01.04.1968

KUNST / KIRCHNERBesch. Sachsen

Ich habe noch nie einen so rastlos arbeitenden Künstler wie Kirchner gesehen. Er ist ein großes Vorbild.
So schrieb der Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880 bis 1938) -- ihm war, notierte er ferner, die "Fähigkeit" gegeben, sich "wie eine dritte Person zu sehen und darzustellen".
In der dritten Person und in der ersten Person, doch stets als Hauptperson stellte sich Kirchner, ein Anführer des deutschen Expressionismus, auf den Blättern des Tagebuches dar, das er von 1919 bis 1928 an seinem Schweizer Wohnsitz Davos unregelmäßig führte. Das egozentrische Dokument wird nun, zusammen mit Schriften und Briefen des Künstlers, erstmals als Buch veröffentlicht*.
Die Edition des Diariums war heikel: Herausgeber Lothar Grisebach, 57, der einst als Kind den Künstler in Davos sah (Kirchner über den Achtjährigen: "Mit Lothar leider nicht viel los"), hatte nicht nur Mühe, dessen nachlässige Handschrift zu Lesen; er mußte auch "juristische Gründe" erwägen.
Denn Kirchner, von hektischem Selbstbewußtsein erfüllt, doch auch von fast klinischem Verfolgungswahn geplagt, vermerkte neben rühmenden Charakteristiken der eigenen Kunst und Merksprüchen allgemeiner Art ("Die erste Bedingung im Liebesleben ist doch, daß eine Frau sauber ist") vornehmlich Beschwerden über Zeitgenossen -- beispielsweise Injurien gegen den Kritiker und Kirchner-Monographen Will Grohmann, 80, die von Grisebach entfernt wurden.
Andere Ausfälle freilich gingen in Druck, so das Kirchner-Wort: "Der beschissene Heckel wühlt wieder mal. Dieser schwarze Mensch soll nicht mehr in meinen Gesichtskreis treten." Erich Heckel, heute 84, war 1904 an der Dresdener Technischen Hochschule in den Gesichtskreis des Studenten Kirchner getreten. Ein Jahr später gründeten beide -- zusammen mit zwei Architektur-Kommilitonen und Mal-Autodidakten -- die früheste und straffste Expressionistengemeinschaft, die "Brücke". Ziel des Zusammenschlusses laut Kirchner: "den Akt, die Grundlage aller bildenden Kunst, in freier Natürlichkeit zu studieren".
Die Künstler benutzten ihre Freundinnen als Modelle, "stürzten" sich (so Kirchner später im Tagebuch) "auf die Natur in den Mädchen" und bildeten sie "ohne Pose oder sonstiges" ab -- in hastig hingeworfenen Zeichnungen, expressiven Graphiken und leuchtend farbigen, großflächigen Gemälden.
Ihre als Extrakt der Wirklichkeit gemeinten Form-Abbreviaturen (Kirchner: "Hieroglyphen") entwickelte die mehrfach personell veränderte "Brücke" dann an Landschaften und Stadtansichten weiter, zumal seit ihrem Umzug nach Berlin (1911). Vor allem Kirchner, dem bedeutendsten der "Brücke"-Maler, gelangen mit seinen großfigurigen Berliner Straßenbildern Meisterwerke des Expressionismus. Doch als er die eigene Leistung in einer Chronik allzu stark betonte, ging die ohnehin gelockerte Gruppe 1913 im Streit auseinander.
Der Kriegsausbruch traf Kirchner besonders hart, da sich der labile Künstler für den Militärdienst zu schwach fühlte. Nach einem "mehr oder weniger simulierten Zusammenbruch" (Grisebach) und verschiedenen Sanatoriumsaufenthalten kam er schließlich 1917, angeblich lungenkrank" nach Davos. Dort fand er neue kühne "Hieroglyphen" für die Schweizer Bergwelt -- eine persönliche Formensprache jenseits des "Brücke"-Stils.
Mißtrauen und Haß gegen die alten Malerfreunde jedoch hatte der Emigrant, wie das Tagebuch zeigt, mitgebracht: Er stilisierte nicht nur Heckel zum Intriganten und Epigonen ("Er ahmt alles nach, besonders mich"), sondern bezichtigte auch Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein des Plagiats.
