29.04.1968

INDIEN / PARSENUnter Geiern

In ihren Tempeln verehren Indiens Parsen das Feuer als göttlichen Lebensfunken, und auch daheim respektieren sie den züngelnden Gott: Kerzen und Lampen pusten sie nicht kräftig aus, sondern löschen die Flamme durch sanftes Wedeln mit der Hand.
Doch nun verflackert selbst die Gemeinde der Feueranbeter, die sich auf den persischen Propheten Zarathustra (wahrscheinlich im sechsten Jahrhundert vor Christus) gründet. Eine der einst größten Religionsgemeinschaften stirbt. Denn der Prophet verlangt zuviel von modernen Menschen.
Noch knapp 100 000 Parsen leben in Indien, die meisten in Bombay. Obwohl nur eine Mini-Minorität, herrschen sie in Wirtschaft, Kunst und Politik der Sieben-Millionen-Hafenstadt -- und nicht nur dort.
Indiens größter Privatunternehmer, der Stahlkocher Tata, ist Parse. Indiens mächtigster Bankier, Sir Homi Mody, gehört zur Zarathustra-Gemeinde. Indiens schönste Frauen kommen aus dem Feuer-Kult: Allein in den letzten vier Jahren wurden drei Parsinnen zur "Miß India" gewählt.
Ihr Gott heißt Ahura Mazda. Der Landlord Zarathustra hatte ihn verkündet, der König Artaxerxes IV. hatte den neuen Glauben zur iranischen Nationalreligion erhoben. Die biblischen Weisen aus dem Morgenland waren höchstwahrscheinlich Mazda-Mannen. Als Persien im siebten Jahrhundert nach Christus von mohammedanischen Kaufen unterworfen wurde, flohen Tausende Parsen (Perser) nach Indien.
Helihäutig, begabt und geschäftstüchtig, begannen die Parsen in den Kontoren der britischen East India Company ihren sozialen Aufstieg. Durch eigentümliche Riten und Sitten bewahrte die Sekte ihr Selbst bis an die Schwelle des dritten Jahrtausends.
Die letzten Apostel Zarathustras haben ihren eigenen Kalender: Er zählt nur 360 Tage je Jahr, die restlichen fünf werden als Feiertage nicht mitgerechnet.
Parsinnen dürfen nur Parsen heiraten, sonst werden sie aus der Gemeinde gestoßen. Vor der Hochzeit schlürfen Bräutigam und Braut Hinder-Urin -- zur Reinigung der Seele.
Makaber sind die Toten-Riten. In "Türmen des Schweigens" -- offenen Rundgemäuern im exklusivsten Viertel von Bombay -- werden die Leichen entkleidet. Dann stoßen Geier auf sie herab, und nach knapp 30 Minuten werfen Priester die Skelette in einen Schacht, der direkt ins Meer führt.
Denn die heilige Parsen-Schrift Vendidad fordert: "Der Tote soll im Magen des Geiers beigesetzt werden." Also sprach Zarathustra, und also sprach einer seiner Priester zum deutschen Reiseschriftsteller Max Mohl: "Von den Würmern gefressen zu werden, ist nicht besser."*
Doch parsische Sitten sind tödlich für die Gemeinde. Da Frauenüberschuß herrscht, suchen immer mehr Parsinnen das Glück in der Mischehe und werden exkommuniziert. Auch ihre Kinder werden nicht in den Kreis der Feueranbeter aufgenommen.
Und immer mehr Männer verlassen die Herde, damit sie nicht der Geier holt.
Feuerbestattungen wollen die Priester der Feueranbeter nicht erlauben. Dazu ist ihnen die Flamme zu heilig.
* Max Mohl: "Gandhis gefährliches Erbe"; C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 288 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 18/1968
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