29.04.1968

USA„ABZUG AUS VIETNAM JETZT UNMÖGLICH“

Unter dem Titel „So würde ich den Krieg beenden ...“ veröffentlichte der SPIEGEL in den Heften 15 bis 17/1968 die Vorschläge des amerikanischen Senators Robert F. Kennedy zur Lösung des Vietnam-Problems. in einem ergänzenden interview nimmt Kennedy, inzwischen einer der aussichtsreichsten Bewerber um die Nominierung als demokratischer Präsidentschaftskandidat, zu Einzelfragen Stellung:
SPIEGEL: Senator Kennedy, vor ungefähr einem Jahr haben Sie in einem SPIEGEL-Interview erklärt, Sie wollten 1968 nicht für die Präsidentschaft kandidieren. Nun kandidieren Sie doch. Warum?
KENNEDY: Das habe ich schon im März klargemacht, als ich meine Kandidatur für die Präsidentschaft bekanntgab: Ich habe mich zur Kandidatur entschlossen, weil die Vereinigten Staaten einen gefährlichen politischen Kurs steuern -- sowohl in der Innenpolitik wie in der Außenpolitik. Und bevor uns dieser Kurs ins Unglück führte, mußte meines Erachtens etwas geschehen. Ich glaubte und glaube noch heute, daß wir eine neue Politik brauchen, damit die Beziehungen zwischen allen Menschen verbessert werden -- zwischen Schwarz und Weiß, reich und arm, jung und alt, sowohl in meinem Land wie überall in der Welt. Für eine neue Politik brauchen wir aber auch neue Männer. Ich habe meine Kandidatur im März bekanntgegeben, weil die Vorwahlen in New Hampshire erstmals deutlich und für jedermann sichtbar das Ausmaß der Spaltung in meiner eigenen Partei und im Lande gezeigt hatten. Bis dahin mußte ich fürchten, meine Bewerbung würde eher als persönlicher Zusammenprall zwischen Präsident Johnson und mir denn als Ausdruck von Meinungsverschiedenheiten über politische Fragen interpretiert werden.
SPIEGEL: Wen halten Sie für Ihren gefährlichsten Rivalen im Kampf um die Nominierung?
KENNEDY: Ich weiß nicht, wer innerhalb der Demokratischen Partei am ehesten meine Nominierung gefährden könnte. Sowohl Senator Eugene J. McCarthy als auch Vizepräsident Hubert lt Humphrey halte ich für fähige Leute und beachtliche Anwärter auf die Nominierung.
SPIEGEL: Und wen halten Sie für den gefährlichsten republikanischen Gegenkandidaten?
KENNEDY: Ich weiß nicht, welcher Republikaner der gefährlichste Gegner des demokratischen Kandidaten wäre. Ich glaube, das müssen die Republikaner selbst entscheiden.
SPIEGEL: Ihr Bruder hat Richard Nixon 1960 nur mit einem winzigen Vorsprung geschlagen. Werden Sie besser abschneiden?
KENNEDY: Auf diese Frage kann man jetzt noch keine Antwort geben. Ich beteilige mich an den Vorwahlen, damit meine Partei, das amerikanische Volk und ich selbst möglichst früh erkennen können, wie groß meine Erfolgsaussichten sind. In den Vorwahlen kann ich den Wählern mein Programm vortragen. Fraglos sind viele meiner Landsleute noch unentschlossen, wen sie im November zum Präsidenten wählen sollen, weil sie noch keine Gelegenheit hatten, die Meinungen und Einstellungen der Kandidaten zu den vielen verschiedenen Problemen kennenzulernen und gegeneinander abzuwägen. Nachdem sie gehört und beurteilt haben, was ich vorschlage, werden hoffentlich so viele Amerikaner meine Politik unterstützen, daß ich im November gewinnen werde.
SPIEGEL: Der Krieg in Vietnam wird gewiß eines der wichtigsten Wahlkampfthemen sein. Der SPIEGEL hat Ihre Vorstellungen zur Lösung des Vietnam-Problems als Serie veröffentlicht. Hat sich Ihre Position durch die jüngsten Ereignisse und Entwicklungen geändert?
KENNEDY: Seit mehr als drei Jahren vertrete ich den Standpunkt, daß der Krieg in Vietnam nur durch Verhandlungen, denen ein Bombenstopp vorausgehen muß, befriedigend beendet werden kann. Ich habe auch darauf gedrängt, daß die Nationale Befreiungsfront an den Verhandlungen -- und am politischen Leben in Südvietnam beteiligt wird. Ich habe den einseitigen Abzug unserer Truppen abgelehnt, aber mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß die südvietnamesische Armee mehr von der Last des Kampfes übernehmen sollte, um die ohnehin schon viel zu stark beanspruchten amerikanischen Truppen zu entlasten. Wichtig ist außerdem der Schutz der bevölkerten Gebiete. Dadurch könnte das Leben vieler Amerikaner und Südvietnamesen gerettet und die Zerstörung des flachen Landes ein wenig erträglicher gemacht werden. Wir sollten außerdem darauf bestehen, daß die südvietnamesische Regierung eine breitere Schicht des Volkes vertritt als bisher, echte Reformen einleitet und sich mit ihren Landsleuten auf anständige Art zu arrangieren sucht.
