05.02.1968

Bonn„WOLLEN SIE PARTEIFÜHRER WERDEN?“

SPIEGEL: Herr Professor, Sie waren ursprünglich in der SPD. Warum sind Sie jetzt in der FDP?
DAHRENDORF: Ich bin zunächst zu meinem 18. Geburtstag in die SPD eingetreten, das war 1947, und meine Mitgliedschaft ist erst verfallen, als ich 1952 ins Ausland ging und keine Beiträge mehr bezahlte. Nun, ich war drin.
SPIEGEL: Sie haben aber niemals Herrn Wehner das Mitgliedsbuch zurückgegeben.
DAHRENDORF: Nein. Es ist mir sozusagen zurückgegeben worden, als ich 1960 bei einer SPD-Veranstaltung eine Rede hielt, in der ich forderte, daß die SPD die große liberale Partei werden sollte, und anschließend dann Herr Ollenhauer und Herr Brandt nacheinander sagten, hier hätte ja ein Nichtparteimitglied Dinge gesagt, die nicht der Meinung der Partei entsprächen.
SPIEGEL: Erscheint es nicht paradox, daß Sie nun ausgerechnet in der FDP, die von 1949 an maßgeblich an der Restauration in der Bundesrepublik regierend mitgewirkt hat, eine freiheitliche radikale Erneuerung durchsetzen wollen?
DAHRENDORF: Alle deutschen Parteien, also CDU, CSU, SPD und FDP, haben dazu
beigetragen, daß heute die Malaise der deutschen Demokratie eingetreten ist und auch die Starre der deutschen Politik, die wir haben.
SPIEGEL: Sie sagen im Gegensatz zu Ihrem neugewählten Parteivorsitzenden Scheel, daß die Oder-Neiße-Linie endgültig sein soll.
DAHRENDORF: Ich sage hier meine persönliche Meinung, daß zwar die Aufteilung Deutschlands nach dem Kriege ein reiner Akt der Machtpolitik war, daß aber heute die Mehrzahl der Menschen jenseits der Oder-Neiße-Linie dort Heimatrecht hat und daß auch aus diesem Grunde diese Grenze endgültig ist.
SPIEGEL: Und was halten Sie für die richtige Behandlung des Problems DDR?
DAHRENDORF: Nun, ich habe immer deutlich gesagt, und mein neuer Parteichef hat das in Freiburg wieder bestätigt, daß es zwei Staaten auf deutschem Boden gibt.
SPIEGEL: Die FDP hat in der Vergangenheit daran gekrampft, daß sie gegensätzliche Meinungen immer auf einen Kompromiß eingependelt hat. Glauben Sie, daß das auf Dauer eine fortschrittliche Politik ersetzt?
DAHRENDORF: Mir scheint, daß sich auch in der Parteipolitik unsere Situation heute geändert hat und daß auf diesem Parteitag der FDP deutlich geworden ist, daß sie die Chance hat, nun für eine Neugruppierung, wie ich sie voraussehe, ein Kristallisationszentrum abzugeben. Das ist meine Hoffnung und das ist mein Wunsch.
SPIEGEL: Muß dazu nicht auch personeller Ballast über Bord?
DAHRENDORF: Jede Partei verliert und gewinnt Menschen. Das wird auch bei der FDP passieren. Ich habe ein paar Briefe gekriegt nach meiner Rede auf dem Bundesparteitag, in denen mir bisherige FDP-Wähler, vielleicht zum Teil auch Mitglieder, mitteilen, so wollen sie nicht weiter mitmachen. Ich habe aber mehr Briefe gekriegt, in denen mir die Leute sagen, so wollen sie mitmachen.
SPIEGEL: Der bisherige Parteivorsitzende Mende hat prophezeit, ein FDP-Politiker, der sich gemeinsam mit Dutschke zeigt, wird die FDP zwei Prozent Stimmen kosten. DAHRENDORF: Das könnte sein, aber es bliebe erst noch nachzuweisen. Es könnte aber auch sein, daß er fünf oder sogar zehn Prozent einbringt.
SPIEGEL: Die FDP würde also nach zehn Jahren Dahrendorf nicht mehr die von heute sein.
DAHRENDORF: Das mag sein. SPIEGEL: Streben Sie schließlich den Parteivorsitz endgültig an oder wollen Sie bloß Chefideologe bleiben?
DAHRENDORF: Zur grauen Eminenz bin ich nicht geboren, und Chefideologe bin ich eigentlich auch nicht. Aber wir haben ja jetzt einen neuen Vorsitzenden, über den ich sehr froh bin. Das bedeutet nicht, daß ich politisch das Ende meiner Ziele erreicht hätte.
SPIEGEL: Sie haben gesagt: Unser Anspruch ist es, in diesem Lande zu regieren. Wie lange glauben Sie wird diese Kampfzeit dauern, bis das eine reale Chance ist? DAHRENDORF: Sechs Jahre!

DER SPIEGEL 6/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Bonn:
„WOLLEN SIE PARTEIFÜHRER WERDEN?“

  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock
  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"
  • Trumps Ex-Pressesprecher: Sean Spicer ist Tanzshow-Star. Period.
  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle