05.02.1968

AFFÄREN / PORSTZwei Welten

Seit 1958 war Photo-Porst in der SED. Zehn Jahre lang sagte er darüber kein einziges Wort, nicht einmal zu seiner Frau. Insgeheim war Hannsheinz Porst, 45 - eine Symbolfigur freien Unternehmertums - überzeugter Marxist.
"Es stimmt", bekennt er jetzt im SPIEGEL, "ich bin Millionär und Marxist. Ich war Mitglied der FDP und gleichzeitig in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Ich habe den Freien Demokraten für ihren Wahlkampf Geld gegeben und der SED Beiträge bezahlt. Ich lebe hier und habe drüben politische Gespräche geführt."
Es wirkt paradox, scheint schizoid: In Hannsheinz Porst verkörpert sich die deutsche Spaltung - und, wenn seine Version stimmt, der verwegene Versuch, diese Spaltung im Alleingang zu überbrücken. Er engagierte sich im Osten wie im Westen. Der Mann, der an Marx dachte und Millionen machte, wollte - wie er sagt - "von beiden Seiten ernst genommen werden".
Porst baute im Westen ein kleines Wirtschaftsimperium auf (Jahresumsatz: 145 Millionen), erwirtschaftete im letzten Jahr drei Millionen Mark Gewinn - und zahlte regelmäßig Mitgliedsbeiträge an die SED: monatlich 400 Mark.
Er verkaufte den Westdeutschen Kameras und Kaffee und bot dem Osten Orientierungshilfe bei der Beurteilung politischer Vorgänge in der Bundesrepublik.
Er war stellvertretender Bezirksvorsitzender der FDP in Mittelfranken, hielt Kontakt zur Parteispitze, duzte sich mit Erich Mende - und setzte sich an einen Tisch mit Generalmajor Markus Johannes Wolf vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Der Zufall will es, daß Porsts jüngster Sohn Markus heißt - wie Wolf, aber auch wie Erich Mendes Ältester.
In Japan kaufte Porst billige Kameras für seine Kunden, in Amerika einen Ford mit 800 Dollar Rabatt für sich selber, in Budapest und Moskau plauderte er heimlich mit Männern vom Staatssicherheitsdienst (SSD) der DDR.
Sein Vater, der Gründer des Unternehmens, bekam von Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, er selber empfing. Orden von Walter Ulbrichts SED. Porst: "Ich weiß nicht, welche."
Erst war er unbequem für die Branche, die er durch Preisbrecherei durcheinanderwirbelte. Dann, als seine Wanderung zwischen zwei Welten offenbar wurde, wurde er unbequem für die ganze Bundesrepublik.
Seit Oktober läuft gegen ihn bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ein Ermittlungsverfahren - wegen des Verdachts landesverräterischer Beziehungen zum MfS. Wird er dieses Delikts überführt, droht ihm Gefängnis bis zu fünf Jahren.
Schiere Spionage brachte den Deutschen in fast jedem Jahr Sensationen - so 1960, als der SPD-Bundestagsabgeordnete Alfred Frenzel als Agent des tschechischen Geheimdienstes entlarvt wurde; so 1967, als der zuletzt im Rheinland residierende sowjetische Geheimdienst-Oberstleutnant Jewgenij Jewgenjewitsch Runge alias Kurt Gast zum Westen überlief.
Politischen Frontenwechsel gab es immer wieder - so zog es den CDU-Bundestagsabgeordneten Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 ebenso in die DDR wie 1961 den Münsteraner Universitätsprofessor Walter Hagemann.
Ost-West-Affären vom Ausmaß des Falles Otto John - das freilich gab's nur einmal. Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz tauchte 1954 plötzlich im Osten gegen den Westen auf - aus freien Stücken, wie der Bundesgerichtshof befand; verschleppt, wie Otto John selber beharrlich behauptet.
Aber der Fall Porst, so scheint es, paßt in keine dieser Rubriken. Hannsheinz Porst betrachtet sich nicht als Spion, will nicht in die DDR übersiedeln und ging im Gegensatz zu Otto John, der nach eigenem Beteuern unter Zwang in den Osten geriet, stets freiwillig über die Grenze.
