01.04.1968

GESTORBENHERBERT JENSEN

HERBERT JENSEN, 67. Zuerst kommt der Fußgänger, betonte der Städteplaner oft. Beim Wiederaufbau Kiels hatte Jensen vorbildliche autofreie City-Zonen geschaffen; und auch im Stadtentwicklungsplan für das vom Verkehr erstickte Millionendorf München hatte er Pflastertreter-Areale durchgesetzt. Denn die Stadt -- für Jensen "Höhepunkt menschlicher Kulturleistung", aber im 19. Jahrhundert von "Versteinerung" und im 20. von "Auflösung" bedroht -- könne nur aus Fußgängerbereichen so gesehen werden, "wie sie ursprünglich gedacht wurde". Der erfolgreiche Planer, zuletzt Städtebau-Ordinarius an der TH Braunschweig, erlag während des Architekten-Wettbewerbs für die Dortmunder Universität am Preisrichter-Tisch einem Herzschlag.
PAUL DIERKES, 60. "Kunst kann man nicht lehren", lehrte der Professor an der Hochschule für bildende Künste in Berlin und brachte den Studenten dafür das Handwerk des Meißelns und Schnitzens bei. Die eigenen materialgerechten Werke des Steinmetzsohnes aus Cloppenburg -- Schafsköpfe aus jahrhundertealtem Holz, gesprungene Kugeln aus Urgestein, zart modellierte Gipsflächen, aber auch derbe Tische aus Mahagoni -- verstand Dierkes als Naturzeichen in einer technischen Welt. Seine Werke zieren eine Wand im Gelsenkirchener Theater" eine Kölner Frauenklinik ("Ausbrechende Frucht"), einen Brunnen in Ottobeuren und den Kanzler-Garten in Bann (drei Marmorstelen). Zwei Tage vor seinem Tode wurde ihm der Oldenburgische Kunstpreis verliehen.
JURIJ ALEXEJEWITSCH GAGARIN, 34. Die Wissenschaft hatte ihn aufs Rad geflochten wie nie einen Menschen zuvor. Er wurde auf Zentrifugen herumgeschleudert" bis Blut aus seiner Rückenhaut quoll und er das Bewußtsein verlor. Er wurde in Hitzekammern geröstet und in Eiswasser getaucht; in einem nachtdunklen, schalldichten Verlies schmachtete er, bis vor seinen Augen Spukbilder gaukelten. Als er, so vorbereitet, am 12. April 1961 auf dem Feuerstrahl einer bürohaushohen Rakete als erster Mensch ins All ritt, funkte er aus der Schwerelosigkeit zurück: "Ich fühle mich wohl." Letzte Woche starb der Raumfahrt-Pionier und "Held der Sowjet-Union" auf dieselbe Weise wie vor ihm fünf US-Astronauten: Er stürzte mit einem Flugzeug ab.
HANS BAUMGARTEN, 68. Der Mitbegründer und Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen" saß zuletzt nur noch im Verwaltungsrat dieser "Zeitung für Deutschland", die nach eigener Darstellung "mehr nach der Art einer Akademie geführt" wird. In den fünfziger Jahren begleitete er unter Fraktur-Rubriken beifällig Kanzler Adenauers Weg zum Westen. Adenauer dankte öffentlich für die Hilfe (wird unvergessen bleiben"), Lübke verlieh das Große Bundesverdienstkreuz, und das eigene Blatt rühmte seine "Courage": "Selbst an der Bonner Regierung läßt er ein gutes Haar."

DER SPIEGEL 14/1968
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