18.03.1968

„Herrgott, es schlägt wieder“

2. Fortsetzung
Triumphzug nach Amerika Was für ein Mensch ist dieser Christiaan (Chris) Barnard? Ein hervorragender Chirurg, der von einem ebenso unvorhersehbaren wie unvermeidlichen Wirbel der Popularität erfaßt wurde? Oder ein Mann, der sich gern in Szene setzt? Oder ein wenig von beidem?
Gewiß hatte niemand erwartet, daß sich ein unbekanntes Forschungsteam in einem Land mit nur wenigen Forschungsinstituten überhaupt einem Ziel nähern konnte, dem die Koryphäen in aller Welt noch immer fast mit Scheu entgegensahen.
Höchst charakteristisch ist für Barnard, daß er in einem kleinen Land weit vorausschaute und in großen Maßstäben dachte. In der Herzforschung war er allen anderen Experten. Südafrikas stets um einen Schritt voraus. Die Technik der Bypass-Chirurgie* hatte er rund 18 Monate früher vervollkommnet als Johannesburg, das zweite große Herzforschungs-Zentrum Südafrikas.
Ehe die Chirurgen jedoch den Bypass beim Menschen vornehmen konnten, mußten sie mit der Herz-Lungen-Maschine praktische Erfahrungen sammeln. Barnard kam zugute, daß er an der Universität Minnesota unter dem großen Forscher C. Walton © 1968 Voortrekkerpers Ltd., Johannesburg. * Bypass: Umleitung des Blutes durch eine Herz-Lungen-Maschine, die für die Dauer der Operation die Funktionen von Herz und Lunge übernimmt.
Lillehei gearbeitet hatte, der selbst eine Herz-Lungen-Maschine ("De Wall-Lillehei pump oxygenator") entwickelte -- jenes Modell, das im Groote-Schuur-Krankenhaus bei den Operationen an Washkansky und Blaiberg benutzt wurde,
Als Forscher und Herzchirurg findet Professor Barnard bei seinen Kollegen in Südafrika rückhaltlose Anerkennung. Ohne Zögern bezeichnen sie ihn als den führenden Chirurgen des Landes. Sein Denken ist messerscharf, sein Sarkasmus auf medizinischen Kongressen gefürchtet.
Die Forscher in Südafrika haben es nicht leicht. Da bis jetzt weder die Regierung noch die Industrie recht begriffen hat, daß Investitionen für Forschungsaufgaben zwar kostspielig, aber sinnvoll sind, fehlt es den meisten Wissenschaftlern für ihre Arbeit ständig an Geld. Außerdem sind die an Universitäten und Forschungsinstituten gezahlten Gehälter im Vergleich zu denen in der Wirtschaft niedrig, und oft ist die Ausstattung der Forschungsstätten unzureichend.
Und so verliert mancher vielversprechende Wissenschaftler die Lust und emigriert -- meist in die Vereinigten Staaten, wo man tüchtige Leute willkommen heißt und ihnen doppelt oder dreimal so hohe Gehälter zahlt wie in Südafrika.
Glücklicherweise fanden viele hervorragende Forscher in Südafrika dennoch genügend Bewegungsfreiheit, um ihre Arbeit trotz finanzieller Begrenzungen fortzusetzen. Zu ihnen gehört Professor Barnard.
Rein technisch hat die Herzverpflanzung nichts Geheimnisvolles. Im Bereich der allgemeinen Transplantations-Chirurgie wird seit langem Forschungsarbeit geleistet. Jeder wußte, daß Herztransplantationen technisch möglich waren.
Barnard war denn auch nicht der erste Chirurg, der einem Menschen ein Herz eingepflanzt hat. Diesen Ruhm erwarb sich ein von Dr. James D. Hardy geleitetes Team des Medical Center der Universität Mississippi. Die Transplantation wurde fast vier Jahre vor der Washkansky-Operation ausgeführt, und sie unterschied sich von ihr vor allem durch eines: Der Herzspender war ein 87 Pfund schwerer Schimpanse.
