06.05.1968

PORTUGAL / KOLONIALKRIEGVietnam in Afrika

Das "Grab des weißen Mannes" -- so nannten einst portugiesische Entdecker ihre Sumpf-Siedlungen an Afrikas Westküste -- droht zum Grab portugiesischer Kolonialherrschaft zu werden.
Schwarze Rebellen, die seit fünf Jahren um die Unabhängigkeit von der weißen Obrigkeit in Lissabon kämpfen, beherrschen jetzt fast zwei Drittel von Portugiesisch-Guinea.
Portugals greiser Präsident Américo Thomaz, 73, eilte in die bedrängte Besitzung, um Lissabons Durchhaltewillen zu demonstrieren. Denn Portugal -bei einem monatlichen Pro-Kopf-Einkommen von 100 Mark eines der ärmsten Länder Europas -- ist auf die Rohstoffe seiner überseeischen Territorien angewiesen: Mit über zwei Millionen Quadratkilometern ist das Übersee-Imperium fast 23mal 50 groß wie das Mutterland.
Portugiesisch-Guinea ist zwar die kleinste Kolonie Portugals auf dem afrikanischen Kontinent (etwa so groß wie Baden-Württemberg, 525 000 Einwohner, 2000 weiße Zivilisten). Doch, gäben die Portugiesen Guinea auf, würde sich der Unabhängigkeitsdrang in ihren größeren Kolonien Angola und Mozambique verstärken, und womöglich könnte das ganze Überseereich verlorengehen.
Auch in Angola und Mozambique liefern afrikanische Nationalisten den Kolonialherren seit Jahren blutige Kleinkriege. In ihnen kamen bisher insgesamt etwa 25 000 Menschen um. Nur unter großen militärischen Anstrengungen gelingt es den Portugiesen, die Aufständischen unter Kontrolle zu halten.
40 Prozent der Staatsausgaben mußte das Neun-Millionen-Volk im vergangenen Jahr in seine Armee stecken. 120 000 portugiesische Soldaten stehen zur Zeit in Afrika; es sollen noch mehr werden: Im Januar wurde ein neues Wehrdienstgesetz verabschiedet, das die Wehrpflicht von 18 Monaten auf vier Jahre erhöht. Nur mit einem Sonderpaß dürfen Portugiesen, die älter als 16 Jahre sind, noch ihr Land verlassen.
In Portugiesisch-Guinea verstärkte Premier Salazar seine Truppen zu Beginn dieses Jahres auf 40 000 Mann -- vergebens:
In diesem "konsequentesten bewaffneten Kampf auf dem afrikanischen Kontinent" so der Franzose Gérard Chaliand in einem Buch über den Krieg in Portugiesisch-Guinea* -- haben die Aufständischen den Kolonialherren schon lange die Initiative entrissen.
Stratege dieses Erfolges ist der von den Kapverdischen Inseln stammende Amilcar Cabral, 45. Der in Portugal ausgebildete Diplomlandwirt, mit einer
· Gérard Chaliand: "Lotte armee en Airique". Librairie François Maspero, Paris; 188 Seiten; 8,90 Franc.
Portugiesin verheiratet, gründete 1956 die "Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit Guineas und der Kapverdischen Inseln" (PAIGC>. 1960 zog er sich ins Exil in das benachbarte Guinea Sekou Tourés zurück und predigt seither von dort aus die von Mao Tse-tung und Nordvietnams General Giap konzipierten Gesetze des Guerillakrieges.
Er bildete Kader für den Kampf aus, stellte soziologische Untersuchungen über die Kampfbereitschaft der -- aus etwa 15 Stämmen bestehenden -- Bevölkerung an, klärte die Eingeborenen über die PAIGC-Ziele auf und schuf Parteizellen in den Dörfern.
Die Kolonialherren hatten die Führungspositionen in ihrem Guinea zumeist mit islamischen Fulas besetzt, denen sie auch Moscheen bauten und Mekka-Pilgerreisen bezahlten. Die Aufständischen nutzten nun die Ressentiments der heidnischen Stämme gegen die von den Portugiesen privilegierten Mohammedaner.
Von Stützpunkten in Guinea und im Senegal drangen die Partisanentrupps in die Kolonie vor. Der Rückhalt in den Nachbarstaaten, eine straffe politische Organisation und die Landschaft -- große Mangroven-Sümpfe, Regenwald-Inseln und dichter Busch -- begünstigten die Aufständischen: Der Krieg wurde für die Portugiesen zu einem afrikanischen Vietnam.
Die PAIGC stellte eine reguläre Armee auf. Heute kämpfen im guinesischen Busch über 10 000 schwarze Soldaten gegen die Portugiesen.
Die PAIGC-Truppen beziehen ihren Nachschub aus dem Senegal und aus Guinea: Fahrräder aus der DDR und neben Karabinern und MGs sogar Bazookas, Granatwerfer und Flugabwehrgeschütze, meist sowjetischer, chinesischer oder osteuropäischer Herkunft. Fast auf der gesamten Länge sind die Grenzen im Norden und Süden der Kolonie in den Händen der Nationalisten.
Die Aufständischen eroberten auch die Reiskammern im Süden des Landes. Die Kolonialverwaltung in Bissau muß Reis einführen, denn ihre Macht reicht kaum mehr über die Stadtgrenzen hinaus. Sie hält heute nur noch die Städte und etwa 40 befestigte Garnisonen. Fünf glücklose Generalstabschefs berief Lissabon nacheinander aus der Kolonie zurück.
Etwa 400 portugiesische Soldaten -- erklärt Lissabon -- wurden in Portugiesisch-Guinea seit 1963 getötet; tatsächlich dürften es weit mehr sein. Nur selten noch wagen Salazars Krieger Ausfälle aus ihren Bastionen. Panzer und schwere Artillerie können im Guinea-Sumpf nicht operieren. Hauptwaffe der Portugiesen sind daher ihre Flugzeuge. Fast täglich, meist um elf Uhr, erscheinen B-26-Bomber, Thunderjets oder Fiat-G-91-Jagdbomber am Himmel über PAIGC-verdächtigen Gebieten. Sie werfen Napalm, konventionelle und Splitterbomben.
Die Fiat-G-91 stammen aus einer Lieferung der Bundesrepublik, die 1966 dem Nato-Partner 40 Jets dieses Typs "ausschließlich zu Verteidigungszwecken im Rahmen des Nordatlantik-Paktes" (AA-Staatssekretär Lahr) verkaufte. Die Portugiesen versprachen, daß die Maschinen nur "innerhalb portugiesischen Territoriums" eingesetzt würden. Freilich: In Lissabon zählt man dazu auch die Überseebesitzungen.
Auch die Wunden des Kolonialkriegers Salazar hilft Bonn heilen: Im Bundeswehrlazarett Hamburg-Wandsbek werden seit vier Jahren portugiesische Kolonialsoldaten nachamputiert und mit Prothesen ausgerüstet -- stets sind etwa zehn bis zwölf Betten belegt. Drei Ärzte des Lazaretts erhielten im vergangenen Dezember portugiesische Militär-Verdienstorden in Silber und Gold.
Schwere Bein- und Unterleibsverletzungen gehören zu den häufigsten Wunden der Salazar-Soldaten: eine Folge der von den Aufständischen oft gelegten Kasten- und Tellerminen.
"In Anbetracht der gegenwärtigen militärischen Situation" rechnet Rebellen-Chef Cabral mit einem portugiesischen Verhandlungsangebot "noch für dieses Jahr".

DER SPIEGEL 19/1968
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