25.03.1968

WÄHRUNG / DOLLAR-KRISEFlirt mit Desaster

(siehe Titelbild)
Aus dem Souterrain des klassizistischen Säulenbaus an der Place de la Bourse in Paris gellten hysterische Schreie. Schweißtriefende Makler brüllten ihre Kurse über die rangelnde Masse im Kellersaal: "5700, 6000, 6500, 7000." Den Weg zu den Makler-Telephonen suchten sich würdige Herren mit Faustschlägen, Fußtritten und dem Ruf "Weg da, Idiot" freizukämpfen.
Besucher des Pariser Goldmarkts fielen in Ohnmacht. Ehe es zu Schlimmerem kam, erstickte mit Schlagstöcken bewaffnete Polizei den Radau.
Als sich der Tumult gegen 13.50 Uhr am Freitag vorletzter Woche legte, hatten 30 Tonnen Gold, 20mal mehr als an normalen Börsentagen, den Be-
*Westdeutschlands Notenbank-Chef vor dem Abflug zur Washingtoner Währungskonferenz am 15. März.
sitzer gewechselt. Die Compagnie Parisienne de Réescompte, Frankreichs führender Edelmetall-Händler, notierte den höchsten Goldpreis seit der Korea-Krise: 44,36 Dollar je Unze (31,1035 Gramm) Feingold, fast zehn Dollar über dem offiziellen Goldkurs des amerikanischen Schatzamts.
In London, Paris und Zürich kauften Spekulanten in der vorletzten Woche Hunderte von Tonnen Gold in Harren und Münzen auf. Während der Goldpreis nach oben schnellte, fiel der Dollar-Kurs auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten. In Paris, so berichtete das US-Magazin "Newsweek", habe der Dollar sein "Waterloo" erlebt.
Um den Kurs zu stützen, nahm allein Westdeutschlands Notenbank in Frankfurt während zweier Tage für mehrere hundert Millionen Mark Dollar aus dem deutschen Devisenmarkt. Verzweifelt setzte US-Notenbankchef William McChesney Martin den Zinssatz für Wechselkredite auf fünf Prozent hinauf, die höchste Rate seit der Weltwirtschaftskrise 1929.
Zusammen mit dem Dollar begann der Welt zweitwichtigste Währung, das britische Pfund, zu wackeln. Binnen Stunden sackte der Pfundkurs von der amtlichen Parität (2,40 Dollar) fast auf den sogenannten unteren Interventionspunkt von 2,385 Dollar, bei dem die Bank von England eigene Noten gegen harte Währung aufkaufen muß. Um eine neuerliche Pfundabwertung zu verhindern, mußten Notenbankiers befreundeter Staaten Großbritannien mit einem Sechs-Milliarden-Mark-Kredit aushelfen.
Londoner Priester hefteten an die in der City gelegene Kirche "St. Edmund the King" eine Tafel mit der Aufschrift: "Gebete für Bankiers von 12.15 bis 12.45 Uhr."
Der Goldexperte der First National City Bank in New York, Miroslav Kriz. stöhnte: "Es ist ein Stadium des Paroxysmus erreicht. Eine Welle des Mißtrauens geht um die Welt." Die "New York Times" schrieb, Amerika habe einen "Flirt mit dem Desaster". In der vergangenen Woche triumphierte Frankreichs Staatschef Charles de Gaulle, Dollar und Pfund hätten ihre Rolle als Leitwährungen der Welt "ausgespielt". Das auf ihnen basierende Währungssystem sei "so gut wie tot".
Für einige Tage geriet die Währungsordnung der westlichen Welt an den Rand der Katastrophe. Der Dollar, seit Ende des Ersten Weltkriegs die internationale Leitwährung, wurde an den Devisenplätzen wie ein ungedeckter Scheck behandelt.
Banken, Wechselstuben und Hotels in Deutschland, Italien und Frankreich ließen amerikanische Touristen auf ihren Dollar und Traveller-Schecks sitzen. Vor dem Trauma einer Dollar-Abwertung flüchteten Bauern und Bankiers, Krämer und Kurtisanen, Scheichs und Schieber in das vermeintlich ewigen Wert verbürgende Gold.
Doch dem Rausch folgte der Kater. Die Hoffnung der Spekulanten, die US-Regierung werde den seit 1934 geltenden amtlichen Preis des Goldes heraufsetzen, erfüllte sich nicht.
Am Montag letzter Woche brach der hochgepokerte Goldkurs zusammen. Bis zum Wochenende war niemand bereit, an den Börsen in Paris und Zürich mehr als 39 Dollar je Unze Feingold zu bieten. Westdeutsche Bürger, die in der vorletzten Woche ihre Ersparnisse in Gold angelegt und dafür außer dem offiziellen Kurs noch die Mehrwertsteuer zahlten, hatten bis Ende vergangener Woche je Kilo-Barren 300 bis 400 Mark verloren.
Nach einer Blitzkonferenz der Notenbankchefs aus sieben Ländern hatte sich Washington entschlossen, einen Teil der goldenen Last abzuwerfen. Am vorletzten Wochenende stoppten die USA und die zum sogenannten Goldpool zählenden Länder Belgien, Bundesrepublik, Großbritannien. Italien, Niederlande und die Schweiz die Ausfuhr ihres Währungsgolds an die freien Handelsplätze.
Seitdem gibt es in der Welt zweierlei Gold:
> sogenanntes Zentralbankgold, das die Währungsbehörden untereinander zum Ausgleich von Zahlungsbilanz-Überschüssen oder -Defiziten verwenden und das weiterhin zum offiziellen Preis des US-Schatzamts von 35 Dollar je Unze verrechnet wird;
> Warengold, das wie Zinn oder Kupfer an Spezialbörsen gehandelt wird und dessen Preis sich nach Angebot und Nachfrage reguliert. Mit der Spaltung des Goldmarktes stopften die vereinigten Notenbankchefs das Abflußrohr, in das die goldenen Währungsreserven der USA zu verströmen drohten. Allein während der letzten zehn Jahre büßte Amerika Gold im Wert von rund 40 Milliarden Mark ein.
Dafür sorgte ein Mechanismus, der es allen Staaten und Privatleuten außerhalb der USA ermöglichte, an die amerikanischen Goldbestände zu kommen.
Als einzige Währung ist der Dollar direkt an das gelbe Metall gekoppelt. 1934 verpflichtete sich das US-Schatzamt, jederzeit ausländischen Notenbanken auf Wunsch für 35 Dollar eine Unze Feingold einzutauschen.
Zu diesem amtlichen Kurs konnten seither auch Juweliere und Goldsparer einkaufen. Als Mittler diente der Londoner Goldmarkt, auf dem traditionsgemäß die südafrikanischen Goldminen ihre Produktion absetzten.
Drohte bei großer Nachfrage der Richtpreis auf 35,20 Dollar, den sogenannten oberen Goldpunkt, zu steigen, schob das amerikanische Schatzamt aus seinem
Währungshort in Fort Knox im Bundesstaat Kentucky Barren auf den Londoner Markt. Sank die Nachfrage und fiel der Preis auf 34,80 Dollar, den unteren Goldpunkt, stützte Amerika die Londoner Notierung durch Aufkäufe. Meist schwankte der Kurs nur in der dritten und vierten Stelle nach dem Komma.
Dank der Umtauschgarantie zu festem Kurs war der Dollar in den Augen der Welt so gut wie Gold. Die nationalen Notenbanken legten den Dollar als Währungsreserve in ihre Tresore wie vordem nur die Barren. Neben dem Dollar ist heute nur noch das Pfund Sterling in den ehemals britischen Kolonien Reservewährung.
Die übrigen nationalen Valuten, etwa Mark. Gulden oder Schweizer Franken, hatten ebenso wie das Pfund die goldene Garantie bereits nach dem Ersten Weltkrieg fallengelassen. Ihr internationaler Tauschwert bemißt sich nach einem System fixer Wechselkurse, die allesamt in Dollar definiert sind. So ist beispielsweise die Mark 0,25, das Pfund Sterling 2,40 Dollar wert.
Die Goldgarantie Washingtons sollte der 1934 noch jungen Weitwährung Dollar das Vertrauen aller Länder sichern. In Wahrheit bürgte für den Glanz des Dollar nicht das Gold, sondern die Kraft der US-Wirtschaft.
Bei der Währungskonferenz von Bretton Woods (US-Staat New Hampshire) von 1944 plädierte daher das englische Währungsgenie John Maynard Keynes dafür, die goldene Basis zu verlassen. In einem auf Kredit gegründeten Papierwährungssystem sei Gold "ein Fremdkörper".
Der sogenannte Gold-Devisen-Standard, so Keynes, werde dazu führen, daß sich die Welt in goldbesitzende Länder und Habenichtse spalte. In einer wachsenden Weltwirtschaft sei es unsinnig, daß die internationale Zahlungsfähigkeit von der Ergiebigkeit einiger Goldbergwerke abhängig sei.
Doch die Tatsache, daß die Amerikaner zu jener Zeit mit Barren im Wert von 80 Milliarden Mark den weitaus größten Goldvorrat hielten und die vom Krieg verwüsteten Länder Europas auf amerikanische Hilfe angewiesen waren, gab den Ausschlag. Die Amerikaner blieben beim Gold-Devisen-Standard.
Um das in Bretton Woods vereinbarte Währungssystem gegen Krisen abzusichern, gründeten 44 Länder kurz nach Kriegsende den Internationalen Währungsfonds (IWF). In ihn zahlte jedes Mitglied entsprechend seinem Sozialprodukt ein Beitrittsgeld (Fondsjargon: "Quote"), das zu einem Viertel in Gold, zum Rest in eigener Währung eingebracht werden mußte.
Im Falle eines Zahlungsbilanzdefizits konnte das in Not geratene Mitglied beim IWF kurzfristigen Kredit anfordern. Bis heute sammelte die Fonds-Zentrale in Washington von ihren mittlerweile 107 Mitgliedern ein Kreditpolster von 84 Milliarden Mark an.
Unter dem Schutz des Dollar und des Internationalen Währungsfonds blühte der Welthandel, der im Kriege praktisch abgestorben war, wieder auf. Seit 1950 stieg der Wert der international ausgetauschten Güter und Dienstleistungen von 450 Milliarden Mark auf heute 1500 Milliarden Mark.
Mit dem Aufstieg der europäischen Industrieländer wuchs ihre Fähigkeit, die benötigten Dollar am Weltmarkt zu verdienen. Der Zustrom der US-Devisen verstärkte sich weiter, als amerikanische Konzerne europäische Firmen und Beteiligungen aufkauften. Insgesamt investierten die US-Unternehmen seit Kriegsende 230 Milliarden Mark im Ausland, mehr als 40 Milliarden Mark jährlich kosten Entwicklungshilfe, Truppen-Stationierung und Auslandsreisen von Touristen.
Je mehr Dollar sich in den Währungskassen der Welt ansammelten, desto größer wurde die Bedrohung für Amerikas Goldbastion. Schon 1960 überstiegen die jederzeit in Gold umtauschbaren Dollar außerhalb der USA den Barrenhort in Fort Knox (damals 71 Milliarden Mark in Gold).
Der Versuchung, Dollar in Gold umzutauschen, konnten die Handelspartner der USA nur so lange widerstehen, wie Amerikas Wirtschaft stark und die ökonomische Führungsrolle der USA unbestritten war. 1960 wurde erstmals offenbar, daß sich die Amerikaner finanziell übernommen hatten.
Der Geldtheoretiker der renommierten Universität Massachusetts Institute of Technology, Paul A. Samuelson, warnte damals den Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy vor der heraufziehenden Dollardämmerung. Wenn Amerika seine Rolle als Weltfinanzier weiterspielen wolle, müsse es in jedem Jahr für 32 Milliarden Mark mehr Güter und Dienstleistungen ausführen als importieren. Nur so könne Amerika seinen militärischen, wirtschaftlichen und sozialen Verpflichtungen in aller Welt nachkommen, ohne die goldene Basis des Dollar zu gefährden.
Doch Samuelsons Warnungen verschlugen nichts. Seit 1960 erreichte der Überschuß im Handels- und Dienstleistungsverkehr pro Jahr durchschnittlich nur fünf Milliarden Dollar. Die Zahlungsbilanz schloß stets mit hohen Defiziten.
Allein durch drastische Sparmaßnahmen im Innern hätten die USA sich vor dem drohenden Goldgewitter schützen können. Doch von Truman bis Johnson wirtschafteten alle Präsidenten mit leichter Hand. Ihr Interesse galt vornehmlich der inneren Expansion. 18 Jahre lang nahmen sie dafür sich ständig aufsummierende Zahlungsbilanz-Defizite in Kauf.
Amerikas Handelspartner freuten sich zunächst des Dollarsegens, weil auf diese Weise ihre Währungsreserven wuchsen. Fatalerweise aber stellte gerade diese für den Welt-Wohlstand erforderliche Verschuldung der USA alle Länder vor immer neue Probleme. Die Fehlbeträge in der amerikanischen Zahlungsbilanz, und damit die Dollar-Exporte, sind um so größer, je nachlässiger die US-Wirtschaftspolitiker die Inflationsgefahren im Innern eindämmen. Je müheloser sich aber die übrigen Nationen die Reserve-Währung verschaffen können, um so mehr sind sie versucht, auch bei sich den Schlendrian zum Finanzminister zu machen.
Da das Problem, den Dollar international gleichzeitig knapp und reichlich zu halten, nie ganz gelöst werden kann, wollen die Mitglieder des Internationalen Währungsfonds eine künstliche Reserve-Währung schaffen. Die finanzschwachen Mitglieder des IWF sollen jährlich bis zu acht Milliarden Kunst-Devisen aus dem Fonds ziehen können. Diese übernationale Reserve-Währung hätte den Vorteil, daß die Dollar-Krankheit künftig nicht mehr so ansteckend wäre wie heute.
Die Verhandlungen im Währungsfonds aber ziehen sich seit Jahren hin. Und die US-Regierung tat die heraufziehende Krise linkerhand ab.
Noch im vergangenen Herbst, als das britische Pfund kollabierte und der Dollar im Gerede war, weigerte sich der amerikanische Kongreß, die nötige Steuererhöhung zu genehmigen. Und selbst beim Dollarsturz am vorletzten Donnerstag war der mächtige Vorsitzende des Kongreß-Wirtschaftsausschusses Wilbur Mills nicht zu erreichen. Er saß beim Friseur, dann ging er zum Lunch, dann flog er zu einer Partei-Party nach Arkansas.
Niemals zuvor war das US-Schatzamt stärker von der Bereitschaft ausländischer Währungsbanken abhängig, das zu unterlassen, was ihnen die Dollarnoten verbürgten: den Umtausch in Gold.
Der in Paris lebende deutsche Bankier und Währungsexperte Professor L. Albert Hahn riet den Amerikanern schon 1960, die Goldausfuhr zu sperren und zugleich die Inflationsherde in der amerikanischen Wirtschaft durch Kreditbremsen und Stopp der Staatsverschuldung auszutreten. Anders könne Washington seiner Zahlungsbilanz-Defizite nicht mehr Herr werden.
Doch wie Keynes in Bretton Woods. mußte Albert Hahn erfahren, daß die Stimme der Vernunft keinen Goldwert hat. Statt ein Sparprogramm zu verabschieden und die Goldgarantie des Dollar zu widerrufen, hielt die US-Regierung nach Bundesgenossen Ausschau, die bereit waren, den faulen Wechsel aus eigener Tasche zu prolongieren.
Auf Druck des Präsidenten Kennedy erklärten sich im Herbst 1961 Belgien. die Bundesrepublik, Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien und die Schweiz bereit, das Dollar-Roulette am Londoner Goldmarkt mit eigenen Chips zu alimentieren.
Jedes Mitglied schoß eine bestimmte Menge Edelmetall in einen sogenannten Goldpool ein. Zum Anfangsbestand von 1,08 Milliarden Mark trugen die Amerikaner die Hälfte, die Bundesrepublik elf Prozent (119 Millionen Mark) bei. Mit diesem Gold sollte die Bank von England den Kurs am Londoner Markt stützen, wenn die Spekulation aufschwappte und der Goldpreis zu steigen drohte.
Außerdem verpflichteten sich die Partner in einem Geheimabkommen, den goldenen Notvorrat entsprechend ihrer Quote bei Bedarf zu ergänzen.
Die neuerliche Garantie des Goldstandards verschaffte den Spekulanten leichtes Spiel. Mühelos und ohne jedes Risiko konnten sie den internationalen Währungsbanken Goldreserven zum Festpreis entziehen. Je mehr Barren die Spekulanten den staatlichen Währungshorten entnahmen, um so größer wurde ihre Hoffnung, daß bei dem insgesamt begrenzten Metallvorrat eines Tages dem Pool die Luft ausgehen und der Goldpreis erhöht werden müßte.
An die Spitze der internationalen Schar von Hortern und Dollar-Flüchtlingen setzte sich Frankreichs Staatschef Charles de Gaulle. Sein Zwangsverhältnis zum Bonapartismus bringt es mit sich, daß er noch heute den abgestandenen Goldtheorien des vergangenen Jahrhunderts anhängt.
Kern der Währungs-Lehre des Generals, die sein Berater Jacques Rueff artikuliert, ist die Vorstellung, daß dem Gold eine Art transzendenter Wert zukommt, von dem alle geltenden Valuten ihren Glanz empfangen. Deshalb soll Gold die einzige Währungsreserve sein und nicht mehr wie jetzt auch Dollar und Pfund Sterling.
Geldtheoretiker und -praktiker in aller Welt halten Rueffs Pläne für baren Unsinn. Allgemein herrscht die Auffassung, bei einer Rückkehr zur reinen Goldwährung müßten die Länder -- so wie vor dem Weltkrieg 1 -- ständig ökonomische Schrumpfprozesse in Gang setzen, um ihre Metall-Vorräte beisammen zuhalten. Sogar der ehemalige französische Planungskommissar Pierre Uri nannte de Gaulles Goldgläubigkeit "ein monumentales Stück Unverantwortlichkeit".
Während Notenbank-Spezialisten einschließlich der französischen darüber staunen, wie mehr als 30 Jahre Währungsgeschichte am Ohr de Gaulles vorbeirauschen konnten, rüstet der General für den Tag X, der Renaissance des Goldes. Seit Jahren präsentiert er alle seine Dollar dem US-Schatzamt und verlangt Gold. Seit 1958 häufte die Banque de France in stillgelegten Bergwerken und ihrem Pariser Tresor Gold für 21 Milliarden Mark an. Um des güldenen Scheins willen nahm der General in Kauf, daß der Metallstock keine Zinsen bringt.
Weitere Milliarden Francs Privatgold ruhen in Matratzen und in französischer Muttererde.
Im Bewußtsein, daß nirgendwo außerhalb Amerikas mehr Gold angehäuft ist als in Frankreich, machte de Gaulle der US-Regierung im Februar 1965 eine scheinheilige Offerte. Amerika solle, um den knappen Weltvorrat des glitzernden Elements zu strecken, den Goldpreis verdoppeln.
Dieses Manöver hätte beiden Seiten Profit gebracht. Amerika hätte seine Dollar-Gläubiger wie ein Bankrotteur mit der halben Goldquote abspeisen Frankreich die Früchte seiner Goldhamsterei (Hahn: "Gipfel der Non-Kooperation") ernten können.
De Gaulles Gold-Tic gab der Spekulation Kraftnahrung. In immer kürzeren Abständen wiederholte sich das immer gleiche Spiel. Bei Nacht und Nebel stapelten schwarze Arbeiter in Fort Knox Barrengold in Panzerwagen.
Von Gunmen schwer bewacht, rollte der Kondukt zu immer wechselnden Militärflughäfen Amerikas. Bei Nacht und Nebel landeten vierstrahlige Gold-Transportjets im mittelenglischen Mildenhall. Beamte von Scotland Yard, ausnahmsweise bewaffnet, brachten das in Containern verpackte Metall zum Londoner Markt, von wo es seinen Weg in die Taschen von Rückversicherern aller Länder nahm.
In den letzten zehn Jahren büßten die Amerikaner auf diese Weise mehr als 40 Milliarden Mark Gold ein. Das Poolmitglied de Gaulle war auf eigenartige Weise dem Londoner Goldmarkt verbunden: Als Spekulant minderte er Amerikas Vorrat, als Teilnehmer am Londoner Dollar-Hilfswerk half er den von ihm verursachten Verlust wieder aufzufüllen.
Im Juni letzten Jahres stellte de Gaulle sein Doppelspiel ein. Mit der Begründung, Frankreich denke nicht daran, weiterhin mit Gold den Vietnam-Krieg zu finanzieren, verließ er den Pool-Verein.
In der Tat brachte der Vietnam-Krieg die seit Jahren schwelende Dollarkrise zum Lodern. Er verschlingt jährlich 120 Milliarden Mark -- vier Prozent des amerikanischen Sozialprodukts. Die mit Kriegsrüstung beschäftigte amerikanische Industrie gab einen Teil ihrer traditionellen Märkte für die Auslandskonkurrenz frei. Ergebnis: Ausfuhren, die zur Stabilisierung des Dollar dringend erforderlich waren, unterblieben -- Einfuhren aus Europa nahmen zu.
1967 schloß die amerikanische Zahlungsbilanz mit einem Defizit von 14 Milliarden Mark -- mehr als doppelt soviel wie im Jahr zuvor. Für 1968 sagen Experten ein Minus von beinahe 20 Milliarden Mark voraus.
Zu Beginn dieses Jahres war der Goldvorrat bis auf 48 Milliarden Mark zusammengeschmolzen und näherte sich bedrohlich jener Grenze, die das Gesetz der Notenbank zog. Danach mußten 25 Prozent der ausgegebenen Dollarnoten durch güldene Ziegel gesichert sein. Für diese sogenannte Vierteldeckung waren rund 40 Milliarden Mark in Gold erforderlich.
Am ersten Tag des neuen Jahres entschloß sich Johnson zu einem desparaten Schritt: Das Land, in dem wirtschaftliche Freiheit ein Teil des Menschenrechts ist und dessen Dollar die amerikanische Mission in alle Welt trug, schränkte eben diese Freiheit ein.
Künftig sollen
> amerikanische Unternehmen den Erwerb von Beteiligungen an ausländischen Firmen einschränken;
> ausländische Töchter amerikanischer Konzerne einen Teil ihrer Gewinne in die Heimat transferieren;
> amerikanische Touristen das Ausland meiden.
Doch der Sparbefehl des Präsidenten kam zu spät. Die Spekulation gegen die amerikanische Währung wuchs lawinengleich, obwohl Johnson immer wieder beteuerte, er werde am offiziellen Goldpreis von 35 Dollar je Unze festhalten.
Am 10. März flog Amerikas Notenbank-Chef zu einem Treffen der Goldpool-Länder nach Basel. In aller Eile wiederholten die an die goldene Kette geschlossenen Zentralbankiers die Formel, sie würden am alten Standard festhalten.
Eine Nachricht aus Vietnam warf alle Stabilisierungsbemühungen vollends über den Haufen. Am Montag vorletzter Woche wurde bekannt, General Westmoreland habe 206 000 Mann Verstärkung für den Krieg in Ostasien angefordert. Eine neue Dollarflut kündigte sich an.
In den folgenden drei Tagen notierte der Londoner Goldmarkt die höchsten Umsätze seit Kriegsende. Um den offiziellen Kurs zu halten, mußten die Pool-Partner 400 Tonnen Gold im Wert von annähernd zwei Milliarden Mark an die
Börse werfen, allein die Frankfurter Bundesbank verlor dabei mehr als 200 Millionen Mark.
In der Nacht zum Freitag vorletzter Woche sah sich Präsident Johnson genötigt, die für Notfälle installierte Fernschreibleitung zum Sitz des britischen Premierministers Wilson zu bedienen. Johnson bat, für den kommenden Freitag den Londoner Goldmarkt zu schließen. Begründung: Auf einer für den folgenden Sonnabend terminierten Sitzung der sieben Goldpool-Länder seien wichtige währungspolitische Beschlüsse zu erwarten.
Noch in der Nacht entsprach Königin Elisabeth 11. dem Wunsch des Präsidenten. Die Bank von England ersuchte die internationalen Goldumschlagplätze Paris, Zürich und Johannesburg um einen Tag Börsenruhe.
Am Freitagmorgen blieben alle wichtigen Goldplätze geschlossen. Selbst Frankreichs Notenbank-Präsident Jacques Brunet wollte sich an der Solidar-Aktion beteiligen.
Als Charles de Gaulle das erfuhr, griff er zum Telephon und herrschte seinen Finanzminister Michel Debré an; "Was bildet sich der Kerl ein? Spielt er (Brunet) das Spiel der Amerikaner?" Barsch verfügte er, die Börse habe zu öffnen. Brunet wurde angewiesen, den Goldpreis durch Aufkäufe auf mindestens 6500 Francs je Kilogramm, das entspricht 41 Dollar je Unze, hinaufzutreiben.
Mit diesem Manöver wollte de Gaulle der Welt beweisen, daß der amerikanische Dollar abwertungsreif sei und der Goldpreis -- von der Fessel des US-Schatzamts befreit -- wesentlich über der amtlichen Parität liege.
Die Nachricht von der Goldhausse in Paris verbreitete sich in Minutenfrist in ganz Europa. Die Furcht vor einem Abwertungs-Desaster verleitete Tausende von Klein- und Großverdiener, Papier für Gold zu geben. Der Kurs zuckte auf 7000 Francs je Kilogramm, 44,36 Dollar je Unze, nahezu 40 Mark über dem Preis des US-Schatzamts.
Hätten die großen europäischen Währungsbanken ähnlich tückisch gegen den Dollar agiert, wäre aus dem Furt mit dem Desaster bitterer Ernst geworden. Nur Dank der Disziplin der übrigen Notenbankiers endete der Goldsturm als Spektakel.
Am vorletzten Freitag, als aufgescheuchte Kleinsparer noch grammweise zu Höchstpreisen kauften, schlugen die Spekulanten das Gold bereits tonnenweise los. Erich Mendes Arbeitgeber, die in Panama registrierte Investment-Gesellschaft Investors Overseas Services (IOS), deren Boß Bernard Cornfeld einen amerikanischen Paß trägt, machte bei der Hatz auf den Dollar die reichste Beute.
Am Montag vorletzter Woche hatte Bernie Cornfeld 124 Millionen Mark seiner vorwiegend westdeutschen Kunden in Gold angelegt, zum Einstandspreis von 35,30 Dollar je Unze. Am Freitag sprang er ab und nahm 35 Millionen Mark Gewinn mit.
Schweizer Baubehörden rieten einem hanseatischen Kaufmann mit Zweitwohnsitz im Tessin, die Decken seines Hauses zu verstärken. Die goldene Spekulationslast im ersten Stock der Villa hatte der Architekt nicht eingeplant.
Doch die Hoffnung auf neue Gewinne war am Montag letzter Woche verflogen. Der hochgejubelte Goldkurs am Pariser Markt sank unter 40 Dollar. Am Mittwoch lieferten jene Kleinsparer ihre 50-Gramm-Barren zum 38-Dollar-Kurs wieder ab, die sie am Freitag -- meist auf Kredit -- für 44 Dollar gekauft hatten.
Die Washingtoner Erklärung der Notenbank-Präsidenten, sie würden künftig kein Metall mehr auf die freien Märkte werfen und den Handel sich selbst überlassen, setzte dem Goldrausch vorerst ein Ende. Vorsorglich hob der US-Senat jetzt jenes Gesetz auf, das der Notenbank vorschrieb, ein Viertel aller Dollarnoten mit Gold abzudecken.
Wie nie zuvor zeigte sich, daß der Wert des Goldes nicht grenzenlos, sondern weiterhin von der papierenen Dollarwährung abhängig ist. Würde Amerika vollends die Gold-Dollarbindung aufgeben und zusammen mit den Pool-Ländern sämtliche Währungsreserven freihändig zum Verkauf anbieten, müßte der Goldpreis mindestens auf die Hälfte des gegenwärtigen Kurses sinken.
Mit dem Abklingen des Goldfiebers ist die Krankheit der beiden führenden Weltwährungen Dollar und Pfund freilich nicht beseitigt. Die Währungsspekulation gegen den Dollar wird wieder aufleben, wenn die US-Regierung nicht bereit ist, unter Schmerzen und Opfern ihre Wirtschaft in Ordnung zu bringen und das Defizit in der Zahlungsbilanz zu verringern. Der Pariser Freitag war ein erster Schock.
US-Notenbank-Chef William Mc-Chesney Martin versprach am vorletzten Wochenende seinen europäischen Kollegen in Washington, seine Regierung werde alles tun, die Finanzen des Landes zu sanieren. Mit höheren Kreditzinsen, einem zehnprozentigen Zuschlag zur Einkommensteuer, einer Kürzung der Staatsausgaben um 36 Milliarden Mark und einer Einfuhrabgabe von drei Prozent hofft Präsident Johnson, die inflationäre Binnenkonjunktur zu stoppen und die emigrierten Dollar heimzuholen.
Mißlingt die spät begonnene Dollarsanierung, müßten Europas Währungszwerge ihre Leitvaluten wie einen siechen Krüppel gleich dem britischen Pfund von Termin zu Termin schleppen. Am Ende droht dann doch noch die Abwertung des Dollar.
Solange der Krieg in Vietnam nicht beendet ist, stellen Europas Währungschefs den USA eine schlechte Prognose. Die Dollarflüchtlinge aller Länder, so bekannte der Welt angesehenste Zeitung, die "New York Times", "suchen Schutz vor einer Nation, die ihre Reichtümer verschwendet, sich in einen -- wie sie glauben -- aussichtslosen Krieg verstrickt hat, die paralysiert und zerrissen erscheint, undiszipliniert und führerlos".

DER SPIEGEL 13/1968
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