03.06.1968

USA / KENNEDYAuf der Erde

Die Augen der Blondine strahlten vor Verzückung. Fast drei Stunden lang hatte sie in einer schier endlosen Reihe von über 2500 Männern, Frauen, Kindern und Kleinkindern gewartet, nun stand sie vor ihrem Heiden und dessen Ehefrau, schüttelte beiden die Hände, hauchte: "Ich grüße die nächste First Lady und den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten."
Stunden später, am Dienstagabend letzter Woche, wollte dieselbe Frau aus dem US-Bundesstaat Oregon im "Mayfair"-Saal des Luxushotels "Benson" in Portland den ersten Sieg feiern. Doch statt Triumph gab es Tränen: Ihr Held Robert F. ("Bobby") Kennedy war besiegt worden, war von der Präsidentschaft weiter entfernt denn je.
Amerikas umstrittenster Politiker, Idol für die einen, rücksichtsloser Karrierist für die anderen, hatte zwar nur eine weniger bedeutende Vorwahl für die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten verloren*, aber mit dieser Niederlage war zugleich ein Zauber gebrochen: die Legende von der Unfehlbarkeit und Unbesiegbarkeit der Kennedys.
Daß ein Kennedy irgendwo, irgendwie, irgendwann eine Wahl verlieren könne, gehörte zu den undenkbaren Gedanken der amerikanischen Politik: In 27 Wahlen war der Clan (Familienspruch: "Sei erster, der zweite Platz ist Niederlage") bisher 27mal Sieger geblieben.
Nun aber wurde das Undenkbare Ereignis, stimmten 45 Prozent der demokratischen Oregon-Wähler für den Kennedy-Rivalen Eugene McCarthy und nur 39 Prozent für RFK. Nun scheinen alle Hoffnungen der Kennedys auf eine zweite goldene Kennedy-Ära im Weißen Haus in Gefahr.
Denn: "Wenn ich auch nur eine Vorwahl verliere, bin ich kein vollwertiger (viable) Kandidat mehr", hatte Kennedy selbst in der vorletzten Woche erkannt. "Ich muß in Oregon gewinnen."
Doch Oregon, das "pazifische Wunderland" (so ein Beiname des Staates), hatte dem Senator aus New York keine Wunder zu bieten. Dort sind die meisten der zwei Millionen Einwohner wohlhabende weiße Protestanten, dort liegt das Bildungsniveau über dem nationalen Durchschnitt, dort fehlte dem zweiten Kennedy das Reservoir der Armen, der Schwarzen und der Katholiken, aus dem er sonst seine Kraft schöpft.
Dennoch hatte die Kennedy-Organisation -- eingelullt von anfänglich günstigen Meinungsumfragen -- zwei Monate lang nur einen halbherzigen Wahlkampf geführt. Erst als Kennedy-Koordinator William Vanden Heuvel
* Oregon entsendet nur 35 der 2622 demokratischen Wahlmänner, die im August in Chicago ihren Kandidaten nominieren.
aus Oregon alarmierende Berichte über eine "Stop Kennedy"-Bewegung schickte, flogen zwei Techniker der Kennedy-Macht an den Pazifik.
Aber Kennedy-Schwager Stephen Smith und Kennedy-Freund Lawrence O"Brien kamen zu spät, um noch einen systematischen Wahlkampf organisieren zu können.
Tatsächlich jubelten Kennedys junge Fans, wenn ihr Idol ein paar Runden Schlittschuh lief oder mit einem Baseballspieler ein Duett sang. Die wahlberechtigten Erwachsenen aber blieben kühl und reserviert:
Als Kennedy über 1500 Zuhörer in der Grover Cleveland hgb School in Portland um Unterstützung bat, schrien seine Anhänger "yeah". Doch als er in dem kleinen Nest St. Helen"s über große Politik sprach, hörten die Männer unter ihren breitrandigen Stetsons unbewegt zu. Sie spendeten erst höflichen Beifall, als er lokalpolitisch wurde: "Wenn Sie einen anderen Kandidaten wählen, bekommen Sie keine neue Straße nach Portland."
Kennedy stieß nicht nur auf reservierte Zuhörer, er traf auch auf einen Rivalen in Hochform. Welches As auch immer der New Yorker ausspielen mochte, stets hatte McCarthy den Kreuzbuben.
Nahm Kennedy seinen Cockerspaniel "Freckles" mit auf Stimmenfang, so witzelte McCarthy: "Daß er nun sogar schon seinen Hund mitbringt, wundert mich, denn in New Hampshire (wo McCarthy allein gegen Johnson antrat) wollte er noch nicht einmal selbst kandidieren."
Ließ Kennedy den Weitraum-Veteranen John Glenn Kennedy-Loblieder singen, so konterte McCarthy: "Wir haben niemanden aus dem Weltraum geholt, denn die Probleme, um die es geht, sind hier auf der Erde zu lösen." Seine Fans malten auf ihre Plakate: "Kennedy for King, McCarthy for President". Er errang die Sympathie der Oregonians.
Weil die Autos seiner Mannschaft klapprig, seine Werber ärmlicher aussahen als Kennedys glitzernde Funkenmariechen, weil bei seinen Freiluft-Veranstaltungen gelegentlich das Megaphon versagte, packte die Zuhörer Mitleid. Sie hielten ihn für den Underdog, dem traditionell die Neigungen amerikanischer Wähler gehören -- obwohl der Senator aus Minnesota mit 250 000 Dollar zum erstenmal mehr Geld für einen Wahlkampf ausgab als Kennedy (200 000 Dollar).
So kam es zur ersten Niederlage eines Kennedy. Während McCarthy-Anhänger im Siegestaumel eine lärmende Auto-Rallye um Kennedys Hotel "Benson" fuhren, rüstete sich der besiegte Senator bereits für die Abreise nach Kalifornien, wo er an diesem Dienstag den Schaden wiedergutmachen will.
In Los Angeles erwartete ihn eine Motorradeskorte. Fahrer und Maschinen stellte nicht die städtische Polizei, die Kennedy-Organisation hatte sie gemietet -- bei einem Beerdigungsunternehmer.

DER SPIEGEL 23/1968
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