11.03.1968

„Herrgott, es schlägt wieder“

1. Fortsetzung Louis Washkanskys 18 Tage
Am Vormittag des 4. Dezember 1967 machte die Meldung von der Herzverpflanzung in aller Welt Schlagzeilen. Die Story aus Kapstadt enthielt sämtliche Elemente einer Sensation -- sie war spannend, gefühlvoll, ergreifend, neu, es gab in ihr Ungewißheit, Heldentum und anschauliche Hauptfiguren. Sie mußte einschlagen, und sie schlug ein; was sie hervorrief, grenzte zeitweilig an Massenhysterie.
Von dem Augenblick an, da Louis Washkansky nach der Operation in das Zimmer 274 der Privatstation im Groote-Schuur-Krankenhaus gebracht worden war, wurde sein Befinden Tag und Nacht ununterbrochen von Apparaturen überwacht und in regelmäßigen Abständen durch Tests kontrolliert. Er war dem strengen System intensiver Nachbehandlung unterworfen.
Die Ärzte, die für sein Ergehen nach der Operation verantwortlich waren, hatten es in erster Linie mit drei Problemen zu tun:
> Das neue Herz mußte zufriedenstellend arbeiten und genügend Blut durch den Körper zu den Geweben pumpen;
> die immunologische Reaktion auf das verpflanzte Organ, über die so
© 1968 Voortrekkerpers Ltd., Johannesburg.
viel diskutiert worden und von der so wenig bekannt war, sollte unterdrückt und
> Infektionen mußten verhindert werden.
Zur Kontrolle des Herzens wandte man die bekannten Techniken der Überwachung an, die nach Operationen am offenen Herzen üblich sind. Alle 15 Minuten wurde der Blutdruck gemessen, der sich bei der Kontraktion der linken Herzkammer zeigt; "dieser sogenannte Systolendruck gibt Hinweise auf die Leistungskraft des Herzens.
Zugleich wurde der Blutdruck in den Venen mit Hilfe einer Kanüle überwacht, die man während der Operation in die untere Hohlvene eingeführt hatte. Stärke und Rhythmus der Herzschläge wurden ständig von einem Elektrokardiographen registriert.
Außer der Kurve auf dem Millimeterpapier und auf dem Oszilloskop gab der Elektrokardiograph ein hörbares Signal der Herzwellen -- jenes "bliep-bliep-bliep", das in allen Herz-Thorax-Stationen zu hören ist.
Die Funktion der Nieren wurde alle zwei Stunden durch Messung des Urinabgangs überwacht; außerdem überprüfte man täglich das Kreatinin, ein Abfallprodukt des Eiweiß-Umsatzes, das in den Urin gelangt. Auch die Körpertemperatur mußte alle 15 Minuten gemessen werden.
Labor-Techniker kontrollierten die chemischen Eigenschaften des Blutes durch Tests, die an den ersten Tagen zweimal und später einmal täglich vorgenommen wurden. Die Menge der im Blut befindlichen Säuren und Basen der sogenannte pH-Wert des Blutes -- sollte unter allen Umständen konstant bleiben. Außerdem führte das Labor täglich Untersuchungen der Elektrolyten* des Blutserums durch.
Sobald es Anzeichen dafür gab, daß die Herzleistung nachließ, sorgte man dafür, daß die Abweichungen im Säure-Basen-Gleichgewicht korrigiert wurden. Ungewöhnliche Beschleunigungen des Herzschlags wurden durch Sättigung mit Digitalis behandelt.
Problematischer war die Frage, mit welchen Methoden man die sogenannte Immun-Reaktion frühzeitig erkennen könnte. Jeder lebende Organismus besitzt die Fähigkeit, fremde Substanzen aufzunehmen oder abzustoßen. Ohne diesen Mechanismus könnte es kein Leben geben; schon der erste Krankheitskeim, der Eingang in den Organismus findet, würde sich ungehindert vermehren und den Körper schließlich zerstören.
Unglücklicherweise spielt diese Reaktion auch dann mit, wenn ein fremdes Organ in den Körper verpflanzt wird, vor allem, wenn das implantierte Organ wie etwa Herz und Nieren -- sehr viele Blutgefäße hat. Der Körper
* Elektrolyten: chemische Stoffe, die in einem Lösungsmittel elektrischen Strom leiten.
sieht es als Fremdkörper an und mobilisiert seine ganze Kraft, um den vermeintlichen Gegner abzustoßen und zu vernichten.
Professor Barnard sagte später, das Schwierigste bei der ganzen Herzverpflanzung seien die vielen unbekannten Faktoren gewesen: "Wir wußten einfach nicht, worauf wir uns gefaßt machen mußten."
Das gilt im weiteren Sinne für alle neuartigen Operationen, doch in diesem Fall machte von allen unbekannten Faktoren das Phänomen der Immun-Reaktion am meisten Sorge. Vor allem: Man wußte nicht, in welcher Form sie auftreten würde. Deshalb beschloß man, sich auf vier physiologische Bereiche zu konzentrieren, da man hoffte, sie würden bei einer drohenden Abstoßung als Vorwarn-System funktionieren.
Erstens wurden die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) überaus sorgfältig kontrolliert. Diese Zellen schützen den Körper dadurch gegen Krankheiten, daß sie Bakterien und andere Fremdkörper entweder "verschlingen" oder durch chemische Substanzen unschädlich machen. Eine Vermehrung der Leukozyten gilt als ein Hinweis darauf, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist. Washkanskys Ärzte hofften, daß sich durch das Auszählen der Leukozyten auch der Beginn einer Immun-Reaktion rechtzeitig feststellen lassen werde.
Zweitens wurde genauestens auf die Leistung des Herzens geachtet, da eine Leistungsminderung das Anzeichen einer Abstoßung sein konnte. Drittens beobachtete man im Laboratorium sehr genau den Enzymspiegel* des Körpers, um so jede auftretende Schä-
* Enzyme: in lebenden Zellen gebildete Stoffe, deren Anwesenheit den Ablauf zahlreicher Stoffwechselprozesse ermöglicht.
digung des Herzmuskels sofort entdecken zu können.
Außer diesen Kontrollen traf man Vorkehrungen, um den Körper von vornherein daran zu hindern, das fremde Herz abzustoßen. Vom Operationstag an wurden Washkansky zu diesem Zweck bestimmte Medikamente verabreicht, vor allem Hydrocortison und Prednison, außerdem Azathioprin.
Indem diese Mittel einer Abstoßung entgegenwirkten, verminderten sie freilich gleichzeitig die Fähigkeit des Körpers, Infektionen zu bekämpfen. Deshalb mußte bei der Therapie zur Immun-Unterdrückung sorgfältig auf ein Gleichgewicht geachtet werden, denn was auf der einen Seite zu gewinnen war, konnte man auf Umwegen wieder verlieren.
Schließlich ließ man zur Unterdrückung der Immun-Abwehr das neue Herz auch noch von einer Kobaltbombe bestrahlen. Die ersten beiden Bestrahlungen wurden mit einem tragbaren Gerät vorgenommen, das der Stab eigens hierfür in tage- und nächtelanger Arbeit konstruiert hatte, damit man den Patienten nicht in die Röntgenabteilung des Krankenhauses bringen mußte. Zu den drei folgenden Bestrahlungen wurde Washkansky jedoch in den Röntgenraum gerollt.
Die Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung einer Infektion wurden streng eingehalten. Schon vor der Operation war Louis Washkansky täglich mit antiseptischer Seife gewaschen worden, man hatte Abstriche von Haut, Nase, Rachen, Mund und Rektum gemacht und nach Krankheitskeimen untersucht.
Eine chronische Entzündung im linken Unterschenkel Washkanskys beunruhigte die Ärzte. Sie hatte sich einige Zeit zuvor nach der Beseitigung der Odemflüssigkeit gebildet, die den Körper des Herzkranken aufgeschwemmt hatte. Schon vor der Operation war diese Infektion energisch behandelt worden.
Damals waren auch die Schwestern und Ärzte, die nach der Operation mit Washkansky in Berührung kommen sollten, darauf untersucht worden, ob sie Träger gefährlicher Bakterien seien. Das Zimmer 274 wurde von der Herz-Thorax-Station abgeteilt und mitsamt Möbelstücken und Einrichtungsgegenständen desinfiziert.
Nach der Operation wurde Louis Washkansky sofort auf seine eigene Station gebracht, und niemand vom Pflegepersonal durfte das Zimmer ohne Maske, Überschuhe, sterilen Kittel und sterile Handschuhe betreten. Zweimal täglich wurde die Bettwäsche gewechselt, wobei man darauf achtete, daß keine unnötige Luftbewegung entstand. Besorgnis erregte bei den Ärzten auch die Zuckerkrankheit, an der Washkansky seit Jahren litt: Diabetiker infizieren sich besonders leicht.
Unterdessen herrschte in der Welt außerhalb des Krankenzimmers 274, das von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschlossen war, geradezu hysterische Aufregung. Jedes Wort, das Washkansky äußerte, jedes gekochte Ei, das er aß, wurde von Schwestern und Ärzten getreulich registriert und von der Presse dem nachrichtenhungrigen Publikum gemeldet. Die Herzverpflanzung wurde in Südafrika und im Ausland zum Hauptgesprächsthema; Schlagzeilen und Photos von Louis Washkansky, Denise Darvall und Professor Barnard verbreiteten die Geschichte in alle Ecken der Welt.
Schon am Tag nach der Operation trafen Fernsehteams in Kapstadt ein. Ein Team der BBC besichtigte noch am Montag das Groote-Schuur-Krankenhaus und veranstaltete ein Interview mit Barnard. Kameraleute der amerikanischen Rundfunk- und Fernsehgesellschaft CBS kamen mit einer Chartermaschine und führten mit Barnard und Mitgliedern seines Teams ein Interview, das als "vergnügt" bezeichnet wurde.
Professor Barnard, so hieß es, habe die ganze Zeit strahlend gelächelt und bei den unvermeidlichen Pannen der Fernsehaufnahme amüsierte Ungeduld gezeigt. Auf die Frage, wie groß sein Team sei, antwortete er: "Ungefähr 30, glaube ich. Ich weiß es wirklich nicht genau. Ich muß sie zählen. Eins ... zwei ... drei...
Stöße von Telegrammen und Glückwünschen aus aller Welt trafen im Groote-Schuur-Krankenhaus ein, und die Telephonzentrale erstickte in Anrufen. Um 4 Uhr morgens am Montag wurde Dr. Jacobus G. Burger, der Leiter des Krankenhauses, von einem Journalisten geweckt.
Als Burger gefragt wurde, wie sich die Operation auf das Krankenhaus insgesamt auswirke, brummte er entzückt: "Sie hat uns verdammt populär gemacht. Seit die Neuigkeit bekannt ist, habe ich nichts anderes getan, als mit Reportern gesprochen."
Eine telephonische Anfrage amüsierte ihn besonders. Etwa 15 Minuten nachdem die Nachricht zum erstenmal vom Rundfunk ausgestrahlt worden war, rief der Reporter einer Londoner Zeitung an und wollte einzig und allein die Hautfarbe des Patienten, der Spenderin und der Mutter der Spenden wissen. Dann legte er auf.