Über andere malende Zeitgenossen notierte der Tagebuchschreiber gleichfalls wenig Gnädiges. "Klee", urteilte er, "umgeht die Schwierigkeiten, Marc ist überhaupt indiskutabel. Kitsch à la Kandinsky." Dix schien ihm "nicht zum Ansehen gemein und eklektisch", Beckmann "ebenso sinnlos und ekelhaft".
Tadellos fand er eben nur das eigene Werk, das er geistvoll interpretierte ("Die bewußte Formung der Hieroglyphe, die Umgestaltung der Naturform in eine Kunstform"), dessen Originalität er jedoch überschätzte. "Unter den heute schaffenden Modernen", glaubte er bei einer Deutschland-Reise 1926 zu erkennen, "steht meine Arbeit
Lothar Grisebach: "E. L. Kirchners Davoser Tagebuch". Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 320 Selten; 24 Mark.
tatsächlich in ihrem Ernst, Freiheit und Eigenheit an allererster Stelle."
Diese Arbeit rühmte ihr Autor nicht nur in privaten Aufzeichnungen -- auch in Publikationen, die angeblich ein französischer Arzt namens Louis de Marsalle verfaßt hatte, der (so Kirchner brieflich) "nach meiner Meinung einfach ideal schreibt". Kirchner im Tagebuch: "Wer sich für Kirchners Einsichten besonders interessiert, sei auf das schöne und sachliche Buch von L. de Marsalle verwiesen."
Kirchner-Verehrer, die den unbekannten Schriftsteller aufsuchen wollten, hielt der Maler mit wechselnden Marsalle-Adressen zum besten. So erfuhr Grohmann nach und nach, der Franzose lebe in Paris, in Algier oder ohne festen Wohnsitz in Militärdiensten.
Auch mit eigenen Texten über Kirchner hatte Grohmann Schwierigkeiten -- er mußte, wie andere Autoren, sein Manuskript in Davos zur Zensur vorlegen und gründlich redigieren lassen. Nur unter dieser Bedingung gab Kirchner seine Bilder zur Reproduktion frei.
Trotz solcher Vorsorge für den eigenen Ruhm war der Künstler mit dem Echo unzufrieden -- er sah sein Werk nur ausgebeutet, nicht gewürdigt. "Wie diese besch. Sachsen damals", klagte er, "so übernehmen heute die Schweizer meine Dinge, aber Dank und Anerkennung für mich, das hat keiner."
Auch im privaten Umkreis zeigte sich Kirchner mißtrauisch und reizbar: Er vermutete Intrigen von den Nachbarn, und seine Lebensgefährtin Erna Schilling, deren Bett er mit figürlichen Schnitzereien im Stil der Südsee-Insulaner verzierte, fand er "auf die Dauer nicht trätabel" oder "wiedermal ganz meschugge". Erst später arrangierte er sich mit der Berlinerin und schrieb: "Wir leben ja auch selten gut miteinander und kennen diese perversen Abneigungsgefühle der staatlichen Ehen nicht."
Die Gefährtin überlebte, als Kirchner seinem Wahn und seiner Reizbarkeit zum Opfer fiel -- einer Reizbarkeit, die seine Malerei inspirierte ("Die Bilder bekommen Extase; aber ich muß bluten, mehr wie je zuvor"). Der deutsche Maler, laut eigenem Urteil "germanisch wie kein anderer Künstler", ertrug es nicht, in Deutschland als "entartet" denunziert zu werden; 1938 schoß er erst auf seine Bilder, dann auf sich selbst.
Erna Schilling, die nach Kirchners Ende von den Behörden als Frau Kirchner anerkannt wurde, überließ das Tagebuch-Manuskript nebst anderen Erinnerungsstücken wie dem geschnitzten Bett einer wohlhabenden Verehrerin des Künstlers. Nun, nach beider Tod, stehen die Reliquien zum Verkauf: Im Juni sollen sie im Berner Auktionshaus Kornfeld & Klipstein versteigert werden.

DER SPIEGEL 14/1968
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