29.04.1968

FUSSBALL / HANNOVER 96Alles erledigt

Beklommen wie ertappte Schmuggler harrten vier Männer in Hannover auf ihr Verhör. Kurz vor Ostern erschien aus Bonn der Ankläger mit fünf Assistenten. Fünf Stunden lang vernahm die Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Alfred Strothe, den Vorsitzenden des Bundesliga-Vereins Hannover 96, und drei seiner Star-Kicker im eigenen Klubheim.
Die DFB-Kontrolleure prüften die Unterlagen, die den Niedersachsen-Verein belasteten. Hannovers Klubleitung hatte an einige Ball-Athleten mehr Geld ausgeschüttet, als das Bundesliga-Statut erlaubte -- mehr sogar, als die Klubkasse bergab. Der Verein war vor allem deshalb mit 1,8 Millionen Mark ins Debet geraten.
"Dieser Schuldenberg verbietet es rechtlich, Hannovers Bundesliga-Lizenz zu verlängern", empörte sich ein westdeutsches Mitglied des Bundesliga-Ausschusses. Das DFB-Statut erlaubt ausschließlich wirtschaftlich gesunden Klubs, in die Luxusklasse des deutschen Fußballs einzusteigen. Der Fall des ruinierten Vereins Hannover 96 weitet sich zum alarmierendsten Bundesliga-Skandal seit 1965 aus.
Damals hatte der DFB dem Berliner Verein Hertha BSC die Bundesliga-Privilegien entzogen. Grund: unzulässige Zahlungen und frisierte Bilanzen. Die Berliner verbreiteten allerdings die Schutzbehauptung, daß mindestens elf andere Bundesliga-Klubs wie sie unerlaubt hohe Handgelder und Ablösesummen an geworbene Stars ausgeschüttet hätten.
Hannover 96, so behaupteten Hertha-Funktionäre, habe allein für den Spieler Hans Siemensmeyer 120 000 Mark (statt der zulässigen 60 000 Mark) angelegt. Der beschuldigte Klub-Präses Strothe parierte diplomatisch: "Siemensmeyer forderte nur, was das Statut zuläßt." Der Verein gewährte freilich mehr, als der Nationalspieler verlangen durfte.
Ähnlich generös ebneten die Strothe-Männer auch den Kicker-Importen Josef Heynckes aus Mönchengladbach und dem Jugoslawen Josip Skoblar den Umzug nach Hannover. Anfangs verkraftete die Klubkasse die Investitionen. Denn die Kicker-Künste der Mannschaft lockten mehr Schaulustige ins Niedersachsen-Stadion als zu den Spielen der meisten Rivalen: im ersten Jahr durchschnittlich 41 255 Zuschauer.
Aber in vier Jahren seit 1964 unterhielten und verschlissen die Hannoveraner fünf Trainer. Die Leistungen ließen nach. Nur noch 15 000 Besucher kamen pro Spiel während der letzten Wochen. Mit seiner Schuldenlast stellte Hannover 96 einen Bundesliga-Rekord auf.
Vor mißtrauischen Mitgliedern verdunkelte der Vorstand die roten Zahlen. Da fiel dem ehemaligen Klubvorsitzenden Walter Daubert, einem leitenden Beamten der Stadtverwaltung, die Bilanz in die Hände, als der Verein von der Stadt einen Kredit erheischte. So deckte Vereinsmitglied Daubert die Mißwirtschaft auf.
Eilends überrumpelten nun auch DFB-Wirtschaftsprüfer den Sorgenklub. Hannover 96 mußte seine Bücher offiziell kontrollieren lassen. Die aufgescheuchten Lokalreporter beschwichtigte der Klubvorsitzende jedoch: "Alles erledigt."
In Wirklichkeit förderten die Ermittlungen neue Verdachtsmomente zutage. Am Mittwoch vor Ostern verhörte der DFB-Kontrollausschuß die Betroffenen. Hannovers Klubleitung gab die unerlaubt hohen Handgelder als langfristige Darlehen aus.
Jedoch die Klubs müssen auch Kredite an Spieler beim DFB anmelden. Das hatte Hannover unterlassen. Ein Darlehen von 210 000 Mark, wie es Spieler Skoblar empfing, genehmigte der DFB noch nie.
Kaum hatten die DFB-Detektive das Klubheim verlassen, verharmloste Vorsitzender Strothe die Affäre wiederum: "Ich bin ganz ruhig." Tatsächlich aber braute sich das DFB-Ungewitter immer dichter über Hannovers Klinker-Klubhaus zusammen. Hermann Neuberger, Mitglied des Bundesliga-Ausschusses: "Jetzt müssen noch drei weitere Spieler gehört werden."
Vereinen, die wie Hertha BSC oder Hannover 96 gegen das Statut verstoßen haben, droht äußerstenfalls die Strafversetzung aus der Bundesliga, zumindest aber müssen sie mit Geldstrafen, Punktabzug, Spielersperren und der Absetzung verantwortlicher Funktionäre rechnen.
Hannovers Klubleitung kämpft zugleich an der Schuldenfront gegen den Lizenz-Entzug. Bei der Stadt Hannover beantragte sie eine Zehnjahres-Bürgschaft über eine Million Mark. Doch die gleichfalls verschuldete Stadt löst aus Geldmangel schon ein anderes tonangebendes Prestige-Unternehmen auf, das Niedersächsische Symphonie-Orchester. So zog der Sportverein sein aussichtsloses Gesuch zurück.
Dreißig Bürgen wollen einen Schuldenteil übernehmen. Bestbürge ist Klubschatzmeister Fritz Ahlbrand, der mit 100 000 Mark seinen Präsidenten weit übertrifft.
Für die nächste Saison hat der verarmte Verein schon als sechsten und teuersten Trainer seit 1964 den zur Zeit beim Europacup-Sieger Bayern München tätigen Jugoslawen Zlatko Cajkovski verpflichtet.
Der neue Trainer kündigte Hannovers kostspieligstem, aber erfolglosem Spieler-Import im voraus an: "Den Skoblar werfe ich zuerst raus." Skoblar hatte nahezu eine halbe Million Mark gekostet.

DER SPIEGEL 18/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FUSSBALL / HANNOVER 96:
Alles erledigt

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott