17.06.1968

ES WAR KEINE TRAURIGE REISE

Es war ein sanfter Protest. Er drückte sich aus im Stil, in der Eigentümlichkeit der Arrangements, in der Abkehr von jeglicher Routine, in der Exklusivität.
Robert Francis Kennedys Leichenbegängnis war keine Staatsaffäre, obwohl Millionen Amerikaner daran Anteil nahmen. Es war eine Familienangelegenheit, zu der nur jene wirklich Zugang fanden, die von den Kennedys unter die ihren gezählt werden. Eben darin lag der Protest.
Er lag, mit anderen Worten. in der demonstrativen Distanz zu einer Gesellschaft, die sich -- schaudernd, doch im Grunde hilflos -- eingesteht, daß die Anwälte des Wandels in ihren Reihen zu potentiellen Opfern einer Gewalttätigkeit geworden sind, der gegenüber Recht und Ordnung zu versagen drohen.
Als 1963 John F. Kennedy, Präsident der USA, in Dallas ermordet worden war, hatte es diese Distanzierung noch nicht gegeben. Damals erschien es den Kennedys noch ganz unvermeidlich, ihren dynastischen Familiensinn auch weiterhin auf die politische Zukunft der Nation zu richten, sich neu zu formieren und neuen Einfluß auf die Regierung zu gewinnen.
Jetzt aber, viereinhalb Jahre später, als Robert F. Kennedy, Bewerber um die Präsidentschaft der USA, in Los Angeles ermordet wurde, fanden sie nicht mehr die Kraft dazu.
Die überlegene, zuweilen arrogante Eigenart des Kennedy-Klans -- bislang ein wesentliches Instrument seiner Massenwirkung -- wurde nun zu einer Art Schild, hinter dem die verwundete Familie samt ihren Freunden und Helfern Schutz vor den Emotionen einer Gesellschaft suchte, deren gewaltsame Ausbrüche ins Irrationale sie zweimal so grausam getroffen hatten.
So kam es, daß besonders die Frauen der Kennedys das mitfühlende oder auch bloß neugierige Publikum ihrer Trauer immer wieder durch gefaßtes, gelassenes Benehmen in Erstaunen setzten. Die Fernseh- und Photoreporter lauerten vergebens auf einen Ausbruch der Hysterie oder auch nur auf ein Versagen der Selbstkontrolle.
Am Morgen, an dem sie den Frühnachrichten des Fernsehens entnommen hatte, daß ihr Sohn Robert in der Nacht seinen Wunden erlegen war, verließ Rose Kennedy, 77, die Mutter der beiden Ermordeten, ihr Haus auf dem weitläufigen Kennedy-Anwesen in Hyannis Port und spazierte, in weißen Schuhen und einem rosa Mantel, hinüber zu dem Haus, das früher John Kennedys Ferienplatz gewesen war. Dort warf sie einen mitgebrachten Tennisball gegen die Wand, fing ihn auf, warf ihn abermals, fing ihn wieder auf -- wohl zehn Minuten lang. Erst als sie ihr Spiel von Photogra-
* Auf der Fifth Avenue
phen entdeckt sah, unterbrach sie es, scheuchte die Störer vom Zaun und schalt sie "unfair".
Auch Robert Kennedys Witwe fand kein Kameramann in Tränen, nicht beim Requiem in New Yorks St. Patrick's Kathedrale und auch nicht auf dem Heldenfriedhof in Arlington. Ethel Kennedys spaßiges Kindergesicht blieb von Empfindungen leer, solange sie sich beobachtet wußte -- abgesehen allenfalls von dem Ausdruck einer stählernen Entschlossenheit, zu leben.
Jackie Kennedy, des ermordeten Präsidenten Witwe, hingegen tat der Penetranz des öffentlichen Interesses an ihren Gefühlsregungen auch in diesen Tagen der Trauer ungeniert Bescheid. Wer geduldig genug hinsah, konnte sie weinen sehen, konnte zuweilen aber auch ein verlorenes Lächeln von ihr erhaschen, konnte sie gar -- unbeschadet ihres kurzen Kleides -- dreimal niederknien sehen am Grabe des Gatten und der beiden Kinder, die ihr gestorben sind.
Nur einmal ließen ihre Nerven sie im Stich, und da sah kein Fernsehen zu -- als sie nämlich in Los Angeles die vom Weißen Haus dorthin geschickte Sondermaschine erblickte, die den Leichnam ihres Schwagers und seine Angehörigen nach Washington zurückbringen sollte.
Erst nachdem man sie davon überzeugt hatte, daß das Flugzeug nicht jene Air Force One sei, die sie damals mit dem Sarg ihres Mannes und dem frisch vereidigten Präsidenten Johnson von Dallas nach Washington gebracht hatte, weigerte sie sich nicht länger, einzusteigen.
Aber die Duplizität des Desasters überforderte nicht nur Jackie Kennedys Nerven, sie lähmte auch den Mut der Männer, die sich den Kennedys verschrieben hatten -- erst Jack Kennedy, dann Bob. Und nun Ted?
Doch diese Frage stellte sich gar nicht -- genauer: Senator Edward (Ted) Kennedy, der letzte Überlebende, nach Jahren Jüngste in der Hierarchie der Brüder, stellte sie noch nicht.
Schon in den ersten Stunden nach dem Anschlag von Los Angeles fanden sich Ted Kennedy und die Vertrauten seiner ermordeten Brüder in dem Gefühl, daß es nun erst einmal genug sei -- daß die Kennedys 1968 nicht noch einmal riskieren wollten, den brüderlichen Stafettenlauf nach der Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von der sinnlosen Ermordung eines der Ihren beendet zu sehen.
In die Betäubung, die dem Schock folgte, mischte sich eine kalte, verzweifelte Wut auf die Gesellschaft und die Gesetze eines Landes, in dem "Männer ohne Gesicht" -- so nannte Ted Kennedy die Attentäter -- völlig legal und unkontrolliert Schußwaffen erwerben konnten, um damit nacheinander jene drei Männer abzuknallen, die nach den Worten des Kennedy-Freundes Arthur Schlesinger "unseren nationalen Idealismus in dieser Generation verkörpern": John Kennedy, Martin Luther Ring, Bob Kennedy.
War dieses Land nicht überhaupt verloren -- dieses Land der Verheißung, das seit Thomas Jefferson allen Menschen ohne Unterschied der Rasse oder des Glaubens "life, liberty, and the pursuit of happiness" verspricht und das dieses Versprechen nun nicht mehr halten karin, weil seine gewählten Führer den Konflikt zwischen Schwarz und Weiß nicht zu lösen und einen immer noch unerklärten Krieg nicht zu beenden vermögen, der fruchtlos Milliarden verschlingt und dazu noch jeden Abend Gewalttat und Zerstörung auf die Fernsehschirme der Bürger wirft? Muß das nicht die Politik eines Landes verderben?
In einem Punkt jedenfalls waren die Kennedy-Männer sich über die Antwort auf solche Fragen einig: Wenn das Politik ist, was wir hier erlebt haben, dann zum Teufel mit der Politik -- mindestens aber mit der Präsidentschaftskampagne des Jahres 1968. Dann soll Ted Kennedy weder den verwaisten Platz seines Bruders einzunehmen suchen oder sich auch nur von Hubert Humphrey, dem Spitzenkandidaten der Demokratischen Partei, als Anwärter auf die Vizepräsidentschaft benennen lassen; noch soll dann die herrenlose Kennedy-Organisation ihre Dienste Hubert Humphrey oder seinem Konkurrenten, dem Senator Eugene McCarthy, zur Verfügung stellen.
Also beschloß die alte Kennedy-Crew, zum zweitenmal auseinanderzugehen.
Zuvor aber sollte diese Crew noch einmal zeigen, was sie konnte. Und das tat sie auch: Sie entwarf und organisierte in knapp zwei Tagen ein Beerdigungszeremoniell für ihren toten Helden, das diese Feierlichkeit nicht bloß zu einem neuen, trutzigen Exempel für den alten Kennedy-Stil machte, sondern eben zu einer Familienangelegenheit.
Das begann bei den Einladungen. Ausländischen Würdenträgern, so zum Beispiel Bundestagspräsident Gerstenmaier, die zum Erweis der letzten Ehre anzureisen bereit waren, wurde auf dem Umweg über die amerikanischen Botschaften diskret bedeutet, daß sie sich die Mühe nicht unbedingt zu machen brauchten.
Statt dessen kamen die Freunde des Hauses -- jene seltsam widersprüchliche, für die Kennedys sehr typische Mischung aus linken Professoren, Literaten, Sängern, Negerführern, Schauspielern, Bergsteigern, europäischer Schickeria, amerikanischer Café-Society, Sportchampions und natürlich auch Politikern.
Sie alle versammelten sich zu einer Totenmesse, deren Liturgie deutlicher noch als von den Neuerungen des Zweiten Vatikanums von den Ideen der Kennedys bestimmt war. Was dabei herauskam, war eine nicht besonders feierliche, aber zweifellos ungewöhnliche Bet-Sing-Messe, in der das Adagietto aus Mahlers Fünfter Sinfonie (dirigiert und ausgewählt von Leonard Bernstein) ebenso Platz fand wie am Ende das "Glory, glory Hallelujah" der "Battle Hymn of the Re-Public", das der Schlagerstar Andy Williams am Hochaltar anstimmte.
Das erste Wort hatte auch nicht der Priester, sondern Ted Kennedy. Von einem Rednerpult vor dem Altar aus hielt er seinem Bruder eine Totenrede, die (vorbereitet von dem Kennedy-Mann Milton Gwirtzman) nun freilich weniger an die Freunde adressiert zu sein schien, sondern eher an jene im Auditorium, deren Ansichten über den Verstorbenen seinen Anverwandten einer Korrektur bedürftig erschienen.
Die 1146 Trauergäste, die Robert Kennedys Leichnam in den 21 stahlglänzenden Wagen des Sonderzuges der Penn-Central-Railway auf seiner letzten Fahrt von New York nach Washington begleiteten, bedurften solcher Korrekturen nicht. Sie gehörten -- alsbald -- zur Familie. Die Kennedys wollten es so.
Als erster kam aus den letzten vier, der engeren Anverwandtschaft vorbehaltenen Wagen Robert Kennedys ältester Sohn Joseph, 15, nach vorn, baute sich vor jedem Mitreisenden auf, sah seinem Vater bestürzend ähnlich, streckte die Hand aus und sagte: "Joe Kennedy." Wenn jemand ihm verwirrt zu kondolieren versuchte, dann sagte er knapp: "Das ist schon in Ordnung."
Und dann kam Ethel und begrüßte einen jeden noch einmal -- mit einem kurzen, festen, trockenen Händedruck und mit einem Lächeln. Nicht wenige der Reisegenossen kannte sie schon, und dann geriet sie ein bißchen ins Plaudern. Manchmal gab es eine kleine Umarmung, einen Kuß auf die Wange, aber niemals Tränen. Das mindeste, was sie sagte, war: "Ich freue mich, daß Sie kommen konnten." Das klang beinah fröhlich.
Es war keine traurige Reise. Selbst als in Elizabeth, New Jersey, zwei Menschen zu Tode kamen, die zum Winken auf die Geleise geklettert und dort vor einen Gegenzug geraten waren, hielt das Entsetzen nicht allzu lange vor.
Die Kennedy-Organisatoren waren wütend. Sie hatten das Unglück vorausgesehen, sie hatten die Eisenbahner ausdrücklich gebeten, den Gegenverkehr zu stoppen, bis der Trauerzug vorbei war. Aber sie gewöhnten sich allmählich an Katastrophen.
Auf eine heillose Art schien dies alles zusammenzupassen, sich zu ordnen in einen einzigen, unabweisbaren Gedanken -- daß es so nicht sein darf, wie es ist.
Die Kennedys waren wieder unter sich -- mit ihrem Toten, ihrem Unglück, ihren Freunden und ihrer Überzeugung, daß die Welt dort draußen, in der Menschen standen und winkten und weinten, geändert werden muß.

DER SPIEGEL 25/1968
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