30.09.1968

FILM / FELLINIAthleten vom Schlachthof

Die Pariser Oper wurde abgerissen, der Kölner Dom verfiel -- Federico Fellini, 48, Italiens eigenwilligster Regisseur, konnte mit den feierlichen Kulissen nichts anfangen.
Die Nachbauten europäischer Monumente, ursprünglich als pittoreske Spiel-Stadt für den Fellini-Film "Die Reise des G. Mastorna" geplant und für rund eine Million Mark unweit von Rom errichtet, mußten beseitigt werden, weil Fellini nach einem Streit mit seinem Produzenten Dino De Laurentlis die Arbeit verweigert hatte.
Auch unter einem neuen Produzenten kam die "Reise" noch nicht zustande: Der stets von "Angst vor beruflicher Impotenz" (Fellini) und unlängst auch von Krankheit heimgesuchte Regisseur war, gleich dem Reise-Helden Mastorna, "von Selbstzweifeln gelähmt" und hatte seinen Geldgebern noch kurz vor Drehbeginn nur "Ideenschleier und nebelhafte Ungewißheit" ("Weitwoche") zu bieten -- Anzeichen der bislang schwersten Krise in der Karriere des "Dolce vita"-Künstlers.
Seine letzten Filme ("8 1/2", "Julia und die Geister") überwältigten zwar die Cineasten durch monströse Bilderfülle, doch der Run auf die Kino-Kassen blieb aus. In drei Jahren hat Fellini nicht mehr als eine knappe Episode ("Wette mit dem Teufel") nach Edgar Allan Poe fertiggebracht.
Vor den Fehlschlägen mit ehrgeizigen, zumeist autobiographischen Projekten sucht der "Kellermensch" (Fellini), der "nie in den Fernseher guckt, nie ins Theater und nie ins Kino geht", nun Zuflucht im alten Rom: Das Dolce vita dreier Vaganten aus dem Reiche Neros soll den Kinogängern farbige Kunde über "heidnische Lebensgefühle vor der Entdeckung des christlichen Gewissens" (Fellini) bringen.
Titel und Drehbuch-Vorlage für seinen ersten historischen Film fand Fellini beim römischen Chronisten Gajus Petronius Arbiter (gestorben 66 nach Christus): Der Maitre de plaisir Kaiser Neros läßt in seinem Romanfragment "Satiricon" zwei Lustknaben und einen Poeten von Erbschleicherei, sexueller Hemmungslosigkeit und religiösem Aberglauben im Römischen Reich berichten. Sie nehmen auch am ausschweif enden "Gastmahl des Trimaichio" teil, bei dem der eitle Gastgeber Gespenstergeschichten erzählt, ein Hundeduell schildert, sein Testament verliest, Anweisungen für sein Grabmal gibt und derb über die "Gefährlichkeit von Blähungen" plaudert.
Das alte Sittenbild sollen Anna Magnani und Danny Kaye, aber auch Film-Veteranen wie Mae West und Groucho Marx beleben. Sie werden freilich nicht die ersten sein; denn schon vor Fellini hat ein Konkurrent das "Satiricon" für die Leinwand entdeckt:
Der Regisseur Gian Luigi Polidoro ("Amore in Stockholm") war mit einem eigenen Petronius-Film im Atelier, noch ehe Fellini eine neue Stadt-Kulisse für sein Mammut-Werk (Etat: mehr als 16 Millionen Mark) in Auftrag geben konnte.
Um das Erstrecht an seinem verhältnismäßig bescheiden mit 2,6 Millionen Mark dotierten Projekt auch juristisch gegen Fellini abzusichern, ging Polidoros Produzent Alfredo Bini zum Gericht und klagte: "Ich habe schon 1962 Thema und Titel beim Verband italienischer Filmproduzenten schützen lassen." Und: "Fellini weiß das genau: Er sollte ursprünglich den Film für mich drehen."
Doch Fellini ("Ich plane meinen Film schon seit 1939") bestritt den Vorwurf und blieb gelassen. "Jahrelang hat das italienische Kino von meinen Filmen gelebt", gab er zu Protokoll, "aber jetzt imitiert man mich schon, bevor ich angefangen habe zu drehen. Das ist berufliche Unanständigkeit."
Von einer Gegenklage Fellinis allerdings blieben die Richter unbeeindruckt: Sie lehnten es ab, ein Verfahren gegen Bini einzuleiten.
Und auch den Wettlauf um den Uraufführungs-Termin hat der allzu bedächtige Regisseur schon verloren geben müssen: Während Polidoro sein "Satiricon" für Februar 1969 ankündigte, lud Fellini drei Tage lang athletische Lastträger von römischen Märkten und Schlachthöfen als Kandidaten für eine Nebenrolle ins Studio. Selbst die Verträge mit den vorgesehenen Schauspielern sind noch nicht unterschrieben.
Aber frühestens Ende Oktober sollen die Dreharbeiten beginnen -- wenn der Produzent bis dahin Geduld hat.

DER SPIEGEL 40/1968
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