17.06.1968

BÜCHER NEU IN DEUTSCHLANDStück Tragik

Helmut Sembdner (Herausgeber): „Der Kleist-Preis 1912-1932. Eine Dokumentation“. Erich Schmidt; 152 Seilen; 213 Mark.
"Das Kitschigste, Kindischste ... Fadeste, Gefährlichste, Miserabelste, Gehässigste und Kommunste, was Deutschlands Schrifttum gegenwärtig aufzuweisen hat, durchaus die Parasitei der Literatur" -- so schimpfte der "ratioaktive" Linksliterat Kurt Hiller den neuen Verein.
Und von rechts, aus den Reihen der völkischen Barden, erhob sich wie Donnerhall der Ruf: "Es kann ... nur heißen: "Hände weg!""
Nicht anrühren sollte der "nationale Mann" die zum 100. Todestag des Dichters Heinrich von Kleist 1911 in Berlin gegründete Kleist-Stiftung, die sich vorgenommen hatte, "aufstrebenden und wenig bemittelten Dichtern deutscher Sprache, Männern und Frauen, Ehrengaben ... zu gewähren".
Angeregt von dem Literaten Fritz Engel, förderte der Verein, dem sich, wegen seiner "jüdischen Leitung", der "Vorstand der Familie von Kleist" schroff verweigert hatte, 21 Jahre lang mit vorwiegend glücklichem Griff Nachwuchsbegabungen mit dem Kleist-Preis (mindestens 1000 Mark), mit Schiffsreisen und "ehrenden Erwähnungen".
Die Geschichte dieser Stiftung hat, zum erstenmal, jetzt Deutschlands führender Kleist-Kenner Helmut Sembdner in einer Dokumentation belegt, die am konkreten Fall die literaturpolitischen Front-Kämpfe zwischen Erstem Weltkrieg und Drittem Reich exemplifiziert.
Nach den kulturaristokratischen Prinzipien der Kleist-Stiftung wurde der jeweilige Kleist-Preisträger nicht von einer Jury, sondern allein von einem jährlich neugewählten "Vertrauensmann" gekürt.
Nach dessen Geschmack fiel die "Ehrengabe" mal nach links (etwa an Arnold Zweig, Leonhard Frank, Anna Seghers), mal mehr nach rechts (Hermann Burte, Agnes Miegel, Heinrich Lersch) -- und provozierte so abwechselnd Kritik von rechts und links, mehr freilich doch von rechts.
"Ebensodas Hohelied deutscher Dummheit und Schlafmützigkeit wie jüdischer Überheblichkeit", so nannte der nationalsozialistische "Angriff" die Kleist-Preisliste, in der er -- fälschlich -- fast nur Juden vertreten sah. Als gar der "Skribent" und "Jude Berthold Brecht" im Namen des märkischen Dichters geehrt wurde (1922; Preisrichter; der Kritiker Herbert Ihering), konnte das Kampfblatt des Joseph Goebbels "nur eins herausschreien: "Deutschland, erwache! Nachdem es erwacht war, wurde nicht nur, wie versprochen, Brecht (und dreizehn weiteren Kleist-Preisgekrönten) "streng legal das Handwerk gelegt". Es endete auch die Geschichte dieser eigenwilligen und bedeutenden deutschen Literaturstiftung -- sie wurde damit (so der heutige Vorstand der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft im Vorwort zur Sembdner-Dokumentation) zu "einem Stück tragischer Literaturgeschichte".

DER SPIEGEL 25/1968
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