Das macht den Fall Porst spektakulär: daß ein Millionär sich als Marxist erweist und damit liebgewordene Denkschablonen der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft in Frage stellt. Wenn Bonn sich nicht einmal mehr auf seine Millionäre verlassen kann, auf wen denn dann?
Unabhängig von der Frage, ob sich Hannsheinz Porst zu weit vorgewagt und Staatsschutzbestimmungen verletzt hat - er läßt Zweifel aufkommen an der bequemen Einteilung, daß Ost Ost und West West sei, die eine Republik böse und die andere gut.
Diesen Schock bewirkt ein Mann, der den Deutschen ein Linsengericht billiger Kameras servierte und dabei so einträglich verdiente, daß das Unternehmen - trotz schwerer Krisen - sich zu einem beachtlichen Konzern ausweitete (Wert heute: 107 Millionen Mark). Es gehören zum Konzern:
‣ Photo Porst KG in Nürnberg, das Stammhaus mit Versandhandel und 51 Ladengeschäften (Jahresumsatz 1966/67: 59 Millionen Mark);
‣ eurocop GmbH in Nürnberg, eine Großkopieranstalt (Umsatz: 8,5 Millionen Mark);
‣ maul+co in Nürnberg, Westdeutschlands zehntgrößte Tiefdruckanstalt (Umsatz 46 Millionen Mark);
‣ brillen porst GmbH in Köln mit zehn Augenoptik-Spezialgeschäften in Köln und Düsseldorf (Umsatz: Umsatz 46 Millionen Mark);
‣ Radio und Television Verlag GmbH in Nürnberg, in dem die Tiefdruck-Programmbeilage "rtv" für 199 Tageszeitungen mit einer wöchentlichen Auflage von 1,7 Millionen Exemplaren hergestellt wird (Umsatz: drei Millionen Mark);
‣ ex data GmbH in Nürnberg, ein Rechenzentrum für kleinere und mittlere Firmen (Umsatz: sechs Millionen Mark);
‣ Fernseh Porst GmbH & Co. KG in Hamburg mit fünf Phono-Spezialgeschäften (Umsatz: 2,5 Millionen Mark);
‣ Porst Wohnungsbau oHG in Nürnberg, in der das Unternehmen 550 Werkswohnungen verwaltet (Mieteinnahmen 1967: eine Million Mark).
Dem Aufschwung dieses Konzerns stand die politische Überzeugung des Mehrheitseigentümers Hannsheinz Porst nie im Wege - auch nicht sein gutbürgerliches Leben mit Frau Luise und den Kindern Johannes, 24, Matthias, 21, Caroline, 13, und Markus, 6. Hannsheinz Porst lebt, wie andere, in einer Villa mit acht Zimmern auf einem 5800-Quadratmeter-Grundstück in der Nähe des Nürnberger Tiergartens. Er umgibt sich, wie andere, mit Attributen gehobener Lebensart: Barockkommode, Sauna im Hause, Blockhaus mit Würstchengrill im Garten. Und er leistet sich, wie andere, kleine Marotten - ein Fasanengehege, das er als "Rennstall des kleinen Mannes" bespöttelt.
Seine privaten Vergnügen sind die von Biedermann und Jedermann. Das "ästhetisch Schöne in der Natur" treibt ihn in die Berge und auf Wanderungen. Photo-Porst photographiert gern, am liebsten mit der "Rolleiflex". Und er geht fischen - nicht angeln, denn "Angeln ist Wurmbaden", und so läuft er "da so an einem Vormittag sechs Kilometer am Wasser entlang" auf der Jagd nach Forellen und Äschen.
Und doch: Nichts ist konform im Dasein dieses Mannes. Sein Lebensstil kollidiert mit seinen Lebensidealen, sein wirtschaftlicher Erfolg mit seiner Definition des Erfolgs, seine gesellschaftspolitischen Ambitionen mit dem gesellschaftlichen Status.
Er hält sich für einen bescheidenen Menschen, dem Wurstbrote munden und Luxus nicht liegt. Aber der junge Unternehmer, der mit dem Arbeiter- und-Bauernstaat hinter der Elbe sympathisiert, fliegt eine zweimotorige "Queen Air" (1,2 Millionen Mark), hat ein Haus in der Schweiz. Den Widerspruch symbolisiert sein Bekenntnis: "Ich esse gern Eintopf und gern Austern."
