechenland oder Italien. Sie sind Nato-Mitglieder.
SPIEGEL: Zur amerikanischen Marine-Doktrin gehörte immer der Grundsatz, Positionen auf der "far side", der Gegenküste, zu halten. Auf der "far side" des Mittelmeers, der nordafrikanischen Küste, gibt es heute keinen westlichen Stützpunkt mehr, sie ist praktisch feindliches Territorium. Die Sowjets versuchen ihrerseits, in Nordafrika Basen zu errichten.
RIVERO: Ich würde nicht sagen, daß wir an der Südküste des Mittelmeers ein absolut feindliches Territorium haben. Ich würde keines dieser Länder als unbedingt feindlich betrachten.
SPIEGEL: Nicht Ägypten, nicht Algerien?
RIVERO: Wir müssen zwischen den Nationen unterscheiden, die nach Osten ausgerichtet sind und sich vielleicht eines Tages aktiv mit den Sowjets verbünden, und jenen, die neutral sind. Heute nehmen Ägypten und Syrien eine Sonderstellung ein. Denn die Russen haben dort zwar nicht gerade Basen errichtet, aber doch Anlagen, die in ihrer Funktion Stützpunkten vergleichbar sind. Die sowjetischen Schiffe können in den Häfen dieser Gebiete festmachen.
SPIEGEL: Aber die Russen versuchen auch, den früheren französischen Stützpunkt Mers el-Kebir bei Oran zu erwerben und ähnliche Verträge mit Jugoslawien abzuschließen. Mit anderen Worten: Es ist das Ziel der russischen Politik, im Mittelmeerraum ein System von Marine- und Luftstützpunkten zu errichten.
RIVERO: Damit haben Sie wahrscheinlich recht. Ich glaube, die Russen sind daran sehr interessiert. Andererseits aber kritisieren sie andere Staaten gerade wegen ihrer Stützpunkte in fremden Ländern; die Russen müssen daher sehr vorsichtig zu Werke gehen.
SPIEGEL: Wenn es ihnen aber gegelingt, diese Stützpunkte zu errichten
RIVERO: Dann erst wird eine sehr ernste Lage entstehen.
SPIEGEL: Wissen Sie, ob die Sowjets nicht bereits über eigene Luftstützpunkte in Ägypten verfügen? RIVERO: Ich glaube nicht.
SPIEGEL: Sie nutzten also nur die logistischen Anlagen für ihre Marine?
RIVERO: Die Russen haben Alexandria und Port Said fast ständig als Versorgungsplätze für ihre Schiffe benutzt und haben gelegentlich auch andere Häfen angelaufen. Damit schon sichern sie sich einen großen Vorteil: Ihre Schiffe können länger im Mittelmeer bleiben, ohne zu ihren Häfen im Schwarzen Meer zurückkehren zu müssen.
SPIEGEL: Sie haben mithin größere Bewegungsfreiheit. Das ist doch nicht nur ein politischer, sondern schon ein bedeutender militärischer Erfolg.
RIVERO: Gewiß, als ägyptische Schnellboote aus dem Hafen von Port Said heraus mit Sowjet-Raketen den israelischen Zerstörer "Elath" versenkten, lagen sowjetische Kriegsschiffe im Hafen. Die Israelis konnten deshalb gegen diesen Hafen nicht zurückschlagen. Darin zeigt sich, daß tatsächlich ein neuer Machtfaktor im Mittelmeer entstanden ist, der den politischen und den psychologischen Faktor beeinflußt.
SPIEGEL: Also ein militärischer Erfolg der Russen.
RIVERO: Die militärische Bedrohung ist sozusagen zweidimensional. Unsere Schiffe im Mittelmeer werden bedroht durch die sowjetischen Unterseeboote -- diese Bedrohung halte ich für schwerwiegend -- und durch die Überwasserschiffe, die aber gegen Angriffe unserer Trägerflugzeuge sehr verwundbar sind. Wir verfolgen in unserer Seestrategie schon seit vor dem Zweiten Weltkrieg den Grundsatz, Flottenoperationen -- wie alle Operationen der modernen Kriegführung -- immer nur mit Unterstützung der Luftstreitkräfte durchzuführen. Wann immer dieser Grundsatz angewandt wurde, führte er zum Erfolg. Die Flugzeugträger geben der Sechsten Flotte eine beispiellose Einsatzbereitschaft und Überlegenheit. Mit ihnen halten wir alle feindlichen Überwasserschiffe in Schach.
SPIEGEL: Noch haben die Russen keine eigenen Flugzeugträger, aber niemand weiß, wann sich das ändern wird. Wer thermonukleare Waffen und Weltraumschiffe baut, kann sich doch auch Flugzeugträger zulegen.
