11.03.1968

Gerhard Stoltenberg über Servan-Schreiber: „Die amerikanische Herausforderung“ABENDLANDS UNTERGANG (II)?

Dr. Gerhard Stoltenberg, 39, Bundesminister für wissenschaftliche Forschung und CDU-MdB, war Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Kiel und Direktor der Abteilung für Wirtschaftspolitik in der Krupp-Konzernleitung, bevor er im Oktober 1965 in die Bundesregierung eintrat. -- Jean-Jacques Servan-Schreiber, 44, ist Herausgeber des französischen Nachrichtenmagazins „L'Express“. Sein Buch „Die amerikanische Herausforderung“, aus dem Auszüge im SPIEGEL vorabgedruckt wurden (50/1967), ist in Frankreich derzeit mit einer Auflage von 500 000 Bestseller Nr. 1.
Seit einigen Jahren führen wir in der westlichen Weit eine lebhafte und kontroverse Diskussion über die "technologische Lücke" zwischen Europa und den USA, die zunehmende Überlegenheit der dynamischen amerikanischen Wirtschaft in einigen besonders wichtigen, auf hohen Forschungs- und Entwicklungskosten beruhenden Wachstumsindustrien.
Es gab düstere Prognosen über die hoffnungslose Rückständigkeit des alten Kontinents, aber auch sehr entschiedenen Widerspruch gegenüber derart generalisierenden Urteilen. Soweit dieser von amerikanischen Politikern und Wirtschaftlern kam, begegnete er dem Verdacht, hier sollte ernsteren Reaktionen und Minderwertigkeitsgefühlen des schwächeren Partners durch Beschwichtigung vorgebeugt werden. Aber -- auch in Europa bezweifelten namhafte Sachverständige, ob die Formel von der "technologischen Lücke" allgemein gültig sei. Der Forschungs-Chef von Philips, Professor Casimir, lehnte sie kürzlich rundweg ab. Seine Kollegen, Professor Goeschel von Siemens und Professor Speiser von Brown Boveri, akzeptierten sie nur für ganz bestimmte Sektoren. Sie warnten übereinstimmend vor einer generellen Unterschätzung der Fähigkeiten und Chancen Europas. Namhafte Sprecher der deutschen und britischen Chemie und des Maschinenbaues äußerten sich in gleicher Weise.
In letzter Zeit hat die Ansicht des ehemaligen US-Verteidigungsministers McNamara Zustimmung gefunden, es handele sich eigentlich nicht so sehr um eine "technologische Lücke" als um eine "Management-Lücke". Entscheidend sei die überlegenere Organisationsform der amerikanischen Industrie, begünstigt durch einen großen Binnenmarkt, neue und dynamische Methoden der Firmenleitung und des Verkaufs, eine flexible, allein an hohen Leistungskriterien orientierte Personalwirtschaft und modernere Methoden der engen Zusammenarbeit von Regierung, Wissenschaft und Industrie auf zukunftsträchtigen Gebieten.
In diese für viele ziemlich verwirrende Debatte hat nun Jean-Jacques Servan-Schreiber mit einer neuen aufsehenerregenden These eingegriffen. Die amerikanische Herausforderung liege nicht primär in einer überlegeneren Organisation und Produktivität der heimischen Industrie der USA, sondern in der schnellen Eroberung entscheidender europäischer Industriestrukturen durch amerikanische Firmen: "Die dritte industrielle Weltmacht nach den USA und der UdSSR könnte in 15 Jahren sehr wohl nicht Europa, sondern die amerikanische Industrie in Europa sein."
Es ist dies kein völlig neues Thema. Seit etwa zehn Jahren gibt es in gewissen Intervallen eine Diskussion in Westeuropa, ob die amerikanischen Investitionen hier erwünscht oder bedenklich seien, worin die Vor- und Nachteile liegen. Aber noch niemals ist diese Frage in so publizistisch wirksamer Weise behandelt worden wie jetzt in Servan-Schreibers Buch.
Westeuropa ist nach Servan-Schreiber einer Invasion ausgesetzt, einem Krieg, der nicht mit "Dollar, 01 und Stahl" ausgefochten wird, sondern mit den Waffen der "schöpferischen Phantasie und des organisatorischen Genies": Der Wert der US-Kapitalanlagen in Europa beläuft sich auf 14 Milliarden Dollar, über zehn Milliarden sind neu seit 1958 angelegt worden. Verglichen mit dem Gesamtwert der europäischen Industriebetriebe, mag diese Zahl noch nicht beunruhigen, aber alarmierend ist die Beschleunigung dieses Prozesses und vor allem seine Konzentration auf bestimmte Schlüsselbereiche des technisch-industriellen Fortschritts.
1966 hatten zum Beispiel amerikanische Firmen in Europa einen Produktionsanteil von 15 Prozent bei Radio- und Fernsehempfängern, 50 Prozent bei Halbleitern, 80 Prozent bei elektronischen Datenverarbeitungsanlagen und 95 Prozent bei integrierten Schaltkreisen. Von dieser starken Stellung in der elektronischen Industrie aus ergeben sich weitgehende Einwirkungsmöglichkeiten auf andere Bereiche der Wirtschaft, Verwaltung und Forschung.
Dieser Erfolg wurde mit einem begrenzten finanziellen Engagement erzielt. Von den 1965 neu investierten vier Milliarden Dollar amerikanischer Firmen stammten 55 Prozent aus Anleihen auf dem europäischen Kapitalmarkt, 35 Prozent aus Gewinnen in Europa und Subventionen durch die Staatshaushalte europäischer Länder und nur zehn Prozent aus dem direkten Transfer von Dollars aus den USA. "So werden zu neun Zehnteln die amerikanischen Investitionen in Europa aus europäischen Finanzierungsquellen finanziert. Wir bezahlen sie dafür, daß sie uns kaufen."
Diese Sogkraft der amerikanischen Firmen auf das europäische Kapital beruht in ihrer großen Dynamik und Ertragskraft. Sie erzielen im eigenen Land in vielen Fällen acht bis zehn Prozent des Umsatzes gegenüber drei bis fünf Prozent im europäischen Durchschnitt und übertreffen auch unter den Bedingungen dieses Kontinents die Gewinnraten ihrer hiesigen Konkurrenten in der Regel um 30 bis 50 Prozent. Die gewaltigen Leistungen des Staats für Forschung und Entwicklung, die hohen Aufwendungen für die allgemeinen Bildungswesen, vor allem aber die überlegenere Organisationsform der Industrie und neue Methoden der Zusammenarbeit von Wirtschaft, Universitäten und Staat erweisen sich als die Ursachen der amerikanischen Überlegenheit auf dem europäischen Markt.
Demgegenüber entwirft Servan-Schreiber von den bisherigen europäischen Bemühungen um wissenschaftlichen, technischen und industriellen Fortschritt ein düsteres Bild: Die nationalen Anstrengungen sind unzureichend und zersplittert. Der Umfang der Forschungs- und Entwicklungsvorhaben überschreitet zunehmend die Möglichkeiten der einzelnen Nationen. Im Gegensatz zu Japan haben die europäischen Länder die Probleme der Spezialisierung, die Herausarbeitung erfolgversprechender Schwerpunkte noch nicht gemeistert. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung genügen nicht. Aber ihre nominelle Steigerung ist nicht das zentrale Problem. England, das hier an der Spitze in Europa liegt, hat die Übersetzung von Ergebnissen der Grundlagenforschung in die Produktion und den Markt nicht befriedigend gemeistert und so in Westeuropa eine besonders ungünstige wirtschaftliche Situation geschaffen. Die europäischen Gemeinschaftsvorhaben sind größtenteils nicht sehr erfolgreich, weil ihnen eine feste politische und rechtliche Basis fehlt, die Einordnung in ein wirkungsvolles System mit klaren Zuständigkeiten und Entscheidungsmöglichkeiten. Bei der erneuten Steigerung der amerikanischen Produktivität kann die "technologische Lücke" bis 1980 zu einem unaufhebbaren Leistungsabstand und der Dominanz von US-Firmen in Europa auf allen wichtigen Gebieten führen, wenn nicht ganz neue Wege beschritten werden.
