05.02.1968

„ICH BIN MILLIONÄR UND MARXIST“

Es stimmt: Ich bin Millionär und Marxist. Ich war Mitglied der FDP und gleichzeitig in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Ich habe den Freien Demokraten für ihren Wahlkampf Geld gegeben und der SED Beiträge bezahlt. Ich lebe hier und habe drüben politische Gespräche geführt.
Widerspricht sich das wirklich? Ich glaube nein.
Zunächst möchte ich nicht vom "Fall Porst" reden, sondern von mir. Ich bin Nürnberger. Hier ist das Geschäft meines Vaters, hier bin ich aufgewachsen. Junge Leute haben viel überschüssigen Enthusiasmus. Das ist kein Mangel, sondern eine Notwendigkeit. Normalerweise ist es der ältere Bruder, den man bewundert, bei mir war es der Vetter Karl Böhm.
Es war keine Jugendschwärmerei; dazu wäre Karl Böhm gar nicht das geeignete Objekt gewesen. Er war einfach jemand, der mir ein paar Jahre voraus hatte, mit dem man reden konnte und dessen Nachdenklichkeit mich unbewußt beeindruckt haben muß.
Eines Tages war Vetter Karl Böhm verschwunden. Die Nationalsozialisten hatten ihn nach Dachau gebracht, denn er war Kommunist. Ich war damals elf Jahre alt und er einundzwanzig. Was das alles bedeutete, konnte ich nicht einmal ahnen. Mir war noch nicht klar, daß jemand in meiner nächsten Umgebung für seine Überzeugung sein Leben riskiert hatte. Das Ganze war bloß unbegreiflich, und man durfte nicht darüber reden.
Nach sechs Jahren KZ-Haft ließ man ihn. frei, weil mein Vater Hanns Porst bereit war, für ihn zu bürgen und ihn in seinen Betrieb aufzunehmen. Mein Vater ist kein politisch engagierter Mensch, aber er erkennt einen anständigen Kerl, wenn er ihn sieht. An unkonventionellen Ideen erschreckt ihn nicht das, was die Leute vielleicht dazu sagen könnten.
Von meinen Kontakten zu Ost-Berlin hatte er all die Jahre nichts gewußt -aber er hat mir beigebracht, daß man das tun muß, was man für richtig hält. Wenn ich allerdings sagen würde, er wäre begeistert von dem, was sich jetzt abspielt, dann müßte ich lügen. Aber man kann seinen Eltern leider nicht alles ersparen.
Karl Böhm war also zurück. Aber darüber reden durfte man noch weniger als zuvor. Dann war ich derjenige, der wegging. 1941 wurde ich eingezogen. Ausbildung zum Bordfunker, dann Offizier bei der Flak und Einsatz im Erdkampf gegen russische Panzer. Verwundet am letzten Kriegstag in Berlin.
Karl Böhm war auch mit dem Leben davongekommen. Er hatte den Krieg in einem Strafbataillon überstanden. Wir trafen uns wieder in Nürnberg. Jetzt konnte man über alles reden.
Ich glaubte damals noch, es wäre besser gewesen, wenn wir den Krieg gewonnen hätten. Böhm war anderer Meinung, es kam zu Diskussionen. Er war kein bleicher Fanatiker, er war untersetzt und trug gerne Lederhosen. Ich lernte von meinem Vetter, daß man Konflikte austragen kann, ohne zum Feind zu werden.
Zwei Voraussetzungen waren dazu allerdings notwendig: vollkommene Offenheit und ein Vertrauen, das sich nicht selbst ängstliche Grenzen setzt. Diese Erfahrung ist mir bis heute nicht widerlegt worden. Wir redeten damals nächtelang, wie alle anderen auch, und mir ging eigentlich erst jetzt auf, was es für Karl Böhm bedeutet hatte, seine Gesinnung nicht zu verleugnen. Mir ging auf, daß er recht gehabt hatte, auch dann noch Widerstand zu leisten, als es nur noch die sinnlose Tat eines einzelnen zu sein schien.
Wie alle aus unserer Generation wollten wir nicht nur unsere eigenen Verhältnisse, sondern auch die Verhältnisse unseres Landes von Grund auf ändern, denn daß jetzt alles anders werden mußte, war uns klar. Man konnte, nach dem was geschehen war, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.
Eines hatten die meisten begriffen, man durfte sich nicht wieder Fronten aufzwingen lassen. Wir waren fest entschlossen, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen, und wir waren sicher, daß wir nie wieder auf nationalistische Losungen hereinfallen würden. Wenn Böhm seine Ideen von einer freien, gerechten Gesellschaft entwickelte, dann sprach er nicht nur mit Kenntnis, sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes, der "wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war, bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen. Er war einer der wenigen, die zu Recht von sich behaupten konnten, sie hätten es vorausgesagt.
Mit dem Geschäft meines Vaters war 1945 nicht viel los. Böhm und ich wollten einen Verlag für Belletristik gründen, aber die Amerikaner gaben uns keine Lizenz. Es war bekannt, daß Nationalsozialisten damals Schwierigkeiten hatten. Aber Böhm bekam keine Lizenz, weil er Kommunist war. Ein CIC-Major hat es uns bestätigt. Das war im Jahre 1946.
Es war also doch nicht ganz der neue Anfang, da alles gedacht werden durfte. Es gab schon wieder Verdächtige.
Böhm ging in die Ostzone, nicht weil er glaubte, daß dort alles zum besten bestellt sei, sondern weil er dort eine bessere Chance sah, mitzuarbeiten am Aufbau jenes neuen Deutschlands, das er sich vorstellte. Für uns, dessen waren wir sicher, konnte das keine Trennung bedeuten. Schon allein deshalb nicht, weil Zonengrenzen wirklich nur Zonengrenzen und damit provisorisch waren. Das Erlebnis der Katastrophe war noch zu lebendig. Hüben und drüben. Wir gehörten noch zusammen, man hatte gemeinsam eine zu teure Rechnung bezahlt.
Ich wollte hier bleiben. Das Geschäft meines Vaters wartete auf mich, ich hatte geheiratet, Kinder bekommen. Ich blieb nicht hier, weil ich mit einer angenehmen Existenz rechnen konnte. Ich hatte die Verantwortung für ein Unternehmen zu übernehmen. Ich bin der Meinung, daß sich freies Unternehmertum westlicher Prägung nicht nur durch Lippenbekenntnis mit den Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Solidarität vereinbaren läßt. Das ganze Verhängnis war doch gerade, daß man schon wieder damit begann, ein Volk, das die gleiche Sprache redete, in ideologische Bezirke aufzuspalten, und man nur in einem Teil des Landes zu Hause sein durfte.
Ich traf mich weiter mit Karl Böhm. Es gab zwar bürokratische Schwierigkeiten, aber zur Leipziger Messe konnte man Passierscheine bekommen. Wir sprachen weiter miteinander, aber die Anzeichen mehrten sich, daß auch das eines Tages schwieriger werden würde. Nach dem Kriege waren wir alle nicht besonders gut gekleidet. Drüben erkannte man schon bald den Besucher aus dem Westen am Anzug. Und nicht viel später war es dann schon mehr als der Anzug, was uns unterschied.
Das Land begann sich zu teilen. Es gab von Mal zu Mal mehr Verständigungsschwierigkeiten; wenn wir jetzt diskutieren wollten, mußten wir erst damit beginnen, Begriffe zu klären, die vorher keiner Klärung bedurft hatten. Hüben und drüben wußte man immer weniger voneinander, das Bild wurde verzerrt.
Ich wußte, daß es drüben nicht nur Apparatschiks und hier nicht nur Revanchisten gab. Aber es wurden in Ost wie West immer weniger, die das wissen wollten. Das wurde mir klar, als ich zum erstenmal, am 24. April 1954, in Böhms Wohnung in Wandlitz mit Funktionären des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR zusammengebracht wurde.
Sie hatten einzelne Fakten zu einem Mosaik zusammengesetzt, das nicht stimmte, und zwar auf eine sehr verhängnisvolle Weise, denn diese Theorien mußten auch ihre Politik uns gegenüber beeinflussen. Das ist übrigens auch die einzige Erklärung dafür, daß meine Gesprächspartner vornehmlich Leute vom Staatssicherheitsdienst waren, weniger vom Zentralkomitee der SED, denn bei der Staatssicherheit wurden die Mosaike zusammengesetzt, die für meine Begriffe das falsche Bild der Bundesrepublik ergaben.
Wer, wie ich, glaubt, daß nur der zu einer Verständigung kommen kann, der die Situation des Partners genau erkennt, muß aus eigenem Interesse versuchen, auch dem Partner ein klares Bild zu vermitteln. Es hatte für mich wenig Sinn, schöngeistige Diskussionen zu führen; ich wollte mit Leuten reden, die in der politischen Wirklichkeit der DDR von Bedeutung waren.
Dabei kam ich zum erstenmal mit einem politischen Apparat in Berührung; mit dem von drüben. Wenn meine Gespräche sinnvoll sein sollten, mußte ich auch in der Bundesrepublik dazu gehören, denn es ging ja nicht nur darum, meine Gesprächspartner in der DDR von falschen Vorstellungen abzubringen. Ich wollte das auch in meinem bescheidenen Rahmen hier versuchen. Dazu brauchte ich verbindliche Gesprächspartner; ich schloß mich der FDP an
Nachdem ich 1955 in die FDP eingetreten war, habe ich meine Mitgliedschaft bei der SED beantragt. Das war kein Gegensatz für mich, sondern eine realistische Voraussetzung für das, was Thomas Dehler in einem anderen Zusammenhang "den Eisernen Vorhang durchdringen" nannte.
Vordergründig betrachtet, scheinen dies unvereinbare Gegensätze zu sein. Dort eine Partei, die beispielsweise die Verstaatlichung aller Produktionsmittel anstrebte und verwirklichte -- hier eine Partei, die Politik für die Unternehmer machte. Und doch gab es für mich einen schmalen Streifen, einen begrenzten Bereich, in dem ich Ansatzpunkte sah, nach beiden Seiten hin zu wirken. SED und FDP -- ich wollte auf beiden Seiten ernst genommen werden.
Mir war klar, daß ich die Beziehungen der beiden Staaten nicht im Alleingang beeinflussen konnte, aber ich trat der FDP ja gerade deshalb hei, weil in dieser Partei noch am ehesten die Chance bestand, Leute zu finden, die eine Deutschlandpolitik außerhalb der offiziellen Slogans machen wollten. Deshalb unterstützte ich diese Partei.
Das heißt natürlich nicht, daß ich je von der FDP den Auftrag erwarten konnte, drüben zu verhandeln. Das war auch nie der Fall. Wenn ich in der FDP meine Karten auf den Tisch gelegt hätte, wäre ich im selben Moment schon allein wegen meiner Mitgliedschaft in der SED isoliert gewesen. Dann wäre ich tatsächlich in die Situation gekommen, nur noch drüben Gesprächspartner zu haben. Dann wäre jeder Versuch einer Vermittlung zum Scheitern verurteilt gewesen.
Ich habe mich manchmal selbst gefragt, ob es noch realistisch ist, so auf eigene Faust Politik beeinflussen zu wollen. Aber darum ging es nicht. Die große Politik konnte ich nicht ändern. Es ging mir wirklich um nicht mehr, aber auch um nicht weniger, als ein Loch in der Mauer, die von beiden Seiten aufgebaut wurde, offenzuhalten.
Von Staatsgeheimnissen war dabei nie die Rede, ganz im Gegenteil, es gab klare Absprachen mit den Gesprächspartnern drüben, daß Staatsgeheimnisse ausgeklammert werden mußten. Aufnahmen aus dem Flugzeug, heimliches Photographieren von Brücken, Weitergabe von Agentennachrichten in toten Briefkästen, Ausspähen militärischer Geheimnisse oder Übermittlung Bonner Verteidigungspläne -- all das war bei mir nicht im Spiel. Und ebensowenig habe ich Manöverpläne oder Agenten-Kodes von drüben herübergebracht.
Ich wußte, daß meine Gesprächspartner dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit angehörten. Was waren das für Leute?
Generalmajor Markus Johannes Wolf wäre in jedem Spionagefall eine Fehlbesetzung gewesen. Er konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen, auf Gedanken einzugehen, selbst wenn sie nicht zum offiziellen Repertoire gehörten. Der gleiche Jahrgang wie ich, gut geschnittene Anzüge, nicht ohne Humor. Ich muß dazu sagen: So waren sie nicht alle.
Es stimmt, ich habe Orden bekommen. Ich erinnere mich an die Verleihung. Wir sind ja alle etwas unbeholfen, wenn es um solche Dinge geht. Es war sozusagen ein Verwaltungsakt nach zehnjähriger Mitgliedschaft. Als ich ging, verschwand der Orden wieder im Ost-Berliner Safe. Inzwischen sind zwei daraus geworden.
Die gemeinsamen Abendessen waren erlesen, wenn auch ohne Damen. Es gibt auch in der DDR so etwas wie Prestige. Zu spärliche Zeichen einer Verwandtschaft.
Es waren nicht immer nur freundschaftliche Streitgespräche, die wir führten. Ich stand nicht auf der Lohnliste des Staatssicherheitsministeriums. Sie wußten ganz genau, daß ich nie die Absieht hatte, einem der beiden Staaten zu schaden, sondern beiden zu nutzen, wie klein mein Beitrag dazu auch immer gewesen sein mag.
Muß ich mich mit dem Vorwurf des Verrats überhaupt auseinandersetzen? Ich meine nicht.
Die andere Frage: Ist es konsequent, Millionär und Marxist zu sein? Und wenn ja: warum eigentlich? Darf man als Millionär nicht Marxist sein, oder darf ein Marxist nicht Millionär sein? Als ob die Überzeugung eines Menschen im direkten Zusammenhang mit seinem Bankkonto stünde!
Muß einem diese Vorstellung nicht zu denken geben? Ist sie nicht ein Indiz dafür, wieweit die geistige Konditionierung, die wir immer nur im Osten vermuten, auch bei uns fortgeschritten ist? Wo steht geschrieben, daß ich in der Bundesrepublik nicht die Verantwortung für ein großes Unternehmen tragen und gleichzeitig drüben die Gespräche führen darf, die ich geführt habe?
Mir wird Angst, wenn ich mir nach meinen jüngsten Erfahrungen vorstellen muß, in welcher Weise die ersehnten Gespräche zwischen den beiden deutschen Staaten einst geführt werden sollten. Wir sind miserabel darauf vorbereitet.
Mir mißfällt der triste Alltag in Dresden genauso, wie mich die roten Spruchbänder und die aufdringlichen Parteiparolen abstoßen. Aber was haben wir von drüben wirklich zur Kenntnis genommen? Jahrelang nur Mängel im täglichen Bedarf und neuerdings wirtschaftliche Fortschritte. Die DDR scheint inzwischen salonfähig geworden zu sein: Sie hatte Erfolge; wir messen nach unseren Maßstäben.
Man wird mir vorwerfen, meine Millionen hätten mich davon zurückgehalten, dorthin zu gehen, wo meine Überzeugung offiziell anerkannt wird. So einfach stellt man sich das vor. Aber ich bin weder Stalinist noch ein Mann Ulbrichts. Ich bin in der Bundesrepublik zu Hause, und ich bin Marxist.
Ich weiß, man wird mich jetzt fragen, wie ich als Marxist das Ziel gehabt haben kann, beiden politischen Systemen in Deutschland zu helfen. Diese Frage geht von dem landläufigen Mißverständnis aus, Marxismus sei eine Art Staatsreligion. Ich weiß, daß Marxisten hüben wie drüben Schwierigkeiten haben.
Ich bin in der Bundesrepublik Deutschland zu Hause. Und zwar mit meiner Meinung. Ich glaube immer noch, daß die Bundesrepublik ein Land ist, in dem auch Gedanken, die von den offiziellen Normen abweichen, gedacht werden dürfen. Ich nehme mir die Freiheit nach links, die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist.
Von Hannsheinz Porst

DER SPIEGEL 6/1968
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