Es war übrigens Dr. Burger, der am nächsten Tag die für einen Arzt ziemlich leichtsinnige Äußerung von sich gab: "Ich bin sicher, daß Mr. Washkansky überleben wird."
Lokaireporter suchten sofort Frau Ann Washkansky in ihrer Wohnung in Sea Point auf, um sie über ihren berühmten Ehemann auszufragen. " Sein ungewöhnlicher Mut und sein Lebenswille haben den Ärzten den Ansporn gegeben, das Herz zu verpflanzen", erklärte sie ihnen.
"Mein Mann war in der ganzen qualvollen Zeit, seit sich vor drei Monaten sein Zustand verschlechterte, so phantastisch tapfer, daß die Ärzte sich entschlossen, ihn um seine Zustimmung zu einer Herz-Transplantation zu bitten. Vor drei Wochen sind sie noch einmal zu ihm gegangen und haben ihm in Einzelheiten gesagt, was das bedeuten würde. Er hat die Chance sofort ergriffen.
"Inzwischen hing sein Leben nur noch an einem Faden. Schon seit zwei Monaten lag er im Sterben und wußte, daß die Operation die einzige Chance war, weiterzuleben. Professor Barnard versicherte ihm, daß ein neues Leben vor ihm liege, falls die Operation gelinge. Louis konnte sich nicht mit der Vorstellung abfinden, für den Rest des Lebens ein halber Invalide zu sein. Schon der Gedanke daran brachte ihn beinahe um. Immer wieder sagte er: "Ich werde schon durchkommen."
Barnard bestätigte, was Frau Washkansky gesagt hatte: "Der Lebenswille dieses Mannes ist beinahe unvorstellbar."
Zu ihrer Schande belästigten die Reporter sogar Edward Darvall, den rührenden alten Mann in Tamboerskloof. Er erklärte ihnen: "Wenn meine Tochter kurz vor ihrem Tode bei Bewußtsein gewesen wäre, hätte sie den Ärzten bereitwillig erlaubt, ihr Herz zu entfernen. Es war sehr anständig von den Ärzten, mich um meine Zustimmung zu bitten, und ich kann jetzt nur hoffen, daß das Herz meiner Tochter mithilft, einem anderen das Leben zu retten."
"Ich bin ein gebrochener Mensch", sagte Darvall, "ich habe meine Frau und meine Tochter verloren, und ich war dabei, als es passierte. Aber ich wünsche Mr. Washkansky viel Glück und hoffe, daß er durchkommt."
Das schändliche Verhalten dieser indiskreten Reporter wurde an jenem Tag durch die Gründung eines Hilfsfonds für die Darvalls ein wenig gemildert. Darvall, Verkäufer in einem Konfektionsgeschäft, geht es nicht sehr gut. Mit dem Tod seiner Frau Myrtle und der Tochter Denise hatte die Familie zwei Verdiener verloren. Der Fonds soll Darvall helfen, seinen beiden Söhnen eine gute Ausbildung zu geben.
Das Delirium dieser ersten Tage nach der Operation wollte kein Ende nehmen. Medizinische, moralische, ethische, philosophische, religiöse und politische Überlegungen, manche davon wirr und durch keinerlei Sachkenntnisse getrübt, wurden spontan von jedem geäußert, den man nach seiner Ansicht fragte.
Doch wie erging es Louis Washkansky in dieser Zeit? Am Morgen des 4. Dezember 1967 brauchte die Atmung nicht mehr durch das Sauerstoffgerät unterstützt zu werden, der Nasen-Rachen-Schlauch wurde entfernt, und der Patient sagte seine berühmten "ersten Worte". In der Nacht hatte er mit Hilfe eines Beruhigungsmittels gut geschlafen und war nicht besonders unruhig. Zunächst wurde er noch intravenös ernährt.
Washkansky verblüffte seine Ärzte und Helfer dadurch, daß er sich nach dieser großen Thorax-Operation sehr rasch erholte. An jenem Nachmittag -- er durfte jetzt schon Flüssigkeiten wie Wasser, Organgensaft und Milch zu sich nehmen -- trank er zum erstenmal. Am nächsten Morgen sagte er den Schwestern beim Aufwachen, er habe Hunger. Seine Stimmung war sichtlich besser als vor der Operation.
An diesem Tag bekam Louis Washkansky zum erstenmal halbfestes Essen: gekochte weiche Eier und Suppe. Obwohl er noch im Sauerstoffzelt lag, sprach er den Ärzten, die ihn operiert hatten, seinen Dank aus und bestellte Grüße an seine Frau Ann.
Und das Erfreulichste: Washkanskys neues Herz schien tadellos zu arbeiten -- Herzleistung und Blutdruck entsprachen denen eines Gesunden, und auch die Temperatur blieb normal.
Die Verwandten Washkanskys sprachen nun offen über diesen Mann, der im Laufe eines Tages weltberühmt geworden war. Vor der Operation habe er gesagt, wenn er zum normalen Leben zurückkehren werde, wolle er das Ereignis mit einem fünf Zentimeter dicken Steak und Spiegeleiern -- seinem Lieblingsgericht -- feiern.
"Er hat keine Angst und keine Feinde, ist sträflich großzügig, extrovertiert, aber freundlich und glücklich veranlagt", sagte einer der Angehörigen. "Wenn Louis da ist, langweilt man sich keinen Augenblick. Er ist ein prächtiger Mensch, und wenn irgend jemand ein neues Leben verdient, dann er."
Ärzte, Pfleger und Schwestern, die Washkansky versorgten, arbeiteten unter sehr erschwerenden Umständen. Offiziell waren sie 12 Stunden hintereinander im Dienst, in Wirklichkeit aber bekamen sie in ganzen 24 Stunden nur einige wenige Stunden Schlaf. Während des kritischen Stadiums unmittelbar nach der Operation hielten sich ständig eine Schwester und ein Chirurg in Washkanskys Zimmer auf, andere Mitglieder des Teams kamen von Zeit zu Zeit herein.
In diesem Stadium untersuchte ihn auch Professor Barnard regelmäßig. Später stöhnte einer der Ärzte erschöpft: "Wir arbeiten wie Supermenschen!" Und Washkansky sagte einmal lachend zu einer Schwester: "Ich bin ein neuer Frankenstein."
Der 7. Dezember, Donnerstag, wurde für den Patienten ein hektischer Tag. Zum erstenmal kam Washkansky aus seinem Krankenzimmer heraus und wurde in seinem Bett unter dem Sauerstoffzelt den 400 Meter langen Weg durch die Korridore des Groote-Schuur-Krankenhauses zu der Röntgenstation gerollt, wo er eine Kobalt-Bestrahlung bekommen sollte. Ein Schwarm von Ärzten und Schwestern begleitete ihn.
Am Nachmittag trat Dr. Bosman vom Herzverpflanzungsteam mit einem sterilisierten Mikrophon in das Krankenzimmer, um Washkansky im Auftrag der South African Broadcasting Corporation zu interviewen. Am Abend konnten die Rundfunkhörer in ganz Südafrika zum erstenmal die Stimme des "Wundermannes" aus Kapstadt hören.
Bosman: "Wie geht es Ihnen jetzt, Mr. Washkansky?"
Washkansky: "Ich fühle mich sehr wohl."
"Sie fühlen sich wohl?" "Sehr wohl."
"Was würden Sie denn gern zum Abendessen haben?"
"Etwas Leichtes. Mit Schwerem möchte ich noch nicht anfangen."
"Was ist das für ein Gefühl, jetzt ein so berühmter Mann zu sein?"
"Ich sagte Ihnen schon, ich bin nicht berühmt. Der Doktor ist berühmt -- der Mann mit den goldenen Händen."
"Hätten Sie jetzt gern Besuch von Ihrer Familie?"
* V. l.: Professor Barnard, Dr. Bosman.
"Ja, gewiß."
"Wir haben eine Überraschung für Sie. Ihre Familie besucht Sie gegen fünf Uhr. Was sagen Sie dazu?" "Das ist wunderschön."
Und tatsächlich kam Ann Washkansky am späten Nachmittag, um ihren Mann zum erstenmal seit der Operation zu besuchen. Als sie das Krankenhaus wieder verließ, hatte sie feuchte Augen und brachte nur mühsam die Worte heraus: "Es geht ihm ja so viel besser, als ich dachte, er ist so vergnügt, er sah so gut aus, einfach prächtig ..."
Am nächsten Tag war Washkansky müde und schlief fast den ganzen Vormittag. Die Ärzte glaubten, daß jetzt die kritische Phase begann, in der die Gefahr einer Abstoßung des Spenderorgans akut wurde. Wie der Elektrokardiograph zeigte, arbeitete das Herz jedoch gut, und Barnard strahlte Zuversicht aus, als er am Nachmittag auf einer Pressekonferenz verkündete, sein Patient werde in drei Wochen zu Hause sein, wenn er weiterhin zufriedenstellende Fortschritte mache.
Zu Hause, setzte Barnard hinzu, wäre Washkansky tatsächlich besser aufgehoben. In Krankenhäusern sei die Gefahr einer Infektion größer, da sich dort immer Bakterien finden.
Die täglichen Pressekonferenzen meistens von Professor Barnard selbst geleitet, wurden zu einem wichtigen Programmpunkt der Medical School von Kapstadt, in der sie abgehalten wurden. Oft nahmen mehrere Mitglieder des Herzverpflanzungsteams daran teil.
Die Konferenzen fanden in einem kleinen Raum gegenüber dem Arbeitszimmer Barnards in der Abteilung für Experimentelle Chirurgie statt. Vor einem Tisch, an dem die Ärzte saßen, standen im Halbkreis einige Stühle, doch wenn sich alle Journalisten ins Zimmer gedrängt hatten, blieb kaum Platz zum Stehen.
Barnard sah sich einer Batterie von Mikrophonen, Fernsehkameras und Blitzlicht-Apparaten gegenüber; Tonbandgeräte surrten, und unaufhörlich klickten die Verschlüsse der Kameras. Kein Wort, keine Geste blieb unbeachtet.
Natürlich beherrschten die Fernsehleute die Szene -- einmal waren gleichzeitig sechs Teams aus Übersee in Kapstadt -, und die übrigen Reporter taten gut daran, mit ihren Fragen bis zum Ende der Konferenz zu warten.
Doch irgendwie gelang es allen, sich zu beherrschen, trotz der feuchten Hitze des Kap-Sommers. Später sprachen die Korrespondenten der Auslandspresse anerkennend von dem Entgegenkommen der Ärzte. Ein Korrespondent sagte: "Sie halfen uns in jeder Weise, sogar mit Skizzen."
Ein Thema, über das immer wieder gesprochen wurde, war die Immun-Barriere. Barnard vertrat die Meinung, falls sich innerhalb der ersten drei Monate keine akute Abwehr des Körpers gegen das verpflanzte Herz zeige, sei es unwahrscheinlich, daß überhaupt noch eine größere Abwehrreaktion eintreten werde. Gewisse Formen der Abwehr seien zwar unausweichlich; er hoffe jedoch, daß die Abwehrreaktion nur leicht sein und deshalb wirksam bekämpft werden könne -- vorausgesetzt, daß man sie klinisch überhaupt entdeckte.
Als Ann Washkansky ihren Mann zum zweitenmal besuchte, saß er bereits im Bett. Sie erklärte später, er habe besser ausgesehen als in den letzten zwei Jahren. Tatsächlich ging es ihm so gut, daß er sich zu langweilen begann und aufstehen wollte. Und zur Freude aller wurde berichtet, Professor Barnard habe während einer Untersuchung zu ihm gesagt: "Sie sind aber ein braver Kerl." Darauf Washkansky: "Sie sind selber ein braver Kerl."
Am Wochenende wurde Washkansky in ein anderes Zimmer der Privatstation verlegt. Er war wieder ganz der alte: heiter und immer zu Späßen aufgelegt. Am Montag aber hatte selbst der gutmütige Louis Washkansky genug von den Photographen, die durch den Türspalt ihre Kameras auf ihn richteten. Er sagte, er habe es satt, photographiert zu werden, und bat um mehr Ruhe.
Das Operationsteam und die Angehörigen Washkanskys wiederholten seine Bitte. In der Tat war das Groote-Schuur-Krankenhaus nie zuvor derart von der Öffentlichkeit strapaziert worden. Die Anspannung, den Patienten 24 Stunden täglich beobachten zu müssen, machte sich allmählich bemerkbar.
Einer der Ärzte sprach es offen aus, als er zu Journalisten sagte: "Gebt ein bißchen Ruhe, Leute. Ihr habt jetzt allerhand Informationen. Nun laßt uns in Frieden, damit wir weitermachen und einen Mann am Leben halten können."
Am gleichen Tag kam Dr. Carel de Wet, Bergwerks- und Planungsminister Südafrikas, zu einem kurzen Besuch, um dem Patienten die Grüße der Regierung zu überbringen.
Als am Mittwoch, dem 13. Dezember, Washkanskys 14jähriger Sohn Michael zusammen mit der Schwester und der Nichte Washkanskys zu Besuch im Krankenzimmer erschienen, saß der Patient bereits im Bett und ließ die Beine über den Bettrand baumeln. Sie plauderten etwa eine halbe Stunde, bis Washkansky sagte, er sei nun müde.
Der Besucherstrom schien in dieser Woche kein Ende nehmen zu wollen. Zwei Chirurgen aus München -- Privatdozent Hans Georg Borst und Professor Walter Brendel -, die schon früher angekommen waren, um sich über die Operation zu informieren, erhielten ebenso wie viele Verwandte Zutritt zum Krankenzimmer.
Am Donnerstag stand Louis Washkansky zum erstenmal auf und verblüffte Ärzte und Schwestern mit dem Wunsch, er wolle sich in die Sonne setzen. Langsam ging er zu einem außerhalb der Station gelegenen privaten Balkon, ließ sich in einem Sessel nieder und sonnte sich.
Der folgende Tag war für ihn wieder sehr unruhig. Als berühmter Mann, der er nun geworden war, empfing Washkansky am Nachmittag den Bürgermeister von Kapstadt, Gerald Ferry, und den Stadtsyndikus, Jan Luyt. Washkansky benutzte die Gelegenheit, um den Kapstädtern Weihnachts- und Neujahrsgrüße zu übermitteln.
Dann erschien Professor Israel Abrahams, der Oberrabbiner von Kapstadt; er traf den Patienten heiter, aber noch ziemlich müde an. Später kamen Ann und ein paar Fernsehleute, die das Ehepaar vom Balkon aus aufnahmen. Im Laufe des Abends fand noch ein Rundfunk-Interview statt.
Für Louis Washkansky waren es glückliche Tage. Er bekam regelmäßig Besuch von seinen Angehörigen, vor allem erfüllte ihn grenzenlose Zuversicht, daß er völlig genesen werde.
Aber nicht alles stand so, wie es hätte sein sollen. Schon am Abend jenes ausgefüllten Tages sagte Washkansky, er fühle sieh nicht ganz wohl. Temperatur und Pulsschlag stiegen an, und er hatte Schmerzen in der Brust. Am Sonntag, dem 17. Dezember, verkündete ein kurzes Bulletin des Krankenhauses, daß Louis Washkansky, der Mann mit dem neuen Herzen, an einer leichten Lungenentzündung litt.
Zwei Komplikationen waren es, die Washkanskys Ärzte nach der Operation am meisten befürchteten: Abstoßung des Spenderorgans und Infektion.
In der Transplantations-Chirurgie besteht zwischen beiden ein enger Zusammenhang. Die Immun-Reaktion des Körpers muß unterdrückt werden, sonst würde das verpflanzte Organ fast mit Sicherheit abgestoßen werden. Immun-Unterdrückung aber nimmt dem Körper seinen natürlichen Schutz vor Krankheitskeimen. Ärzte und Patient müssen gleichsam einen Hochseilakt vollführen -- und das Netz unter dem Seil ist nicht sehr stabil.
Im Falle einer Infektion dienten als Netz jene Antibiotika, die mit ihrer unglaublichen Wirksamkeit in den vergangenen Jahrzehnten die medizinische Praxis völlig verändert haben.
Die Lungenentzündung hatte beide Lungenflügel Washkanskys betroffen. Röntgen-Aufnahmen zeigten einen Schatten auf der Lunge, den man zunächst für ein Blutgerinnsel hielt. Bakteriologische Untersuchungen des Sputums ergaben jedoch unwiderlegbare Beweise dafür, daß eine Infektion vorhanden sein mußte.
Washkansky bekam sofort eine intravenöse Penicillin-Injektion, insgesamt 20 Millionen Einheiten innerhalb von 24 Stunden. Professor Barnard verbrachte rund zwei Stunden bei seinem Patienten, dessen Temperatur jetzt auf 39,44 Grad gestiegen war.
Barnard blieb jedoch optimistisch und glaubte, die Infektion werde bald zurückgehen. Tatsächlich stellten die Ärzte am Sonntagabend, nachdem sich tagsüber der Zustand des Patienten kaum verändert hatte, eine deutliche Besserung fest.
Doch die Ärzte standen einem jener "unbekannten Faktoren" der Transplantations-Chirurgie gegenüber, von denen Professor Barnard später sprach. Da sie nicht wußten, in welcher Form sich eine Abstoßung zeigen würde, glaubten sie, der Lungenbefund sei ein Symptom der Immun-Barriere. Daher erklärten sie am Montag kategorisch, die Lungenentzündung hänge direkt mit einer Abstoßung zusammen.
Jetzt waren sie in einer Zwickmühle. Weitere oder intensivierte Immuno-Suppression (Unterdrückung der Immun-Reaktion) konnte zwar unter Umständen der gefürchteten Abstoßung entgegenwirken, mußte aber zugleich die Abwehrkräfte gegen die Lungenentzündung noch mehr schwächen.
Die Lage komplizierte sich noch dadurch, daß die Lungenentzündung sich nach anfänglicher Besserung im Laufe des Tages wieder verschlimmerte: Die Behandlung mit Antibiotika war offenbar unwirksam.
Die Ärzte trafen eine wahrscheinlich verhängnisvolle Entscheidung: Sie verstärkten die immuno-suppressive Behandlung. Es ist leicht, diesen Beschluß nachträglich zu kritisieren. Die Ärzte standen einer Situation gegenüber, die außerhalb ihrer Erfahrung lag.
Eines ist heute gewiß: Sie versuchten, ein verpflanztes Herz vor der Abstoßung zu bewahren, das in Wirklichkeit völlig gesund war. Und damit nahmen sie zugleich dem Körper des Patienten die Chance, mit der Lungenentzündung fertigzuwerden.
Barnard war jetzt tief besorgt, denn der Zustand seines Patienten wurde wirklich ernst. Washkansky redete nicht mehr soviel, seine heitere Stimmung verflog, er wurde reizbar. Doch er kämpfte noch mit ganzer Kraft und hielt grimmig an dem Grundsatz fest, der während der jahrelangen Krankheit sein bester Halt gewesen war: "Ich werde schon durchkommen."
Am Dienstag zeigte sich, daß die Zahl der Leukozyten bedrohlich abgenommen hatte. Man beschloß, in großer Zahl weiße Blutkörperchen in die Blutbahn zu bringen, und daraufhin besserte sich Washkanskys Zustand ein wenig.
Am Mittwoch setzte jedoch eine rasche Verschlimmerung ein, und den Ärzten wurde allmählich klar, daß das Ende unabwendbar war. Denise Darvalls Herz aber schlug weiterhin regelmäßig und stark und hielt den Blutdruck auf dem normalen Stand.
Gegen Abend zeigte sich, daß die Atmung zu versagen drohte, und so wurde das Sauerstoffgerät, das schon in den ersten Stadien nach der Operation die Atmung unterstützt hatte, wieder eingesetzt. Man führte einen Rachenschlauch durch die Nase in die Luftröhre ein, durch den dann reiner Sauerstoff strömte.
Barnard blieb am Abend mehrere Stunden bei seinem Patienten. Als er endlich das Krankenhaus verließ, um nach Hause zu gehen, blieb er nur kurz stehen, um den wartenden Reportern zu sagen, daß sich der Zustand seines Patienten leicht gebessert habe und daß noch Hoffnung sei.
Doch Louis Washkansky atmete immer mühsamer, und schließlich ließ Dr. J. Ozinsky, der Narkosearzt des Barnard-Teams, eine Sauerstoff-Handpumpe herbeiholen. Zu dieser Zeit hatte die Haut des Patienten schon einen leicht bläulichen Ton, doch das besserte sich etwas, als man die Handpumpe verwendete.
Kurz nach Mitternacht übernahmen Dr. Curt Venter und Schwester Inge-Marie Papendieck die Nachtwache und lösten einander ab, um Sauerstoff in die kranke Lunge zu pumpen. Washkansky war bei vollem Bewußtsein, konnte aber wegen des Luftröhrenschlauchs nicht sprechen. Wenn der Arzt oder die Schwester etwas zu ihm sagten, antwortete er mit Kopfnicken.
Gegen 3 Uhr erlitt Washkansky einen Kollaps. Trotz aller Mühe konnte nicht mehr genügend Sauerstoff in die Lunge gepumpt werden, und der Sauerstoffgehalt des Blutes sank weiter ab. Louis Washkansky verfiel in Koma, und von diesem Augenblick an hatte man keinen Kontakt mehr mit ihm.
Eine halbe Stunde später rief Dr. Venter Professor Barnard in dessen Wohnung an, um ihm zu sagen, daß der Zustand seines Patienten kritisch sei. Doch die schwerste Aufgabe stand noch bevor. Ann Washkansky nahm selbst den Hörer ab, als in dieser frühen Morgenstunde das Telephon klingelte.
Als sie in das Krankenzimmer ihres Mannes kam, lag er auf der Seite. Ann Washkansky trat zu ihm und flüsterte ihm schluchzend ins Ohr: "Du mußt kämpfen -- für uns und alle anderen." Ob er die Worte noch gehört hat, weil 3 niemand. Es scheint sicher, daß Louis Washkansky, der Mann mit dem außergewöhnlichen Mut, der Mann mit dem unvorstellbaren Kampfgeist, zu dieser Zeit schon seinen letzten Kampf gekämpft und verloren hatte.
Ann blieb eine Viertelstunde bei ihm, dann kamen sein Sohn Michael und sein Bruder Tevia für einen Augenblick herein. Als Professor Barnard um 4.45 Uhr eintraf, verließen sie das Krankenhaus. Sie sollten Louis Washkansky als Lebenden nicht wiedersehen.
Selbst in diesem späten Stadium wollte Barnard nicht aufgeben. Es wurden Antibiotika angewendet, man injizierte Medikamente, um das gestörte Säure-Basen-Gleichgewicht im Blut wiederherzustellen, doch die Bemühungen blieben umsonst. Washkanskys Haut wurde noch bläulicher, sein Blutdruck sank rasch.
Doch immer noch hielt das Herz aus, das Professor Barnard 18 Tage zuvor in Louis Washkanskys Brust verpflanzt hatte. Ohne Unterbrechung setzte es seine rhythmischen Schläge fort.
Erst kurz nach 6 Uhr begann das Herz Denise Darvalls unsicher zu werden. Zuerst zeigte der Elektrokardiograph nur ein gelegentliches Flattern an. Dann wurden die Perioden der rhythmischen Störungen länger und häufiger. Barnard selbst übernahm die Sauerstoffpumpe für eine Zeitlang; dann ging er hinaus.
10 Minuten vor 7 Uhr am 21. Dezember 1967 begann die Nadel des Elektrokardiographen zu schwanken. Die regelmäßige rhythmische Kurve wurde unbestimmter, zitterte und ging in einen geraden Strich über (siehe Bild Seite 110). Das Tonsignal des Elektrokardiographen, das seit 18 Tagen den Mut menschlichen Strebens symbolisiert hatte, verstummte. Das verpflanzte Herz stand still -- für immer.
Langsam zog Dr. Venter seinen sterilen Kittel aus und ging zur Tür, um Professor Barnard Bescheid zu sagen. Einen Augenblick starrte Christiaan Barnard vor sich hin, dann wandte er sich um und ging stumm aus dem Zimmer.
Im Laufe des Vormittags kam Ann Washkansky zum Krankenhaus. Offensichtlich war sie am Ende ihrer Kraft, und als Reporter sie ansprechen wollten, schrie sie fast: "Nein, um Himmels willen, lassen Sie mich in Ruhe", und ging rasch durch die Tür.
Die Anspannung der letzten beiden Jahre muß für sie unerträglich gewesen sein. Sie hatte mit ansehen müssen, wie Washkanskys Körper von der Wassersucht aufgeschwemmt wurde. Sie wußte, daß Louis nicht mehr lange zu leben hatte.
Als in der Nacht der Transplantation einer der Ärzte angerufen hatte, um ihre formelle Zustimmung einzuholen, schwankte sie nicht. Und dann hatte Professor Barnard ihr den Mann zurückgegeben, in den sie sich einst verliebt und den sie geheiratet hatte -- den heiteren Louis, der voller Späße war und Freude am Leben hatte.
Diese schmerzlich schönen Erinnerungen der letzten 18 Tage blieben ihr. Und sie wußte, daß Louis als ein glücklicher Mensch gestorben war.
Während sofort die erforderlichen Vorkehrungen für die Obduktion getroffen wurden, verließ Barnard unauffällig das Krankenhaus, um nach Hause zu fahren und sich umzuziehen.
Die Nachricht vom Tod Louis Washkanskys verbreitete sich rasch in aller Welt. In Europa meldeten die Frühnachrichten den enttäuschenden Ausgang eines Ereignisses, das seit über zwei Wochen fieberhaftes Interesse erregt hatte. In Südafrika brachten manche Morgenzeitungen Extrablätter heraus, überall wurde mit persönlicher Anteilnahme über die Nachricht diskutiert.
In Kapstadt jedoch, im Kapstadt Louis Washkanskys und Chris Barnards, schien die Öffentlichkeit kaum zu reagieren. Ich ging durch die Straßen, trat in Lokale, sprach mit Leuten in den Läden -- aber niemand erwähnte das Ereignis, das die Welt erschüttert hatte, niemand wollte darüber sprechen.
Als ich am Eingang eines Ladens stand und die Sonderausgabe einer Lokalzeitung las, verkaufte der kleine farbige Junge, von dem ich mir die Zeitung hatte geben lassen, innerhalb von 20 Minuten kein zweites Exemplar. Es war vier Tage vor Weihnachten; Kapstadt war voller Urlauber und mit anderen Dingen beschäftigt.
Am Nachmittag drängte sich vor Beginn der letzten Pressekonferenz zum Fall Washkansky in der Medical School eine Menge schwitzender, ungeduldiger Journalisten. Der Raum war derart überfüllt, daß die Ärzte kaum zu ihren Plätzen gelangen konnten. Die Atmosphäre war würdelos. Fernsehleute riefen quer durch den Raum ihren Mitarbeitern Anweisungen zu, und zwei rivalisierende Teams lieferten sich eine lautstarke Auseinandersetzung.
Barnard sah erschöpft und ernst aus; seine einleitende Bekanntmachung war kurz und klar: "Mr. Louis Wash* Am Tag vor dem Tod Washkanskys.
kansky starb heute morgen 6.50 Uhr. Nach dem klinischen Befund war die Todesursache Atmungsversagen, hervorgerufen durch bilaterale Pneumonie. Diesen Befund hat die Obduktion bestätigt."
Wichtiger war eine zweite Tatsache: Das Ärztegremium betonte übereinstimmend, die Prüfung mit bloßem Auge habe keinerlei Anzeichen dafür ergeben, daß beim Tod Washkanskys die körpereigene Immun-Abwehr eine Rolle gespielt habe.
Professor James Thomson, der Pathologe, der die Obduktion vorgenommen hatte, meinte sogar, Washkansky hätte möglicherweise noch mehrere Jahre weiterleben können, wenn keine Infektion aufgetreten wäre -- freilich müsse berücksichtigt werden, daß der Prozeß einer Herzabstoßung ein bisher noch unbekannter Faktor sei. Aber: "18 Tage sind 18 Tage, und das haben wir geschafft, ohne Abstoßung."
Das Transplantationsteam war über die Obduktions-Ergebnisse zweifellos bestürzt. Tagelang, bis zu allerletzt, hatte man die intensive Behandlung des Patienten gegen eine Abstoßung des Herzens ausgerichtet. Jetzt mußte das Team erfahren, daß dem Herzen nichts gefehlt hatte.
Professor Val Schrire betonte, wie erstaunlich leistungsfähig das verpflanzte Herz gewesen sei. Während der ganzen Behandlungsperiode nach der Operation hatten sich keinerlei Durchblutungsprobleme gezeigt. Und Barnard erklärte: Selbst als der Sauerstoffgehalt des Blutes auf ein Drittel abgesunken sei, habe das Herz ohne Schwierigkeiten gearbeitet. Hätte sich Louis Washkansky eine derartige Infektion zugezogen, als er noch sein altes Herz hatte, wäre er sehr viel eher gestorben.
Der Obduktions-Befund der Leber bekräftigte dieses Argument. Bei schwerem Herzversagen gehen in der Leber oft Veränderungen vor, es kommt zu Stauungen von Venenblut, und das Organ schwillt an, so daß sich Narbengewebe bildet. Das neue Herz Washkanskys war so leistungsfähig gewesen, daß sich die Leber in der Zeit zwischen der Operation und dem Tode in erstaunlichem Grade erholt hatte.
Als Professor Barnard gefragt wurde, wann er die nächste Herzverpflanzung durchführen wolle, antwortete er ausweichend: "Wenn es von uns verlangt wird und sich die Gelegenheit ergibt, werden wir die nächsten Transplantationen machen."
Doch schon zu dieser Zeit wußten die Ärzte des Kapstädter Groote-Schuur-Krankenhauses, daß im Vorort Kenilworth ein 58jähriger Zahnarzt im Ruhestand lebte, der an schwerer, unheilbarer Herzinsuffizienz litt ...
Lange Diskussionen wurden über die Ursache der Infektion Washkanskys geführt. Barnard vertrat die Ansicht, trotz rigoros eingehaltener Vorsichtsmaßnahmen könnten Bakterien nicht gänzlich ferngehalten werden.
Rechts vorn: Dr. Botha: daneben: Barnard-Bruder Marius.
Jeder gesunde Mensch sei Träger von Bakterien, die zunächst harmlos sind und erst dann gefährlich werden, wenn die Widerstandskraft des Körpers gegen Infektionen geschwächt ist.
Trotzdem beschloß das Transplantations-Team, weit strengere Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um bei dem nächsten Patienten eine Infektion zu verhindern. Als erstes beschloß man, die Zahl der Besucher zu begrenzen. In Zukunft wollte man sich an die Vorschrift halten, die für alle Operationssäle der Welt gilt: Zutritt nur für den, der eine wichtige Funktion zu erfüllen hat.
Dr. Burger, der Leiter des Groote-Schuur-Krankenhauses, soll später gesagt haben, am Tod Washkanskys seien wahrscheinlich diejenigen mitschuldig, die ihn photographiert hätten. Angeblich hat Burger erklärt: "Offensichtlich haben wir das Photographieren zuwenig eingeschränkt. Dadurch sind Bakterien ins Zimmer gelangt."
Ob man Burger korrekt zitiert hat, weiß ich nicht. Wenn er tatsächlich diese Äußerung getan hat, dann hat er unfairerweise übersehen, daß auch viele andere zu Louis Washkanskys Zimmer Zutritt hatten. Da die Leitung des Krankenhauses anscheinend keine Bedenken trug, aus Washkansky ein Ausstellungsobjekt zu machen, war es unvernünftig, jetzt anderswo einen Schuldigen zu suchen, nachdem das Unheil geschehen war.
Dr. A. A. Forder, der Bakteriologe des Krankenhauses, wurde sofort angewiesen, auf Grund der Erfahrungen im Fall Washkansky die Probleme der Infektionsgefahr in einem Bericht zusammenzufassen. Forders Empfehlungen wurden strikt eingehalten, als Barnard wenig später die nächste Transplantation ausführte.
Eines blieb noch zu tun. Am Freitag, dem 22. Dezember, wurde Louis Washkansky auf dem jüdischen Friedhof Pinelands zur letzten Ruhe gebettet, ohne Pomp, ohne Zeremonien; es war eine schlichte Versammlung zu Ehren eines einfachen Mannes.
"Das große Herz, dessen rhythmischen Schlag die ganze Welt hörte, ist für immer verstummt", sagte der Oberrabbiner Abrahams. "Aber Luuis Washkansky hat uns gelehrt, was es heißt zu kämpfen. Man wird sich seiner erinnern als eines Helden.
IM NÄCHSTEN HEFT
Amerika feiert den Doktor aus Kapstadt -- Ein Schimpansenherz wird in einen Menschen verpflanzt -- Barnard auf der Ranch von Präsident Johnson
Von Marais Malan

DER SPIEGEL 11/1968
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