Es gibt in dieser pointierten Darstellung einige sachliche Irrtümer und eine Reihe anfechtbarer Urteile. Servan-Schreiber neigt wie fast alle Autoren, die leidenschaftlich für eine große Sache plädieren, zur Verallgemeinerung auf Kosten der differenzierten Wirklichkeit.
Man braucht zum Beispiel nicht blind für die offenkundigen Schwächen von Euratom zu sein, um der Behauptung zu widersprechen, diese Organisation sei "begraben". Das sogenannte " Orgel"-Reaktorprojekt der Gemeinschaft, dessen Nichtverwirklichung Servan-Schreiber kritisiert, ist aus guten Gründen gegenüber erfolgreicheren Konzepten fallengelassen worden. Im Gegensatz zu seiner Darstellung hat die vergleichbare Entwicklung in den USA keine Priorität erhalten. Servan-Schreiber schätzt den europäischen Leistungsstand in der Kernenergie überhaupt viel zu ungünstig ein, wenn er meint, heute arbeiteten die amerikanischen Kernkraftwerke zu wettbewerbsfähigeren Preisen, die europäischen nicht. Das trifft sicher für Deutschland nicht zu, wie der Durchbruch der deutschen Atomindustrie zur vollen Wirtschaftlichkeit im Sommer 1967 und jetzt die aufsehenerregende Entscheidung Argentiniens zeigt, das erste Kernkraftwerk Lateinamerikas in Deutschland zu bestellen. Hier ist gelegentlich die Tendenz des französischen Kritikers erkennbar, seine Meinung zur Situation im eigenen Lande auf ganz Europa zu übertragen.
Er nennt vier zentrale Gebiete für die künftige technologische und industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas: Elektronik, Kernenergie, Weltraumforschung, Überschallflugzeuge. Dabei werden besonders wichtige Sektoren, wie die Chemie, der Maschinenbau und die pharmazeutische und optische Industrie, vernachlässigt, in denen Europa nach wie vor zur Spitzengruppe der Welt gehört, die entscheidend seine Konjunktur und wissenschaftliche Entwicklung tragen (wie in der deutschen Rezession 1967 und ihrer Überwindung deutlich wurde) und in denen besonders große Anstrengungen nötig sind, um diese Stellung gegenüber einer starken Konkurrenz der USA und Japans zu behaupten. Es wäre falsch, sich nur auf die Bereiche, in denen ein deutlicher Rückstand besteht, zu konzentrieren und dadurch neue Lücken in anderen wichtigen Sektoren zu verursachen.
Besonders überzeugend hat Servan-Schreiber die Schlüsselrolle der elektronischen Datenverarbeitung in einem der besten Kapitel seines Buches dargestellt. Sie übertrifft die notwendigen europäischen Bemühungen in der Weltraumforschung noch an Bedeutung. Ob der Bau von Überschallflugzeugen wirklich eine vergleichbar wichtige und aussichtsreiche Aufgabe für Europa wird, erscheint gegenwärtig zweifelhaft. Der wirtschaftliche Erfolg oder Mißerfolg des britischfranzösischen "Concorde" -Projekts dürfte ausschlaggebend sein.
In seinen politischen Schlußfolgerungen überzeugt Servan-Schreiber mit großer Eindringlichkeit. Ein Publizist der engagierten französischen Linken spricht sich mit logischer Klarheit und zugleich mit Leidenschaft für den festen politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluß des freien Europa als der einzigen dauerhaften Antwort auf die "amerikanische Herausforderung" und die anderen Lebensfragen dieses Kontinents aus. Er erkennt die Sterilität und Fragwürdigkeit eines aus "Furcht und Verkrampfung", also aus eigener Unsicherheit geborenen Antiamerikanismus, der in manchen linken Kreisen Europas zur großen Mode wird. Nicht Ressentiments helfen, sondern klare politische Antworten. Halbe Lösungen, pragmatische und lose Formen der Zusammenarbeit genügen nicht, auch wenn sie Einzelerfolge bringen können. Sie vermögen die grundlegenden Mängel in der Zusammenarbeit von Staat, Wissenschaft und Wirtschaft nicht zu überwinden.
So fordert Servan-Schreiber, der einst mit seinem Freund Mendès-France und einem Teil der französischen Linken der europäischen Einigungspolitik Schumans, Adenauers und De Gasperis skeptisch gegenüberstand, eine wirkungsvolle Föderation Europas. Er knüpft ausdrücklich an diese Tradition der fünfziger Jahre an, betont die gewandelten Motive und die gleichen Ziele: "Die Nachkriegsgeneration hatte die Wahl zwischen der Einbeziehung Europas in die kommunistische Welt oder der Beibehaltung ihrer Unabhängigkeit. Die politische Generation von heute steht vor einer weniger dramatischen, doch ebenso klaren Alternative: Europa entweder zum Mittelpunkt einer autonomen Zivilisation oder es ein Anhängsel der USA werden zu lassen."
Servan-Schreiber hofft, daß seine Freunde der demokratischen Linken diese große Aufgabe erkennen und maßgeblich zu einer Lösung beitragen. Aber er ermahnt sie mit Argumenten, denen auch für die Diskussion in Deutschland Aktualität zukommt, ihre ideologischen Vorurteile, Mythen und Wunschvorstellungen aufzugeben und die Wirklichkeit illusionslos zu erkennen "Ihr Messianismus hat sie von der gegenwärtigen Welt und unseren Problemen entfernt." Anstatt sich in soziologischen und ideologischen Theorien zu verlieren, müßten sie die überkommenen Aversionen gegen den Staat aufgeben und erkennen, daß seine Stabilität und Handlungsfähigkeit in demokratischen Strukturen eine unverzichtbare Voraussetzung für den ökonomischen, technologischen und sozialen Fortschritt sind. Um gemeinsame Probleme zu lösen, hätten die Menschen vor langer Zeit staatliche Ordnungen geschaffen. "Nur die von Marx erträumte kommunistische Gesellschaft vermag darauf zu verzichten. Deshalb existiert sie auch nicht."
Sicher, Europa könnte auch unter der völligen wirtschaftlichen und politischen Hegemonie der USA weiterbestehen. Aber trotz eines annehmbaren Lebensstandards würden seine Kräfte erlahmen. Der alte Kontinent, Wiege der großen Menschheitsideen, müßte mit dem Vermögen zur Selbstbestimmung auch seine kulturelle Eigenart verlieren, seine schöpferische Kraft würde absterben, wie dies vor Jahrhunderten bei den arabischen und indischen Zivilisationen der Fall war.
Immer wieder kreist die Argumentation Servan-Schreibers um den scharfen Kontrast der von rationaler Organisation, koordiniertem Handeln, Wettbewerb und maximaler Leistungssteigerung bestimmten Wirtschafts- und Staatsverfassung der USA, die trotz schwerer innerer und äußerer Konflikte ihre Aktionsfähigkeit beweist, und den zersplitterten, weithin von partikularem Denken und wirklichkeitsfernen Ideologien gehemmten Bemühungen Europas.
Wie immer man dieses Bild und seine Thesen im einzelnen beurteilt, es ist eine eindrucksvolle Darstellung der großen Probleme unserer europäischen Zukunft, die auch uns Deutschen Wesentliches zu sagen hat.
Von Gerhard Stoltenberg

DER SPIEGEL 11/1968
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