05.02.1968

LUFTSCHUTZ / BUNKERTödlicher Mief

Nürnberger Feuerwehrleute erklommen Obergeschoß und Dachstuhl des dreistockigen Wohnhauses in der Maiacher Straße 95, entzündeten die Lunten, die sie gelegt hatten, und brachten sich in Sicherheit. Sekunden später stand das Haus in Flammen, und zu retten gab es nichts: Mit Sachkenntnis war der leerstehende, zum Abbruch bestimmte Bau zuvor mit zwölf Tonnen Holz (als Möbelersatz), Kleinholz auf dem Dachboden und verschüttetem Heizöl brennbar gemacht worden.
Nicht genug damit: 16 Minuten nach Ausbruch des Feuers zündete ein Sprengexperte des Technischen Hilfswerkes (THW) sieben Kilogramm Sprengstoff, die in 70 Portionen im Obergeschoß fachmännisch verteilt worden waren. Donnernd stürzte das Hausinnere in sich zusammen.
Außer den Brandmauern blieb nur die 30 Zentimeter starke Kellerdecke aus Stahlbeton unversehrt, unter der -- zwölf Quadratmeter groß, 1,92 Meter hoch -- ein Schutzraum für 13 Personen installiert worden war: mit Notausstieg, Luftansaug-Öffnung und Stahltür.
200 Meter entfernt beobachtete Professor Dr. Sergei Traustel, 64, Direktor des Instituts für Wärme- und Brennstofftechnik an der Technischen Hochschule (TH) Braunschweig, den Brand, den er in Bonner Auftrag gelegt hatte: Das Bundesinnenministerium und das Bundesministerium für Wohnungswesen und Städtebau wollten von dem Wissenschaftler wissen, was in einem Luftschutzkeller vor sich geht, wenn das brennende Haus darüber wegen radioaktiver Verseuchung nicht gelöscht werden kann.
Das erste Probe-Feuer in Nürnberg im haus Hinterhofstraße 22 ließ Traustel noch unbefriedigt. Beim Brand in der Maiacher Straße im Oktober letzten Jahres dagegen befand der Professor: "Das läßt sich an jeden beliebigen Ernstfall anpassen."
Mit einem Unterschied: Im verschütteten Luftschutzkeller hockten keine verängstigten Menschen. Statt dessen hatte Traustel außer zahlreichen Meßgeräten einen "Insassensimulator" angebracht, der menschenähnliche Wärme und Feuchtigkeit ausdünstete. Traustel: "Es wurde ein typischer Schutzraum-Mief."
* In Nürnberg.
Zwei Stunden nach Feuerbeginn wurde der Mief tödlich: Die Luftansaugpumpe hatte eine Überdosis von Kohlenmonoxyd eingeschleust. Aber Traustel mochte die imaginären Insassen als "noch nicht tot" ansehen. Denn: "Wenn die einen Gasprüfer gehabt hätten, dann hätten sie ja die Pumpe für einige Zeit abstellen können."
Und: "Man soll in solchen Fällen sich den Ernstfall nicht ausmalen. Für die übliche Aufenthaltsdauer für das, was der Laie als Brand ansieht, sind die Räume ausreichend
Tatsächlich dauerte nur einige Stunden, "was der Laie als Brand ansieht". Dann aber fand der Professor bestätigt, was schon seine Versuche im TH-Keller ergehen hatten Die große Hitze kommt erst später. Sie frißt sich langsam von oben durch den Brandschutt. Auf der verschütteten Kellerdecke registrierten Traustels Meßinstrumente am fünften Versuchstag 160 Grad Celsius, 30 Zentimeter tiefer an der Unterseite der Decke, vom vierten bis zum achten tag etwa 85 Grad.
Im Musterbunker wäre der Aufenthalt dadurch "sehr ungemütlich" (Traustel) geworden. Am achten Tag nach dem Brand kletterte dort die Innentemperatur auf 43 Grad. Traustels Schluß: "Die Leute hätten nicht überlebt. Die 30-Zentimeter-Decke hat in diesem Fall keinen Schutz gegen die Temperatur geboten."
"Was daraus für ein Vers gemacht wird", will der Professor lieber seinen Auftraggebern überlassen, denen er Mitte dieses Jahres einen Abschlußbericht vorlegen will.
Inzwischen freilich wurde in Bonn das Schutzhausgesetz verabschiedet; lediglich aus finanziellen Gründen Ist es noch nicht in Kraft getreten. Es sieht Betondecken für Luftschutzräume vor. Stärke: 30 Zentimeter bei normalen Wohnbauten -- wie in Nürnberg, wo die Meßgeräte den Tod anzeigten.

DER SPIEGEL 6/1968
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