Hardy und sein Team hatten an Hunden und Kälbern vielseitige Experimente durchgeführt und allein an 200 Tieren, darunter auch Menschenaffen, Herzverpflanzungen vorgenommen. Außerdem hatte man an Menschenleichen Transplantationen ausgeführt.
Jetzt mußte Dr. Hardy darauf warten, daß gleichzeitig Spender und Empfänger verfügbar sein würden. Dreimal hatte er geeignete Spender -- Patienten, die an Hirnverletzungen starben -, aber keinen Empfänger. Zweimal hatte er geeignete Empfänger, aber keine Spender.
Am 23. Januar 1964 kam der große Augenblick. Ein 68jähriger Mann, der an Gangrän (Brand) litt, wurde an die Klinik überwiesen. Er hatte seit vielen Jahren Herzbeschwerden, und der Herzspezialist hielt es für unwahrscheinlich, daß er die nächsten Stunden überleben werde.
In der Wiederbelebungs-Station lag ein junger Mann, der an unheilbarer Hirnschädigung litt und als Spender in Frage kam. Die Angehörigen des Herz-Patienten wurden unterrichtet; sie erklärten sich mit einer Herzverpflanzung einverstanden und genehmigten für den Notfall die Verwendung eines Schimpansenherzens.
Gegen 6 Uhr morgens erlitt der Patient einen schweren Zusammenbruch, und es wurde klar, daß die Herztransplantation sofort vor sich gehen mußte. Aber die Sache hatte einen Haken: Der in Aussicht genommene Spender wollte nicht sterben.
Zu diesem Zeitpunkt gab man dem größeren von zwei Schimpansen ein Beruhigungsmittel; sein Gewicht war zwar beträchtlich geringer als das des Patienten, doch die Pumpleistung des Affenherzens lag bei 4 1/2 Liter pro Minute -- im Vergleich zur Durchschnitts-Leistung eines menschlichen Herzens ein günstiger Wert. Der Patient wurde in den Operationssaal gebracht und für den Bypass vorbereitet.
James Hardy stand vor einer sehr schweren Entscheidung. Der Kreislauf des Patienten wurde durch die Herz-Lungen-Maschine aufrechterhalten; der ursprünglich vorgesehene Spender lag noch immer in der Wiederbelebungs-Station. In einem anstoßenden Operationssaal war der Schimpanse bereits narkotisiert worden. Sollte man den Bypass beenden und den Patienten sterben lassen, oder sollte das Herz des Affen verpflanzt werden?
Das Team versammelte sich im Operationssaal. Allen war die Situation klar: Die Transplantation eines menschlichen Herzens konnte Kontroversen hervorrufen, doch die Verpflanzung eines Menschenaffen-Herzens würde mit ziemlicher Sicherheit skandalöses Aufsehen erregen.
Andererseits glaubten die Ärzte, unter den gegebenen Umständen bleibe die Verpflanzung eines Affenherzens durchaus im Rahmen der Ethik und der Moral. Sie stimmten über die Frage ab. Vier Mitglieder des Hauptteams stimmten für die Transplantation, ein Mitglied enthielt sich der Stimme.
Die Transplantation wurde vollzogen. Ein kurzer Stromstoß vom Defibrillator -- dann begann das Affenherz regelmäßig und kräftig mit rund 80 Schlägen pro Minute zu schlagen.
Es zeigte sich jedoch bald, daß das kleinere Herz den starken Rückfluß des Venenblutes nicht verkraften konnte. Um die Herzleistung zu steigern, verband man die Elektroden eines Herz-Schrittmachers mit der linken Herzkammer und stellte das Gerät auf einen Rhythmus von 100 Schlägen pro Minute ein.
Kaum arbeitete der Schrittmacher zufriedenstellend, da stieg der Blutdruck des Patienten an. Wieder war das Herz zu schwach für den Zustrom des Venenbluts, und eine Stunde später blieb nichts anderes übrig, als es durch manuelle Herzmassage anzuregen.
Schließlich mußte das Hardy-Team seine Bemühungen, das Herz in Gang zu halten, widerstrebend aufgeben; die erste Herzverpflanzung bei einem Menschen endete mit einem bedrückenden Fehlschlag.
