05.02.1968

BONN / FDPZum Schießen

Sie wählten den einen und umjubelten den anderen. Der eine, Walter Scheel, garantiert ihnen die Kontinuität des freidemokratischen Establishments.
Der andere, Ralf Dahrendorf, vermittelt ihnen die Vision großer liberaler Zukunft.
Der eine, evangelischer Steilmachersohn mit Banklehre und sechs Jahren außerberuflichem Arrangement in Görings Luftwaffe, landete nach dem Kriege unter den Berufspolitikern.
Der andere entstammt einer eingesessenen SPD-Familie* und durchlief als weißer Jahrgang nach dem Kriege eine geordnete Ausbildung zum Polit-Gelehrten.
Zum Hüter der Parteitradition bestellte die FDP am Dienstag letzter Woche auf ihrem 19. Bundesparteitag in Freiburg den Walter Scheel, 48, und kürte ihn zu Mendes Nachfolger im Parteivorsitz.
Den Propheten der radikalen Erneuerung, Ralf Dahrendorf, 38, brachten die Liberalen nicht einmal ins Parteipräsidium.
Diese Partei, die von Anbeginn am Zerfall in Nationale und Liberale gelitten hat, muß sich nun, wider Willen in die Opposition abgerutscht, gesundschrumpfen.
Scheel ("Ich bin ein Mann der Mitte") ist dabei freilich nicht viel mehr als die Fortsetzung Mendes mit anderen Mitteln. Doch kann die traditionelle Verkleisterung der alten Gegensätze nur noch auf Zeit weitergehen.
Die bare Existenznot zwingt den beiden Flügeln um der Glaubwürdigkeit der Partei willen den Endkampf auf -- ob es national-konservativ oder radikal-liberal in die Zukunft gehen soll.
Dahrendorf sagt es im Gegensatz zu Scheel unverblümt: "Wir werden diese
*Ralf Dahrendorfs Vater Gustav, Redakteur des sozialdemokratischen "Hamburger Echos", gehörte den SPD-Fraktionen der Hamburger Bürgerschaft (1927 bis 1933) und des Deutschen Reichstags (1932 bis 1933) an.
Auseinandersetzung, wenn nötig, mit knappsten Mehrheiten austragen müssen, auch wenn wir dabei Leute verlieren. Eine Stimme Mehrheit ist eine Mehrheit. Sie reicht mir."
Im krampfhaften Bemühen, sich für ein Wähler-Mixtum aus Beamten und Berufssoldaten, aus Ex-PGs und HJ-Romantikern, aus Kleinbauern und Großindustriellen, aus Alt- und Neuliberalen gleichermaßen attraktiv zu halten, suchte die FDP seit je eine kompromißlerische Mittellinie zu halten.
Ob allerdings just der großbürgerlich orientierte Scheel, der in der Vergangenheit wesentlich dazu beigetragen hat, die FDP als Wirtschaftspartei erscheinen zu lassen, den Liberalen eine politische Zukunft gewinnen kann, ist zweifelhaft.
Wenn nicht zufällig im Oktober letzten Jahres der von rheinischem Klüngeldenken nicht angekränkelte Soziologe Dahrendorf der kopflosen FDP als Mitglied des Stuttgarter Ortsverbandes beigetreten wäre, hätte das Parteitagsmanagement sich schwer getan, in Freiburg einen Rednerstar für das politische Grundsatzreferat ("Politik der Liberalität statt Bündnis der Unbeweglichkeit") zu präsentieren.
Denn der nach acht Amtsjahren abtretende Mende lieferte letzte Woche nicht mehr als eine selbstgefällige Bilanz eigener Verdienste. Der antretende Scheel wagte sich nicht über nebulöse Andeutungen neuer FDP-Politik hinaus.
Der unverändert zerstrittene Zustand der Partei offenbarte sich am Dienstag und Mittwoch letzter Woche in der Freiburger Stadthalle bei den Wahlen zur neuen Parteispitze. * Auf dem FDP-Parteitag in Freiburg.
Begeistert von seinem neuen Messias Dahrendorf, faßte das Parteivolk Mut und wählte ins neugegründete Parteipräsidium eine für oppositionelle Zwecke zugkräftige Mannschaft, die freilich den Bürgerblock-Anhängern als zu links erschien. In Stichwahlen schlug der schwäbische Radikaldemokrat Karl Moersch den niedersächsischen Konservativen Carlo Graaff, und der linksliberale Berliner Justizsenator Hans-Günter Hoppe obsiegte über den bayrischen Nationalisten Dietrich Bahner.
Nachts in der Bar des Freiburger Vorstand-Hotels "Colombi" schworen bei schottischem Whisky und tschechischem Urpils zwei FDP-Rechtsaußen, der niederschlesische Vertriebene Heinz Starke aus Schweidnitz und der einstige böhmische HJ-Gebietsführer Siegfried Zoglmann, deutsch-nationale Rache. Starke: "Wenn diese Herren so weitermachen wie heute mit dem Präsidium, dann hat die CDU bald die absolute Mehrheit, die ihr jetzt noch fehlt."
Anderntags, bei den Wahlen zum Bundesvorstand, vollführte die Partei wieder den altbekannten FDP-Balanceakt zwischen links und rechts und kompensierte die Wahl der progressiven Hildegard Hamm-Brücher mit dem konservativen Starke, die Wahl des neuliberalen Dahrendorf mit dem altnationalen Zoglmann.
Siegfried ("Friedel") Zoglmann glaubt denn auch, das Schicksal der Partei trotz Dahrendorfs Aufmarsch von links doch noch zum Rechten wenden zu können: "Ich werfe die Flinte nicht ins Korn, denn die brauche ich ja noch. Wissen Sie wozu? Zum Schießen!"

DER SPIEGEL 6/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BONN / FDP:
Zum Schießen

  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris