17.06.1968

RECHT / KASTRATIONSchneller frei

Sie sind anders als die meisten und wecken darum die Neugier der Normalen. Sie erregen manchmal Mitleid, meistens Abscheu.
Richard Strack, Jürgen Bartsch, Josef Ludy -- schon das Aussprechen ihrer Namen mobilisiert fatal gesundes Volksempfinden. Während des Bartsch-Prozesses quoll aus den Leserbriefspalten der Boulevardpresse die Furcht, der Sexualtäter könnte zu milde verurteilt und nach Verbüßung einer befristeten Jugendstrafe wieder in die Gesellschaft entlassen werden.
18 000 Triebverbrechen allein an Kindern werden jährlich in der Bundesrepublik registriert; Fachleute schätzen die Dunkelziffer auf ein Vielfaches. Zwar ist nach Statistiken der Polizei und der Gerichte die Zahl der Sexualdelikte während der letzten Jahre zurückgegangen; zugenommen haben jedoch die schweren Sittlichkeitsverbrechen mit Todesfolge: von 14 im Jahre 1966 auf 24 im vergangenen Jahr.
Das Übel scheint der Gesellschaft klar umrissen -- es zu verhindern, findet sie kein passendes Rezept. Hilflos pendelt ihre Reaktion zwischen Ignoranz und der Forderung nach größerer Härte. Ein abgetretener Postminister, Richard Stücklen (CSU), fordert die Todesstrafe für Mord an Kindern. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Landgerichtspräsident a. D. Hans von Nordheim, 79, plädiert für "harte Arbeit an frischer Luft bei mäßiger, aber ausreichender Kost".
Den deutschen Strafrichtern -- abwechselnd wegen unangebracht harter oder milder Urteile gescholten -- stehen bis heute nur unzureichende Möglichkeiten zu Gebote, einem so vielschichtigen Problem wie der Sexualkriminalität auch mit differenzierten Mitteln zu begegnen. Denn:
Härtere Strafen gegenüber Tätern, die fast immer in affektgeladener Situation handeln, bleiben ohne Abschreckungswirkung.
* Zurechnungsunfähige oder vermindert zurechnungsfähige Täter dürfen in eine Heil- oder Pflegeanstalt nur eingewiesen werden, wenn ihre erneute Straffälligkeit im Einzelfall mit Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden kann.
* Gefährliche Gewohnheitsverbrecher können über ihre Strafzeit hinaus nur dann in Sicherungsverwahrung genommen und von der Gesellschaft isoliert werden, wenn sie zuvor mindestens zweimal zu je wenigstens sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt worden und bis zur darauffolgenden Tat nicht mehr als fünf Jahre vergangen sind.
Es ist ein kärgliches Instrumentarium. Sozialtherapeutische Anstalten, in denen Triebtäter nach den Erkenntnissen der Psychologie und Pädagogik behandelt werden, gehören in Deutschland noch immer zum justizpolitischen Zukunftsprogramm.
Einen Ausweg aus dem Dilemma sucht ein kabinettsreifer Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums zu weisen. Kern: freiwillige Kastration zur Vorbeugung der Sexualkriminalität. Der Entwurf sieht vor, daß bei abartig veranlagten Triebtätern künftig die Keimdrüsen chirurgisch entfernt oder funktionsunfähig gemacht werden dürfen.
Diese Radikalkur gilt vielen Kriminologen, Juristen und Medizinern als geeignetes Mittel, das Rückfall-Risiko von Sexualtätern zu mindern. Denn mehr als 70 Prozent aller vorbestraften Sexualtäter suchen sich wieder neue Opfer.
Daß die Rückfall-Quote bei Entmannten wesentlich geringer ist, hat beispielsweise der Hamburger Psychiater Professor Albrecht Langelüddeke ermittelt: bei Untersuchungen unter 1036 während der Nazizeit kastrierten Männern (Rückfall-Quote 2,6 Prozent).
Das Gesetz, das die Kastration dieser Männer im Dritten Reich einst möglich machte, wird zum Teil noch heute angewandt. Denn der Alliierte Kontrollrat hob 1946 lediglich die Vorschriften über die Zwangskastration auf, ließ aber jenen Paragraphen 14 des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1935 unberührt, der die freiwillige Kastration bei vorbestraften Sexualtätern erlaubte. Einige Bundesländer strichen auch diese Gesetzesregel als "typisch nationalsozialistisches Gedankengut" -- andere behielten sie bei und verfuhren danach.
1963 erklärte der Bundesgerichtshof (BGH) die freiwillige Kastration zwar für zulässig, wenn -- selbst ohne einschlägige Vorstrafe -- die Gefahr künftiger Straffälligkeit besteht.
Der BGH erlaubte den Eingriff aber nur dann, wenn die Fähigkeit des Triebtäters, "seinen Trieb zu beherrschen, fehlt oder zumindest erheblich herabgemindert" ist. Die Bundesrichter wollten damit die Kastration in jedem Fall nur als Mittel zur Heilung einer Krankheit verstanden wissen.
Gerade das aber war justizpolitischem Reformeifer zuwenig. Denn die medizinische Indikation allein erscheint Kriminologen nicht ausreichend, die Zahl der Sittlichkeitsdelikte spürbar zu verringern. 1966 gab der Hamburger Justizsenator Peter Schulz und im Oktober vergangenen Jahres die 35. Konferenz der Länderjustizminister die entscheidenden Impulse für einen entsprechend weitreichenden Gesetzentwurf. Danach darf sich
wer zuvor von einer Gutachterstelle über die Folgen des Eingriffs aufgeklärt und ärztlich untersucht wurde -- auf Wunsch kastrieren lassen,
wenn durch abartige Veranlagung bedingte Krankheiten oder nichtkrankhafte Störungen verhütet oder gelindert werden können oder > wenn nach Persönlichkeit und Lebensführung eines mindestens 25jährigen mit abartigem Geschlechtstrieb zu erwarten ist, daß er sich wegen schwerer sexueller Verfehlungen (nicht wegen einfacher Homosexualität) strafbar machen wird und die Kastration angemessen scheint, dieser Gefahr zu begegnen, dem Betroffenen zu helfen und keine schwerwiegenden Nachteile zu befürchten sind.
Selbst dann, wenn Täter nicht fähig sind, Grund und Bedeutung der Kastration voll einzusehen, soll der Eingriff zulässig sein, sofern der Betroffene "in einer seinem Zustand entsprechenden Weise belehrt ist und wenigstens verstanden hat, welche unmittelbaren Folgen eine Kastration hat", und der gesetzliche Vertreter zustimmt. Als freie Willensentschließung gilt auch die Einwilligung eines Inhaftierten, sich nur deshalb kastrieren zu lassen, um schneller frei zu kommen.
Hier gewinnt der kriminalpolitische Zweck gegenüber verfassungsrechtlichen Prinzipien die Oberhand. Und durch die Hintertür weht ein Hauch von Zwangskastration in den Rechtsstaat. Das Justizministerium versucht dieser Gefahr mit der Empfehlung an Vollzugsbehörden, Gerichte und Staatsanwaltschaften zu begegnen, "sorgfältig den Eindruck zu vermeiden, als drängten sie den Betroffenen zur Abgabe seiner Einwilligungserklärung".
Welche medizinischen Folgen der Eingriff haben kann, beschreibt Professor Langelüddeke. Ein Viertel der Kastrierten habe sich später minderwertig gefühlt, sei verbittert und genital hypochondrisch geworden. Überdies heißt es- im Referentenentwurf zur freiwilligen Kastration: "Sie verspricht nicht hei allen Tätergruppen und Altersklassen Erfolg."
"Ludy" -- so gibt der Hamburger Medizinaldirektor Dr. Kurt Wildhagen zu bedenken -- "würde auch nach der Kastration für die Öffentlichkeit eine Gefahr bedeuten." Doch will der Mediziner auch den Fortschritt nicht leugnen: "Schlimm wird es bei denen bestimmt nicht mehr -- es fehlt ihnen einfach der Dampf."
Wissenschaftler haben mittlerweile neue Wege gewiesen, gemeingefährliche Lust zu dämpfen: durch Medikamente. Im Gegensatz zur Kastration, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, ermöglichen es diese Medikamente, den Geschlechtstrieb auf Zeit zu hemmen. Fachleute empfehlen diese Behandlung vor allem für jüngere Triebtäter mit noch nicht eindeutiger Kriminal-Prognose, und auch der Bonner Gesetzentwurf läßt diese Maßnahme als Alternative zur operativen Kastration zu.
Diese Methode wird die Entfernung der Keimdrüsen in nächster Zukunft allerdings noch nicht ersetzen können. Dr. Werner Krause, Hamburger Psychiater und Sexforscher: "Mit der chemischen Entmannung sind wir noch im Anfangsstadium."

DER SPIEGEL 25/1968
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