Trotzdem waren die Ärzte einen Schritt weitergekommen. Die Naht-Technik, die zuvor bei anderen Transplantationen und bei Labor-Versuchen angewendet worden war, hatte sich bewährt, und mit einem einzigen Stromstoß des Defibrillators ließ sich ein regelmäßiger, kräftiger Herzschlag hervorrufen.
Dr. Marius Barnard, der Bruder Professor Chris Barnards, bezeichnete später Hardys Versuch als "mutig"; und es ist kaum zu bezweifeln, daß diese frühzeitige Operation das Team in Kapstadt bestärkte, selbst eine Transplantation vorzunehmen.
Christiaan Barnard schrieb nach seiner ersten Herzverpflanzung: "Für die Mediziner war meine Operation keine Überraschung. Stete Fortschritte auf dieses Ziel hin wurden von Immunologen, Biochemikern, Chirurgen und Spezialisten anderer medizinischer Fachgebiete in den letzten Jahrzehnten überall in der Welt gemacht."
Gewiß, jeder wußte, daß der äußerste Schritt in der Herzchirurgie bevorstand; doch Barnard irrt, wenn er meint, seine Leistung habe die Fachwelt nicht überrascht.
Genau vier Wochen vor der historischen Operation in Kapstadt gestand Donald Ross, Herzchirurg des Guy's Hospital und des National Heart Hospital in London, die Technik einer Herzverpflanzung sei zwar, kein großes Problem, wohl aber die Abstoßung fremden Gewebes.
Experte Ross: "Auf diesem Gebiet wird in aller Welt umfangreiche Forschungsarbeit geleistet, vor allem in den Vereinigten Staaten. Es ist unmöglich, einen Zeitpunkt anzugeben, doch nehme ich an, daß dieses Problem etwa innerhalb der nächsten zehn Jahre gelöst wird."
Am 20. November 1967 veröffentlichte das "Journal of the American Medical Association" einen Artikel von Dr. Norman E. Shumway, dem Leiter der Abteilung für Herzgefäß-Chirurgie an der Universitätsklinik Stanford, Kalifornien, in dem es hieß, für den Versuch einer Herztransplantation beim Menschen sei der Weg jetzt frei. Diese Äußerung erregte kaum Aufsehen, obwohl Shumway einer der Pioniere der Herzverpflanzung ist.
Ein Kapstädter Chirurg allerdings, den die Presse ohne Namensnennung zitierte, ließ sich zu der Bemerkung aufstacheln: "Die Amerikaner sind auch nicht weiter als wir. Überall haben Ärzte in dieser Richtung gearbeitet. Wir selbst experimentieren seit drei oder vier Jahren mit Tieren."
Wer war dieser Kapstädter Emporkömmling? "Ach, das muß Chris Barnard gewesen sein", sagte mir einer meiner Freunde, ein Chirurg. "Er experimentiert seit langem auf diesem Gebiet."
Schon Jahre vorher hatte Barnard bei seiner Rückkehr von einer Auslandsreise vor der Presse gesagt, Südafrika sei in der Chirurgie nicht weit hinter Europa und Amerika zurück; und um die Chirurgie in Rußland stehe es so miserabel, daß sie "praktisch eine Zumutung für den Berufsstand" sei.
Er war für vierzehn Tage nach Rußland gereist, um zu sehen, was er von den Ärzten dort, vor allem von dem berühmten Verpflanzungs-Experten Professor Demichow, lernen könne. Es war damals bekannt geworden, daß sie auf einen Hund einen zweiten Hundekopf verpflanzt hatten. Barnard nahm einen Film nach Rußland mit, um den Russen zu zeigen, daß er die gleiche Operation ausgeführt hatte.
Als er vor einigen Jahren auf einem medizinischen Kongreß in Port Elizabeth einen Vortrag über die neuesten chirurgischen Methoden hielt, erklärte er: "Es muß dazu kommen, daß Menschen neue Herzen erhalten. Die erfolgreiche Herztransplantation wird möglich werden -- ich weiß nicht wann, aber sie muß kommen." Für die Öffentlichkeit aber war Barnard noch im November 1967 ein ziemlich unbekannter Mann, als er verkündete, sein Team sei jetzt bereit, eine Herztransplantation auszuführen, sobald ein geeigneter Spender und ein geeigneter Empfänger zur Verfügung stehen würden. Kaum mehr als vier Wochen später hielt Barnard Wort.
Die Operation, die er vornahm, erforderte nicht nur größtes Können, sondern vor allem Mut. Barnard muß ein unerhörtes Selbstvertrauen, aber auch äußerstes Vertrauen zu seinen Mitarbeitern gehabt haben, als er sich zu der Operation entschloß.
Den Mitgliedern des Kapstädter Teams soll bei der ersten Herzverpflanzung kaum bewußt gewesen sein, daß sie auf dem Gebiet der Medizin Geschichte machten, und angeblich haben sie nicht ahnen können, daß ihre Leistung bei Presse und Öffentlichkeit eine fast hysterische Reaktion hervorrufen würde.
Das klingt etwas naiv. Barnard muß gewußt haben, wie die Presse auf ein ungewöhnliches Ereignis reagiert; schließlich hatte er selbst in den Vereinigten Staaten studiert, wo man an Radau-Journalismus gewöhnt ist. Zudem ist der Bruder seines Team-Kollegen Botha selbst alter Zeitungshase und hat sicherlich mit Dr. Botha über die mögliche Auswirkung auf die Öffentlichkeit diskutiert.
Jedenfalls: Als Horden von Journalisten das Groote-Schuur-Krankenhaus und die Medical School der Uni* Mit einem Versuchshund, auf den der Oberkörper eines zweiten Hundes verpflanzt worden ist.
versität Kapstadt stürmten, um sich die Story des Jahrzehnts zu verschaffen, war Barnard gerüstet. Er war der Sache so sehr gewachsen, daß ein erfahrener Werbefachmann vor Neid hätte erblassen müssen.
Barnard veranstaltete Pressekonferenzen, gab Rundfunk-Interviews, sprach mit Kameraleuten der überseeischen Fernsehgesellschaften, ließ sich photographieren, beantwortete Fragen. Kein Tag verging, an dem er nicht den einen oder anderen Kommentar gegeben hatte.
Er machte eine Blitzreise in die USA, um mit den bedeutendsten amerikanischen Herzchirurgen DeBakey und Kantrowitz im Fernsehen aufzutreten, er wurde von Präsident Johnson eingeladen und von Hollywoodstar Dean Martin angerufen. Alle waren von dem hageren Südafrikaner mit dem strahlenden Lächeln und den "goldenen Händen" (Washkansky) fasziniert.
Die Politiker zeigten sich begeistert, weil Barnard für Südafrika die Werbetrommel schlug. Jedes seiner Worte wurde geflissentlich registriert und in der ganzen Welt wiederholt.
Es wurde ein fast erschreckendes Image Christiaan Barnards aufgebaut, das wahrhaft absurde Proportionen annahm. In Kapstadt entstand eine Manie des "Berührens", und Barnard unternahm nichts, diesem hysterischen Ausbruch einer krankhaften, von Rundfunk und manchen Zeitungen geförderten Verehrung ein Ende zu machen. So drohte ein großer Wissenschaftler auf
das Niveau eines Pop-Idols der Teenager herabzusinken.
War es richtig, allen und jedem die Hand zu schütteln, als er nach seiner zweiten Herzverpflanzung vor dem Krankenhaus von einer Menschenmenge erwartet wurde? War es nötig, kleine Mädchen zu küssen, die zu ihm hochgehoben wurden -- wo er doch genau wissen mußte, daß jeder Möchtegern-Reporter seine Kamera auf ihn richtete?
Stand hier Barnard, der Super-Showman, oder war es ein unvorstellbar erschöpfter Mann, der einen Augenblick lang die standesgemäße Zurückhaltung außer acht ließ, als die Anspannung der letzten Stunden vorüber war?
War es notwendig, an der Beerdigung des zweiten Herzspenders teilzunehmen und sich jener unwürdigen Szene vor der Kirche auszusetzen, bei der ihn eine verrücktgewordene Masse krankhaft Neugieriger umjubelte und zu "berühren" versuchte?
Einem Krankenhausdirektor oder dem Leiter der Gesundheitsbehörde würde in Südafrika niemand das Recht absprechen, in der Öffentlichkeit Erklärungen abzugeben; bei einem Professor oder Arzt an einer Universitätsklinik ist es anders. Wenn sie in der nichtfachlichen Presse allzuoft namentlich genannt werden, erregen sie bei anderen Ärzten Mißfallen.
So sind südafrikanische Universitätsprofessoren nicht überrascht, wenn sie vor dem Medical and Dental Council -- der Körperschaft, die über die Einhaltung des ärztlichen Standeskodex wacht -- unangemessener Selbstpropaganda beschuldigt werden. Dieses Dilemma sahen Professor Barnard und sein Team nach der ersten Herzverpflanzung vor sich, als die Welt durch die Presse lautstark immer mehr Informationen forderte.
Wie sich zeigte, beschlossen Barnard und sein Team, die ohnehin wenig präzisen Vorschriften des Berufsstandes weitherzig auszulegen. Sie wurden dabei von einer aufgeschlossenen Provinzialverwaltung gedeckt, der offensichtlich klar war, wie wertvoll eine gute Werbung für das Groote-Schuur-Krankenhaus sein würde.
Professor Barnard sah es so: Es sei schließlich die Öffentlichkeit selbst, die das Geld für die medizinische Forschung aufbringe, und daher sei es ihr gutes Recht, über die neuesten Verfahren informiert zu werden.
Seit der ersten Herzverpflanzung ist Chris Barnard von der Boulevard-Presse wie kein Südafrikaner vor ihm ins Rampenlicht gezogen worden. Heute weiß die Welt, wieviel er trinkt und raucht, wie viele Anzüge er besitzt (vier insgesamt), welchen Kilometerstand sein Chevrolet-Kombi hat.
Man weiß, daß er einen kleinen Sohn hat und eine Frau, die seine Kleidungsstücke aufhebt, wenn er sie beim
* Aufnahme einer Diskussion, in der Barnard über seine erste Herzverpflanzung spricht.
Ausziehen auf den Boden fallen läßt. Eine Illustrierte ließ sogar durchblicken, Barnard habe ein spiritistisches Talent, und bei Operationen sei die Erscheinung seines Vaters, eine aufgeschlagene Bibel in der Hand, hinter ihm zu sehen gewesen.
Interessanter ist allerdings, daß Barnard an Arthritis der Hände leidet. Wenn eine Operation sehr lange dauert, schwellen seine Finger beängstigend an, und er muß täglich Medikamente einnehmen, damit sich das Leiden nicht verschlimmert. Er befürchtet selbst, daß seine Jahre als Chirurg gezählt sein könnten, obwohl er in seiner Tätigkeit bis jetzt nicht behindert ist.
Christiaan Neethling Barnard wurde vor 44 Jahren in Beaufort West in der Karru geboren, einem unfruchtbaren Gebiet der Kap-Provinz, dessen Buschland sich über Tausende Quadratmeilen erstreckt.
Sein Vater war Missionar; er arbeitete unter der farbigen Bevölkerung des Bezirks und verdiente das fürstliche Gehalt von 40 Rand (etwa 224 Mark) monatlich, wovon er mit Frau und vier Söhnen leben mußte. Christiaan war der dritte Sohn; zwei andere Kinder starben früh, eines an einer angeborenen Herzkrankheit.
Christiaans älterer Bruder Johannes erinnert sich noch, wie er und seine Brüder oft im Garten ihren Hunger mit Obst, Walnüssen und rohem Gemüse stillten. Die Brüder nahmen im Ort Gelegenheitsarbeiten an, das verdiente Geld verschwand zum größten Teil im Haushalt. Johannes sammelte Knochen, um sie zu
verkaufen, und Chris war Caddie auf dem Golfplatz.
Wie Reverend Barnard das Geld auftrieb, um vier Söhne auf die Universität zu schicken, ist noch immer ein Rätsel. Zwei seiner Söhne wurden Ärzte, Chris und Marius (heute Chirurg im Team seines Bruders); Johannes wurde Ingenieur. Der vierte Bruder verließ die Universität, trat zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Armee ein und ist heute Buchhalter.
Christiaan ließ sich nach dem Studium an der Universität Kapstadt, das er 1946 mit den Prüfungen zum Bachelor of Medicine und zum Bachelor of Surgery beendete, in der kleinen westkapländischen Stadt Ceres als praktischer Arzt nieder. Doch bald beschloß er, Facharzt zu werden, und kehrte nach Kapstadt zurück, um seine Ausbildung am City Fever Hospital und an der Universität fortzusetzen.
Er promovierte zum Doktor der Medizin und ging dann mit einem Stipendium an die Universität Minnesota, wo er den Grad eines Master of Surgery und eines Doktors der Philosophie erwarb. Nach seiner Rückkehr wurde er zum Leiter der Abteilung für Chirurgische Forschung an seiner alten Alma mater ernannt.
Barnard leistete hervorragende Forschungsarbeit auf dem Gebiet der angeborenen Mißbildungen. Abermals bekam er ein Stipendium für weitere Studien in Amerika. 1962 wurde er außerordentlicher Professor.
Die wohl größte akademische Ehre aber, die Barnard erwiesen wurde, stand ihm noch bevor. Wenige Tage nach seiner ersten erfolgreichen Herztransplantation verlieh ihm die Universität Kapstadt während ihrer allgemeinen Verleihungszeremonie die Würde eines Doktors der Naturwissenschaften honoris causa; Barnard ist das erste Mitglied der Universität Kapstadt, dem diese Ehre zuteil wurde.
In der Laudatio heißt es: "Seit den Jahren seiner Ausbildung folgte er bei der methodologischen Lösung biologischer Probleme dem Beispiel John Hunters, des Vaters der wissenschaftlichen Chirurgie in England. Wie erinnerlich, sagte Hunter: "Ich glaube, Ihre Lösung ist richtig; aber warum glauben? Warum nicht das Experiment
* Vater Barnard, Söhne Marius (sitzend), Christiaan (stehend), Mutter Barnard.
machen?' Barnards experimentelle Forschung in der Herzchirurgie führte zu seiner ersten erfolgreichen Operation am offenen Herzen in Südafrika."
Wird ihm auch die höchste Ehre, der Nobelpreis, verliehen werden? Wird der Name Christiaan Barnard in jene Liste aufgenommen, die so berühmte Namen wie Iwan Pawlow, Robert Koch, Paul Ehrlich, Ilja Metschnikoff, Frederick Banting und Alexander Fleming enthält? Verdient Barnards Leistung den Preis, der denen verliehen wird, deren Arbeit als Beitrag zum Fortschritt der Menschheit gilt?
Barnard hat die Ärzte in aller Welt angespornt, auf seinen Erfahrungen aufzubauen, er hat sie darin bestärkt, ihre Forschungen auf dem Gebiet der Transplantations-Chirurgie fortzusetzen. Noch läßt sich nicht sagen, ob er die Tür zu früh aufgestoßen hat.
Ähnliche Anfangsschwierigkeiten hat es in der Medizin stets gegeben. Bei der Bluttransfusion etwa -- inzwischen ein großer Segen für die Menschheit -- war zuerst die Zahl der tödlichen Mißerfolge größer als die Zahl der Geretteten, Das Verfahren mußte zunächst wieder verboten werden, bis zu Anfang dieses Jahrhunderts die Blutgruppen entdeckt und damit Transfusionen ohne das Risiko der Unverträglichkeit möglich wurden.
Der Tod Louis Washkanskys beeinträchtigte das Barnard-Image jedenfalls nicht im geringsten. In den Augen der Öffentlichkeit war er ein Held, und daran konnte nicht einmal der Tod etwas ändern.
Sofort wurde er auch in Schutz genommen: Nachdem die Zeitungen ihre Enttäuschung über den Tod des Patienten überwunden hatten, schrieben sie mit spürbarer Erleichterung: "Es war nicht das Herz."
Niemand wollte wahrhaben, daß die Todesursache indirekt eben doch Washkanskys Herz gewesen ist -- daß er vielleicht keine derart heftige Lungenentzündung bekommen hätte, wenn er nicht gegen eine Abstoßung behandelt worden wäre, und daß die Infektionsgefahr eines der größten Risiken der Transplantation ist.
In diese unkritische Welt begab sich Professor Barnard zwei Tage nach dem Tod seines Patienten. Nach über 14 Tagen unverminderter Publicity, die seine Leistung hervorgerufen hatte, ließ er sich von der Welle der Popularität mitreißen.
Die Stadt Kapstadt verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft, der Verband der französischen Juweliere übersandte ihm als Geschenk die Nachbildung eines Herzens in Gold, die Pariser Zeitung "France-Soir" ernannte ihn zum Mann des Jahres.
Schon vor dem Tod Washkanskys war Barnard eingeladen worden, mit den Herzchirurgen Dr. Michael De-Bakey und Dr. Adrian Kantrowitz im amerikanischen Fernsehen auf zutreten. Er beschloß, die Einladung anzunehmen und bei dieser Gelegenheit andere seiner amerikanischen Kollegen aufzusuchen.
Zu seinem Abflug am 23. Dezember hatten sich Hunderte von Neugierigen auf dem Kapstädter Flughafen eingefunden, um ihn zu verabschieden, doch sie bekamen Barnard nicht einmal flüchtig zu sehen. Sein Wagen fuhr über die Rollbahn bis zur Maschine, und er ging sofort an Bord.
Bei der Zwischenlandung in Johannesburg empfing ihn eine riesige Menschenmenge und jubelte ihm zu, als er aus der Boeing 727 kletterte. Sogleich wurde im Empfangsraum der Prominenz eine Pressekonferenz veranstaltet. Man verzichtete auf die Zollformalitäten, und Barnard verließ mit seiner Frau Louwtjie das Empfangsgebäude durch einen Seitenausgang, um zum Flugzeug zu gelangen.
Die Tage in den USA waren mit Terminen vollgepackt. Barnard erschien mehrmals auf dem Bildschirm, er traf mit führenden amerikanischen Herzchirurgen zusammen, er flog nach Chicago, um bei einer eigens einberufenen Tagung vor Herzspezialisten einen Vortrag zu halten und bei einer Pressekonferenz Fragen zu beantworten.
Ehe das Interview mit DeBakey und Kantrowitz für die Sendung "Face the Nation" des Columbia Broadcasting System (CBS) aufgenommen wurde, erklärte man ihm, wahrscheinlich würden sich 20 Millionen Amerikaner die Sendung ansehen. Barnard: Das seien mehr als die gesamte Bevölkerung Südafrikas.
Bei der amerikanischen Presse kam er von Anfang an gut an. Auf dem Flughafen betonte er bei einer Pressekonferenz, 90 Prozent seiner für die Washkansky-Operation nötigen Kenntnisse habe er während seines Studiums in den USA erworben. Nichts hätten seine Zuhörer lieber gehört.
Außerdem teilte er mit, 15 Herzkranke außerhalb Sudafrikas hätten ihn brieflich gebeten, sie auf seine "Warteliste" für Herzverpflanzungen zu setzen, darunter Amerikaner, Briten und Australier.
In Washington verkündete Barnard, wahrscheinlich werde er seine zweite Herzverpflanzung noch vor Ablauf der nächsten vier Wochen ausführen. Trotz Washkanskys Tod habe die Operation sein Team ermutigt, die Arbeit fortzusetzen.
In New York ließ sich der Professor aus Kapstadt, der für Dixieland-Jazz schwärmt, von Walter Cronkite, einem Journalisten der CBS, ins "Village Gate", ein beliebtes Nachtlokal in Greenwich Village, begleiten, um den Jazzmusiker Wilbur de Paris zu hören. Am. nächsten Tag war er wieder auf dem Bildschirm zu sehen. Später stattete er dem Oberbürgermeister von New York, John V. Lindsay, einen Besuch ab.
In Chicago, wo er mit Kollegen konferierte, äußerte er den Wunsch, von Präsident Johnson empfangen zu werden. Barnards Ruhm war inzwischen so groß geworden, daß man sofort für ihn und seine Frau einen Flug nach San Antonio in Texas und einen Besuch bei Präsident Johnson auf dessen Ranch LBJ arrangierte.
Barnard verbrachte drei Stunden bei Johnson; sie unterhielten sich, besichtigten gemeinsam die Ranch und aßen zu Mittag. Barnard später: "Diese Stunden werde ich nie vergessen."
Zunächst beeindruckte ihn, daß die Ranch so schlicht war: "Ich hatte mir vorgestellt, überall Gold und Diamanten zu sehen, und ich entdeckte lediglich ein sehr komfortables Haus ohne jeden Prunk.
Präsident Johnson zeigte Barnard seine Ranch auf stilvolle Weise -- vom Hubschrauber aus. "Es gibt dort mehr Tiere als im Krüger National-Park", kommentierte Barnard.
Das Weiße Haus hatte den Besuch der Barnards in Texas als eine kurze Höflichkeitsvisite bezeichnet, und die Presse war nicht auf die Ranch eingeladen worden. Doch als nun Stunde um Stunde verging, wurde klar, daß die beiden Männer eine ganze Reihe Gesprächsthemen hatten.
Barnard sagte, er sei beeindruckt, wieviel Verständnis der Präsident für medizinische Probleme aufbringe und wie besorgt er wegen der hohen Kindersterblichkeit und der sozial benachteiligten Mütter und Kinder sei.
Johnson erwähnte die schwere Herzattacke, die er vor zwölf Jahren gehabt hatte, doch als man Barnard später fragte, ob er dem Präsidenten ärztlichen Rat gegeben habe, erklärte er: "Nein, selbstverständlich nicht. Er befindet sich in sehr guten Händen und braucht meinen Rat nicht."
Zum Abschied schenkte der Präsident den Barnards eine Sammlung seiner Reden mit dem Titel "No Return from Tomorrow" ("Keine Rückkehr von morgen"). Die Widmung lautete: "Für Dr. und Mrs. Christiaan Barnard mit großen Hoffnungen und den besten Wünschen für ein erfolgreiches medizinisches Jahr 1968 voll kühner Taten."
Sichtlich über seine Zusammenkunft mit dem Präsidenten erfreut, sprach Professor Barnard später mit Dankbarkeit von der Unterstützung, die ihm die USA in seiner Laufbahn gegeben hätten, und betonte, die Amerikaner dürften überzeugt sein, daß die gelungene Herzverpflanzung auch eine Leistung Amerikas sei.
"Wenn man an die Spitze gelangt, steht man auf den Schultern vieler anderer", sagte Barnard. "Ich stehe auf den Schultern vieler amerikanischer Arzte."
Inzwischen hatte er beunruhigende Nachrichten aus Südafrika erhalten. Der Zustand seines zweiten Patienten, bei dem eine Herzverpflanzung vorgesehen war, verschlechterte sich, und daher wollte Barnard so schnell wie möglich zurückkehren. Journalisten eröffnete er: "Ich hoffe nur, daß sie ihn so lange am Leben halten können, bis ich nach Kapstadt zurückkomme."
Am 29. Dezember reisten die Barnards ab. Wie ein Sprecher des Londoner South Africa House sagte, wollte Barnard bei seinem Zwischenaufenthalt in London nicht mit Journalisten sprechen, doch er hatte die Hartnäckigkeit der Fernsehteams und der Reporter unterschätzt.
Am selben Tag erschienen die auflagenstärksten Zeitungen Londons mit riesigen Schlagzeilen: "Barnard fliegt zu neuem Herztausch."
Die Reise war ein ungeheurer Erfolg. Und die Welt kam nicht dazu, den Mann zu vergessen, denn drei Tage später trompeteten die Zeitungen: "Barnards Team stürzt wieder an die Arbeit. Neues Herz für Patient Nr. 2."
IM NÄCHSTEN HEFT
Barnard entwickelt eine neue postoperative Behandlungsmethode -- Er rettet seinen neuen Patienten Blaiberg -- Barnard: "Ich zeigte ihm sein altes Herz!"
Von Marais Malan

DER SPIEGEL 12/1968
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DER SPIEGEL 12/1968
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