25.03.1968

BÜRGERMEISTER / SCHLAPPERS. M.

Baden-Baden -- das ist "ein Salon der Alten Welt", der "Treffpunkt für die Leute von gestern". Dort "gibt es noch Aufgänge "nur für Herrschaften' und Türen "für Lieferanten'", wird "das Alter, sofern es reich ist, noch geehrt".
Dieser Ort ist, wie in dem Sammelband "Die Provinz" (Herausgeber: Carl Amery) beschrieben wird, "ein Sonderfall, eine Mischung aus Kleinstadt, ambitioniertem Badeort und Rentnerasyl für Millionäre". Und von eben solcher Art -- bißchen provinziell, Hauch große Welt, jedenfalls Sonderfall -- ist Baden-Badens Oberbürgermeister.
Dr. h. c. Ernst Schlapper, 80, hängt am alten: "Ich fühle mich pointiert dem Traditionellen verpflichtet." Er ist gemein mit den Leuten von gestern, war "Privatsekretär des Großindustriellen August Thyssen" und bekannt "mit den Herren Geheimräten von Borsig". Und er hat ein Verhältnis zum Herrschaftlichen: Von Deutschlands letztem Kaiser spricht er nur mit dem Zusatz "S. M.".
Deutschlands ältestes Stadtoberhaupt war "schon ziemlich früh ein wohlhabender Mann". Seine "besonderen Verbindungen, die ich nach wie vor pflege, gelten den Repräsentanten der Großindustrie und Wirtschaft".
Er ist bescheiden: "Die nicht unbedeutende Zahl von Orden, Auszeichnungen und Ehrungen, die mir zuteil wurden, aufzuzählen, würde zu weit führen." Er ist selbstkritisch: "Ich bin von einer ungewöhnlich raschen Auffassungsgabe." Und er kennt seine kleinen Schwächen: "Das Autoritäre liegt mir etwas."
Der Tierfreund (zwei Schnauzer), der seit 1930 in Baden-Baden eine Villa besitzt, ist "gern in fröhlicher Gesellschaft", trinkt Tag für Tag anderthalb Flaschen Moselwein und küßt gern, wenn sich's einrichten läßt, junge Mädchen: "Ich bin alt genug, ich kann mir erlauben, das zu tun."
Betagt und ein wenig eitel, so herrisch wie huldvoll, doch auch heiter und gewiß honorig, ist Ernst Schlapper ein Ebenbild seiner angestaubten Roulett-Residenz, die er seit 1946 verwaltet. Was Wunder, daß der deutschnationale Christdemokrat stets in S.-M.-Manieren verfällt, wann immer Linkes in seinen Honoratioren-Hort einbrechen will.
So sicherte sich Schlapper ("Ich bin kein Anhänger der modernen Kunstrichtung"> vor sechs Jahren internationale Feuilleton-Publizität, als er selbstherrlich das lokale Kulturschaffen zensierte. Sein Stadt- und Kurtheaterintendant hatte damals Brechts "Mutter Courage" einstudieren lassen. Doch der Oberbürgermeister ("Ich war nie ein Verehrer von Brecht") dekretierte, nach dem Berliner Mauerbau zieme es sich nicht, im Westen Stücke des DDR-Kommunisten zu spielen.
Der Intellektuellensturm im In- und Ausland machte den Rathaus-Machthaber nicht wanken. Er blieb dabei: Baden-Badens Theater durfte zwar auf Gastspielreise im französischen Elsaß, aber nicht daheim im Schlapperschen Baden-Baden Brecht-Courage haben. Rückblickend findet er heute freilich: "Das war von mir ein ausgesprochener Fehlgriff. Ich habe mich damals von einem bigotten CDU-Mann irreführen lassen."
Gleichwohl rieb er sich erneut mit Lust am Linken, als die "Humanistische Studentenunion" (HSU) kürzlich für eine Veranstaltung mit Rudi Dutschke einen Saal im Baden-Badener Kurhaus mieten wollte. Um Frackträgern, Kongreßlöwen und
* Privataudienz des Araber-Königs Ibn Saud für Schlapper 1958 im Haden-Badener Hotel "Hahnhof".
Stammgästen des Spielkasinos den Anblick der Revolutionäre (Schlapper: "Verrückte") zu ersparen, befand der Hausherr, für "Flegel", "Rabauken" und "Kirchenschänder" habe Baden-Baden keinen Platz und schon gar keinen Saal.
Zwar untersagte ihm inzwischen das Baden-Badener Landgericht auf Antrag eines HSU-Kontrahenten per einstweiliger Verfügung, solchen Wortschatz weiterhin zu gebrauchen. Zwar konnten die Jungmänner nachweisen, daß offenbar die NPD im Ratwie im Kurhaus eher gelitten sei, denn der habe Schlapper Säle vermietet. Doch der OB blieb sich treu. Schlapper sperrte auch die NPD aus, kam den Studenten mit einem Strafantrag wegen Beleidigung und findet nach wie vor: "Es wäre nicht das richtige, solchen Flegeln das Kurhaus herzugeben."
Ernst Schlappers Wehrhaftigkeit hatten bereits Baden-Badens französische Nachkriegsbesatzer zu spüren bekommen. Damals reiste er eigenmächtig nach Paris zum Qual d'Orsay, um von den Franzosen requirierte Baden-Badener Wohnungen freizubekommen. Ein andermal heizte er zwangsevakuierte Hausbesitzer und Mieter seiner Stadt dazu an, vorübergehend leerstehende Franzosenquartiere in raschem Handstreich zurückzuerobern.
Der gute Deutsche, der sich als zehntes von elf Kindern eines Essener Kruppianers zum Französisch-Kenner gebildet und später in Genf mehrere Gespräche zwischen den Außenministern Stresemann und Briand gedolmetscht hatte, wütete bisweilen so sehr gegen die Sieger, daß Parteifreund Adenauer vermittelnd eingreifen mußte.
Halsstarrig gab sich Schlapper auch in einer Krankenhausaffäre, die 1960 monatelang das Stadtvolk beschäftigte: Der Oberbürgermeister hatte einen gegen seinen Willen vom Gemeinderat bestallten Chefarzt kurzerhand wieder entlassen.
Als seinerzeit sogar die CDU-Rathaus-Fraktion über CDU-Schlappers "Diktatur schlimmster Sorte" seufzte, verbreitete die "Frankfurter Allgemeine" das Baden-Badener Ondit, der damals 73jährige werde "in absehbarer Zeit sein Amt zur Verfügung stellen, weil er den erheblichen Prestigeverlust durch diese (Arzt-)Affäre schwerlich verschmerzen dürfte".
Das Blatt irrte. Schlapper, laut "Süddeutscher Zeitung" nächst der Spielbank "Baden-Badens zweite Merkwürdigkeit", blieb. Und der Mann, der sich auch am Sonntagmorgen in seiner Kanzlei zum Dienst einfindet und nebenher zusammen mit einem Kompagnon drei kleine Fabriken der Metall- und Elektrobranche betreibt, will auch die letzten beiden Jahre seiner Amtsperiode durchstehen.
Bevor er sich Ende 1969, mit 82, aufs Altenteil zurückzieht, will Schlapper ein neues städtisches Schwimmbad mit einem Kopfsprung einweihen: Baden-Baden.

DER SPIEGEL 13/1968
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S. M.