25.02.2006

HAUPTSTADTDie ewige Frontstadt

In Berlin sollen zwei Boulevardbühnen am Kurfürstendamm abgerissen werden. Dagegen protestiert vor allem der Westen. Aber es ist mehr als eine Demonstration für Kultur, es ist die letzte Schlacht des alten BRD-Berlin gegen die Sogkraft des historischen Machtzentrums im Osten.
Beerdigungswetter erster Klasse: leichter Nieselregen und Temperaturen knapp über null Grad. Der Ku'damm ist mal wieder so glamourös wie die Fußgängerzone von Bielefeld, und die Wanderer aus dem Westen sind inzwischen müde.
Zwei Stunden lang sind sie hierher getrottet, prominente Pensionäre, Hochhuth und Ilja Richter und Wolfgang Völz. Wer war der noch mal? Ach richtig, Käpt'n Blaubär. Sie marschieren durch die zerrissene Baustellen-Hauptstadt, jeder einen weißen Protest-Luftballon in der Hand, alle einem kleinen, lila angestrichenen Sarg hinterher, der ein Symbol sein soll.
Der Westen Berlins und seine Kunst des Lachens werden zu Grabe getragen. Und der Osten grinst, klammheimlich.
Rund tausend Demonstranten versammeln sich vor der Komödie und dem Theater am Kurfürstendamm, denn um diese geht es aktuell. Aber dahinter geht es natürlich um mehr, um das große Ganze: um Max Reinhardt und die Frontstadt und die Zeit, als West-Berlin "Flair" hatte und auch die "Komödie" Schaufenster der freien Welt war.
Nun ist die Deutsche Bank der Russe. Nun bedroht die Bank die beiden Bühnen, die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm. Nun soll abgerissen werden und was Neues hin. Und eine einigermaßen verwitterte Bürgerinitiative stellt sich schützend davor.
Vor den beiden Theatern auf einer Bretterbühne steht der unverwüstliche Egon Bahr, der aus einem anderen Jahrtausend hier hereinragt, als es noch gegen die "Sowjets" ging, und jetzt müsste es pathetisch werden: Bürger der Welt, schaut auf diese Stadt. Oder wenigstens: Bürger der Stadt, schaut auf diese Straße. Guckt aber keiner. Interessiert keinen. Auf jeden Fall nicht außerhalb. Die Zeiten sind endgültig vorbei.
Berlins Regierender Bürgermeister "Wowi" Wowereit weiß das und kann nur vage Solidarität anmelden. Reines Herz, leere Hände. Wie soll die Stadt bei einem Konflikt zweier Privatunternehmen einspringen? Er wird ausgepfiffen.
Längst ist klar, dass die Wiedervereinigung nicht den Osten, sondern den Westen abgewickelt hat. Den Frontstadt-Westen. Wer braucht ein Schaufenster gegen den Sozialismus, wenn es keinen Sozialismus mehr gibt?
Die Besser-Ossis genießen die internationale Anziehungskraft des Areals zwischen Potsdamer Platz und Pankow, das seit dem Mauerfall aufgemöbelt wurde. Verdutzt protestieren dagegen seit Jahren die Jammerwessis. Die alten Haudegen schlagen Alarm: Eberhard Diepgen (CDU), früher Regierender Bürgermeister, klagt: "Mit dem Abbau West muss Schluss sein."
Filmproduzent und Immobilienunternehmer Artur Brauner, 87, lamentiert über
"den kulturellen Niedergang der City West", und Antje Vollmer (Grüne), Ex-Bundestagsvizepräsidentin, fordert "ein Konzept für den Westen". Der Kampf, der hier tobt, ist auch einer der Einstellungen, der Mentalitäten und der unbeglichenen Rechnungen.
Die ideologischen Frontverläufe sind an diesem Nachmittag im Nieselregen erst mal verwirrend. Der Dramatiker Rolf Hochhuth ("Der Stellvertreter") nennt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, den Theater-Abreißer, barrikadenkämpferisch den "unbedenklichsten Kapitalisten in Deutschland" und bekommt Beifall.
Müsste das der Linken nicht gefallen? Tut es aber nicht. Die Linkspartei gibt sich unbeeindruckt. "Die Stadt verabschiedet sich mental vom alten West-Berlin, und das ist auch gut so", sagt Stefan Liebich, 33, Fraktionschef von Die Linke.PDS im Abgeordnetenhaus. Das alte "West-Berlin", lautet seine Diagnose, sei einfach tot. Und damit wohl auch die Privatbühnen am Ku'damm.
Ein Statement von imponierender marktwirtschaftlicher Nüchternheit. Einer Nüchternheit, die den Ostalgie-Funktionären durchaus fehlte, als sie gegen den Abriss des Palasts der Republik votierten, obwohl der zehnmal so groß war wie die beiden Ku'damm-Theater zusammen und zehnmal so hässlich und mit seinen eher langweiligen SED-Parteitagen auch nie einen einzigen Euro einspielte.
Jetzt also blutet der Westen, und der Osten guckt zu? Nicht ganz. Denn im Nieselregen vor dem Theater steht Katharina Thalbach mit ihrer Ostbiografie. Sie hat soeben turbulent Oscar Wilde in der Komödie inszeniert. Die Bude ist jeden Abend gerammelt voll. Und nun ruft sie mit dem Pathos des Klassenkampfs ihr begeistertes Publikum zum Kündigen der Konten bei der Deutschen Bank auf: "Das ist die einzige Sprache, die sie verstehen."
Immerhin also eine Art Schulterschluss gegen den gemeinsamen Feind der Kunst, beziehungsweise der Klamotte. Gekämpft wird auf alle Fälle.
Was wäre Berlin ohne seine Kämpfe! Die Wahrheit ist, dass der Kampf die Stadt nicht trennt, sondern aneinanderschmiedet. Der Kampf ist die Sprache Berlins, ist das Lebensmilieu, seine Spannung. Ohne Kämpfe würde die Stadt in sich zusammenfallen.
Schon im Kalten Krieg waren sich beide Stadthälften ähnlich: beide üppig alimentiert, beide mussten sich um die Spesen für ihre Spektakel nicht kümmern. Das Regime im Osten leistete sich Brecht und das Deutsche Theater und viele kleine Honeckers und West-Berlin Horst Bollmann, Hans Lietzau und die Kessler-Zwillinge, und es bezog Bundesmittel, die zeitweise über 50 Prozent des Etats ausmachten.
Die Stadt lebte, so Publizist Ulf Poschardt, von fremdem Geld, zugereisten Anatoliern, selbsternannten Künstlern, 68ern und Bundeswehr-Drückebergern. Im Schatten dieser Kreuzberger Nächte gedieh eine Politik, die ein Klein- und Kleinstbürgertum bediente. "Aus der Stadt Walther Rathenaus, Paul Cassirers und Albert Einsteins wurde die Stadt von Walter Momper und Udo Walz."
Seitdem die rund 15 Millionen Berlin-Besucher sich immer öfter für Ziele im ehemaligen Osten entscheiden, wird West-Berlin zunehmend zur welken Diva, die vergangenen Tagen nachhängt. Der Ku'damm, ein Boulevard der Dämmerung?
Das berühmte Europa-Center mit dem stolzen Mercedes-Stern auf dem Dach sucht Mieter. Das Internationale Congress
Centrum bei den Messehallen soll abgerissen werden.
Die Berlinale, die jahrzehntelang den Ku'damm und die umliegenden Straßen belebte, rollt längst ihren roten Teppich am Potsdamer Platz aus. Keine Buttercremetorte auf dem Trottoir vorm Café Kranzler, dafür im Osten an jeder Ecke Coffeeshops mit Donuts und Bagel.
Es geht nicht mehr um gekränkte Gefühle, sondern auch ums harte Geschäft. Go east, ist das Motto. Potsdamer Platz, Friedrichstraße und Hackesche Höfe liefern dem Besucher gleich das "neue Berlin-Gefühl" mit, auch wenn es sich selbst bisweilen zum Halse heraushängt und die wirklich spannende Szene längst weitergewandert ist, weiter in den Osten, Richtung Schönhauser Allee, Richtung "White Trash", Richtung Sibirien.
Doch unverdrossen suchen die Investoren ihr Heil in der Ex-Zone. Dem Alexanderplatz, zurzeit eine der größten innerstädtischen Baustellen, wird ein gewaltiges Potential für die nächste Zukunft zugeschrieben. Insbesondere das im Frühjahr 2007 eröffnende Einkaufszentrum Alexa mit einer Bruttomietfläche von 54 000 Quadratmetern, 180 Geschäften und 17 Restaurants verspreche sowohl konzeptionell als auch architektonisch der wichtigste Anziehungspunkt in der Nähe des Alex zu werden, schreiben Wirtschaftsanalysten. Portugiesen und Franzosen investieren rund 290 Millionen Euro.
Wenn bald der Bahnhof Zoo nur noch als Schemen am Zugfenster vorbeirauscht und die Touristen gleich im Osten abgesetzt werden, landen sie im alten Herzen der Stadt. Zeughaus, Kronprinzenpalais, Dom oder Humboldt-Universität klingen irgendwie besser als Mövenpick, H & M, McDonald's.
