18.03.1968

GEBRECHLICHE MÄNNER IM WEISSEN HAUS

Dr. George G. Burkley, Vizeadmiral und einer der ständigen Ärzte des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, hat dem amerikanischen Volk zum Jahresende 1967 mitgeteilt, der Präsident befinde sich aufgrund der letzten "check-ups" in "ausgezeichneter gesundheitlicher Verfassung".
Das Ritual derartiger, zuweilen mißtrauisch aufgenommener Burkley-Erklärungen ist zwar nicht neu, erhält aber zum Zeitpunkt sinkender Präsidenten-Popularität und der öffentlichen Auseinandersetzung um den Krieg in Vietnam eine gewollte Bedeutung. Dies um so mehr, als es in der Presse mit dem Hinweis verknüpft ist, 1967 sei das erste Jahr, in dem Johnson seit seiner Wahl nicht durch mehr oder weniger schwere Krankheitsattacken behindert wurde -- die innen- und außenpolitischen Spannungen hätten ihn also körperlich oder seelisch nicht geschwächt, sondern gestärkt. Seit Präsident Dwight D. Eisenhower am 24. September 1955 durch einen Herzinfarkt, im Juni 1956 durch eine Dünndarm-Erkrankung und im November 1957 durch einen Schlaganfall für Monate an der Ausübung des Amtes gehindert wurde, ist der Gesundheitszustand der US-Präsidenten ein jederzeit aktuelles, öffentlich diskutiertes amerikanisches Problem.
Die Frage, in welchem Maße Eisenhowers ohnehin schwache und farblose Amtsführung durch seine Krankheiten noch schwächer wurde und wie sehr die Wirtschaftsdepression der Jahre 1957/59 von der Ungewißheit über Eisenhowers körperliche und geistige Verfassung herrührte, wurde zwar nicht beantwortet, aber immer wieder diskutiert.
Das Thema Präsidenten-Gesundheit wurde noch aktueller durch historische Studien, die gerade während der Eisenhower-Ära erschienen. Sie beschäftigten sich mit den beiden amerikanischen Präsidenten, die Amerika während des Ersten und Zweiten Weltkriegs aus seiner Isolation in die Weltpolitik und damit in sein heutiges, drückendes, weltumspannendes Engagement hineinführten: Woodrow Wilson (1856 bis 1924) und Franklin D. Roosevelt (1882 bis 1945).
Die Studien zeigten mit zuweilen schockierender Deutlichkeit die unmittelbare Auswirkung der gesundheitlichen Verfassung der Präsidenten auf das Schicksal Amerikas und der Welt.
Bei Wilson, der die Verantwortung für das Eingreifen Amerikas in den Ersten Weltkrieg trug und an dem naivgläubigen Versuch scheiterte, eine ständige Friedenssicherung für Europa zu schaffen, zeigten sich lange vor Beginn seiner Präsidentschaft Anzeichen einer schnell fortschreitenden Arteriosklerosis.
Schon 1906, als Professor in Princeton, erblindete er infolge einer Gefäßembolie auf dem linken Auge und litt an Schwindelanfällen und Schreikrämpfen. Vier Jahre später untersuchte ihn der damals angesehenste amerikanische Neurologe, Weir Mitchell, und bezweifelte, daß er in der Lage sein werde, eine Präsidentschaft durchzustehen. Aber Wilsons Zustand wurde geheimgehalten.
Von heftigen Kopfschmerzen gepeinigt, von (im zentralen Nervensystem ausgelösten) Magenbeschwerden verfolgt, die er durch den täglichen Gebrauch einer Magenpumpe bekämpfte, trat er seine Präsidentschaft an. Nach der Kapitulation Deutschlands, bei den entscheidenden Pariser Verhandlungen um die Ausformung des Sieges zu jener "permanenten Friedensweit", die Wilson erträumte, versagten seine Kräfte.
Harten Realisten wie dem Franzosen Clemenceau war er nicht gewachsen. Erbrechen, Herzanfälle, Nackenkrämpfe, Kopfschmerzen machten ihn mehr und mehr verhandlungsunfähig, bis er am 3. April 1919 in Paris endgültig zusammenbrach. Die schwere Erkrankung seiner Gehirn- und Herzgefäße trat endgültig hervor: Erregungszustände wechselten mit Lähmungserscheinungen, Schlaflosigkeit mit Apathie.
Im Juli 1919 kehrte er nach Washington zurück. Am 1. Oktober ereilte ihn ein schwerer Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung, von dem er sich nicht mehr erholte. An Stöcken gehend, von Erregungszuständen geschüttelt, geistig angegriffen, von seiner ehrgeizigen Frau gegen die Umwelt abgeschirmt, überdauerte er zwar die Zeit seiner Präsidentschaft, aber es war nur eine Zeit der Agonie. 1924 erlosch er im wahrsten Sinne des Wortes.
Was den Gesundheitszustand Roosevelts anbetrifft, unter dessen Führung der zweite und diesmal unwiderrufliche Einbruch der schlecht vorbereiteten, in ihrer Weltkenntnis mehr als naiven Vereinigten Staaten in die Weltpolitik begann, so haben die Historiker ebenfalls sehr viel Neues zutage gefördert, ohne bereits zu einem endgültigen Urteil gelangt zu sein.
Soviel aber steht für die meisten fest: Einerseits verkrüppelte eine Kinderlähmung Roosevelt so sehr, daß er zur Zeit seiner ersten Wahl bereits an den Rollstuhl gefesselt war und nur mit Hilfe komplizierter metallener Beinschienen den Eindruck erweckte, als könne er wenigstens stehen. Die Krankheit machte aus einem verspielten, arroganten jungen Mann einen Politiker, der mit ungeheurer Willenskraft zu beweisen suchte, zu welcher Karriere und welcher Machtausübung er trotz seiner Krankheit fähig war.