RIVERO: Das ist natürlich durchaus möglich. Ich habe bereits darauf hingewiesen, als ich noch mit der langfristigen Planung der US-Marine befaßt war. Es wundert mich ohnehin, daß die Russen die Entwicklung von Flugzeugträgern nicht energischer betreiben. Aber ein solches Programm, die Entwicklung der Techniken und Operationen erfordert mehrere Jahre. Ich sehe darin die große Schwäche der Sowjet-Marine.
SPIEGEL: Die Russen sind aber offenbar guten Mutes, und vielleicht zu Recht. Sie haben zwar keine Flugzeugträger, aber sie haben Schiff-Schiff-Raketen, der Westen hat sie nicht.
RIVERO: Das stimmt. Aber selbst ein Schiff, das mit diesen Raketen ausgerüstet ist, kann sich ohne Schutz aus der Luft nicht lange halten.
SPIEGEL: Möglich, aber kann sich denn ein Flugzeugträger gegen Raketen halten, die fast 400 Kilometer weit fliegen?
RIVERO: Eine solche Rakete ist keine sehr wirksame Waffe gegen Flugzeugträger, sofern sie nicht mit einem Atomsprengkopf ausgerüstet ist. Die Lage in einem Atomkrieg aber ist völlig anders. Jedes Schiff ist durch einen Atomsprengkopf mit einem Detonationswert in der Größenordnung von Megatonnen verwundbar.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß die Raketen, mit denen die "Elath" versenkt wurde, im Grunde gegen die Sechste Flotte gefeuert wurden, als Warnung sozusagen?
RIVERO: Nein. Wir sind mit dieser Gefahr schon lange konfrontiert. Während der Kuba-Krise besaßen "die Kubaner diese Waffen. Aber sie sind nicht nahe genug an unsere Schiffe heranzubringen.
SPIEGEL: Uns überrascht Ihr Argument, ein Flugzeugträger sei nicht sehr verwundbar, sofern keine Atomwaffen eingesetzt werden. Sie glauben also, daß Flugzeugträger durch den Einsatz von konventionellen Waffen nicht gefährdet sind?
RIVERO: Flugzeugträger sind sehr robuste Schiffe.
SPIEGEL: Aber 1942, in der Schlacht bei den Midway-Inseln, wurden japanische Flugzeugträger schon durch wenige gut -- placierte Bomben außer Gefecht gesetzt. Und später wurde der amerikanische Träger "Bunker Hill" durch zwei Kamikaze-Flieger versenkt.
RIVERO: Unsere Flugzeugträger wurden im Zweiten Weltkrieg mehrfach bombardiert. Sofern sie versenkt wurden, geschah es nicht durch Bomben, sondern durch Torpedos. Sie sind auch heute noch die eigentliche Gefahr, obschon unsere Flugzeugträger jetzt sehr viel robuster sind als die des Zweiten Weltkriegs.
SPIEGEL: Warum aber haben die Amerikaner noch keine Schiff-Schiff-Raketen?
RIVERO: Wir haben unsere Flugzeuge, zum Beispiel den Jagdbomber vom Typ F-4, der Mach 2-3 fliegt, in großen Höhen operiert und zahlreiche Bomben und Raketen mit sich führen kann. Er ist eine sehr gute "Rakete", eine Rakete mit vielen Sprengköpfen; er ist sogar wesentlich zuverlässiger als eine Rakete. Die Sowjets aber brauchen ihre Raketen als Ersatz für die Flugzeuge.
SPIEGEL: Sind nicht die US-Flugzeuge eher Ersatz für fehlende Raketen als die Sowjet-Raketen Ersatz für fehlende Flugzeuge?
RIVERO: Nein. Ich meine, es kommt darauf an, die potentielle Bedrohung in der richtigen Perspektive zu sehen. Es besteht eine reale Bedrohung, die nicht von der hand zu weisen ist. Es handelt sich, wie gesagt, um eine doppelte Bedrohung -- durch die Unterseeboote und durch die Überwasserschiffe. Die Überwasserschiffe stellen eine gewisse Bedrohung dar, weil sie zum Teil mit Raketen ausgerüstet sind. Auf der anderen Seite aber sind diese Schiffe durch unsere Flugzeuge gefährdet.
SPIEGEL: Wir sind aber dennoch überzeugt, daß Sie, Herr Admiral, sehr glücklich wären, wenn Sie bereits über Schiff-Schiff-Raketen, zum Beispiel die "Tartar" verfügten, die jetzt erst entwickelt wird. Oder möchten Sie behaupten: Wir brauchen sie gar nicht, wir besitzen ja unsere Flugzeuge.
RIVERO: Ich meine, unsere Flugzeuge geben uns die erforderliche Möglichkeit, mit den feindlichen Überwasserschiffen fertig zu werden.
SPIEGEL: Sie würden also von Ihrer Regierung gar keine Schiff-Schiff-Raketen verlangen?
RIVERO: Ich halte sie nicht für unbedingt erforderlich. Raketen-U-Boote sind wesentlich gefährlicher, weil sie nicht so leicht zu entdecken sind wie Überwasserschiffe mit Raketen.
SPIEGEL: Sind schon russische Atom-U-Boote mit Raketen im Mittelmeer gesichtet worden?
RIVERO: Ich kann nicht kategorisch behaupten, daß sich im Mittelmeer sowjetische Atom-U-Boote befinden. Aber es besteht kein Grund, warum das nicht der Fall sein sollte.
SPIEGEL: Wie ist gegenwärtig das Kräfte-Verhältnis zwischen der sowjetischen "Kombinierten Eskadra" und der amerikanischen Sechsten Flotte?
RIVERO: Das ändert sich täglich. Gegenwärtig verfügen die Russen im Mittelmeer über etwa zwölf bis 14 Kriegsschiffe, darunter Kreuzer und Zerstörer. Dazu kommen etwa zwölf bis 15 sowjetische Versorgungsschiffe, die im Mittelmeer stationiert sind. Die Sechste Flotte besteht normalerweise aus zwei Flugzeugträgern, zwei Kreuzern und 16 Zerstörern. Wir besitzen mindestens 50 Prozent mehr als die Russen.
SPIEGEL: Ist ihnen bekannt, ob die "Eskadra" auch Einheiten der kürzlich wieder aufgestellten sowjetischen Marineinfanterle hat, die sogenannten "Black Berets"?
RIVERO: Die Sowjets haben hier Landungsschiffe des Typs "Alligator" und kleinere; die Zahl dieser Schiffe variiert zwischen eins und vier. Über eines muß man sich im klaren sein: Wenn die Sowjets schon Landungsfahrzeuge besitzen, dann werden sie auch über die entsprechenden Truppen für amphibische Operationen verfügen.
SPIEGEL: Sind Sie über Zahl und Bewegungen sämtlicher russischer Schiffe stets informiert?
RIVERO: Ich bin ziemlich gut informiert.
SPIEGEL: Sie haben aber einmal gesagt, daß sowjetische Unterseeboote, die durch die Straße von Gibraltar Ins Mittelmeer eindringen, nicht sofort geortet werden könnten.
RIVERO: Ich würde es so formulieren: Die Sicherheit, diese U-Boote bei ihrer Durchfahrt durch die Straße von Gibraltar aufzuspüren, läßt zu wünschen übrig.
SPIEGEL: Warum?
RIVERO: Die Zahl der Überwasserschiffe in der Straße von Gibraltar ist zu groß, als daß man alle Unterseeboote zuverlässig orten könnte.
SPIEGEL: Dafür sind die Russen angeblich über jede Bewegung Ihrer Schiffe orientiert -- durch ihre vielen Spionageschiffe. Welche Erfahrungen haben Sie mit denen gemacht?
RIVERO: Ich möchte annehmen, daß es sehr ·schwer für die Russen sein dürfte, jede unserer Schiffsbewegungen zu verfolgen. Ich bin aber überzeugt, daß sie gewisse Bewegungen tatsächlich verfolgen, und ich glaube auch, daß sie viele Informationen über unsere Verfahren und Techniken besitzen.
SPIEGEL: Die Russen beschatten Schiffe der Sechsten Flotte oft aus nächster Nähe. Wurden amerikanische Flugzeugträger im Mittelmeer in der letzten Zeit von sowjetischen Schiffen belästigt?
RIVERO: Darüber liegen mir keine Informationen vor.
SPIEGEL: Herr Admiral, die Russen haben angeblich nicht nur die Zahl ihrer Kriegsschiffe im Mittelmeer erhöht, sie sind auch mit Handelsschiffen offensiv und versuchen schon, der griechischen, türkischen und italienischen Handelsflotte mit niedrigen Frachtkosten Konkurrenz zu machen. Stimmt das?
RIVERO: Eine große Zahl sowjetischer Schiffe passiert das Mittelmeer -- zum Beispiel auf dem Wege nach Vietnam. Da die sowjetische Handelsmarine ein staatliches Unternehmen ist, kann sie natürlich für andere Länder ein Handikap darstellen.
SPIEGEL: Beeinträchtigt sie bereits andere Nationen?
RIVERO: Das kann ich nicht sagen. Ich möchte annehmen, daß die sowjetische Handelsflotte noch im Aufbau begriffen und darum noch nicht in der Lage ist, eine Vormachtstellung einzunehmen. Aber die Situation kann sich durchaus ändern.
SPIEGEL: Im Mittelmeerraum findet gegenwärtig also eine kombinierte wirtschaftlich-militärische Operation der Sowjet-Union statt.
RIVERO: Das würde ich denken.
SPIEGEL: Russische Kriegsschiffe befahren das gesamte Mittelmeer. Warum fahren Nato-Schiffe nicht ins Schwarze Meer?
RIVERO: Wir haben nur wenige Schiffe im Schwarzen Meer. Die Konvention von Montreux über die Meerengen unterscheidet zwischen den Schwarzmeer-Mächten und den anderen Seemächten. Die Schwarzmeer-Staaten können eine beliebige Anzahl von Überwasserschiffen ins Mittelmeer entsenden, sofern sie das vorher bekanntgeben. Für die Nicht-Schwarzmeer-Mächte sind Anzahl, Tonnage und Typ der Schiffe beschränkt, die durch die Meerengen fahren dürfen,
SPIEGEL: Die Amerikaner haben die Konvention von Montreux aber nicht unterzeichnet.
RIVERO: Dennoch wird sie befolgt. Die Türkei besteht darauf, schließlich sind es ihre Gewässer und ihr Territorium.
SPIEGEL: Trifft es zu, daß seit vielen Jahren weder ein amerikanisches noch ein britisches Kriegsschiff in das Schwarze Meer eingelaufen ist?
RIVERO: Nein, das stimmt nicht. Erst im letzten Jahr waren amerikanische Zerstörer im Schwarzen Meer.
SPIEGEL: Wir stellen diese Frage, weil das Schwarze Meer sehr viel weiter nach Osten reicht als die Ostsee und es daher möglich wäre, größere Teile der Sowjet-Union mit Radar zu erfassen. Nutzen Sie die Möglichkeiten?
RIVERO: Unsere Schiffe befahren das Schwarze Meer nicht zu Erkundungszwecken, sondern um die türkischen Häfen und das Schwarze Meer zu besuchen. Schließlich ist es ein internationales Gewässer.
SPIEGEL: Ja, eben. Deshalb könnten Sie ja auch im Schwarzen Meer in Richtung Osten aufklären. Aber selbst die türkische Flotte operiert nur in ihrem Küstengebiet. Unseres Wissens fährt sie beispielsweise keine Aufklärung bis vor Odessa.
RIVERO: Nein, ich glaube, das ist nicht der Fall. Die Sowjets sind in dieser Hinsicht sehr viel aktiver, sie operieren sogar nahe der amerikanischen Küste.
SPIEGEL: Die sowjetische "Eskadra" gehört angeblich nicht zur Schwarzmeer-Flotte, sondern untersteht unmittelbar dem Oberkommando in Moskau. Sie ist also eine Art "Task force".
RIVERO: Der größte Teil der Schiffe entstammt "der Schwarzmeer-Flotte. Die Unterseeboote dagegen gehören den anderen Flotten an. Denn nach der Konvention von Montreux dürfen Unterseeboote, die aus dem Schwarzen Meer auslaufen, nicht wieder dorthin zurückkehren, sondern müssen andere Stützpunkte anlaufen.
SPIEGEL: Herr Admiral, die "kombinierte Eskadra" im Mittelmeer erfüllt den Russen einen historischen, schon zur Zarenzeit geträumten Traum: Sie wollen nicht nur eine Landmacht, sondern euch eine Seemacht sein. Heute sind sie bereits die zweitgrößte Seemacht der Welt. Es ist sicher kein Hirngespinst, anzunehmen, daß sie eines Tages die erste Seemacht zumindest im Mittelmeer -- Raum sein werden. Vielleicht schwimmen 1969 hier bereits 40 oder 50 sowjetische Schiffe.
RIVERO: Ich bin nicht davon überzeugt, daß die Sowjets
ihre Flotte im Mittelmeer weiter ausbauen werden. Grundlegend würde sich selbst dadurch nichts ändern. Auch eine stärkere Sowjet-Flotte wäre durch unsere Flugzeuge bedroht. Sie gäbe lediglich den Verbündeten der Sowjet-Union die Gewißheit, daß Moskau Ihnen hilft.
SPIEGEL: Wenn Moskau nun den Arabern in einem neuen Konflikt mit Israel hilft, welche Maßnahmen könnten Sie dann ergreifen?
RIVERO: Ich könnte in einem solchen Fall gar nichts unternehmen, denn die Nato hat "damit nichts zu tun.
SPIEGEL: Aber die Sechste Flotte, wie könnte sie eingreifen?
RIVERO: In meiner Eigenschaft als Nato-Oberbefehlshaber Süd sollte ich nicht gleichzeitig für die USA sprechen. Ich glaube aber, daß die Sechste Flotte in der Lage ist, jede Bedrohung durch die Sowjets im Kriegsfall zu neutralisieren.
SPIEGEL: Herr Admiral, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 20/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WIRD DAS MITTELMEER EIN SOWJET-MEER?

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht