11.03.1968

FILMAuge im Glas

Die Stunde des Wolfs (Schweden). In seinem 28. Film hat sich der schwedische Großmeister Ingmar Bergman, 47, der Cinemagie ergeben; nicht ohne Simsalabim.
Auf einem Eiland wüst und leer lebt der Maler Johan (Max von Sydow) mit seiner schwangeren Gattin Alma (Liv Ullman). Der Wind jault um die karge Hütte, die Wäsche knattert an der Leine, in den zerfurchten Mienen nistet Unheil.
Der Künstler, ringend mit dem Pinsel, kann nachts nicht schlafen; tagsüber hat er merkwürdige Erscheinungen. Eine Blonde (Ingrid Thulin) tänzelt über schroffen Schotter herbei und bietet die Brust; einen fleischigen Knaben, der ihn beißt, schlägt der Maler tot.
Noch bizarrer sind seine Erlebnisse auf einem Schloß. Herrschaften von Adel, anzusehen wie Galapagos-Echsen, zeigen morbide Neigungen und schrecken mit satanischen Spielen: Eine verflossene Geliebte erwartet den Johan nackt im Sarg, dieweil der Gatte kopfunter an der Zimmerdecke wandelt.
Raben krächzen, Gevogel stiebt, mephistophelische Fratzen lauern in Verliesen -- kein Zweifel: Nattern des Wahnsinns umzüngeln den inalenden Meister. Umnachteten Sinnes schießt er auf die Gattin, doch Alma, robust wie ein Volvo, überlebt; in Rückblenden erzählt sie von den dämonischen Tagen.
Das düstre Filmwerk, oft in atemraubende Bilder gesetzt, mobilisiert den Bergmanschen Cine-Fundus aus Sexual-Not und Psycho-Pein; leider auch den Hang des Schweden zu Symbol-Breitseiten und Frankensteinschem Horror.
Von vergilbtem Schauder freilich ist auch das Thema. Künstler-Wahnsinn hatte der Gespenster-Romantiker E. T. A. Hoffmann mit Vorliebe dargestellt -- und einen der Hoffmannschen Tollhäusler führt Bergman in seinen Film ein. Am Cembalo sitze, belehrt eine Adels-Greisin, der Kapellmeister Kreisler.
Um "besser hören zu können", nimmt die Alte den Hut ab, zieht sich knirschend die mürbe Gesichtshaut vom Schädel und deponiert ein Auge im Glas.

DER SPIEGEL 11/1968
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