Am Ku'damm und seinem Einzugsgebiet gehen derweil die Lichter aus. Traditionsreiche Kinos wie das Gloria und das Astor haben schon dichtgemacht. Kulturell hatte das Ausbluten schon vor langer Zeit begonnen. Das Schiller Theater, das mit Beckett-Uraufführungen und Zadeks Fallada-Spektakel aufgetrumpft hatte und Abbild der freigiebig sprudelnden Zuwendungen aus Westdeutschland gewesen war, wurde vor 13 Jahren abgewickelt.
Und auch die Freie Volksbühne in der Schaperstraße mit ihren legendären Theaterschlachten um Grüber und Neuenfels gibt es heute nur noch als Spielstätte für die Berliner Festspiele - sonst schlummert sie dunkel neben der kleineren "Bar jeder Vernunft". Die allerdings macht das munterste aller Programme - so schnell gibt sich der Wessi nicht geschlagen. Auch im Westen blüht zwischen Niedergang und Abriss immer wieder Neues. Die ganze Stadt atmet so.
Das Hotel Steigenberger gleich um die Ecke wirkt zwar längst wie ein Altersheim, und Stars steigen in Berlin-Mitte ab, unter den Hotel-Sternen des Adlon, Regent oder Ritz-Carlton. Dennoch: Noch immer ist der Ku'damm eine Toplage unter den Shopping-Meilen, und trotz ihrer Pleite ist die Paris Bar berstend voll, und noch immer wohnt es sich in der Charlottenburger Mommsenstraße schöner als sonstwo in Berlin. Außer vielleicht im Grunewald. Dort residiert der West-Berlin-Spötter Poschardt.
Und die Kultur? Am angeblich so herabgewirtschafteten Ku'damm liegt außer den Komödien auch die Schaubühne, eines der ersten Theater in Deutschland. Und weiter unten bauen Edelmarken wie Versace, Boss und Cartier neue Prachtbuden, mehrstöckig, für die reiche russische Kundschaft.
Nein, die Schlacht um Berlin ist noch längst nicht entschieden. Und auch das letzte Wort um die Ku'damm-Bühnen sollte nicht gesprochen sein: Soll sich die Stadt etwa keine Boulevardbühnen mehr gönnen, wie es das Londoner Westend oder der New Yorker Broadway mit seinen Starautoren Alan Ayckbourn oder Neil Simon tun? Beider Stücke wurden selbstverständlich auch am Ku'damm gespielt - ein Theater, in dem nicht gerotzt und gekotzt wird, sondern gelacht.
"In den letzten Aufführungen", so Schauspielerin Edith Hancke, "habe ich in diesem Theater noch nie so viele Leute gesehen, die ich noch nie gesehen habe." Zum Beispiel Kultursenator Thomas Flierl von der Linkspartei. Sogar er soll gelacht haben.
Boulevardtheater ist ein hartes Brot. Pointen setzen muss man können, und nirgends kann man es besser als hier. Die beiden Theater beherbergen eine Heldengalerie des Genres: Harald Juhnke, Inge Meysel, Wolfgang Spier, Edith Hancke, Günter Pfitzmann, Brigitte Mira, Anita Kupsch. Manche sind inzwischen tot, die anderen machen weiter. Trotzig.
Edith Hancke, die mit ihren 77 Jahren immer noch so wirkt wie die ewig krähende Göre in Rente, ist den ganzen Weg im Regen mitgelaufen. Sie ist eines der letzten Symbole des West-Berliner Boulevards: klein, kess und mit dem typisch Berliner Tonfall entschlossener Großkotzigkeit.
Und schon ihr Tonfall macht deutlich: Wehe dem Tag, an dem in Berlin nicht mehr gekämpft wird. Man hat sich an die Frontstadt gewöhnt, und Frontstadt soll es bleiben. Um die agonalen Instinkte wachzuhalten, von denen die Stadt lebt, treffen sich junge Menschen aus Ost und West jedes Jahr einmal auf der Oberbaumbrücke in Berlin und beschmeißen sich mit allem, was nicht weh tut: alten Eiern, verfaulten Tomaten, Stinkbomben, Farbbeuteln.
Seitdem die beiden Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain bei der Berliner Bezirksreform 2001 als Ost-West-Zwitter in der Hauptstadt verwaltungstechnisch zusammengelegt wurden, sind die Spaß-Kampfhandlungen an der ehemaligen Grenze jeden Sommer ein festes Ritual, um dem jeweils anderen Kiez seine Geringschätzung zu demonstrieren.
Weiter so! Von der Jugend lernen heißt siegen lernen! MARKUS DEGGERICH,
JOACHIM KRONSBEIN, MATTHIAS MATUSSEK
Von Markus Deggerich, Joachim Kronsbein und Matthias Matussek

DER SPIEGEL 9/2006
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