05.02.1968

KONJUNKTUR / PROGNOSENFalsche Noten

Mit Inseraten unter der Kennziffer Z 218 suchte Bundeswirtschaftsminister Karl August Schiller, 56, "Diplomvolkswirte, Höchstalter 35 Jahre". Sie sollten sich bei ihm als wissenschaftliche Mitarbeiter für die zukunftsdeutende "volkswirtschaftliche Gesamtrechnung" bewerben.
Schillers junge Wahrsager (Staatsexamen: mindestens "befriedigend") sind dazu ausersehen, zuverlässigere Daten über die voraussichtliche Entwicklung der westdeutschen Wirtschaft zu gewinnen als bisher. Denn 1967, so fand das Deutsche Industrieinstitut in Köln, war ein "Rekordjahr der Fehlprognosen".
Den Anfang hatten sechs führende deutsche Konjunkturforschungsinstitute mit ihrer Gemeinschaftsprognose vom Herbst 1966 gemacht*. Sie stellten für das Jahr 1967 einen Wegweiser auf, der Westdeutschlands Unternehmern, Kaufleuten und Ver-
* Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Berlin), Hamburgisches Welt-wirtschafts-Archiv, Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung (München), Institut für landwirtschaftliche Marktforschung (Braunschweig), Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (Essen), Institut für Weltwirtschaft (Kiel).
brauchern eine vergleichsweise bequeme Wanderung entlang der Abhänge des Konjunkturtales verhieß.
Real, das heißt ohne Preiserhöhungen, sollte laut dem herbstlichen Orakel Westdeutschlands Bruttosozialprodukt von Januar bis Juni 1967 um 2,3 Prozent wachsen, von Juli bis Dezember sogar um 2,9 Prozent.
In Wahrheit aber wuchs im Unglücksjahr 1967 nichts mehr. Arbeitgeber und Arbeitnehmer plumpsten schmerzhaft auf die Talsohle der Konjunktur:
> Die Zahl der Arbeitsplätze sank um 700 000;
> die Zahl der Arbeitslosen stieg um 300 000;
> Löhne und Gehälter stagnierten bei 243 Milliarden Mark;
> die Unternehmergewinne schrumpften um mehr als vier auf 115 Milliarden Mark.
Als das offizielle Statistische Bundesamt die Scherben des vergangenen Jahres im Januar 1968 vorläufig sichtete, stellte es fest: Statt zuzunehmen, hatte sich das reale Sozialprodukt sogar um 0,5 Prozent verkleinert.
Nicht nur die herbstliche Privatprognose indes, auch die sogenannte Zielprojektion des Bundeswirtschaftsministers (vom Februar 1967) selbst war danebengegangen.
Karl Schiller hatte mit zwei Prozent realem Wirtschaftszuwachs gerechnet. Und noch im Sommer 1967 glaubte das Münchner Ifo-Institut aus einer Umfrage bei Unternehmern Anzeichen für einen Aufschwung herauslesen zu können.
Dr. Otto Vogel, Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung des Industrieinstituts, bescheinigte den Propheten auch ein im Detail "kümmerliches Ergebnis". Das Wirtschaftsministerium zum Beispiel habe erwartet, daß die Lagervorräte um 2,2 Milliarden Mark zunehmen würden. Tatsächlich aber nahmen sie um vier Milliarden Mark ab, weil Bonn die Wirtschaft monatelang über die steuerliche Entlastung "der sogenannten Altvorräte im ungewissen ließ.
Insgesamt schätzte die Bundesregierung das Bruttosozialprodukt des Jahres 1967 um 18 Milliarden Mark zu hoch ein, und ihr Wirtschaftsminister mußte seine "konzertierte Aktion" nach falschen Noten spielen.
Verärgert suchte Karl Schiller nach Schuldigen, die sich nicht an seine Zielprojektion gehalten hatten. Er fand sie schließlich außerhalb Bonns. Länderchefs, Stadtväter und Dorfschulzen hätten, so rügte Schiller in seinem Jahreswirtschaftsbericht, nicht genug Schulden gemacht. Sie seien "vor allem" an dem Debakel schuld.
Im selben Bericht freilich, der in der vergangenen Woche an die Abgeordneten des Bundestages verteilt wurde, wird deutlich, daß die Propheten wenig Lehren aus der Panne im letzten Jahr gezogen haben.
Drei Institute, an ihrer Spitze Ifo in München, sagen der deutschen Wirtschaft für 1968 üppiges Wachstum um nicht weniger als reale fünf Prozent voraus. Das Berliner Institut für Wirtschaftsforschung veranschlagt den Zuwachs auf drei Prozent.
Während des Streits über die Höhe der Investitionssteuer (SPIEGEL 5/ 1968) übertrumpfte Finanzminister Franz-Josef Strauß mit den Münchner Zahlen die Berliner Daten ·des Kollegen Schiller. Das Kabinett hielt eine Steuersenkung als zusätzlichen Konjunkturauftrieb für unnötig. Schiller selbst erwartet einen Anstieg um vier Prozent.
Zu den beiden Instituten haben die rivalisierenden Minister jeder für sich denkbar beste Kontakte:
Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München (Prognose 5,1 Prozent Zuwachs) ist Professor Karl Maria Hettlage, Staatssekretär bei Strauß. Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (Prognose nur drei Prozent) in Berlin ist Dr. Klaus Dieter Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär bei Schiller.
"Erforderlichenfalls" will Schiller dieses Jahr der Verwirklichung seiner Zielprojektion "im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung" selbst nachhelfen. In seinem Haus wurde deshalb eine neue Unterabteilung I d mit vier Referaten eingerichtet.
Für monatlich 1845 Mark Gehalt, Ortszuschlag und Aufwandsentschädigung sollen die gesuchten Diplomvolkswirte in dieser Abteilung nicht nur die wirtschaftliche Zukunftsrechnung aufmachen, sondern auch auf konjunkturstützende Maßnahmen sinnen.

DER SPIEGEL 6/1968
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