20.05.1968

REITEN / DRESSURFutter aus Kanada

Auf eigenen Füßen trabte die Hautevolee der deutschen Reiterei an. Kniehoch gestiefelt, mit korrekt zugeknöpften Jacketts hechelten die Olympia-Anwärter über die Celler Reitbahn und setzten über eine Schranke, die sonst Turnierpferden zum Einspringen dient.
Die deutschen Dressurreiter, die ihren Sport in Frack und Zylinder ausüben, versammelten sich erstmals zu einem gemeinsamen Lehrgang, um ihre Kondition zu verbessern und Schwächen ihrer Pferde auszumerzen.
Seit 1936 hatte die Dressur-Equipe den deutschen Medaillen-Hort bei nahezu allen internationalen Starts um Edelmetall bereichert. Die deutschen Herrenreiter paukten Piaffen (betonter Trab auf der Stelle) und Pirouetten (Wendung auf der Hinterhand) derart perfekt ein, daß ihnen internationale Konkurrenten mehrfach aus dem Wege ritten.
Bei der Tokio-Olympiade 1964 und der Weltmeisterschaft 1966 räumten die Deutschen von acht möglichen Medaillen allein sechs -- darunter drei goldene -- aus den Preis-Vitrinen. Sie "sammelten Grand-Prix-Siege wie andere Leute Briefmarken", staunte die Münchner "Sport Illustrierte".
Die Dressur-Meister siegten bis zur Auszehrung. Da sie ihren Nimbus vorwiegend auf den bewährten Olympia-Pferden verteidigten, mangelte es ihnen an gleichwertigen Nachwuchs-Rössern.
Weltmeister Josef Neckermann" 55, mußte Turnier-Anmeldungen streichen, als sein Apfelschimmel Antoinette ernsthaft erkrankte. Buchhändler Harry Boldt, 38, aus Iserlohn verfügt nur über ein Pferd von internationalem Niveau. Sollte sich sein Schimmel Remus verletzen, verliert Boldt die Olympia-Chance. Der Münsteraner Rechtsanwalt Dr. Reiner Klimke, 32, siegte vor Jahren noch mit seinem Tokio-Pferd kurz nach einer Polo-Partie im Deutschen Dressur-Derby. Inzwischen steht Dux im hohen Pferdealter von 16 Jahren.
Ausländische Reiter holten mit jüngeren Pferden den deutschen Vorsprung auf. 1967 errang der vorher kaum hervorgetretene sowjetische Oberschullehrer Iwan Kisimow bei der Europameisterschaft hinter Klimke überraschend die Silbermedaille.
Pferde-Verstärkungen können die Deutschen bis zum nächsten Olympia im Oktober nicht mehr mobilisieren. Ein fertiges Spitzenpferd kostet 150 000 Mark. Mindestens vier Ausbildungsjahre benötigt ein Nachwuchspferd bis zur internationalen Dressurreife.
In Mexico City werden als Olympia-Aufgabe 33 Lektionen verlangt: vom statuenhaften Stand über Platten und Pirouetten bis zum Galopp. Aus dem Gedächtnis müssen die Reiter in zwölfeinhalb Minuten alle Figuren in vorgeschriebener Reihenfolge ausführen. Die Richter lesen die Aufgabenfolge von einem Spickzettel ab.
Der Olympiabevollmächtigte der Dressurreiter, General a. D. Horst Niemack, wollte seine turniererfahrene Schwadron wenigstens bei einem Olympia-Manöver ertüchtigen. Er beorderte die zehn Mexiko-Anwärter mit insgesamt 40 Pferden zum ersten Sonder-Training. Ergebnis der Celler Musterung: Die Mannschafts-Sieger von Tokio -- Boldt, Klimke, Neckermann -- und Liselott Linsenhoff, die Olympiadritte von 1956, sind immer noch die aussichtsreichsten Kandidaten.
"Unsere Pferde", frohlockte Niemack, "sind schon in ausgezeichneter Form." In drei Wettkämpfen muß sich die Equipe endgültig für die Dressur-Spiele qualifizieren.
Mindestens 20 Tage vor dem Medaillenkampf fliegt die Mannschaft nach Mexico City, um sich auf das Höhenklima der Olympiastadt einzustellen.
Sogar alle verfügbaren Hafer-Sorten ließ Niemack prüfen. Er entschied sich für kanadisches Olympia-Futter.

DER SPIEGEL 21/1968
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