20.05.1968

INDUSTRIE / NAPALM-PRODUKTIONSo gut wir können

Ich bin überzeugt", so pries Herbert D. Doan, Generaldirektor des viertgrößten amerikanischen Chemiekonzerns Dow Chemical Co., sein Produkt, "daß dies eine gute Waffe ist, um Menschenleben zu retten."
Die gute Waffe ist eine gallertartige Flüssigkeit, besteht zur Hälfte aus Polystyrol, zu je einem Viertel aus Benzin und Benzol und wird in Vietnam unter dem Namen "Napalm B" eingesetzt.
Kampfflugzeuge der US Air Force tragen Napalm-Kanister selbst bis über das entlegenste vietnamesische Dorf und werfen sie im Tiefflug ab. Ein Aufschlagzünder läßt die Bomben sofort explodieren.
Der Brennstoff, der im Umkreis von über 100 Metern verspritzt, bleibt überall kleben und verbrennt mit über 2000 Grad Celsius. Er kann durch nichts gelöscht werden.
Genaue Zahlen über die Napalm-Opfer unter Vietnams Kindern und Frauen sind im US-Verteidigungsministerium unbekannt. Korrespondenten schätzen sie auf mehrere tausend.
Alleinhersteller der Chemikalie ist Doans Dow Chemical Co. in Midland, Michigan, Alleinabnehmer das Pentagon in Washington, von dem unter anderem auch Westdeutschlands Bundeswehr mit Napalm (offizieller Name: "Feuerbombe") versorgt wird. Außer Napalm stellt Dow weitere 800 Produkte her, darunter den Masern-Impfstoff "Lirugen" und die Frischhaltefolie "Saran Wrap".
Eine automatische Mischanlage sorgt dafür, daß sich von den 36 000 Beschäftigten des Konzerns nur zehn mit der Napalm-Produktion abgeben müssen. Und von den 5,5 Milliarden Mark Jahresumsatz bringt der Napalm-Verkauf an das Pentagon nur 20 Millionen Mark Einnahmen.
Dennoch will Herbert Doan auf das Geschäft mit der todbringenden Flüssigkeit nicht verzichten. Denn: "Solange unsere Jungen in Vietnam sind, sollten wir sie unterstützen, so gut wir können."
Als erste begehrten Amerikas Studenten gegen die doppelte Moral des Dow-Generaldirektors auf. In rund 100 Protestversammlungen nahmen sie sich in den vergangenen zwölf Monaten Dows Personalwerber vor, die unter den Examenskandidaten der Universitäten Nachwuchskräfte aussuchen. Mit Transparenten wie "Dow shalt not kill" ("Dow sollst nicht töten") und "Dow verbrennt kleine Kinder" versuchten sie, ihre Kommilitonen von einem Job bei Dow abzuhalten.
Vergebens: Dow erhöhte die Anfangsgehälter und rekrutierte im vergangenen Jahr 1200 Jungakademiker -- 200 mehr als 1966.
Dann gingen Amerikas Hausfrauenverbände gegen den Napalm-Produzenten auf die Straße. Sie riefen in New York und San Francisco zum Boykott der Frischhaltefolie "Saran Wrap" auf. In St. Louis errichteten sie überdies einen Scheiterhaufen aus Dow-Folien und brannten ihn ab.
Als auch das nichts half und der Dow-Gesamtumsatz weiter zunahm (1967: plus fünf Prozent), rüsteten die Anti-Napalm-Demonstranten zum letzten Gefecht.
300 von ihnen rückten am Mittwoch vorletzter Woche in das 30 000-Seelen-Städtchen Midland ein, um auf der dort stattfindenden Hauptversammlung des Konzerns einen Napalm-Produktionsstopp durchzusetzen. Außer Hausfrauen hatten die Studenten nun auch Priester, Börsenmakler und einige von Dows eigenen Aktionären mobil gemacht.
Doch auch diesen Angriff wußte Doan und sein Management abzuwehren. Als der Dow-Aktionär und Dozent an Amerikas berühmtem Massachusetts Institute of Technology, John R. Ross, beantragte, die Napalm-Produktion ab sofort einzustellen, beschied ihn der Aufsichtsratsvorsitzende Carl Gerstacker mit einem Hinweis auf die Satzung: Über den Antrag könne die Versammlung gar nicht entscheiden, da nur 1150 der 90 000 Dow-Aktionäre erschienen seien.
Hierauf erhob sich der New Yorker Börsenmakler Daniel J. Bernstein und erinnerte an die Kriegsverbrecherprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals war der Manager der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung in Frankfurt zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er sich dem Befehl Hitlers, das Giftgas "Zyklon B" herzustellen, nicht widersetzt hatte. Bernstein: "Was ist der Unterschied zwischen einem Juden in einer deutschen Gaskammer und einem vietnamesischen Bauern in einem Erdloch, das von Napalm getroffen wird?"
Herbert Doans Ansicht hierzu: "Selbst wenn Lyndon Johnson später einmal von der Geschichte als Massenmörder oder als zweiter Hitler gerichtet werden sollte, würden wir mit Freuden bekennen, im Glauben an das moralische Recht unseres Landes gehandelt zu haben."
Gegen Ende der Hauptversammlung gab Gerstacker den Beschluß bekannt: Napalm wird weiterhin produziert.

DER SPIEGEL 21/1968
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