05.02.1968

„ICH SITZE UNTER DER KANZEL“

Zur „Orientierung“ seiner 800 Schüler und Mitarbeiter ließ der Kommandeur der Hamburger Heeresoffizierschule, Brigadegeneral Dr. med. Hermann Wulf, in der vorletzten Wache eine Erklärung verteilen, in der er erläuterte, warum er seinen Soldaten nahegelegt hatte, am 13. Januar zu einem Gottesdienst des Theologie-Professors Thielicke in die Hamburger Michaeliskirche zu gehen (SPIEGEL 4/1968).
Professor Thielicke rief mich zum Jahreswechsel in meiner Wohnung an und schilderte mir folgende Situation:
In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche seien neben den bekannten Störaktionen des Gottesdienstes auch Knallkörper geworfen worden. (Der Gemeindekirchenrat der Kaiser-Wilhelm -- Gedächtniskirche hat unter der Überschrift "Was ist geschehen?" eine Dokumentation vorgelegt.)
Professor Thielicke befürchtete ähnliche Vorkommnisse bei seiner Predigt in der Michaeliskirche am 13. Januar 1968. Drohungen dieser Art waren ihm gegenüber ausgesprochen worden. Neben mir habe er Verbindung zu weiteren, sich verantwortlich fühlenden Christen seines Bekanntenkreises aufgenommen. Als solcher und als Staatsbürger fühlte ich mich zum Engagement verpflichtet. Da ein Teil meiner Kameraden mit ihren Frauen Besucher seiner Gottesdienstreihen sind, unterrichtete ich zunächst diese über Professor Thielickes Befürchtungen. In diesen Gesprächen, auch mit dem evangelischen Militärpfarrer der Heeresoffizierschule II, war mir bewußt, daß ich von dritter Seite ebenfalls nur freiwilliges Engagement ansprechen und annehmen konnte.
Sowohl Professor Thielicke als auch Hauptpastor Quest orientierten mich in den folgenden Tagen über zunehmende Drohungen und seitens der Kirchenleitung geplante Schutzmaßnahmen.
Anläßlich der regelmäßig freitags stattfindenden Besprechung des Lehrkörpers der Heeresoffizierschule II gab ich am 12. Januar 1968 den hier dargestellten Sachverhalt bekannt. Daraufhin kam es zu einer Diskussion über die Frage, wie man sich in einem solchen Falle verhalten solle. Die Meinungen gingen erheblich auseinander. Die Diskussion wurde beendet, ohne daß eine einheitliche Auffassung bestand.
Ich sprach dabei aus, daß ich mich unter die Kanzel setzen würde, um im Falle von Tumult und eventueller Panik (Rauchkörper mit Ruf: "Feuer, Feuer!") durch mein eigenes Verhalten beruhigend zu wirken. Neuralgische Punkte seien die Kanzel und die Südempore. Mögliche
Gottesdienstbesucher ermahnte ich, sich keineswegs in Handgreiflichkeiten verstricken zu lassen. Dabei habe ich auf die §§ 166 und 167 des Strafgesetzbuches -- Störung des Gottesdienstes und Gotteslästerung -- hingewiesen. Ich brachte zum Ausdruck, daß an den neuralgischen Punkten Theologen und Mitglieder des Kirchenvorstandes sitzen würden. Im Falle einer Bitte um Unterstützung durch diese Herren sei jeder Gottesdienstbesucher zur Hilfe berechtigt. Mir ist heute noch nicht bekannt, wie viele Herren der Heeresoffizierschule II den Gottesdienst besucht haben.

DER SPIEGEL 6/1968
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