19.02.1968

Rolf Becker über Harry Kemelman: „Am Samstag aß der Rabbi nichts“SHYLOCK HOLMES

Zum "Buch des Monats" hat die sogenannte Darmstädter Jury, ein der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verbundenes Literaten-Gremium, in diesem Monat den als Rowohlt-Taschenbuch erschienenen Kriminalroman "Am Samstag aß der Rabbi nichts" des Amerikaners Harry Kemelman erwählt.
Es ist das erste Mal, daß diese Auszeichnung einem Kriminalroman zuteil wird, und es sei gestattet, das Ereignis als ein kleines solches mit Applaus zu registrieren.
Beifall für die Auszeichnung der literarischen Gattung und für die Wahl dieses speziellen Buches! Sie tut wohl in einem Augenblick, da Avantgardisten wie Peter Handke ihr hoch literarisches und tief deprimierendes Abstraktionsspiel mit dem guten alten Krimi treiben ("Der Hausierer) und der Kriminalroman von den Gebildeten unter seinen Verehrern manchmal fast zu Tode geschätzt und zerdacht zu werden droht. Kemelmans ausgezeichneter Krimi ist nichts als ein Krimi und hat die Auszeichnung als solcher verdient.
Ganz so nichts-als-ein-Krimi ist er allerdings doch nicht. Kemelman erzählt, wie der junge Rabbiner einer jüdischen Kleinstadt-Gemeinde in der Nähe von Boston den Mord an einem jüdischen Wissenschaftler auf-, oder besser abklärt -- mit talmudisch geschulter Denkmethodik.
Rabbi Small wird zum Detektiv, weil er Schwierigkeiten mit seiner Gemeinde bekommt: War Isaac Hirsh, der am Vorabend von Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in seiner Garage am Auto-Abgas erstickte, in Wahrheit kein Unfallopfer, sondern ein Selbstmörder? Hätte der Rabbi in diesem Fall nicht das rituelle Begräbnis auf dem Gemeindefriedhof verwehren müssen? Der Verdacht taucht auf, und er bewegt vor allem den Gemeindevorsteher und Architekten Mortimer Schwarz, der, sollte der Friedhof durch Hirsh entweiht ein., darum bangen muß, daß der strenggläubige Fabrikant Goralsky seine Spendenzusage für einen Synagogen-Anbau zurückziehen könnte ...
Die Geschichte, man sieht, gibt dem Autor Gelegenheit, amerikanisch-jüdisches Gemeindeleben (ein im übrigen ziemlich unorthodoxes) zu schildern und, vor allem in den Dialogen des Rabbi mit dem irischkatholischen Polizeichef des Ortes, über Religion und Riten der Juden zu belehren. Er tut das unaufdringlich und unterhaltsam, mit menschenfreundlichem, sympathiewerbendem Witz.
Und, wie man gesehen hat, mit Erfolg. Kemelman macht in Amerika beachtliche Auflagen, er hat Filmrechte verkauft. Sein erster Roman vom Rabbi-Detektiv, der mit Talmud-Verstand kombiniert, wurde 1964 mit einem "Edgar" (-Allan-Poe-Preis) für den besten Krimi-Erstling des Jahres ausgezeichnet, und die "New York Times Book Review" feierte den Auftritt von Kemelmans Shylock Holmes als "das vielleicht wichtigste Debüt eines Detektivs in jüngster Zeit".
Die Vorgeschichte dieses Erfolgs ist erzählenswert. Harry Kemelman, heute 59, Lehrer in Massachusetts, hatte einen Roman über die Streitigkeiten einer amerikanisch-jüdischen Gemeinde um einen Synagogen-Neubau geschrieben und dem New Yorker Verlag Crown eingesandt. Crown-Lektor Fields lehnte ab: Der Roman sei für nicht-jüdische Leser nicht interessant genug.
Kemelman schickte ein neues Manuskript, einen Essay über die Unterschiede zwischen jüdischer und christlicher Religion. Fields: Er habe das Werk mit Interesse studiert, aber es sei unverkäuflich.
Kemelman fuhr nach New York und bot Fields einige Detektiv-Geschichten an, die er in einem Kriminalmagazin veröffentlicht hatte. Fields: "Warum schmeißen Sie die drei Sachen nicht zusammen? Machen Sie den Detektiv zum Rabbi. Lassen Sie im Hintergrund die Gemeinde zanken. Tun Sie einen Mord hinein und, wenn's geht, einen katholischen Polizeichef, der sich für den Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Religion interessiert. Dann haben Sie Ihr Buch."
So, tatsächlich, entstand Kemelmans erster Krimi, "Am Freitag schlief der Rabbi lang", entstand sein sympathisch-unprätentiöser und freundlich-gewitzter Talmud-Detektiv David Small' ein Bruder im heiligen Geist von Chestertons Pater Brown.
In Deutschland erschien der Erstling, ebenfalls bei Rowohlt, vor zwei Jahren. Den zweiten Kemelman, "Am Samstag aß der Rabbi nichts", finde ich noch ein wenig besser. Daß die Darmstädter Jury ihn für gut befand, "Buch des Monats Februar 1968" zu sein, verdankt er aber, seien wir ehrlich, wohl doch nicht seiner puren Krimi-Qualität,
Kemelmans plots sind stichhaltig, aber vergleichsweise einfach. Seine Fälle sind sozusagen gutbürgerlich, zivil, unsensationell. Die Kemelman-Spannung ist sanft, wenn auch auf diese sanfte Weise eindringlich, aber eben nicht thriller-, nicht schockerhaft rasant. Es gibt gewiß spannendere und raffiniertere Kriminalromane (das Bond-Genre steht hier nicht zur Debatte), und die "Buch des Monats"-Jury hätte einige durchaus wahlwürdige gerade in Rowohlts schwarzer Serie, der kultiviertesten deutschen Krimi-Reihe, finden können.
Den rechten literarischen Segen jedoch gibt es nun mal erst für einen Krimi, der außerdem oder sogar in erster Linie noch etwas anderes ist -- in diesem Fall: ein gescheiter und geschmackvoller und obendrein lehrreicher kleiner Unterhaltungsroman über einen jungen Rabbiner und seine Gemeinde, über jüdisches Leben und jüdisch-christliches Zusammenleben in einer amerikanischen Kleinstadt.
Damit das klar ist: Die Anmerkung zum Lehr- und Mehrwert von Kemelmans "Rabbi" soll unsere Anerkennung für die Jury, die ihn und sein Genre jetzt ausgezeichnet hat, nicht schmälern. Ihre Entscheidung ist -- in einem Literaturland, wo das Wort Unterhaltungsliteratur nicht selten als Schimpfwort gebraucht wird -- erfrischend genug.

DER SPIEGEL 8/1968
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