30.09.1968

STUDENTEN / COHN-BENDITLiebe anders

Marc Daniel Cohn-Bendit, 23, zählte laut bis drei. Dann hechtete er -- rosa das Halstuch, rot das Haar -- über die Barriere und durchbrach den Polizei-Kordon.
Nichts mehr lag am vorletzten Sonntag um 11.15 Uhr zwischen dem sommersprossigen Revoluzzer und der Frankfurter Paulskirche, in der gerade der Buchhändler-Friedenspreis an den Senegal-Führer Senghor verliehen wurde -- laut Buchmesse-Leitung ein Politiker, der die "Arbeiterschaft und die Studenten mit Zwangsmitteln des Staates in seine Schranken verwiesen" hat und "in solchen Situationen eine Wachsamkeit an den Tag legte, die unter Männern von so hohem Geistesflug nicht eben häufig anzutreffen ist"; laut SDS ein "Imperialisten-Knecht".
Doch Senghor blieb unbehelligt: Die Genossen des "roten Dany", der einst im Mai den Aufstand gegen de Gaulles Fünfte Republik entfachte, mochten die Flanke über die Barriere nicht riskieren. Sie versuchten statt dessen, die Sperren zu demontieren -- was der SDS-Stratege Karl-Dietrich Wolff einen "Fehler" nannte: "Die hätten auch da "rüberspringen müssen."
Als Cohn-Bendit, obwohl vom SDS und einer Demonstranten-Tausendschaft im Stich gelassen, zurück über das Gitter zu flanken zögerte, nahten Polizisten und hauten dem Springer auf die Finger. Dann führten sie ihn -- zu fünft -- so rüde ab, daß die "Frankfurter Allgemeine" schrieb: "Eine Prozedur, die Gelenkbrüche zur Folge haben kann." Das Blatt mahnte: "Würgen ist kein Polizeigriff."
Während die Würger von Frankfurt den um Atem ringenden Cohn-Bendit davontrugen, atmeten die Polizei-Chefs auf. "Noch zwanzig mehr wie dieser Cohn-Bendit". meinte ein Beamter vom 18. (politischen) Kommissariat, "und dann wären sie durch gewesen und in der Paulskirche" -- bei Senegals Senghor und Deutschlands Lübke.
Mit seiner Frankfurter Solo-Schau gelang Cohn-Bendit der Einstand in Deutschlands Protest-Bewegung, deren neue Galionsfigur er nun, nach Rudi Dutschke, zu werden verspricht: Das nächste Semester will der Star-Rebell aus Frankreich in Frankfurt, dem Sitz der SDS-Zentrale, studieren.
Mit dem "französischen Rudi Dutschke" ("New York Times"), einem jüdischen Vollwaisen mit deutschem Paß, ist dem über der sozialistischen Theorie zerstrittenen SDS ein Revolutionspraktiker zur Hilfe gekommen, den kein Establishment gern im Lande weiß. Nach der von ihm ausgelösten Mai-Revolte wies die Pariser Regierung den "roten Dany" aus und ließ -- am 24. Mai -- an der Grenze Gendarme mit Maschinengewehren postieren, um seine Rückkehr zu verhindern.
Moskaus "Prawda" schalt ihn einen "Werwolf" im Dienste der Imperialisten, Großbritannien mochte ihn nur vierzehn Tage lang im Lande dulden, und Belgien und Venezuela, wo er Studentenkongresse besuchen wollte, ließen ihn nicht einreisen.
Solche Reaktionen trugen nur zu seiner Publicity bei: In Glasgow nominierten Studenten den Barrikaden-Helden für das Amt des Uni-Rektors, in Paris erreichten ihn binnen weniger Wochen 29 Heiratsanträge.
Photoreporter verfolgten ihn bis in die "Bucht der Engel" auf Sardinien, wo er Anfang September mit der französischen Filmschauspielerin Marie-France Pisier, 24 ("Der Vampir von Düsseldorf"), Urlaub machte, und bis ins italienische Carrara, wo er einen Konvent traditionalistischer Anarchisten (Cohn-Bendit: "Ringelpietz") aufscheuchte und am Strand Hof hielt.
Landesbischof Lili es "Sonntagsblatt" meldete aus Carrara: "Das Handtuch um die Hüften geschlungen, ließ der rote Dany die Champagnerkorken knallen und . -. streckte zum Jux seiner Barrikaden-Zenturie sein nacktes Hinterteil entgegen und dann noch sein splitternacktes Front-Relief, und die Mademoiselles im klitzekleinen Bikini grienten über ihren tollen Daniel."
Vom Mittelmeer flog Daniel zur Zimmersuche nach Frankfurt, wo er auf Genossen-Buden und in einem leerstehenden Zimmer im achten Stock des Walter-Kolb-Studentenhauses Unterschlupf fand. Abends schimpfte der blauäugige Anarchist, Cola trinkend und auf Streichhölzern kauend, an den Biertischen der "Schobbe-Stub" oder des "Schlagbaums" über den organisierten Kommunismus, der ihm zu bürgerlich ist.
Denn Daniel Cohn-Bendit ist, so er selber, ein "anarchistischer Marxist": "Für mich ist die grundlegende Analyse von Marx richtig, die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. Aber die Organisationsformen, die sich die kommunistische Bewegung gegeben hat, lehne ich vollkommen ab." Denn: "Sie bringen keine neue Gesellschaft zustande, sondern nur neue autoritäre Herrschaft."
Daher bekämpft er alles, was den "Weg der Revolution" versperrt -- "von der Macht der bolschewistischen Cliquen bis hin zu den gewerkschaftlichen Bürokratien und den stalinistischen Apparaten". Mit solchen Ideen, importiert von den Antiautoritären im deutschen SDS, wurde Cohn-Bendit -- weniger Ideologe, mehr Agitator als Dutschke -- auf den Barrikaden von Paris zum "germanischen Danton" ("Combat"). Umflattert von den roten Fahnen des Sozialismus und den schwarzen Fahnen des Anarchismus, riß er Tausende mit in die Schlacht gegen de Gaulle.
Auf der Frankfurter Buchmesse führte Cohn-Bendit den SDS an, den er unlängst vor langatmig theoretisierenden SDS-Delegierten -- noch einen "Wandervogelverein" genannt hatte. Bei einem Teach-in vor dem Stand des Senghor-Verlages Diederichs stimmte er trotz "O Tannenbaum" singender Gegendemonstranten die "Internationale" an, und er dirigierte seine Anhänger, die -- mit Protesten gegen die Messegäste Adolf von Thadden und Franz-Josef Strauß und deren Polizei-Leibwachen -- vorübergehend die Literatur-Schau störten.
Freilich: Wie einst Rudi Dutschke droht nun auch dem -- laut "Zeit" -- "Dutschke-Impulse" ausstrahlenden Daniel Cohn-Bendit das Schicksal aller SDS-Autoritäten: Gunstverlust beim antiautoritären SDS-Fußvolk, das jeglichem Personenkult abhold ist. Schon scheint Weltstar Cohn-Bendit, der sich in den Buchmesse-Nächten von Society-Damen hätscheln ließ und mit Bankdirektor Hesselbach und Gewerkschaftsführer Brenner plauderte, manchem SDSler korrumpiert.
Den Unmut von SDS-Genossen weckte Cohn-Bendit, Bezieher einer 322-Mark-Waisenrente, auch, als er vom Hamburger Rowohlt-Verlag 50 000 Mark kassierte als Vorschuß für den Erwerb der Weltrechte an seinem Erstlingswerk "Linksradikalismus -- Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus", das mittlerweile für "eine sechsstellige Summe" an 18 ausländische Verlage verkauft worden ist.
Autor Cohn-Bandit, der jüngst von der Universität Nanterre ein Soziologie-Diplom wegen "außerordentlicher Intelligenz" ohne Prüfung geschenkt bekam, hatte den 379 Manuskript-Seiten umfassenden Band binnen fünf Wochen niedergeschrieben -- im 140-Betten-Hotel "Lindenalpe" zu Lindenberg im Allgäu, wo er, fast unbemerkt, den August verbrachte.
Hotel-Gästen fiel er nur auf, als er in der Rezeption alle vorhandenen Karl-Marx-Sonderbriefmarken aufkaufte und wütend zerriß -- so sehr hatte ihn die "heuchlerische" Ehrung seines Idols durch die Postverwaltung eines kapitalistischen Staates erzürnt.
In seiner Lindenberger "Agitationsbroschüre", die sich "vor allem an die Genossen Arbeiter und Bauern" wendet, bemüht sich der rote Daniel, "eine Sprache zu finden, die verstanden wird" (Cohn-Bendit).
Sein Manifest beginnt: "Ein Gespenst geht um in der Welt -- das Gespenst der Studenten." Es endet: Leser ... zieh dich jetzt an (denn ich hoffe, du hast diese Seiten im Bett gelesen) und geh ins Kino ... Dann, sobald die erste Reklame auf der Leinwand erscheint, nimm deine Tomaten und handle. Nimm deine faulen Eier und handle. Sag nein zu allem ... Suche ein neues Verhältnis zu deiner Freundin zu finden, liebe anders, sag nein zur Familie. Nicht für die anderen, sondern mit den anderen machst du für dich hic et nunc die Revolution."
Daniel Cohn-Bendit selber wurde letzte Woche am Revoltieren gehindert: Nach seinem Sturm auf die Paulskirche saß er als Untersuchungshäftling, in graublauer Gefängniskluft" in einer Einzelzelle des Zuchthauses Butzbach und korrigierte die Druckfahnen seines Buches, die ihm der Rowohlt-Verlag an seine neue Adresse zugeschickt hatte.
Letzten Freitag wurde Cohn-Bendit im abgeriegelten Frankfurter Gerichtssaal 184 per Schnellverfahren wegen Beamtennötigung, Aufruhr, Land- und schwerem "Hausfriedensbruch zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt -- mit der Auflage, der Rebell habe "künftig ein ordnungsgemäßes Leben zu führen".

DER SPIEGEL 40/1968
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