11.03.1968

INDIEN / BEATLESSenkrecht ins Sein

Ost ist Ost, und West ist West, und niemals treffen sich die beiden.
RUDYARD KIPLING
Auf dem Gipfel von Ruhm und Reichtum erspähten sie das Nichts. Britanniens Beatles fanden ihr Leben plötzlich schal und hohl.
"Wir haben fast alles, was man mit Geld kaufen kann", grübelte Ringo Starr, 27, Schlagzeuger und Ältester der Beatles. "Und wenn du erst mal so weit bist, dann bedeuten dir die käuflichen Dinge nichts mehr. Du suchst nach etwas ganz anderem."
Zuerst suchten die vier Pop-Artisten aus Liverpool das "andere" in Marihuana-Träumen und auf LSD-Touren. Jetzt fanden sie es im "Traumland" - so heißt die komfortable Klause des Hindu-Mönchs Maharishi Mahesh Yogi*, wahrscheinlich 57, der letzten Herbst Europa bereiste (SPIEGEL 47/1967).
In Yogis Traumland - auf einer bewaldeten Anhöhe über dem heiligen Ganges, 250 Kilometer von Neu-Delhi entfernt - wandeln die Beatles in wallenden weißen Gewändern. Ihre Frauen und die ebenfalls suchende Frank-Sinatra-Gattin Mia Farrow tragen bunte Saris.
Sie singen Hindu-Hymnen (bhajans) und sinnen stundenlang über mystischen Sanskrit-Worten (mantras). Mit einem eigenen, geheimen Leitwort für die "Transzendentale Meditation" taucht jeder, nach den Worten des Lehrers, "senkrecht ins Sein" und beglückt wieder auf.
Der Selbstversenkungs-Kurs dauert bis Ende April. Dann wollen die Beatles selbst "gurus" sein, Lehrer indischer Seelenerquickung - mit Diplom von Maharishi Mahesh Yogi.
Schon immer hatten frustrierte Westler versucht, ihre Seele in Indiens Mystik zu laben - so der deutsche Graf Keyserling, so der Wahlbrite und Ex-Kommunist Arthur Koestler ("Der Yogi und der Kommissar"). Fast alle wurden enttäuscht - zu groß war die Kluft zwischen Ost-Mystik und West-Rationalismus. Im Traumland des Maharishi Mahesh Yogi aber gibt es diese Kluft kaum noch.
Mahesh wurde Mode. 1958 gründete er seine "Internationale Meditations-Gesellschaft". Seither hatte der Yogi Manager und Mediziner, Ingenieure, Künstler und Intellektuelle zu Gast am Ganges. Für einen dreimonatigen Guru-Kurs entrichteten sie "einen Wochenlohn".
Achtmal reiste der Yogi westwärts, im Jet erster Klasse. In London und Los Angeles, in Rio und Rom, in Bremen, München und Berlin huldigten ihm Hunderttausende. Denn Mahesh - der ein Physik-Diplom erworben hatte, bevor er sich in 13jähriger Himalaja-Klausur zum Heiligen läuterte - spricht die Sprache des Westens. "Meditation", so verkündete der Meta-Physiker, blumengeschmückt auf braunem Hirschfell oder weißem Laken sitzend, "das heißt doch lediglich: die Maschine ölen."
Der Mensch sollte - so Mahesh - "hundertprozentig materiell und hundertprozentig spirituell leben". Wenn jeder 200prozentig lebte, dann wären Glück und Frieden der Welt gesichert. Und dies alles sei leicht zu haben: mit 15 Minuten spezieller Denk- und Atemübungen pro Tag.
Letzten Herbst in Bangor (Wales) empfing der Heilige vom Himalaja die Beatles in Privataudienz. John Lennon danach: "Wären wir ihm früher begegnet, dann hätten wir weder Marihuana noch LSD nötig gehabt." Ringo Starr strahlte: "Ich fühle mich einfach großartig."
Für seine prominentesten Apostel ließ Mahesh auf seinem Sechs-Hektar-Anwesen eigens einen Hubschrauber-Landeplatz einrichten. Außerdem wurde das Denkzentrum mit Stacheldraht abgeriegelt. Er soll die meditierenden Beatles vor aufdringlichen Fans - und vor Indiens wahrer Mystik schützen.
Jenseits des Stacheldrahts klafft die Kluft zwischen Ost und West: Bettler, Lepröse, nackte Mönche und Pilger säumen das Ganges-Ufer, waten in die heiligen Wasser, um Sünde und Notdurft wegzuspülen. Die Beatles verzichteten auf die höchste Wasser-Weihe. "Es ist zu kalt", ließen sie durch ihren Manager mitteilen.
Hinter dem Stacheldraht aber leben die englischen Gitarren-Gurus auch nach westlichen Begriffen im Traumland. Der Yogi bietet seinen West-Gästen einen Luxus-Bungalow mit modernen Appartements. Jedes hat fließend Wasser, warm und kalt, Telephon und Klima-Anlage. Extra für die Beatles wurden Marmor-Bäder eingebaut.
Zum Meditieren schreiten die Yogischüler in die Sat-Hangh-Halle; sie ist in 84 bequeme Denkzellen aufgeteilt. Vorlesungen hält der Meister unterirdisch - in einem mit aller Pracht des Orients eingerichteten Saal. Rund 350 000 Mark gab Mahesh, der täglich nur eine Stunde auf hartem Boden schläft und sich vorwiegend von destilliertem Wasser mit ein wenig Honig nährt, für sein "Ashram" (Heiliger Ort) aus.
Einer der englischen Eremiten, Ringo Starr, fühlte sich dennoch nicht wohl. Wenige Tage nach der Ankunft klagte er schon über die vegetarische Kost - und das Alkoholverbot. Vorletzte Woche brach er samt Frau vorzeitig nach London auf.
Daheim an der Themse gestand Starr: "Meine Frau und ich sind nun mal eigen mit dem Essen - wir mögen diese indischen Gewürze nicht."
Die gebliebenen Beatles aber wollen bis zur Guru-Reife durchhalten - mit englischer Konservenkost, die ihnen Flüchtling Starr an den Ganges schickte.
* Maharishi heißt "großer weiser", Mahesh ist der Familienname und Yogi bedeutet "Lehrer".

DER SPIEGEL 11/1968
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