22.04.1968

VOM WIENER SCHLENDRIAN

mußten die Wiener Philharmoniker lassen, als Leonard Bernstein, 49, am Karsamstag im österreichischen Nationalgral, der Staatsoper, dirigierte. Was der smarte Amerikaner da darbot, war erstmals ein "Rosenkavalier" ohne Routine und Tradition. Mit wilder Gestik und Hochsprüngen forderte er vom Orchester, das die Strauss-Oper schon 50 Jahre im Repertoire hat, wie immer jedes Detail. Bislang nie gehörte Piccoloflötentöne klangen in dramatischer Schärfe ebenso auf wie bisher verwischte Blechbläserfloskeln und ungenau getrommelte Schlagzeugpassagen. Leitmotive, meist langweilig heruntergespielt, erblühten in neuen Farben. Der "Westside Story"-Komponist, der, wie er sagt, "noch nie eine Rosenkavalier-Aufführung gehört hat, die klar war", bot mit den Debütanten Christa Ludwig (Marschallin und Walter Berry (Ochs) den Wienern das dekadent-verklärte Stück ohne klebriges Geigenschmachten und süßen Melodienbrei. Die Gesellschaft im Parkett, die gemeinhin Kabalen ebenso schätzt wie kulinarische Musik, wand, von Bernsteins heißblütigem "Rosenkavalier" befeuert, dem publicityfreudigen Maestro dafür einen Rosen-Kranz. Als er zum dritten Akt ans Dirigentenpult federte, war es mit roten Rosen geschmückt. Der Snob in Bernstein erwachte: Mit verschränkten Armen ließ er, ein Franz Joseph der Tonkunst, die Philharmoniker ohne Taktschlag musizieren: Wien hatte endlich wieder, was es seit Karajans Auszug aus dem Opernhaus so schmerzlich vermißte den großen Opernzirkus. Die Wiener applaudierten sogar mit Pfiffen -- sie pfiffen offenbar auch auf Karajan.

DER SPIEGEL 17/1968
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