25.03.1968

„ICH REICHTE IHM SEIN ALTES HERZ“

Als ich im Februar dieses Jahres von meiner Europareise zurückkam, wurde ich von Dr. Philip Blaiberg, der jetzt mit dem Herzen des Mulatten Clive Haupt lebt, bereits sehnlich erwartet. Meine Frau und meine Tochter holten mich vom Flugplatz ab. Ich begrüßte sie schnell und eilte dann ins Krankenhaus.
Ich wußte, Blaiberg wollte mich sofort sehen, und unsere Begegnung in dem isolierten Zimmer des Groote -- Schuur -- Krankenhauses war wirklich ergreifend. Wir Südafrikaner sind es nicht gewohnt, uns zu umarmen. Aber in diesem Augenblick war ich wirklich nahe daran, meinen Patienten in die Arme zu schließen. Es ging Blaiberg viel besser, als ich gedacht hatte.
Während meines Europa-Aufenthaltes waren bei Blaiberg gewisse Reaktionen aufgetreten, die man für eine Abwehr seines eigenen Körpers gegen das neue Organ halten konnte. Von Europa aus hatte ich täglich mit meinen Kollegen in Verbindung gestanden, und nachdem ich über die Sache nachgedacht hatte, rief ich in Kapstadt an und verordnete die Erhöhung der Dosis eines bestimmten Medikaments, um die Gefahr zu bannen.
Es erwies sich alsbald, daß diese Entscheidung richtig war -- die Abwehrreaktionen waren schnell unter Kontrolle gebracht, und jetzt stand mein Patient in ausgezeichneter Verfassung vor mir. Nachdem wir uns lange über verschiedene Dinge unterhalten hatten, stellte Blaiberg mir die üblichen Fragen eines Patienten an seinen Arzt: "Wann darf ich nach Hause? Ich möchte sofort gehen."
"Bleiben Sie ruhig", sagte ich. "Sie müssen noch warten, bis ich von meiner zweiten Amerikareise zurückgekehrt bin."
Blaiberg: "Aber ich bin bereit, schon jetzt zu gehen. Ich fühle mich so wohl!"
"Okay", sagte ich bestimmt. "Wir werden auf Professor Schrirers Rat hören; er ist der Kardiologe. Ich stelle Ihnen schon jetzt einen Entlassungsschein aus."
Blaiberg wird nach seiner Entlassung natürlich nicht gleich arbeiten können, sondern noch lange Zeit ausruhen müssen, um seine Kräfte wieder voll und ganz herzustellen. Ich wüßte gern, wann er seine Arbeit wiederaufnehmen kann, oder ob er sich für den Rest seines Lebens einer anderen Arbeit widmen wird.
Dem Zahnarzt Blaiberg ist ein wahres Wunder widerfahren. Er weiß das und ist glücklich. Durch
(c) 1968 Mondadori Press.
die Kristallwand, die sein kleines Zimmer von der bewachten Station trennte, beantwortete er Fragen der Journalisten: "Ich lebe wie ein König. Ich wasche mich selbst, ich rasiere mich, ich frühstücke, und ich darf alles essen, was ich mag." Was kann man mehr verlangen von einem Mann, der zum Sterben verurteilt war?
Ich möchte noch etwas erzählen, eine kleine Episode, die bislang geheimgehalten wurde. Am Donnerstag, dem 15. Februar, dem Tage vor meiner Abreise nach Amerika, suchte ich Blaiberg auf und fragte: "Dr. Blaiberg, ich weiß, daß Sie ein mutiger Mann sind und daß Ihnen bei meinem Vorschlag nicht übel wird -- wollen Sie Ihr altes Herz sehen?" Einige Augenblicke sah mich Blaiberg verwundert an, dann sagte er nur: "Sehr gern, Herr Professor."
"In Ordnung", erwiderte ich. "Ich werde bald wieder zurück sein."
Niemand sollte etwas von meinem Vorhaben erfahren; und so wartete ich bis zum Abend. Um 20 Uhr ging ich in mein Büro hinunter, es liegt im Kellergeschoß der Medical School, und holte aus einem Schrank das Glas, in dem das Herz liegt, das ich bei meiner zweiten Transplantation aus Blaibergs Körper genommen hatte.
Ich hebe mir immer "Souvenirs" der von mir durchgeführten Operationen auf. Viele dieser Erinnerungen stehen auf einem Schrank in meinem Arbeitszimmer, uni ich zeige sie allen, die mich besuchen. Blaibergs altes Herz aber hatte ich versteckt. An jenem Abend nahm ich es und ging zu dem operierten Zahnarzt. Nur eine Schwester begleitete mich.
Blaiberg saß in seinem Bett, den Rücken gegen die Kissen gelehnt. Als ich eintrat, beendete er sein Abendessen. "Hier ist es", sagte ich nur und zeigte ihm das Glas.
Mein Patient hielt eine Weile inne, dann schob er das Tablett, das vor ihm stand, zur Seite und nahm das Gefäß. Es herrschte tiefe Stille. Keiner von uns konnte sprechen. Blaibergs Augen waren von dem Etwas, das noch vor wenigen Wochen seinem eigenen Körper angehörte, fasziniert.
Ich mußte immer wieder über diesen außergewöhnlichen Augenblick staunen. Zum erstenmal konnte sich ein Mensch sein Herz anschauen, es betrachten, es in seinen Händen umdrehen, so als wäre es etwas Fremdes.
Dann schien sich mein Patient zu fangen und blickte mich gerührt an. Blaiberg versteht sehr viel von Medizin, und die nächsten zehn Minuten stellte er mir eine Reihe technischer Fragen. Nun war er nicht mehr erstaunt, er war nur neugierig. Ebenso wie ich hatte auch er das Ereignis akzeptiert.
Schließlich sagte Blaiberg, indem er immer noch das Glas in seinen Händen hielt: "Dies ist also das schreckliche Herz, das mir so viel zu schaffen machte, als ich es noch in meiner Brust hatte. Mein altes Herz."
Wir verabschiedeten uns, er dankte mir noch einmal und wiederholte, er sei bereit, nach Hause zurückzukehren. Ich brachte das alte Herz wieder in mein Büro, wo es noch manches Jahr bleiben wird. Ich möchte es bei mir behalten, es ist eine so teure Erinnerung für mich. Eines Tages werde ich es dem Museum der Universität von Kapstadt übergeben.
Vor meiner Reise nach Amerika besuchte ich meine Mutter in dem Altersheim, wo sie schon seit einiger Zeit lebt. Sie ist jetzt 73 Jahre alt und krank, aber sie weiß sehr gut, was ihre Kinder tun.
Es war früh am Morgen, und sie lag noch im Bett. Auf Zehenspitzen betrat ich das Zimmer, in dem sie mit vier anderen alten Frauen zusammen wohnt. Ich wollte nicht stören. Aber sie waren alle schon wach und hießen mich herzlich willkommen. "Ich werde für dich beten", sagte meine Mutter nur, als ich ihr erzählte, daß ich nach Amerika fliege.
Meine Mutter betet immer für mich und meine Brüder. Sie sagt, das sei das einzige, womit sie uns noch helfen könne. Sie ist sehr gläubig, und der Glaube hat ihr Kraft gegeben, als sie vor sechs Jahren meinen Vater verlor. Sie ist eine Frau mit einem starken Herzen, und sie hat uns immer zur Demut angehalten.
Ich selbst bete auch. Meistens spreche ich meine Gebete morgens, wenn ich zur Arbeit gehe, aber auch wenn ich im Flugzeug bin oder wenn ich meinen Wagen fahre oder auf den Bus warte. Meine Zwiesprache mit Gott ist ganz einfach, ich bitte nicht um große Dinge, ich bitte ihn nur, mir zu helfen, daß ich meine Arbeit so gut wie möglich verrichte. Dann bitte ich ihn, über meine Kinder, meine Frau und alle Mitglieder meiner Familie zu wachen.
Ich bin "reich", denn meine Jugend war eine Quelle der Erfahrungen. Ich habe mein Leben genossen; viele Reiche haben das nicht getan.
Geld bedeutet mir nichts. Die Einnahmen aus dem Buch, an dem ich gerade schreibe -- "My Heart's Beats" (Die Schläge meines Herzens) -, gebe ich dem Krankenhaus, an dem ich die erste Herztransplantation der Geschichte unternommen habe. Man hat mich deswegen schon für verrückt erklärt, aber ich betone noch einmal: Geld bedeutet mir nichts und wird mir auch nie etwas bedeuten.
In Kapstadt schenkte man mir einen Fiat. Es war der erste neue Wagen in meinem Leben. Ein wunderbares Modell. Hätte ich immer nur einen Rolls-Royce gefahren, dann hätte mir der grüne Fiat nicht das geringste bedeutet. Nun aber bin ich gerührt und glücklich.
Ich muß jetzt mit vielen Leuten zusammenkommen, Autogramme geben, Briefe schreiben, Gespräche führen und über Probleme diskutieren. Das ist sehr anstrengend, und ich kann mich nicht schonen. Und natürlich muß ich auch operieren, weil ich Chirurg bin. Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Europa ersetzte ich bei einer kranken Frau zwei Herzklappen. Sonst konnte ich weiter nichts tun, weil ich keine Zeit hatte.
Zum Glück hat sich in meinem Landhaus in Zeekoevlei nichts geändert. Nur das Telephon läutet häufiger, und ich erhalte mehr Briefe und bekomme mehr Besuch. Meine Frau, meine Kinder. und ich haben die gleichen Probleme wie früher, sogar dieselben finanziellen Probleme, denn an meinen Einnahmen hat sich seit der Operation an Louis Washkansky nichts geändert.
Ich bin nur reicher an Erinnerungen und wiederhole immer wieder den 23. Psalm: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser."

DER SPIEGEL 13/1968
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