25.02.2006

SCHAUSPIELERINNENMagische Zicke

Katharina Schüttler ist ein Star im jungen deutschen Film und im Theater. In der Berliner Schaubühne tritt sie nun in einem glänzend besetzten Inzest- und Gewaltdrama auf.
Wenn Kulturhistoriker in ferner Zukunft mal die seelische Verfassung der Deutschen in den Anfangsjahren des dritten Jahrtausends erkunden, dann dürften sie sich dankbar auf die jungen Heldinnen stürzen, die in unserer Gegenwart in Film, Fernsehen und Theater so angehimmelt werden: Was für ein hochkompliziertes Frauenideal aus Strenge, Eigensinn und absonderlichem Liebreiz sich da offenbart!
Die störrische, sanfte Julia Jentsch, die mit "Sophie Scholl" jetzt sogar bei der Oscar-Verleihung antreten darf; die eckige, in bleicher Innigkeit strahlende Sandra Hüller, die für ihre Leistung im Exorzismus-Drama "Requiem" gerade den Berlinale-Bären als beste Schauspielerin bekam; die schroffe, herzliche Sarah Kuttner, die von Charlotte Roche die Planstelle der allseits beliebten Musikfernsehmoderatorin mit Hirn übernommen hat; und Katharina Schüttler, die als Inkarnation der neuen deutschen Patzigkeit derzeit die Theaterwelt zum Jubeln bringt: lauter einigermaßen rätselhafte, nicht unbedingt modelmäßig schöne und sehr anstrengende Diven.
Eine Zeitungskritik, in der die Kunst der Schauspielerin Schüttler, 26, schon früh gefeiert wurde, trug die Überschrift "Die Nervensäge". Sie hätte gut gepasst für das, was Katharina Schüttler seit vergangenem Herbst in der Schaubühne aus Ibsens "Hedda Gabler" macht. Der Abend ist ein sensationeller Erfolg, fast immer ausverkauft und eingeladen zum Theatertreffen, wo einmal im Jahr die aufregendsten Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz gezeigt werden.
Schon bei Ibsen ist Hedda Gabler eine Frau, die die Männer wahnsinnig macht - weil sie toll aussieht, einen kühlen Kopf hat, ein kaltes Herz und nichts zu verlieren. Schüttlers Hedda macht die Männer natürlich auch wahnsinnig - aber indem sie sich wie eine miesgelaunte und ziemlich verhuschte Schlampe an den Wänden des schicken Bungalows herumdrückt, in den sie ihr frischangetrauter Gatte gesperrt hat. Indem sie mit einer näselnden, schnarrenden Stimme herumnölt. Indem sie in ihren Augen keinen kühlen Charme aufblitzen lässt, sondern ein hysterisches, gefährliches Feuer. Dabei wecken die nervösen Glieder ihres eher kurzen Leibes und ihr Schmollmund eine Gier, die alle Männer in Heddas Nähe in geile Idioten verwandelt.
"Ich hatte mir so gewünscht, endlich mal eine Frau zu spielen und kein Kind. Und ich wusste, dass es richtig übel wird für das ganze Theater, wenn ich die Hedda verkacke", erinnert sich Schüttler. Der Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier gab ihr die Rolle, "weil Katharina sehr direkt ist und in ihrem Spiel überhaupt nichts Falsches hat", wie er sagt, "und weil sie eine weibliche Autonomie verkörpert ohne verkrampften Feminismus".
Als der Regisseur Ostermeier die Schauspielerin Schüttler als Hedda Gabler ins Rennen schickte, forderte er geradezu dazu heraus, sie mit der tollen, seltsamen, eine Generation älteren Schauspielerin Anne Tismer zu vergleichen, die er 2002 als Nora mit einer Pistole hatte herumballern lassen, Ostermeiers bislang größter und auf Gastspielen in aller Welt herumgereichter Triumph. "Ich wusste, dass ich im Schatten einer Über-Inszenierung antrat", sagt Schüttler, nach der Premiere sei sie "glücklich und überrascht" gewesen, dass die Leute sie nicht von der Bühne buhten, sondern regelrecht feierten.
Wütend ablehnende (aber auch befremdet begeisterte) Reaktionen ist sie gewohnt, seit sie vor drei Jahren in einem Film namens "Sophiiiie!" mitspielte. In dem sieht man ein Mädchen, das schon in der ersten Szene Rotz und Wasser heult, sich mit Männern prügelt und von ihnen böse missbraucht wird, auf einem Motorrad selbstmörderisch durch die Großstadt rast und vor den Tresen eines feinen Hotels kotzt. Das Mädchen Sophie im Film des Regisseurs Michael Hofmann ist schwanger, am nächsten Morgen hat sie einen Abtreibungstermin. Ihr Freund ist ein sanftes Weichei und nicht der Vater des Kindes, sie selbst steigert sich in einen Amoklauf hinein, der scheußlich endet.
Hofmann und Schüttler bekamen viele böse Kritiken, ein paar Lobeshymnen und sogar beide einen Festival-Preis für "Sophiiiie!". Schüttlers Agentin aber hat sie davon überzeugt, die Szenen aus dem Film besser nicht auf dem Castingband zu zeigen, mit dem sie sich um neue Kinorollen bewirbt. "Viele Leute, die den Film nicht mögen, glauben, in ,Sophiiiie!' habe mich der Regisseur missbraucht für seine kranken Phantasien. Das ist natürlich totaler Quatsch. Offenbar fehlt manchen Menschen das Abstraktionsvermögen, um zu begreifen, dass ich das alles gespielt habe - und wirklich voll dahinterstand", sagt Schüttler.
Gerade war sie im Kino in der ziemlich verquatschten Schauspielerinnen-Huldigung
"Mädchen am Sonntag" zu sehen, von Mitte März an kann man Schüttler in dem Kinofilm "3° kälter", einem grauen, aber trotzdem ganz ergreifendende Beziehungsdrama, bestaunen.
In der Schaubühne aber tritt sie am Samstag dieser Woche in der Premiere von Ostermeiers Version des Inzest- und Mordund-Totschlag-Stücks "Trauer muss Elektra tragen" an. Es ist eine Kreuzung der klassischen Orestie mit den Lehren von Sigmund Freud, und Ostermeier wird Eugene O'Neills Vorlage aus den USA von 1930 wohl ganz lässig ins Deutschland der Gegenwart verlegen.
Die umwerfende Susanne Lothar spielt im Stück Katharina Schüttlers Mutter; und tatsächlich sehen die beiden, wenn sie während der Proben auf der Bühne stehen, aus wie Mutter und Tochter.
In den vielleicht schwierigsten Szenen des Monsterdramas sieht man Katharina Schüttler in einem goldenen Glitzerjäckchen und Stöckelschuhen auf der Bühne herumstaksen, während ihr Bruder (Rafael Stachowiak) ihr an die Wäsche will, später wälzen sich die beiden auf dem Boden, er fast nackt und sie in Strapsen und BH; er schluchzt "wir haben doch jedes Recht auf Liebe"; sie aber nennt ihn ein "scheißverwöhntes Muttersöhnchen" und näselt irgendwann: "Wenn ich denke, was für eine Zicke ich war!"
Auch diesmal werden nicht alle Zuschauer sie grandios finden, sondern manche sich gruseln und aufregen über die laute, selbstsüchtige, verzweifelte, mörderische junge Frau, die sie spielt.
Katharina Schüttler aber, die aufgewachsen ist in einer Theaterfamilie (der Vater war lange Zeit Landesbühnenchef in Dinslaken, die Mutter schrieb Stücke) und schon als Elfjährige in ihrem ersten Film mitspielte, wird cool bleiben: Seit ihrer zweiten Vorstellung auf einer großen Theaterbühne habe sie ihre Selbstzweifel im Griff, behauptet sie und lächelt, auch wenn sie manchmal denke, ihr Erfolg sei nur "ein Riesenmissverständnis" und eines Tages fliege sie schnöde auf.
Ihr erster Auftritt vor großem Publikum ist natürlich noch nicht allzu lang her, knapp vier Jahre, noch bevor sie mit der Schauspielschule fertig war.
"Als ich rausging, bekam ich einen Schock", sagt Schüttler. "Da saßen 650 Leute, und ich merkte: Die hassen mich alle. Die sitzen da und denken ,Die kann es nicht, die ist ganz schlecht, wann geht die endlich von der Bühne?' Und jedes Mal, wenn ich abgegangen bin, wollte ich nicht wieder raus. Das war wirklich Horror!"
Natürlich fieberten hinter der Bühne alle mit, vor allem der Regisseur; natürlich hat sie es dann doch geschafft, und das Publikum klatschte. "Hinterher bin ich dem Regisseur heulend um den Hals gefallen."
Um die Kunst der Schauspielerin Katharina Schüttler glänzen zu lassen, braucht man starke Nerven. Wenn sie etwas überhaupt nicht leiden könne, sagt sie, dann sei es Mitleid; das Gerede, dass Schauspieler nur willfährige Werkzeuge von Film- und Theatermachern seien, die man zwinge, dauernd scheußliche Dinge zu tun.
"Hässlich sein können find ich eigentlich ganz toll", behauptet Schüttler, und: "Ich bin ein schlechter Lügner. Ich wehre mich schon, wenn mir was nicht passt." Das klingt nicht bloß wie eine Drohung. Es ist eine.
In der Schaubühnen-Inszenierung von O'Neills "Elektra" drückt einer ihrer Mitspieler seinen Respekt einmal so aus: "Du bist die interessanteste Verbrecherin von uns allen." WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 9/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHAUSPIELERINNEN:
Magische Zicke

  • Originelle Geschwindigkeitskontrolle: Der singende Asphalt
  • Elektrische Pick-Ups und SUVs: US-Start-Up will den Markt revolutionieren
  • Faszinierende Aufnahmen: Ameisen laben sich an einem Wassertropfen
  • Trockenheit in Deutschland: Hohe Waldbrandgefahr - diesmal schon im Frühjahr