Auf der anderen Seite schufen seine Krankheit und die damit verbundene Bewegungsunfähigkeit die Voraussetzung für die Unzulänglichkeiten seiner Weltkenntnis, wahrscheinlich aber auch für ein weiteres schweres Leiden.
Wie Wilson wurde auch Roosevelt früh von einer Gefäßerkrankung befallen. Daß er -- wie erst vor kurzem bekannt wurde -- bereits 1938 die ersten leichteren Schlaganfälle mit Ohnmachten und Schwindelerscheinungen erlitt, blieb ebenso geheim wie sein schneller skierotischer Verfall nach 1943 und eine Anzahl weiterer Schlaganfälle, die schließlich im April 1945 in Warm Springs mit einer letzten, tödlichen Gehirnblutung endeten.
Der Verfall, der selbst für Journalisten sichtbar war, wurde von Roosevelts Ärzten standhaft bestritten. Der Einfluß dieses Verfalls beispielsweise auf den Ausgang der Jalta-Konferenz und die europäische und asiatische Entwicklung, mit deren bitteren Auswirkungen die USA heute selbst konfrontiert sind, ließ sich aber zwanzig Jahre später nicht mehr übersehen.
Vor diesem Hintergrund wird die -- von Außenstehenden oft als sensationshascherisch und alle Intimschranken mißachtend empfundene -. Begierde der amerikanischen Öffentlichkeit verständlich, über Gesundheit oder Krankheit ihrer Präsidenten bis ins letzte Detail unterrichtet zu werden. Ebenso verständlich ist das Mißtrauen gegenüber ärztlichen Bulletins alten Stils, die, wie es in Europa heute noch der Fall zu sein pflegt, mit dem Nimbus einer medizinischen Geheimwissenschaft verbunden sind.
Eisenhowers Berater traten zum erstenmal eine Art Flucht nach vorn an. Sie entschieden sich für eine prononciert "aufrichtige und schonungslose Unterrichtung der Öffentlichkeit" genau gesagt: dafür, den Eindruck einer vollständigen Unterrichtung zu erwecken, Vertrauen zu erzeugen und im Schatten dieses Vertrauens allzu negative Aspekte (wie eh und je) zu verschweigen.
Johnson, der sich mit der Legende des robusten, unzerstörbaren Texaners umgibt, ist in Wahrheit alles andere als ein gesunder Mann, und wenn er über Jahre hinweg trotz schwerer Gesundheitskrisen immer wieder jene Legende bekräftigt, so äußert sich darin das erwähnte Geschick. Es bleibt nur die Frage, wer daran den größten Anteil hat, der Taktiker Johnson selbst oder Burkley, der präsidiale Amtsarzt, der aus seiner früheren Tätigkeit als Arzt Präsident Kennedys ausreichende Erfahrungen auf dem Gebiet der modernen amerikanischen Methode der "Gesundheitsinformation" mitgebracht hat.
Daß Kennedy ein kranker Mann war, ist zwar selbst breiten amerikanischen Schichten nicht gänzlich unbekannt gewesen, insbesondere seit dem Jahre 1959, als die Kennedy-Anhänger während der Kämpfe um die Nominierung Johnsons oder Kennedys als demokratischen Präsidentschaftskandidaten die relative Jugend Kennedys gegen den wesentlich älteren Johnson ins Treffen führten und darauf hinwiesen, daß Johnson 1955 (im selben Jahr wie Eisenhower) von einem schweren Herzinfarkt betroffen worden war.
Die Johnson-Partei konterte mit erstmaligen Hinweisen nicht nur auf ein Wirbelsäulen-Leiden Kennedys, sondern auch auf eine andere, weit schwerwiegendere Krankheit. Es handelte sich um die Addison'sche Erkrankung, die ihren Namen von dem britischen Arzt Thomas Addison hat, der sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum erstenmal beschrieben hatte. Sie äußert sich durch ein Versagen der Nebennieren, ohne deren Hormonausschüttung kein Mensch zu existieren vermag.
Noch 48 Stunden vor der Präsidentschaftswahl 1960 weckte auch das Kongreß-Mitglied Dr. Walter Judd Zweifel an Kennedys Fähigkeit, die Bürde des Präsidentenamtes wirklich erfolgreich und auf die Dauer zu tragen. Er wies darauf hin, daß Kennedy seit Jahren an Addisonismus leide und täglich Hormonpräparate zu sich nehme.
Um so bemerkenswerter ist es, daß es Kennedy, seiner Umgebung und vor allem Burkley und den übrigen Ärzten gelang, mehrere Jahre hindurch vor der Öffentlichkeit das Bild eines jugendlich-aktiven Präsidenten aufrechtzuerhalten. Die Ärzte wurden dabei durch das mit aller Sorgfalt gepflegte jüngere Aussehen Kennedys unterstützt.
Erst heute ist es möglich, genauer darzustellen, in welchem Maße John F. Kennedy ein leidender Mann war, den nur ständige ärztliche Betreuung am Leben erhielt.
Wenn sein Bruder Robert gegenüber Vertrauten einmal erklärte, man habe sich schon in Kennedys Jugendjahren die Frage vorgelegt, ob ein Moskito, der John stach, nicht an der Vergiftung durch dessen Blut zugrunde gehen werde, so verbarg sich hinter diesem schwarzen Humor etwas Wahrheit: Der junge Kennedy durchwanderte ein ungewöhnliches Tal von Krankheiten und mußte nicht nur seine Schulzeit an der Elementarschule, sondern auch später seine Studien in Princeton und London häufig wegen Krankheit unterbrechen.
