22.04.1968

AUFRUHR STUDENTENVerlorenes Wochenende

Sie sind von vorgestern und von übermorgen - sie haben noch kein Heute.
Friedrich Nietzsche über die Deutschen, "Jenseits von Gut und Böse".
Diesseits von Gut und Böse machten es die Deutschen wieder wahr. Sie prügelten, brannten und steinigten. Die ersten Schüsse fielen, die ersten Totenscheine wurden ausgestellt. Deutsche übten Hetze und predigten Gewalt - die einen, weil sie an einer brüchigen Welt des Vorgestern festhalten wollen, die anderen, weil sie von einer schönen neuen Welt des Übermorgen träumen.
Unbeirrt und unbelehrt marschierten die Deutschen wieder vertrauten Abgründen entgegen. Ideologie statt Politik, Fanatismus und Aufruhr kennzeichneten den Protest der radikalen Studenten gegen das Establishment des gebrochenen Rückgrats. Kungelei statt Politik, Hysterie und Knüppelsucht bestimmten die Reaktion der Republik auf das Utopia der Jugend.
Es war Gründonnerstag 1968 - von den vier Evangelisten als jener Tag überliefert, an dem Jesus im Garten Gethsemane von Judas mit dem falschen Bruderkuß den Hohepriestern verraten und ausgeliefert wurde.
Um 16.35 Uhr fielen vor dem Hause Nummer 140 auf dem Kurfürstendamm zu Berlin aus der Pistole des Anstreichers Josef Bachmann drei Schüsse. Sie trafen Rudi Dutschke.
In der biblischen Geschichte schlug in der darauffolgenden Nacht ein zorniger Jünger dem Häscher seines Herrn spontan mit dem Schwert ein Ohr ab. In Deutschland schlugen in jener Nacht die Jünger Dutschkes spontan ohne Schwert mit Steinen zurück. Die radikalen Studenten stiegen auf die Barrikaden.
Während der sonnigen vier Feiertage, an denen zwölf Millionen Bundesbürger ihren motorisierten Osterspaziergang durch die Republik und ins Ausland machten, protestierten und demonstrierten, stürmten und belagerten, marschierten und diskutierten Massen von Teens und Twens, 45 000 allein am Ostermontag, in mehr als 20 Städten - um wahr zu machen, was Rudi Dutschke ein dreiviertel Jahr zuvor erstmals in einem SPIEGEL-Gespräch (SPIEGEL 29/1967) angekündigt hatte: "Wir wollen zu Tausenden vor den Springer-Druckhäusern durch passive Formen des Widerstandes die Auslieferungsprozedur verhindern."
Es waren Tausende. Aber es blieb nicht überall beim passiven Widerstand. Und die Auslieferung der Springer-Produkte wurde an manchen Orten verzögert, aber nirgendwo verhindert. Dafür sorgten 21 000 Polizisten mit Gummiknüppeln, Wasserwerfern und Tränengas. Sie schützten ein Unternehmen, das sein Herr, Axel Springer, selber als "Symbolfigur" der Bundesrepublik versteht und das nicht nur den radikalen Leuten Sinnbild manipulierter Konzernmacht ist.
Es kam zu Straßenschlachten, wie sie Westdeutschland seit der Weimarer Republik nicht mehr gekannt hatte. Auf der Strecke blieben zwei Tote, über 400 Schwer- und Leichtverletzte und der Anspruch der Bundesrepublik, ein intakter demokratischer Staat zu sein.
Es geschah in Berlins Kochstraße, daß Studiosi Springer-Autos in Brand setzten. Es geschah in Eßlingen, daß Bürger ihre Schäferhunde auf Demonstranten hetzten. Es geschah, daß Polizisten in Hamburg an der Stadthausbrücke eine Lehrerin blutig schlugen und in Berlin vor dem Rias-Gebäude einem Studenten das Knie in die Genitalien rammten.
Schemen des Wahnwitzes huschten über die Republik. Für das Ausland formten sie sich zur vertrauten Grimasse des gewalttätigen deutschen Clowns. Selbst die abgewogensten Zeitungen der angelsächsischen Welt zeigten ihre Bestürzung. Die "Times" in London: "In Europa sollte es noch möglich sein, die öffentliche Ordnung ohne Brutalität aufrechtzuerhalten." Und die "Times" in New York: "Die Nazi-Vergangenheit und die exponierte Stellung Deutschlands vergrößern stark die Besorgnis."
In fast allen westeuropäischen Ländern kam es nach dem Attentat auf Dutschke zu Protesten vor Deutschlands diplomatischen Missionen. In Rom schleuderten Italiener Molotow-Cocktails in Porsche- und Mercedes-Vertretungen. Vor dem von 800 Polizisten geschützten "Daily Mirror"-Gebäude in London, Sitz der dortigen Springer-Redaktionen, riefen Briten deutsch im Chor: "Sieg Heil".
Wie die Scheiben von Springer-Burgen in Deutschland, so zerbarsten auch die Fenster des diplomatischen Deutschtums im Ausland. Hilflos standen Bonns Große Koalierer vor diesem Scherbenhaufen (siehe Seite 29). Kanzler Kiesinger mit rollenden Augen im Fernsehen: "Gewalt produziert Gegengewalt." Damit überließen die Politiker das Problem dem Polizeiknüppel.
Das Problem: die unüberbrückbar erscheinende Kluft zwischen einer Generation, die Deutschland wirtschaftlich wieder aufbaute, aber ihre moralische Glaubwürdigkeit verlor, und einer Jugend, die Not und Leiden eines Volkes nur vom Hörensagen kennt und im ideologischen Engagement eine neue Moral sucht.
So stehen sie einander verständnislos gegenüber: die Alten, die bestenfalls in die Nische traten, als es galt, den Eid auf Hitler zu schwören, und die Jungen, die für eine bessere Welt Feuer legen und Pflastersteine werfen; die Alten, die in der Großen Koalition den Parlamentarismus pervertiert haben, und die Jungen, die eine neue Demokratie mit außerparlamentarischen Mitteln schaffen wollen; die Alten, die aus lauter Pragmatismus ihre Prinzipien verleugnen, und die Jungen, die vor lauter Prinzipien unfähig scheinen, Ziele zu definieren.
Und dennoch sind es Väter und Söhne vom gleichen Stamm der Deutschen: beide selbstgerecht und intolerant, beide wähnen sich im Besitz der Wahrheit; jeder sieht im anderen das Unheil. Was für die einen "Aufrechterhaltung des Rechtsstaates" ist, gilt den anderen als "Faschismus"; was für die einen "Befreiung des Menschen durch Bewußtwerdung" ist, gilt den anderen als "Kommunismus".
Der "Verband Deutscher Studentenschaften" (VDS) manipulierte den Fall seines Vorsitzenden Ehmann nicht anders als die CDU den Fall Lübke: Obwohl beide Führer ihre Vergangenheit verschwiegen, erklärte sich die Gefolgschaft jeweils solidarisch. Und auch die journalistische Moral zweier Presseorgane, die zu Symbolen von Establishment und Rebellentum geworden sind, hält sich die Waage: "Bild" drapiert seinen Antikommunismus mit Sex und Crime, "Konkret" verkauft Anti-Wohlstands-Ideologie nur mit Sex; und beide manipulieren, was die Seiten halten.
Obwohl die radikalen Studenten "kritische Rationalität" für sich beanspruchen, laufen sie hinter Fahnen her, bekennen sich zu ihrer "Bewegung", wollen "Fanale" setzen - Fluchtmarkierungen aus der komplizierten Welt der modernen Industriegesellschaft ins Romantisch-Irrationale. Wo immer die utopische Reise hingehen soll - dorthin führt, wie die Rebellen mit Mao sagen, "ein langer Marsch". In Berlin haben sie ihn begonnen. Dort, in der sogenannten deutschen Hauptstadt, in der Axel Springer 70 Prozent des Zeitungsmarktes beherrscht, entwickelten die Studenten ihr kritisches Bewußtsein.
Im Frontstadt-Klima jener Freien Universität, die 1948 aus Protest gegen die geistige Vergewaltigung der Ost-Berliner Humboldt-Universität gegründet worden war, bekamen die Studenten am deutlichsten zu spüren, daß auch Antikommunismus geistige Unfreiheit bedeuten kann. Einfache Erfahrungen waren es, die sie immer stärker gegen die Gesellschaft aufbrachten: Als sie ihrem Unbehagen Ausdruck gaben und Protest auf die Straßen trugen, wurden sie erst von der Springer-Presse verteufelt, dann von der Polizei verprügelt.
In ihrem moralischen Aufbegehren - etwa gegen den Vietnam-Krieg - allein gelassen, von der Springer-Presse verketzert und von der Polizei verprügelt, kamen sie zu der Einsicht, daß das System irreparabel sei. In der Bildung der Großen Koalition zu Bonn, durch die praktisch jede parlamentarische Opposition abgeschafft wurde, sahen die Studenten nur die Bestätigung ihrer Überlegungen. Je mehr Prügel sie bekamen, um so radikaler wurden sie; je radikaler sie wurden, um so mehr Prügel bezogen sie. Sie schwenkten rote Fahnen, riefen "Ho-Ho-Ho-Tschih-minh" und überholten die etablierten kommunistischen Systeme so weit links, daß sie heute auch dem Osten nicht mehr geheuer sind.
Höhepunkt dieser Eskalation: der Schah-Besuch am 2. Juni 1967, gegen den die Studenten demonstrierten. Während der Monarch in seiner Loge der "Zauberflöte" lauschte, dirigierte draußen vor der Tür der damalige Polizeipräsident Duensing eine tödliche Prügel-Oper nach "Leberwurst"-Taktik.
Die politischen Musik-Kritiker der Springer-Presse feierten die Polizei und verrissen die Studenten:
▷ "Störenfriede ausmerzen" ("Morgenpost").
▷ "Es war das Werk eines Mobs" ("BZ").
▷ "Polit-Gammler" und "FU-Chinesen" ("Bild").
Regierender Bürgermeister Klaus Schütz später im gleichen Ton: "Seht euch doch diese Typen an." Die "BZ" machte daraus eine Balken-Überschrift.
Und wie damals beim Schahbesuch der Tod des von einem Polizisten erschossenen Studenten Benno Ohnesorg die Funken studentischer Rebellion nach Westdeutschland überspringen ließ, so peitschten zehn Monate später die Schüsse, die Rudi Dutschke niederstreckten, die Studenten in West-Berlin und ganz Westdeutschland auf die Barrikaden.
Unmittelbar nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke zogen linke Studenten vor das West-Berliner Springer-Haus in der Kochstraße an der Mauer. Steine ließen die Scheiben der Hochburg der Verdummung und Verhetzung zerklirren. Vertriebslastwagen wurden in Brand gesteckt.
300 Kilometer entfernt drangen 300 Studenten in das Münchner Buchgewerbehaus ein, wo "Bild" für Süddeutschland redigiert und gedruckt wird. In den Redaktionsräumen rissen Stoßtrupps Akten aus den Schränken und warfen sie aus dem Fenster.
In allen jenen Städten, in denen Springersche Presse-Erzeugnisse gedruckt oder verlegt werden, hallte der Schlachtgesang jugendlicher Demonstranten durch die feiertagsleeren Straßenschluchten: "Aaaxel wir kommen." Und sie kamen.
▷ Berlin: 10 000 Polizisten führten einen Hundertstundenkampf gegen eine Demonstrationswelle, die Ostersonntag auf 12 000 Marschierer schwoll. Ergebnis: 388 Protestierer wanderten in Arrest. Über 200 Demonstranten, aber auch Spaziergänger und 54 Polizisten wurden verletzt.
▷ Hamburg: Im Springer-Viertel und vor dem Polizeipräsidium wogten an zwei Nächten Straßenschlachten zwischen Demonstranten (3000) und Polizisten (1500). 60 Demonstranten wurden verletzt, 16 von ihnen lagen noch Ende letzter Woche im St-Georg-Krankenhaus.
▷ Frankfurt: Die Osterunruhen endeten mit einer blutigen Straßenschlacht zwischen 3000 Demonstranten und 1300 Polizisten, die ohne Warnung losgeschlagen hatten. 30 verletzte Demonstranten; sieben verletzte Polizisten.
▷ München: Während der Zusammenstöße zwischen 1200 Demonstranten und 1000 Polizisten wurden 110 Demonstranten festgenommen - und es stellte sich heraus, daß nur 33 davon Studenten waren.
▷ Essen: In der Ruhr-Metropole eskalierte die Schutzmacht um das Springer-Druckhaus ihre Stärke von 200 (Karfreitag) auf 700 Mann (Ostersonntag). 19 Jugendliche wurden festgenommen.
▷ Eßlingen: Am Karfreitag schoben Demonstranten ihre Autos zu einer Wagenburg vor dem Druckhaus der Brüder Bechtle zusammen, die für Springer die südwestdeutsche "Bild"-Ausgabe produziert. Am Ostermontag standen sich rund 700 Demonstranten und eine Streitmacht von zwölf Polizei-Hundertschaften gegenüber - darunter 90 Hundeführer und Wasserwerfer, Gefangenenomnibusse und zwei gummibereifte Panzerwagen; vier Verletzte.
▷ Köln: 300 Stadtpolizisten bahnten am Ostersonnabend "Bild am Sonntag" den Weg aus dem Pressehaus, an der Breite Straße. Der Schlagabtausch mit den Belagerern (Schlachtruf: "Killt "Bild'") war kurz - 30 Minuten, keine Verletzten, 19 Festnahmen. Studenten sammelten als Ersatz für erwarteten Verdienst-Ausfall der "Bild"-Verkäufer 608,70 Mark.
▷ Hannover: In einem Zwei-Stunden-Einsatz in der Nacht zum Ostersonnabend und fast zehn Stunden lang in der Nacht von Ostermontag auf Dienstag schlug und spritzte eine Polizeistreitmacht auf 1000 Demonstranten ein.
Es gab keinen Zweifel, die Demonstranten - wenn auch nicht immer Studenten - hatten nach dem Dutschke-Attentat Gewalt angewandt. Aber der Gegenschlag der Staatsgewalt, von der Polizei im Namen des Rechtsstaats mit Gummiknüppeln geführt, war ungleich brutaler (siehe Seite 30).
Und es waren Studenten, die an mehreren Orten mäßigend zu wirken suchten. So reichten vor dem Springer-Haus in Hamburg Studenten einen randalierenden Rocker der Polizei zur Sistierung. So drängten in Köln studentische Ordner Lederjacken und Rowdys aus ihren Reihen.
Allein, solche Einzel-Aktionen der Mäßigung gingen unter im allgemeinen Aufruhr, den auch die Studenten mit gewalttätigen Formeln wie "Brecht dem Schütz die Gräten" verbal heraufbeschworen hatten. Schrieb die "Zeit": "Kein Jonglieren mit Begriffen kann die Schreibtischtäterschaft des SDS aus der Welt schaffen."
Erst nach dem blutigen, verlorenen Wochenende Ostern 1968 bekannten sich die Studentenführer zu ihrer intellektuellen Verantwortung. Die Astas Berliner Hochschulen und der SDS in Frankfurt gaben die Losung aus: Gewalt gegen Sachen - ja, gegen Menschen - nein.
Zu dieser Zeit aber waren zwei Menschen schon das Opfer der Gewalt geworden: In München starben am letzten Mittwoch an den Folgen von Kopfverletzungen, die sie während der Oster-Turbulenzen erlitten hatten:
▷ Klaus-Jürgen Frings, 32, Photograph der Nachrichten-Agentur Associated Press, verheiratet. Todesursache: Bluterguß zwischen Gehirn und Schädeldecke. Frings war am Ostermontag beim Photographieren in der Barerstraße von einem Stein am Kopf getroffen worden; der Werfer war bis zum Wochenende noch unbekannt.
▷ Rüdiger Schreck, 27, Student der Wirtschafts- und Betriebstechnik im 6. Semester, ledig; Todesursache: Schädelbasisbruch. Schreck war am Ostermontag in der Barerstraße von einem stumpfen Gegenstand am Kopf verletzt worden; der Täter wurde am Wochenende noch gesucht.
Die Bestürzung über den gewaltsamen Tod zweier Menschen traf zu gleichen Teilen die Studenten und das Establishment. Es reicht gerade noch zum gemeinsamen Bedauern.
* Berliner Demonstranten auf einem umgestürzten Bauwagen, mit dem sie am Ostersonntag auf dem Kurfürstendamm eine Barrikade errichtet hatten.

DER SPIEGEL 17/1968
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