SPIEGEL: Warum halten Sie den Abzug der US-Truppen aus Vietnam für undenkbar? Würde das dem Ansehen der Vereinigten Staaten in Asien schaden?
KENNEDY: Ein Abzug der Vereinigten Staaten aus Vietnam ist jetzt unmöglich. Nicht nur in Asien hängt die Sicherheit vieler Völker von amerikanischen Garantien ab. Ein einseitiger Rückzug würde Zweifel an unserer Verläßlichkeit aufkommen lassen und unserem Prestige nicht nur in Asien, sondern überall in ·der Welt schaden. Aber auch eine fortgesetzte Politik der Eskalation in Vietnam würde unser Ansehen zerstören. Deshalb meine ich, daß ein Verhandlungsfrieden am sichersten zu einer befriedigenden Lösung führt. Und solche Verhandlungen würden auch unseren Beziehungen zu anderen Völkern zugute kommen.
SPIEGEL: Ein ähnlich wichtiges Wahlkampfthema wie der Krieg in Vietnam wird fraglos das Rassenproblem sein. Wie wollen Sie es lösen?
KENNEDY: Jeder schwarze Amerikaner soll sein Kinder genauso zur Schule schicken können wie sein weißer Nachbar, soll seine Familie genausogut ernähren können, eine anständige Wohnung bekommen, geachtet und finanziell unabhängig sein. Das ist unsere wichtigste Aufgabe. Die Armut und Isolierung des Gettos muß beseitigt werden, und zwar im Rahmen einer koordinierten Aktion an vier Fronten: Erziehung, Beschäftigung, Wohnungswesen und Pflege des Gemeinschaftsgeistes. Wir müssen Not-Programme für den Einsatz von Arbeitslosen bei wichtigen öffentlichen Arbeiten aufstellen. Wir müssen die Firmen dazu bringen, in armen Gegenden zu investieren. Ich habe im Senat zwei Gesetzentwürfe eingebracht, die genau das bezwecken. Außerdem müssen wir Schulen, Straßen, Parkanlagen, Kranken- und Gemeinschaftshäuser bauen, in denen möglichst qualifizierte Neger aus der Nachbarschaft arbeiten sollten. Wir müssen die Ausbildung der Neger so verbessern, daß sie die neugeschaffenen Arbeitsplätze auch ausfüllen können und nicht von der Wohlfahrt abhängig werden.
SPIEGEL: Was halten Sie von den Demonstrationen linker deutscher Studenten, vor allem in jenem Teil Berlins, den die Vereinigten Staaten vor dem Kommunismus verteidigen?
KENNEDY: Im Augenblick möchte ich keinen Kommentar zu irgendwelchen innenpolitischen Ereignissen in der Bundesrepublik Deutschland abgeben.
SPIEGEL: Besteht nach Ihrer Meinung die Gefahr, daß Amerika auf die jüngsten Entwicklungen in Europa und Asien mit einem neuen Isolationismus reagiert?
KENNEDY: Trotz der jüngsten Entwicklungen in Europa und Asien werden wir zu unseren globalen Verpflichtungen stehen. Sicher gibt es einige Amerikaner, die eine Politik des Isolationismus befürworten, so wie es in unserer Geschichte immer Menschen gegeben hat, die es vorzogen, sich von internationalen Verwicklungen fernzuhalten. Aber die große Mehrheit der Amerikaner begreift unsere Rolle in der Weltpolitik. Auch wenn das Vietnam-Dilemma erst einmal gelöst ist, wird es immer unterentwickelte Länder geben, die unsere Hilfe brauchen. Ich jedenfalls habe bestimmt nicht die Absicht, von unseren Verbündeten in Europa und Asien abzurücken. Im Gegenteil: Ich möchte nur hoffen, daß sich diese Verbindungen in der Zukunft noch weiter festigen.
SPIEGEL: Ihr Bruder rief zu "Neuen Grenzen" auf, Präsident Johnson proklamierte die "Große Gesellschaft". Was schlagen Sie vor?
KENNEDY: Meine Kandidatur gründet sich nicht auf einen Slogan. Ich bewerbe mich um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Programm, das ich bereits erläutert habe und während des Wahlkampfes weiter erläutern werde. Dieses Programm geht davon aus, daß es unerläßlich ist, die Menschen dieses Landes wieder miteinander zu versöhnen -- Schwarz und Weiß, reich und arm, jung und alt. Und es will sie alle ermuntern, gemeinsam mitzuwirken beim Aufbau eines besseren Amerikas.

DER SPIEGEL 18/1968
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