Er litt beispielsweise an Allergien, unter anderem des Magens, die sich auch in seinem späteren Leben nicht verloren. Seine wirkliche Leidenszeit begann 1939, als sich nach einem Footballspiel in Harvard eine angeborene Deformation einiger Rückgratwirbel zum erstenmal bemerkbar machte. Zuvor schon hatte er sich eine Knieverletzung zugezogen, die niemals völlig ausheilte und ihn später gelegentlich hinken ließ.
Als er sich -- eingespannt in die politisch-ehrgeizige und harte Atmosphäre des Kennedy-Clans -- bei Kriegsausbruch zum Eintritt in die US-Armee meldete, wurde er, wie Dr. Paul Magnuson, der untersuchende Arzt, 1967 berichtete, wegen dieser angeborenen Deformation zurückgewiesen. Erst nach einer Sonderprüfung fand er in der US-Marine Verwendung.
Hier kam es, als das Torpedoboot, auf dem er Dienst tat, im Pazifik gerammt wurde, zur ersten Katastrophe. Aus einer Deformation wurde eine Zerstörung von Bandscheiben und Wirbelknochen, die ihn bewegungsunfähig machte. Ein chirurgischer Eingriff durch einen Marinearzt, von dem Kennedy später einmal sagte, er hätte "besser ein Buch mehr lesen sollen, bevor er zum Messer griff", verschlimmerte den Zustand.
Hinzu kamen Anfälle von Malaria und Hepatitis. Kennedy zog von Hospital zu Hospital. Er gewann nur mit Hilfe von Korsetts und Krücken eine gewisse Bewegungsfähigkeit zurück und war so gut wie nie ohne Schmerzen.
1947 folgte eine zweite Katastrophe. Der nach Ansicht einiger Ärzte durch die Wirbelsäulen-Schäden am stärksten exponierte Teil von Kennedys Drüsensystem, die Nebennieren, begann zu versagen. Erschöpfungszustände, Anämie, Blutzuckermangel, Gewichtsverlust, Kalziummangel waren die Warnzeichen.
1948 diagnostizierte die Lahey-Klinik in Boston: Addison'sche Krankheit. Das bedeutete zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr die Verurteilung zu einem zwar langsamen, aber sicheren Tod. Die künstliche Herstellung von Hormonen der Nebennierenrinde machte es jetzt möglich, den an "Addison" Erkrankten ständig jene Hormone zuzuführen, die das eigene Drüsensystem nicht oder nur unzulänglich produzierte.
Aber es bedeutete lebenslängliche Abhängigkeit von der Zufuhr eines besonders in jenen Tagen viele mögliche Nebenwirkungen auslösenden Präparats aus der Cortison-Gruppe und der ständigen Kontrolle dieser Zufuhr durch Ärzte oder Kliniken. Ein Zuwenig an Cortison konnte, insbesondere zur Zeit körperlicher und geistiger Belastung, zu gefährlichen "Addison-Krisen" und zu einer ausgeprägten Anfälligkeit gegen Infektionen führen, jedes Zuviel zu einer Reihe von Begleiterscheinungen: Übererregbarkeit, Euphorie, Überschätzung der eigenen Kräfte, unrealer Optimismus, aber auch Zwangs- und Angstvorstellungen.
Man "implantierte" Kennedy "Desoxycorticosteron-Acetat" unter die Haut -- ein Eingriff, der in Abständen von drei Monaten wiederholt wurde. Später nahm er täglich 25 Milligramm Cortison.
Von 1948 bis 1954 wechselte Kennedy hin und her zwischen Freiheit und Klinikaufenthalten zur Kontrolle der Addison-Behandlung, zu neuen Versuchen zur Behandlung der Wirbelsäulenschäden, aber auch wegen Begleiterkrankungen, darunter heftigen Fieberschüben.
1951 lag er während einer Reise in den Pazifik wochenlang todkrank in einem Marine-Hospital in Okinawa. Nur große Cortison-Gaben brachten ihn über die Krise hinweg. Als er in den US-Senat gewählt wurde, war er so schwach und bleich, daß man um sein Leben fürchtete.
1953, nach der Trauung mit Jacqueline Bouvier, verschlimmerte sich der Zustand seines Wirbelsäulen-Leidens trotz aller Behandlungsversuche, unter anderem in Palm Beach, so sehr, daß er sich im Sommer 1954 überhaupt nur noch mit Krücken bewegen konnte und heftige Schmerzen litt, die nur durch Betäubungsmittel zu dämpfen waren.
Er wurde nach New York gebracht. Dort untersuchte ihn der Chirurg Dr. Philip Wilson, der sich besonders mit Wirbelsäulen-Operationen beschäftigte. Er hatte unter anderem eine Metallplatte entwickelt, die zur Stützung verletzter Wirbelsäulenteile dienen sollte und Wilsons Namen trug.
Wilson schreckte wegen des Addisonismus vor einem chirurgischen Eingriff zurück. Die Gefahr, daß es zu einem Schock kam, dem die "erkrankte Nebennierenrinde nicht gewachsen war", schien zu groß. Aber Kennedys Zustand war so verzweifelt, daß er auf der Operation bestand und den möglichen Tod einem weiteren "Vegetieren" vorzog.
Wilson operierte im New York Hospital am 21. Oktober 1954, nachdem alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen (darunter die intravenöse Injektion von 100 Milligramm Hydrocortison) ergriffen worden waren. Der Eingriff bestand, wie es im Operationsbericht heißt, in einer "Lumbosacral and Acroiliacal Fusion", praktisch einer Versteifung des erkrankten Wirbelsäulenbereichs.
Zur Unterstützung des Versteifungs- und Heilungs-Prozesses wurde die Wilson-Platte eingesetzt. Es gelang zwar durch die Cortison-Gaben, eine ausgesprochene "Addison -- Krise" zu verhindern, sonst aber war der Operationsschock so schwer, daß der Katholik Kennedy zweimal die Sterberiten empfing. Eine Staphylokokken-Infektion führte zu schweren Komplikationen. Erst um die Jahreswende brachte man den Kranken auf einei Bahre nach Palm Beach. Hier entwickelte sich im Februar 1955 eine neue Kokken-Infektion, die lebensgefährlich wurde. Eilig transportierte man ihn nach New York zurück, wo Wilson seine Platte wieder entfernte.
Erst im Mai erschien Kennedy wieder in Washington, aber er verbrachte weitere Monate im Bett oder im Rollstuhl. Die New Yorker Operation war bestenfalls ein halber Erfolg: weil sie "langsam eine gewisse Versteifung der betroffenen Wirbelsäulenteile verursachte -- aber nur eine gewisse". Sie hinterließ ein "Loch im Operationsbereich" und "beseitigte die Schmerzen bei Bewegung nur zu einem geringen Teil". Vor allem aber hinterließ sie die Überzeugung, daß es keine endgültige medizinische Hilfe gab, und erzeugte in Kennedy eine tiefe Skepsis gegenüber der Medizin.
Nur ein Zufall brachte ihn einige Zeit später in Berührung mit Dr. Janet Travell, einer Ärztin, die in den USA das praktizierte, was in Mitteleuropa schon zu einer weitverbreiteten Übung geworden war: die Neuraltherapie mit Hilfe von Novocain-Injektionen in bestimmte Nervenbereiche. Tatsächlich gelang es Janet Travell zum erstenmal, die Schmerzen Kennedys so weit zu lindern, daß er sich wieder bewegen und gehen konnte.
Von 1956 bis zu seinem Ende blieb Kennedy abhängig von ständiger Behandlung durch Injektionen, dreimal täglich genommenen heißen Bädern, Schwimmübungen, Korsetts, orthopädischen Schuhen, besonderen Matratzen, Schlaf- oder Wirbelsäulen-Brettern, Spezialstühlen und mehrmals auch wieder Krücken. Noch in der Nacht vor seiner Ermordung am 22. November 1963 übernachtete das Präsidentenpaar in einem Hotel in Fort Worth in getrennten Zimmern, weil die Matratze des ursprünglich vorgesehenen Doppelbettes durch ein "Wirbelsäulenbrett" ersetzt werden mußte, um Kennedy, der vor Schmerzen kaum noch gehen konnte, Erleichterung zu verschaffen.
"Die Hälfte aller Tage, die er noch auf dieser Erde verbrachte, blieb" (laut Robert Kennedy) "mit Schmerzen verbunden .. ." Und so sehr die Legende versuchte, aus Kennedy einen stoischen Allesdulder zu machen, auch er war nur ein Mensch, den Schmerzen und Krankheiten zwischen Höhen und Tiefen hin und her trieben. Seine Sekretärin Evelyn Lincoln berichtete später, daß der Umgang mit ihm vor seinen großen Operationen unerträglich wurde, so daß sie daran dachte, ihren Posten aufzugeben. In Kennedys Bemerkung "Das Leben ist ungerecht, die einen sind krank, die anderen gesund" lag der Ausdruck einer ständigen tiefen Bitterkeit.
Diese Bitterkeit mußte um so stärker sein, als die Addison'sche Erkrankung ihm zu jener Zeit keine Hoffnung ließ, jemals vollständig gesund zu werden. Doktor Burkley und einigen Spezialisten im Hintergrund gelang es zwar, die Funktion der Nebennieren in regelmäßigen Abständen zu kontrollieren und die Cortison-Zufuhr richtig zu bemessen.
Die braune Hautfarbe, die das Gesicht Kennedys seit den sechziger Jahren aufwies, ging also auch nicht auf die Hautverfärbungen zurück, die in schweren Stadien der Addison'schen Krankheit auftreten, sondern auf Kennedys ständiges Bemühen, seine Blässe durch Sonnenbäder und durch die Verwendung von Höhensonnen zu verbergen.
Die Nebenwirkungen des Cortisons auf die geistigen und emotionellen Reaktionen aber blieben ebenso eine offene Frage wie die körperlichen Nebenwirkungen. Es blieb unklar, inwieweit sie für Magenstörungen, Allergien, frühzeitige Abnahme der Hörfähigkeit und manches andere verantwortlich waren, zu deren Linderung Kennedy "ständig mehr Pillen, Lösungen und andere Präparate bei sich führte, als eine kleine Apotheke enthält".
Offen war auch die Frage, wie lange eine Cortison-Behandlung möglich war, ohne Folgen zu zeitigen, wie sie schließlich auch die Zuckerkrankheit und deren Behandlung mit Insulin hervorruft.
Als Kennedy am 22. November 1963 sterbend im Parkland-Hospital in Dallas lag, injizierten Burkley und der Chirurg Dr. Perry 300 Milligramm Hydrocortison. Das Mittel, das John F. Kennedy seit 1948 am Leben erhalten hatte, begleitete ihn in den Tod. Aber auch zu diesem Zeitpunkt wurde offenbar noch versucht, den Addisonismus zu verbergen -- das Obduktionsprotokoll schwieg sich jedenfalls darüber aus.
So sicher es ist, daß Kennedys Leidenszeit ihn früher reifen ließ als andere Politiker, so wenig wird auf der anderen Seite von Kennern bezweifelt, daß die latenten Belastungen seines Befindens ihre Auswirkungen auf seine Politik gehabt haben, die sich heute -- fern von der legendären jugendlichen Glorie seiner Lebensphase -- als eine im Kern erfolglose Politik mit vielen Illusionen, Fehlentscheidungen und Versäumnissen offenbart. Es gibt Beobachter der Szenerie, die in Kennedys Ermordung so etwas wie einen Glücksumstand für sein historisches Image und für die Erhaltung der Kennedy-Legende sehen. Sie sind der Überzeugung, daß die Fortdauer seines Lebens ihm nur schwere gesundheitliche Krisen und als deren Folge politische Fehlentschlüsse aufgebürdet und seine Präsidentschaft zu einem endgültigen Fehlschlag gemacht hätte.
Hierüber läßt sich heute noch ebensowenig ein letztes Wort sagen wie über die Frage, welchen Einfluß der tatsächliche Gesundheitszustand von Kennedys Nachfolger Johnson auf dessen Politik und vor allem auf die Entwicklung der heutigen, ausweglos scheinenden Situation in Vietnam gehabt hat.
Die wirkliche Krankengeschichte Lyndon B. Johnsons ist recht umfangreich. Sie begann nicht erst mit dem erwähnten Herzinfarkt, der den damals 46jährigen Leiter der demokratischen Mehrheit im US-Senat am 2. Juli 1955 in Washington ereilte. Schon im Jahre 1942, als der 33jährige texanische Kongreßabgeordnete im Pazifik vorübergehend im Marinedienst stand, zeigten sich bei Höhenflügen auffällige Atemstörungen. Die damalige ärztliche Inspektion ergab eine Bronchiektasie, eine chronische Veränderung der Bronchien mit Ausweitungen, in denen sich Schleim festsetzt und infiziert.
In Neuguinea erkrankte Johnson in der Folge an einer schweren, beinahe tödlichen Lungenentzündung und wurde in ein Hospital nach Pearl Harbor gebracht. Nach seiner Rückkehr in die Heimat folgten zwischen 1943 und 1955 sieben weitere Lungenentzündungen sowie zahlreiche leichtere Erkrankungen der Atmungsorgane.
1948 schickte ihn Dr. James C. Cain, sein Familien-Arzt, der später selbst in der Mayo-Klinik in Rochester arbeitete, nach Rochester, um die ständige Infektionsbereitschaft und eine latente Kurzatmigkeit behandeln zu lassen. Die Untersuchung ergab, daß sich einige Bronchialäste verengt hatten.
Durch Eingriffe mit einem Bronchoskop wurden sie erweitert, und die Kurzatmigkeit ließ in der Folge nach. Johnsons Neigung zu Infektionen im Hals- und Lungenbereich aber ist bis heute nicht beseitigt und läßt sich nur durch die verschiedensten Sulfonamide und Antibiotika nach den ersten Anzeichen einer neuen Infektion eindämmen.
Bereits unmittelbar nach dem Beginn seiner ersten vollen Amtsperiode wurde er am 23. Januar 1965 mit hohem Fieber in das "Medical Center" der amerikanischen Marine in Bethesda bei Washington überführt, das den amerikanischen Präsidenten für kostenlose Behandlung zur Verfügung steht.
Johnson war an einer neuen Bronchitis und einer "unspezifischen Kehlkopfentzündung" erkrankt, die so großes öffentliches Aufsehen erregte, daß in der Folgezeit eine Hospitalbehandlung von Infektionen der Luft-Wege vermieden wurde.
1948 äußerte sich zum erstenmal eine weitere Erkrankung, die in der Folgezeit ebenfalls chronische Formen annahm. Während Johnsons erster Rede für die damaligen Senatswahlen überfiel ihn eine so heftige Nierenkolik, daß er sofort in die Mayo-Klinik geflogen wurde, Dort diagnostizierte der Urologe Dr. Gershom J. Thompson einen Nierenstein, der sich in Johnsons rechtem Harnleiter festgeklemmt hatte.
Es gelang Thompson, den Stein mit Hilfe von Cystoskop und Schlinge auf dem Weg über die Blase zu entfernen. Die Hoffnung, es habe sich um eine einmalige Attacke gehandelt, trog. Der Kolik folgten bis heute viele weitere.
Da Nierenkoliken mit zu den schwersten Schmerzanfällen gehören, welche die Medizin kennt, lassen sie sich nur mit Hilfe starker Spasmolitika und Opiate bekämpfen. Bis 1955 wurden kleinere Steine des Präsidenten über die Harnwege ausgeschieden. Im Januar 1955 aber stellten sich so schwere Koliken ein, daß Johnson abermals nach Rochester gebracht wurde.
Diesmal fand sich ein großer Stein in der linken Niere. Thompson entfernte ihn durch eine chirurgische Öffnung dieser Niere, und Johnson benötigte sechs Wochen, um sich von der Operation zu erholen.
In den folgenden Jahren setzte sich die Nierensteinbildung fort. Im September 1962 beispielsweise traten so heftige Schmerzen auf, daß man daran denken mußte, eine geplante Skandinavien-Reise Johnsons abzusagen. Sie wiederholten sich 1963, 1964 und 1965.
Bei den Nierenkonkrementen handelte es sich um Kalzium-Phosphat-Steine, aber die Versuche, ihre Bildung durch die weitmögliche Ausschaltung von kalziumhaltigen Nahrungsmitteln zu verhindern, scheiterten. Ebenso erfolglos waren Versuche, die Tätigkeit der "parathyroids", die als Anhängsel der menschlichen Schilddrüse den Kalzium-Stoffwechsel regulieren, zu beeinflussen.
Als Johnson am 7. September 1965 auf seiner Ranch in Texas von Schmerzkoliken im rechten Oberbauch befallen wurde, stellten Burkley und Dr. Cain, der aus Rochester herbeigeeilt war, sowie einige weitere Ärzte fest, daß Johnson auch an Gallensteinen litt. Bei ihren Untersuchungen aber entdeckten sie auch weitere Nierensteine. Einer davon befand sich in der bereits 1955 operierten linken Niere, der zweite steckte im rechten Harnleiter.
Letzterer wurde am 8. Oktober 1965, als sich Johnson im Medical Center in Bethesda einer Gallenblasen-Operation unterziehen mußte, durch den Urologen Dr. Ormond Culp von der Mayo-Klinik chirurgisch entfernt. Der Stein in der linken Niere hingegen blieb dort, weil seine Entfernung das Operationsrisiko außerordentlich erhöht hätte.
Außerdem hatte man das Vorhandensein der Steine bei den ersten öffentlichen Mitteilungen über die Gallenblasen-Erkrankung des Präsidenten verschwiegen und beschränkte sich nach dem Eingriff auf einen ziemlich nebensächlich klingenden Hinweis.
Da in der Folgezeit bis 1967 keine Berichte über Johnsons chronisches Nierenleiden mehr veröffentlicht wurden, mußte die Öffentlichkeit annehmen, daß sich der Stein Ende 1967, als Burkley seinen Bericht über den ausgezeichneten Gesundheitszustand des Präsidenten bekanntgab, immer noch in Johnsons linker Niere befand.
Der Herzinfarkt, der Johnson am 2. Juli 1955, wenige Monate nach seiner ersten Nierenoperation, ereilte, kam überraschend. Die Lebens- und Arbeitsweise des Patienten galt allerdings nicht gerade als "kreislauffördernd", und Vater Samuel Johnson war mit 59 Jahren an einem Herzanfall verstorben (eine Tatsache, die zeitweilig geleugnet wurde).
Nach Jugendjahren, in denen es Johnson nicht an körperlicher Bewegung, dafür aber an Geld gefehlt hatte, um übermäßig zu essen, hatten sich die Verhältnisse im Zuge seiner politischen Karriere umgekehrt. 1955 mied er körperliche Bewegung und schätzte um so mehr reichhaltige Mahlzeiten. Auch rauchte er etwa 60 Zigaretten pro Tag.
Vor allen Dingen besaß er die verhängnisvolle Neigung, tagsüber, während seiner hektischen, von einem heftigen Aufstiegswillen angespornten Tätigkeit, von Kaffee, Zigaretten und hastig heruntergeschlungenen, stark gewürzten "Hamburgers" zu leben. Gegen zehn oder elf Uhr abends verspeiste er dann schwere Menüs: Suppen, riesige Steaks, Speck, Kartoffeln, Soßen, Pfannkuchen, süße Desserts, Torten und Schokoladengebäck. Vor allem seine Leidenschaft für Süßigkeiten war außerordentlich.
Bei etwas mehr als 1,90 Meter Körpergröße wog er rund 200 Pfund -- zumindest aufgrund ärztlicher Angaben, deren Exaktheit jedoch damals schon angezweifelt wurde. Nur sein Blutdruck war immer niedrig und bewegte sich um Werte von 125 : 75.
Es war bezeichnend für den kurzfristigen und beschränkten Wert medizinischer Gesundheitsbulletins, daß erst Ende Juni 1955, also wenige Tage vor dem Infarkt, im Zuge eines "checkup", Elektrokardiogramme angefertigt worden waren. Sie zeigten keinerlei Abweichungen von der Norm.
48 Stunden später, am Abend des 2. Juli, wurde Johnson auf der Farm seines Freundes George R. Brown in Virginia von Übelkeit befallen und verlangte nach Natron. Gleich darauf aber verspürte er so heftige Schmerzen in der Brust, daß man ihn ins Marine-Hospital nach Bethesda brachte. Dort versammelte sich ein halbes Dutzend Ärzte, die aus den verschiedensten Richtungen zusammengeflogen wurden, darunter Dr. Cain und der Herzspezialist J. Willis Hurst aus Atlanta. Die Diagnose war eindeutig: schwerer Herzinfarkt.
Johnson verbrachte mehrere Tage unter einem Sauerstoffzelt, erhielt (was ebenfalls längere Zeit verschwiegen wurde) Blutverflüssigungsmittel wie Heparin sowie später Dicumarol und blieb 35 Tage lang im Hospital. Fünf weitere Monate verbrachte er anschließend in Texas und wurde erst im Dezember 1955 zu einer gründlichen Nachuntersuchung in der Mayo-Klinik nach Rochester geflogen.
Es stellte sich heraus, daß er insofern Glück gehabt hatte, als der Infarkt den unteren Teil der linken Wand des linken Herzventrikels betroffen hatte, was nach Ansicht amerikanischer Ärzte eine etwas günstigere Prognose für die Zukunft zuließ.
Für einige Zeit änderte Johnson seine Lebens- und Eßgewohnheiten, ging häufiger zu Fuß oder schwamm und stellte das Rauchen endgültig ein. Sein Gewicht sank auf 175 Pfund herab. Im Laufe der Jahre kehrte er jedoch immer häufiger zu alten Gewohnheiten zurück, insbesondere was seine Leidenschaft für Süßigkeiten oder zwei Frühstücke anbetraf. Sein heutiges Gewicht beträgt durchweg wieder über 210 Pfund, ein Umstand, der seine Ärzte beunruhigt und immer wieder zu Kreislauf- und Herz-Kontrollen veranlaßt.
Sein Übergewicht bleibt nach ärztlicher Meinung eine Gefahr, da "Fälle seiner Art" zwei- bis dreimal so häufig einen (in diesem Fall neuerlichen) Herzinfarkt erleiden wie Männer, welche die Vierzig oder Fünfzig ohne Anfall überstanden haben.
Johnson und seine Umgebung sind sich dieser Tatsache und ihrer Bedeutung für die immer neu aufflackernden Diskussionen über die Gesundheit des Präsidenten bewußt, und es war beispielsweise während der Präsidentschaftswahlen 1960 nichts Ungewöhnliches, daß Johnson selber jedermann das Ergebnis der neuesten Elektrokardiogramme vorlas.
Eine Prüfung für die Taktiker der "Gesundheits-Publizität" bildete die Gallenoperation vom 8. Oktober 1965. Es wird bezweifelt, daß Ärzten wie Burkley und Cain die Gallenerkrankung des Präsidenten nicht schon lange vorher bekannt war. Aber die Gallenkolik, die Johnson am 7. September 1965 in Texas befiel, war offenbar so heftig, daß sie ein chirurgisches Eingreifen unaufschiebbar machte. Ein Stein hatte den Gallengang weitgehend blockiert, und man wollte der Gefahr eines Durchbruchs dieses Steines in die Bauchhöhle mit allen bedrohlichen Folgeerscheinungen (Bauchfellentzündung) zuvorkommen.
Die Bekanntgabe der bevorstehenden Operation war ein taktisches Meisterstück. Fünfmal im vorangegangenen Jahrzehnt hatte die Börse -- insbesondere bei Eisenhower -- ausgesprochen negativ auf Präsidenten-Erkrankungen reagiert. Nach der Ermordung Kennedys hatte man die Börse sogar geschlossen.
Zweifellos hätte Johnson es vorgezogen, seine Erkrankung und die Operation völlig geheimzuhalten, so wie es zur Zeit des Präsidenten Grover Cleveland möglich gewesen war.
Cleveland war 1893, inmitten einer der schwersten Finanzkrisen Amerikas, als alles darauf ankam, keine Zweifel an der Standfestigkeit des Präsidenten aufkommen zu lassen, an einem Gaumenkrebs erkrankt und mußte sofort operiert werden.
Unter strengster Geheimhaltung wurde der Chirurg Dr. Keen aus Philadelphia ins Weiße Haus gebracht. Aber es war unmöglich, die Operation dort vorzunehmen, ohne daß Presse und Öffentlichkeit davon erfuhren. So verfiel man auf den ungewöhnlichen Gedanken, die Privatjacht eines Cleveland-Freundes auf dem East River von New York in ein Hospital umzuwandeln. Cleveland war häufig Gast auf dieser Jacht gewesen, so daß ein
* Ex-Präsident Eisenhower, im Bethesda-Hospital 1966.
längerer Aufenthalt an Bord kein besonderes Aufsehen erregen konnte.
Am 1. Juli 1893 begab Cleveland sich an Bord, wo Dr. Keen und drei andere Ärzte seiner warteten. Der 250 Pfund schwere, kreislauf schwache Präsident überlebte den Eingriff und wurde fünf Tage später in aller Heimlichkeit in sein Sommerhaus an der Buzzard's Bay gebracht. Am 5. August war er wieder in Washington und kurz darauf in der Lage, mit Hilfe einer künstlichen Gaumenplatte zu sprechen.
Als ein Reporter der "Philadelphia Press" durch einen der Ärzte einen vertraulichen Hinweis über die Operation erhielt und einen Bericht veröffentlichte, dementierten das Weiße Haus und Dr. Keen entschieden, und sie fanden tatsächlich Glauben, weil der Präsident jetzt äußerlich den Eindruck ungestörter Gesundheit erwecken konnte. Die tatsächlichen Vorgänge wurden erst Jahre später bekannt.
Da eine derartige Geheimhaltung heute nicht mehr möglich ist, wählte Johnson den erprobten Weg der Flucht nach vorn -- Offenheit, aber zum richtigen Zeitpunkt und mit einer Sonderdarbietung von persönlichem und ärztlichem Optimismus.
Am 5. Oktober gab der Präsident persönlich und überraschend den zu einer Routinekonferenz versammelten Journalisten die für den 8. Oktober vorgesehene Operation bekannt. Es geschah am Nachmittag um 5.40 Uhr, zehn Minuten nachdem die Börsen der Westküste geschlossen hatten.
Johnson hatte sich von der Texassonne bräunen lassen, versuchte den Eindruck des Wohlbefindens zu erwecken und erklärte, es handele sich um einen leichteren Eingriff, der ihn nicht wesentlich an der Ausübung seiner Amtstätigkeit hindern werde.
Hinter einer Tür des Kabinetts-Raumes warteten bereits die Ärzte, welche die Gallenblasen-Operation durchführen sollten. An ihrer Spitze standen die Chirurgen Dr. Hallenbeck und McIlrath von der Mayo-Klinik sowie Dr. Osborne vom Marine-Hospital in Bethesda. Auch Johnsons ständiger Herzspezialist Dr. Hurst aus Atlanta und der als Anästhesist vorgesehene Dr. Didier von der Mayo-Klinik waren anwesend, um jede Frage über die Operation zu beantworten und Befürchtungen im Keime zu ersticken.
Nicht anwesend war der Urologe Dr. Culp von der Mayo-Klinik, obwohl er ebenfalls für den 8. Oktober bereitstand, um die neuerlich diagnostizierten Nierensteine Johnsons nach Möglichkeit zu entfernen. Von diesen Steinen war noch nicht die Rede.
Die Ärzte taten ihr Bestes. Johnson lieferte am 6. und 7. Oktober ein persönliches Schauspiel an Fitness. Er legte besonders große Betriebsamkeit an den Tag, hielt mehrere Reden, nahm an einem Dinner für 100 führende Industrielle und Geschäftsleute teil, führte Zeitungsreporter in einem schnellen Fußmarsch um das Gelände des Weißen Hauses und "beteiligte sich unvorhergesehen an einem Essen des Nationalen Presseclubs.
Kaum jemand bemerkte, daß er leicht hinkte und ab und zu die Hand auf die rechte Körperseite legte. So war die Bühne gut vorbereitet, als Johnson sich am Abend des 7. Oktober nach Bethesda begab.
Der Operationstermin am nächsten Morgen war so bemessen, daß der Eingriff um 9.15 Uhr, rund eine halbe Stunde vor Eröffnung der Ostküsten-Börsen, beendet war. Die Entfernung der Gallenblase wurde der Presse anhand einer Dia-Aufnahme dieses Organs detailliert geschildert, das Nierenstein-Problem beiläufig erwähnt. Die Ärzte standen den Journalisten für jede Frage zur Verfügung.
Um ii Uhr konnte dem noch leicht betäubten Präsidenten der Erfolg der eingeschlagenen Taktik mitgeteilt werden. Die Börse "had opened strong". Zwölf Tage später öffnete der Patient vor Freunden sein Hemd, um ihnen die Operationsstelle zu zeigen. Nach einigen Hospitalwochen reiste Johnson nach Texas, wo er sich bis zum Jahresende erholte. Es verging fast genau ein Jahr, bis der Gesundheitszustand zu einer neuen "Operations-Show" zwang.
Seit April 1966 bereits hatte sich an der Operationswunde ein Bauchdeckenbruch entwickelt, der Johnson zwang, ein Bruchband zu tragen. Seit August litt er an zunehmender Heiserkeit und anderen Halsbeschwerden, die sich während der Reden für eine Wahlkampagne in New York unangenehm bemerkbar machten.
Dr. Wilbur J. Gould, Hals-Nasen-Ohren-Spezialist am Knox-Hospital in New York, diagnostizierte eine Stimmband-Geschwulst, deren genaue Größe * Im Bethesda-Hospital demonstriert Johnson-Arzt Cain der Presse den Operationsverlauf 1965.
** Im Bethesda-Hospital 1965.
sich nicht feststellen ließ. Gleichzeitig litt Johnson an einer schmerzhaften Bursitis in der rechten Schulter. Die Bursitis konnte durch Wärme und Massagen gebessert werden, aber Bruch und Stimmband-Geschwulst entwickelten sich während einer Asien-Reise im Oktober/November so ungünstig, daß chirurgische Eingriffe nicht länger zu vermeiden waren.
Um die Wirkung auf die Öffentlichkeit so stark wie möglich zu begrenzen, wurde beschlossen, die verschiedenen Operationen gleichzeitig an ein und demselben Tag -- dem 16. November 1966 -- bekanntzugeben und vorzunehmen.
Das Ritual war fast das gleiche wie im Oktober 1965: Überraschende Bekanntgabe der bevorstehenden Operation durch Johnson selbst, gleichzeitig Fragestunde für die Ärzte, bei der Hallenbeck, Didier, Hurst und als Neulinge die Kehlkopfspezialisten Gould und Devine sowie im Hintergrund Cain und Burkley mitwirkten.
Sie gaben Darstellungen der Eingriffe und ihrer angeblich geringen Risiken. Sofort nach der Operation wurde die Tatsache bekanntgegeben, daß die chirurgisch entfernte Geschwulst am Kehlkopf des Präsidenten nicht krebsiger Natur war -- bevor die Börsen ungünstig reagieren konnten.
Nach einigen Wochen begab Johnson sich zur Erholung nach Texas, und die folgenden Gesundheitsbulletins wurden wieder zurückhaltender oder betont positiv. Die Öffentlichkeit erfuhr lediglich etwas über rheumatische Rückenbeschwerden und die chirurgische Entfernung kleinerer, gutartiger Hautgeschwülste.
Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht verwunderlich, daß trotz der alles in allen erfolgreichen Pressepolitik immer wieder Mißtrauen laut wird -- auch gegenüber dem jüngsten Bulletin Dr. Burkleys. Dieses Mißtrauen ist von Erwägungen darüber begleitet, ob und wie sich die zahlreichen Erkrankungen und Beschwerden Johnsons auf seinen Charakter und seine Politik ausgewirkt haben und in welchem Maße sie für die Entwicklung "in Südostasien mitverantwortlich sind.
Diesen Erwägungen liefert nicht nur die Geschichte Wilsons und Roosevelts Beispiele für den tiefgehenden Einfluß des körperlichen Befindens auf Denken und Handeln politischer Führer. Kurzliche Studien über die "Gesundheit" aller US-Präsidenten von George Washington bis zur Gegenwart haben erstaunliche Auswirkungen im Positiven, vorwiegend aber im Negativen aufgezeigt.
George Washington (1732-1799), der zeit seines Lebens von Krankheiten -- Pocken, Ricketts'schem Fieber, Tuberkulosen, Typhus, Lungen- und Rippenfell-Entzündungen, Malaria-Schüben, Blutarmut und schwächenden Darmerkrankungen -- befallen war, gewann erst nach vielen Jahren der Verzweiflung, Depression und ständigen Todeserwartung jene Einsicht und Geduld, die ihn zu einer unsterblichen Gestalt der amerikanischen Geschichte machte.
Auf der anderen Seite lehrt die Amtszeit Andrew Jacksons (er lebte von 1767-1845) die absolut negativen Folgen ständigen Krankseins. Der im Laufe seines Lebens von Luftröhren-Abszessen, chronischen Darmattacken, Milzschwellungen, Nieren- und Gallenkoliken geplagte Präsident trug die Hauptschuld an der großen Wirtschaftsdepression um 1837, und einige günstige außenpolitische Entscheidungen fielen ausschließlich in die kurzen Phasen, in denen er sich wohl fühlte.
* Der Präsident zeigt 1965 im Bethesda-Hospital die Narbe seiner Gallenoperatlon.
Von Jürgen Thorwald

DER SPIEGEL 12/1968
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