Er steht morgens um sechs Uhr auf, und er arbeitet oft 20 Stunden am Tag. Er managt seinen Betrieb mit amerikanischen Erfolgsmethoden, er gesteht: "Ich liebe den Erfolg und ich brauche ihn."
Aber es ist ihm gleichgültig, wem dieser Erfolg nach außen hin zugute kommt - dem Privatmann Porst oder einem volkseigenen Betrieb. Er würde ebenso gern, wie er sagt, die zentralisierten Druckereien der DDR leiten wie seine Nürnberger Druckerei maul + co. Und er wäre "viel lieber bezahlter Manager in einem großen Betrieb als ein kleiner Unternehmer".
Ihn bewegt nicht nur das Gedeihen der Firma ("Es wäre zuwenig"), sondern vor allem "die damit verbundenen Kontakte mit den Menschen, die mit mir zusammen Freude an diesen Dingen haben, das gegenseitige Verstehen".
Sein Weltbild hat sozialutopische Tupfer, einen Pinselstrich Sonnenstaat. Er träumt von einer "offeneren Zeit" ohne ideologische Fronten, und seine liebste Lektüre sind futuristische Expertisen, Schriften über die Zukunft des Menschen. Er hält es für seinen größten Luxus, daß bei Photo Porst "nicht alles nach der rationellen Seite hin gemacht wird, sondern manches auch nach der emotionellen Seite, zum Menschen hin".
Und sein Selbstverständnis äußert sich in dem Kalenderspruch: "Die Vergangenheit langweilt mich, die Gegenwart ist für mich von Bedeutung, aber die Zukunft fasziniert mich."
So faszinierend ungewiß die Zukunft der Porsts jetzt auch sein mag - langweilig war ihre Vergangenheit nie. Vater Hanns Porst, heute 71, gab im Alter von 23 Jahren die Tinten-Oase eines Nürnberger Stadtschreibers auf, steckte alle Ersparnisse (600 Mark) in einen Photo-Laden und lockte mit dem Slogan: "Wer photographiert, hat mehr vom Leben."
In kostenlosen Abendkursen lehrte er seine Kundschaft knipsen. Der Name Porst wurde populär, und bald gliederte der Alte seinem Photo-Geschäft eine Versandabteilung an - es wurde "der Welt größtes Photohaus" (Werbeslogan) mit 450 Mitarbeitern im Jahre 1939.
Der Werdegang des emsigen Sohnes war nicht ungewöhnlicher als der eines Reeder-Sohnes, der auf Vaters Geheiß erst einmal Schiffsjunge sein muß, bevor er Schiffe dirigiert. Hannsheinz Porst sollte Ingenieur werden. Er besuchte in Nürnberg die Mittelschule, absolvierte eine Werkzeugmacher-Lehre - und mußte in den Krieg, der seine Pläne korrigierte. Er verlor, am letzten Kriegstag, die Sehkraft seines linken Auges: Granatsplitter.
Laden und Versandhaus lagen in Trümmern. Doch im fränkischen Artelshofen, wohin es den jungen Porst mit seiner Frau verschlagen hatte, regte sich der Unternehmertrieb. Zusammen mit dem Drucker Hans Maul gründete er die Druckerei maul + co - mit dem zeitgemäßen Produktionsprogramm, Bauern Briefköpfe zu machen.
Doch drucken durften sie nicht, dafür gab es keine Lizenz. Die gab es nur für eine Vervielfältigungsanstalt. Erforderlich war eine Reproduktionskamera. Porst: "Wir hatten aber nur eine normale Kamera. Die tauschte ich gegen eine Sau. Die Sau ging weg für eine Reprokamera, und damit brachte sie mir 50 Prozent der Firmenanteile."
Drei Hühner beflügelten das Unternehmen. Ihre Eier lieferten das Eiweiß, mit dem die Rotaprint-Platten beschichtet werden mußten. Auch den Rest besorgte die Natur. Da Quarzlampen zur Belichtung fehlten, "rasten wir hinaus, hielten das unter die Sonne und liefen dann wieder rein
1948, als die Porsts ihren Photohandel wieder eröffnen durften, avancierte der Junior zum Teilhaber der Firma. Es folgte ein "rasanter Aufschwung" (so Porst-Stellvertreter Dieter Reiber, 41). Binnen zehn Jahren wurde der Vorkriegsumsatz verzehnfacht. Am Rande der Stadt Nürnberg wuchs auf 75 000 Quadratmetern eine Tiefdruckerei und auf einem 60 000 Quadratmeter großen Areal eine Wohnsiedlung empor - Wohnraum für die Beschäftigten, heute: 2300.
Basis des Erfolgs war die aus den Trümmern gerettete Kundenkartei des Photoversandhandels mit 130 000 Adressen. Zunächst an diese alten Kunden, dann ans ganze Volk ging der Appell der Porsts, die Welt durch den Sucher zu sehen.
Bieder klopften sie den Deutschen auf die Schulter (Werbebrief: "Als ich letztes Mal mit meinem Vater über Sie sprach ...") und ermunterten die Konsumenten burschikos zum Kauf (Werbebrief: "Wenn Sie diesmal nicht bestellen, dann fresse ich einen Besen"). Sie köderten die Kunden mit Katalogen im Taschenbuchformat und attraktiven Konditionen - keine Anzahlung, bis zu 24 Raten.
Doch unvermittelt kam zu Beginn der sechziger Jahre - just zu der Zeit, da Porst junior die Alleingeschäftsführung übernahm - ein Rückschlag. Die Konkurrenten vom Photofachhandel, die jahrelang unter den aggressiven Verkaufsmethoden Porsts gelitten hatten, überrundeten nun den Photo-Porst unter dem Ladentisch.
Während Porst in seinen Katalogen die vorgeschriebenen Listenpreise der Kamera-Hersteller ausdrucken mußte, setzten die Fachhändler die Kameras mit einem Discount bis 15 Prozent ab. Binnen zweier Jahre schrumpfte Porsts Photo-Umsatz von 80 Millionen Mark (1960) auf 30 Millionen Mark (1962).
Im Frühjahr 1962 stellten die beiden Hausbanken, die Bayerische Staatsbank und die Bayerische Vereinsbank in München, dem Nürnberger Unternehmer ein Ultimatum: Rückführung der ausgegebenen Kredite in Höhe von 16 Millionen Mark binnen weniger Tage.
Eine Nacht lang tüftelten Vater und Sohn an einem Sanierungsplan. Dann reiste Hannsheinz Porst nach München und beschwichtigte die Banken mit einem Finanzplan, der eine Tilgung der Bankschulden innerhalb von zwölf Monaten vorsah. Die Banken hielten still - und bekamen neun Monate lang pünktlich ihr Geld. Dann wurde die Restschuld von der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) in Frankfurt übernommen.
Die Sanierung war möglich, weil Porst seine Firmenpolitik radikal änderte. Er vernachlässigte den Versandhandel und richtete eine Kette fester Läden ein, die - oft unmittelbar gegenüber Geschäften des Photofachhandels gelegen - knallig kleine Preise boten. Er bezog nicht mehr ausschließlich seine Kameras (preisgebunden) von deutschen Markenartikelherstellern, sondern aus dem Ausland und verkaufte sie unter dem Namen "Porst": Die eigene Handelsmarke erlaubte, die Preise nach Belieben zu drücken.
Wenn er aber dennoch einheimische Produkte feilbot, brach er nun häufig selber die Preise. So bot er über Mittelsmänner die Kleinbild-Kamera "Agfa Optima" statt zum vorgeschriebenen Listenpreis von 189 Mark für 95 Mark an; Agfa strich ihn von der Kundenliste. Als Porst Jahre später auch Farbumkehrfilme mit einem Abschlag von 27 Prozent verkaufte, trug ihm das 150 000 Mark Strafe ein.
Im Ab und Auf des Hauses Porst war nun allerdings wieder ein Ab fällig. Am 13. Mai 1964 wurde der Firmenchef auf dem Nürnberger Flughafen verhaftet: Verdacht auf Steuerhinterziehung. Er hatte "geglaubt, nichts Falsches zu tun", indem er Lieferantenrabatte statt in seiner Gewinn- und Verlustrechnung zu verbuchen auf ein Schweizer Konto leitete.
Porst kam gegen eine Kaution von acht Millionen Mark - die größte, die in der deutschen Rechtsgeschichte je geleistet wurde - wieder frei. Im letzten Jahr erst wurde die Sache entschieden: Steuerstrafe zwei Millionen Mark, Steuernachzahlung 9,5 Millionen. Davon bezahlte Porst auf Anhieb sechs Millionen.
Die U-Haft ertrug Hannsheinz Porst gelassen - eingedenk des Vaterwortes: "Schau nicht auf die Gitter, denk nicht an die verschlossene Tür. Bemitleide nicht dich, sondern den Gefängniswärter, der hat lebenslänglich." Der Alte riet aus Erfahrung. Er hatte unter den Nazis einsitzen müssen, weil er Kohlenvorräte nicht angab, er hatte unter den Amis brummen müssen, weil er salomonische Fragebogenfälschung beging.
Die Porstsche Familien-Tradition, der Obrigkeit mitunter zuwiderzuhandeln, blieb in Hannsheinz Porst lebendig. Wie er Lieferanten durch Mißachtung von Preisabsprachen verärgerte und sich durch einfache Buchführung die Steuerfahndung ins Haus holte, so hatte er schon als Flak-Offizier den Groll der großdeutschen Wehrmacht heraufbeschworen, indem er bei einem Großangriff auf Nürnberg entgegen der Weisung, aus Gründen der Munitionsersparnis nicht zu schießen, Granaten in den Himmel ballerte. Strafe: Panzerbekämpfung an der Front.
In den Pausen zwischen derartigen Aufwallungen (Porst-Vater: "Wir sind keine Scheißer, wir sind Männer") widmeten sich die Porsts mit Verve ihren diversen Unternehmungen. Während der letzten Jahre setzte Hannsheinz Porst ein effektvolles System des Managements durch, das in Betrieben dieser relativ geringen Größenordnung zumindest in Deutschland keineswegs üblich ist.
Jedes der acht Porst-Unternehmen arbeitet selbständig und legt einen detaillierten Fünfjahresplan vor (über Preise, Personal, Investitionen, Finanzierung, Umsätze und Gewinne). Der Vollzug dieses Plans wird jährlich einmal vom Konzernchef kontrolliert. Sonst kommen ihm nur Papiere auf den Tisch, die eine Abweichung von mindestens fünf Prozent vom Plan-Soll (nach oben oder unten) signalisieren. Porst: "Das erspart mir 85 Prozent Arbeit."
Rationalisierung, Leistungssteigerung, Erfolg - das reizt Porst, wie andere Unternehmer auch. Aber für Hannsheinz Porst bedeutet Erfolg nicht nur, Profit zu machen . "Profit ist Geld", sagt er, "Geld aber allein kann nicht glücklich machen. Doch eine Sache, die man sich vorgenommen hat, zum Erfolg zu führen, das ist das Wesentliche."
Er zeichnet gern Häuser, aber es liegt ihm nichts daran, auch nur eins davon zu bauen. Und er nennt ein Beispiel: "Die Formgestaltung einer Kamera nach meinen Vorstellungen, daran sich zu freuen, ist schöner und beflügelnder als die Tatsache, daß sie dann sehr gut geht."
Solches Erfolgsdenken des Nürnberger Erfolgsmenschen erinnert an die Lebensphilosophie eines spätmittelalterlichen Uhrmachers, den es mehr bewegt, sein kunstvoll gefügtes Nürnberger Ei ticken zu hören, als das gute Stück an einen Pfeffersack zu veräußern. Es klingt wie die Weisheit eines Beau Brummell, der vor dem Spiegel mit sich selber zufrieden sein, nicht aber in den Salons bewundert werden wollte.
Das ist der Schlüssel zu der scheinbar konfusen Psyche des millionenschweren Marxisten Hannsheinz Porst. Das mag zu einem Teil erklären, warum Porst sich auf politische Schleichpfade begab: suchend nach einem Gral politischer Weisheit, der sich im gespaltenen Deutschland freilich wie ein Hort des Aberwitzes ausnimmt. Sein Pfadfinder hieß Karl Böhm, und Böhm ist Kommunist.
Böhm, ein Vetter des Konzernherrn, war mit Hannsheinz Porst gemeinsam in Nürnberg aufgewachsen. Der um zehn Jahre jüngere Firmenerbe entwickelte damals eine schwärmerische Zuneigung zu dem Cousin, die später in gemeinsame ideologische Leitvorstellungen mündete.
"Normalerweise", so sagt Hannsheinz Porst heute, "ist es der ältere Bruder, den man bewundert, bei mir war es der Vetter Karl Böhm." Und: "Er war einfach jemand, der mir ein paar Jahre voraus hatte, mit dem man reden konnte und dessen Nachdenklichkeit mich unbewußt beeindruckt haben muß."
Tief beeindruckt hatte es Hannsheinz Porst, als Karl Böhm 1933 für seine kommunistischen Ideale von den Nazis ins KZ gesperrt wurde. Als Böhm 1939 heimkehrte und einige Jahre lang für Photo Porst arbeitete, begann zwischen den Vettern der Dialog über Marx und Engels, der fortan nicht mehr unterbrochen wurde.
Karl Böhm war die Dominante im Dasein des Hannsheinz Porst, er ist die Schlüsselfigur in der Affäre Porst. Und wie eine verschlüsselte Epistel nimmt sich ein Aufsatz aus, den Böhm im April 1966 in der (Ost-)"Berliner Zeitung" unter dem Titel "Freund und Feind" drucken ließ, Anlaß war eine DDR-Fernsehserie, deren Hauptdarsteller sich nach qualvollem Widerstreit zwischen einem kapitalistischen und einem kommunistischen Freund für den rechten Weg zur Linken entscheidet.
Im Lichte des Porstschen Kredos wirkt dieser Heidenkampf wie ein Wort unter Vettern. Denn jene Freunde, so schrieb Karl Böhm, "stehen bis zur äußersten Konsequenz in Lagern, die sich feindlich scheiden wie Feuer und Wasser". Ob aber "ihre Freundschaft gut oder schlecht war, wird nicht auf der Ebene der subjektiven Gefühle und Handlungen entschieden. Die Sache selbst ist es, die das Urteil über die Qualität ihrer Freundschaft fällt. Ist sie gut oder schlecht, dann ist die Freundschaft gut oder schlecht, die sich in ihrem Namen, in ihrem Auftrag vielleicht sogar, um den Schwankenden bemüht, der im Niemandsland den Weg auf die richtige Seite sucht".
Für den Porst-Freund Böhm hatte nach dem Kriege kein Zweifel bestanden, welches die richtige Seite war. Er übersiedelte 1946 in den deutschen Osten. Und dort machte er Karriere in Politik wie Publizistik. Böhm wurde Mitarbeiter des SED-Zentralkomitees, dann stellvertretender Leiter der Abteilung für Literatur und Verlagswesen im DDR-Kulturministerium. Er schrieb ein Buch "Weltall, Erde, Mensch", das den Jungbürgern der DDR zur Jugendweihe überreicht wurde, und er bekam für seine literarischen Bemühungen den Nationalpreis Dritter Klasse.
Diesen verdienten Bürger des Arbeiter-und-Bauernstaates besuchte Hannsheinz Porst, verdienender Bürger des Kapitalisten- und Konsumentenstaates. regelmäßig seit 1947. Böhm brachte ihn mit MfS-Leuten zusammen. Ein gutes dutzendmai reiste Porst in den Osten - mal zu Vetter Böhm, mal zum SSD-General Markus Johannes Wolf, mal nach Moskau oder Budapest, wo er sich mit Wolf-Vertrauten traf. Hannsheinz Porst war den Nachrichtenmännern der DDR dabei behilflich, die aus vielerlei Informationen und Agenten-Nachrichten gefügten Zustandsbilder von den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in der Bundesrepublik zurechtzurücken.
Dank seines parteipolitischen Engagements im Westen, seiner Bekanntschaft mit führenden FDP-Politikern glaubte er sich angeblich imstande, verzerrten Analysen des ostdeutschen Geheimdienstes realistische Konturen zu geben. Zudem diskutierte der Wanderer zwischen ·zwei Welten nächtelang mit den Parteifreunden von der SED über Sozialismus, Kommunismus oder Leninismus und die politische Wirklichkeit.
Mitte der fünfziger Jahre kam Gegenbesuch: Alfred Pilny, angeblich DDR-Flüchtling, in Wirklichkeit SSD-Agent, wurde Lektor in Porsts Druckereibetrieb. Pilny, heute 50, war von Haus Altphilologe, und er arbeitete in einem Referat des DDR-Kulturministeriums, dessen stellvertretender Leiter Karl Böhm war. Im Westen wurde er FDP-Mitglied, war zeitweise Hauslehrer der Porst-Kinder und belebte die Kontakte zwischen seinen Arbeitgebern im Osten und im Westen.
Dem Pilny gebrach es offenbar an Verständnis für politische Zusammenhänge. Das MfS in Ost-Berlin schickte einen klügeren Agenten: Er nannte sich Hans-Kurt Findeisen, wohnte in Oberschleißheim bei München und arbeitete als Buchhalter bei MAN.
Es gab noch einen dritten Mann: Peter Neumann, 46. Er arbeitete seit 1952 bei Porst, avancierte 1954 zum persönlichen Sekretär und vertrat von 1960 an Porst-Interessen in der Schweiz. Zwischen beiden entwickelte sich ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Porst und Vetter Böhm.
Dieses "Quartett", wie es die Bundesanwaltschaft nennt, flog mit der Verhaftung Pilnys am 19. Oktober letzten Jahres auf. Findeisen war schon weg, als die Kripo kam. Neumann stellte sich der Bundesanwaltschaft. Der gegen ihn erlassene Haftbefehl wurde außer Vollzug gesetzt. Er durfte, sobald er Aussagen gemacht hatte, immer wieder in die Schweiz zurückreisen.
Porst erfuhr nur zufällig von der Verhaftung Pilnys, als er ein Buch von ihm zurückhaben wollte. Frau Pilny zeigte ihm den Haftbefehl - und Porst wußte in diesem Augenblick, wie er sagt, "daß man mich wohl nun einiges fragen wird. Aber ich habe nicht mit Verhaftung gerechnet".
Am 24. Oktober war es soweit. Als Porst die Praxis von Dr. Henny Schmidt-Schencke - Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie - verließ und den Schlag seines Wagens öffnete, kam "ein Schrank auf mich zu und sagte: "Herr Porst, kann ich Sie bitte mal sprechen?" Ich sagte: "Ja, gehen wir in mein Büro. Der Schrank: "Nein, gehen wir in mein's'".
Das lag im Polizeipräsidium. Dort verlas ihm ein Richter den Haftbefehl, während gleichzeitig Kriminalpolizisten Porsts Privatwohnung durchsuchten. Sie sammelten Tonbänder, Notizen und alte Kalender ein, in Anwesenheit von Frau Luise, die nach dem Bekunden ihres Mannes von seiner politischen Geheimaktivität nichts gewußt hatte und die Nachricht von seiner SED-Mitgliedschaft "aufnahm wie ein Mann".
Nach 52 Tagen U-Haft (Porst: "Fast hätte ich gesagt, es war ausgezeichnet") wurde er gegen eine Kaution von einer Million Mark freigelassen. Die Bundesanwaltschaft verlautbarte über den Gegenstand des Verfahrens: "Porsts Tätigkeit mit dem Ziel konspirativer Beschaffung vertraulicher politischer Informationen für das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit".
Freilich, "konspirative Tätigkeit" ist ein weiter Begriff - es ist in jedem Fall weniger als Landesverrat (worauf Zuchthaus steht), und es ist in jedem Fall mehr als ein straffreier Gedankenaustausch über Ost-West-Probleme, wie ihn mancher West-Besucher der Leipziger Messe pflegt. Prozeßentscheidend dürfte sein, ob dem Unternehmer Porst über dessen Tätigkeit die Bundesanwaltschaft bislang noch keine Details verlauten ließ - letztlich das Unrechtsbewußtsein nachzuweisen sein wird.
Kein Zweifel: Porst hat gewußt, daß seine Gesprächspartner im Osten SSD-Leute waren. Er wußte, daß Pilny und Findeisen professionelle Agenten waren. Die Kernfrage ist, ob der nach seiner Selbstdarstellung angestrebte Zweck dieser Gespräche - der Brückenschlag von Ost nach West und umgekehrt - ihn außerstande setzte, sich des Unrechts bewußt zu sein.
Porst selber glaubt, daß er die Affäre - möglicherweise sogar ohne Hauptverhandlung - schadlos durchstehen könnte und sein Unternehmen nicht lädiert wird. Zwar entzogen Berliner Behörden nach Porsts Verhaftung der Porst-Firma eurocop GmbH die Lizenz, in Schulen und Kindergärten zu photographieren. Zwar demolierte ein Essener Arbeiter nachts "dem Verräter" eine Schaufensterscheibe.
Aber das Geschäft floriert seit dem neuen Fall Porst besser denn zuvor. Von Oktober bis Dezember letzten Jahres, während der Unternehmer in U-Haft war, bezahlten die Deutschen an Porst 48 Millionen Mark für Waren und Dienstleistungen - 20 Prozent mehr als im letzten Quartal des voraufgegangenen Jahres. Photo Porst und eurocop steigerten ihren Umsatz sogar um 40 Prozent. Hannsheinz Porst: "Ein erstklassiges Quartal."
Die Bank für Gemeinwirtschaft, die dem Unternehmen sechs Millionen Mark Kredit ausgezahlt hat, erklärte Ende letzter Woche: "Wir sehen keinen Grund, über die gewährten Kredite neu zu entscheiden. Die wirtschaftliche Lage des Nürnberger Unternehmens ist durchaus positiv zu bewerten."
Und Porst denkt nicht daran zu verkaufen. Er will zwar, sobald er darf, die DDR wieder besuchen. Aber zu Hause fühlt er sich in der Bundesrepublik: "Ich glaube immer noch, daß die Bundesrepublik ein Land ist, in dem auch Gedanken, die von den offiziellen Normen abweichen, gedacht werden dürfen."
Und jetzt kennt Porst keine Parteien mehr. Einem Ausschluß aus der FDP kam er durch Austritt zuvor. Am selben Tag kündigte er in einem Brief an Vetter Böhm die SED-Mitgliedschaft auf - was von Rechts wegen gar nicht geht .
Strafbar hat er sich wegen der SED-Mitgliedschaft in der Bundesrepublik nicht gemacht. Anders wäre es, wenn er "beim SSD in Ost-Berlin einen inoffiziellen Offiziersrang bekleidet" hätte, wie "Die Welt" am letzten Wochenende berichtete. Dazu Porst: "Absoluter Quatsch."
Was immer er auch ist: ein Traumwandler zwischen Ost und West, ein marxistischer Kader-Kern in der Bundesrepublik, ein couragierter Deutscher guten Willens oder ein Kaufmann, der sich rückversichern wollte - das fatal gesunde Volksempfinden der Deutschen bevorzugt wohl die letzte Kategorie, die bequemste.
Ein Mann, der ebenfalls Marxist und ebenfalls Millionär ist, zollte ihm Respekt. Jean-Paul Sartre ließ Hannsheinz Porst letzte Woche ein Exemplar seines Buches "Zeit der Reife" überreichen und schrieb hinein: "Für Herrn Hannsheinz Porst, dessen mutige Haltung ich kenne, als Zeugnis tiefer Sympathie."
* 1961 mit Professor Theodor Heuss und Frau Margot Mende in Frankfurt.
** Weihnachtsgrußkarte der Familie Porst 1967. Von links: Luise Porst, geborene Wild, Johannes, 24, Caroline, 13, Markus, 6, Hannsheinz Porst, Mathias, 21, und Hund Ringo.
*** Oben: Vater Hanns Porst schlägt im Betrieb ein Plakat an, das die Freilassung seines Sohnes bekanntgibt. Unten: Bei der Rückkehr in den Betrieb wird Hannsheinz Porst von einem Betriebsmitglied begrüßt.

DER SPIEGEL 6/1968
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