05.02.1968

„WAS GLAUBT WOHL GOTT VOM SPIEGEL?“

Zur SPIEGEL-Titelgeschichte „Was glauben die Deutschen?“ (Heft 52/1967>, in der über das Ergebnis einer Umfrage berichtet wurde, haben zahlreiche Geistliche in Predigten, Kirchenzeitungen und das Zweite Fernsehen Stellung genommen. Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge aus evangelischen und katholischen Kommentaren.
Der Hamburger evangelische Landesbischof Hans-Otto Wölber in einer Predigt in der Hauptkirche St. Nikolai:
Der SPIEGEL hat ja in diesen Tagen eine Nummer veröffentlicht mit dem Titel "Was glauben die Deutschen", und wenn man sich das dann so anguckt, was die Deutschen glauben, dann ist es dies: von allem irgendeine Portion. Wunder, ich weiß nicht, 30 Prozent; ein ewiges Wesen 80 Prozent, weil unser Leben so klein ist, aber drum herum es irgendwie so groß ist. Beerdigung von Gott her, so wie es in unseren Landen ist, oder Geburt, Taufe 90 bis 96 Prozent. Was glauben die Deutschen von Gott -- welch eine Fragestellung. Was glaubt wohl Gott von den Deutschen und vom SPIEGEL?
"Wie Hühner auf der Stange"
Jesuitenpater Ludwig Kaufmann In einem Kommentar, der vom "Basler Volksblatt" und anderen Schweizer Zeitungen veröffentlicht wurde:
Dem Nachrichtenmagazin SPIEGEL kann man vieles vorwerfen, zum Beispiel Amerikanisierung der deutschen Sprache, Geschmacklosigkeit in der Illustration und ebendaselbst plakatierte Selbstanpreisung mittels alter, immer wieder eingesetzter Cliches früherer Titelbilder. Aber man muß dem SPIEGEL zugute halten, daß er Themen aufgreift, die in der Luft liegen, und Fragen, die unter der Oberfläche motten. Zu Weihnachten war es die Gretchen-Frage: Wie hast du"s mit dem lieben Gott?
Zuerst fällt das "Nebeneinander" der aufgezählten Wahrheiten auf. "Was glaubt der Deutsche?", fragt der SPIEGEL, und die Antwort lautet: "Wenige glauben viel." So wie der ganze Bericht von Zahlenverhältnissen strotzt, aber wenig Bezüge innerhalb der verschiedenen Aussagen angibt, so scheint auch der Glaube qualitativ abgeschätzt nach der Anzahl von Paragraphen, die einer hält, als ob die Wahrheiten von Gott wie die "Hühner auf der Stange" aufgereiht oder wie Posten eines Inventars in Form einer Liste veröffentlicht worden wären.
Nun müssen wir allerdings zugeben, daß unsere Glaubensunterweisung weithin solch quantitativem Denken Vorschub geleistet hat. Da schrieb sogar noch kurz nach Konzilsschluß ein von uns gar nicht so weit entfernter Bischof in einem Hirtenbrief, die "Liste der geoffenbarten Wahrheiten" sei unverändert geblieben. Er konnte sich dabei gewiß auf die Formulierung seines Katechismus berufen, wonach "Glauben" bedeutet, "alles fest für wahr halten, was Gott geoffenbart und durch die Kirche zu glauben vorstellt". Das "alles" wird dann eben leicht als die arithmetische Summe aufgefaßt. Die Katechismen mit ihren numerierten Fragen und Antworten haben diese Vorstellung noch unterstützt. "Der Tod Gottes ist ein Gerücht"
Der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur, Dr. Konrad W. Kraemer, in einem Kommentar, den mehrere katholische Kirchenleitungen veröffentlichten:
Da SPIEGEL-Leser im Durchschnitt einen hohen Intelligenzgrad besitzen und grundsätzlich sehr skeptisch sein sollen, dürften sie sich der Fragwürdigkeit einer solchen Umfrage bewußt sein ...
Die fast 96 Prozent betragende Ziffer der kirchlichen Begräbnisse verschweigt der SPIEGEL, sie steht ihm wohl in zu krassem Gegensatz zu seiner These, daß 48 Prozent nicht an ein Leben nach dem Tode glauben.
In allen Fällen liegt hier eine wohlerwogene Entscheidung, eine Gewissensentscheidung, vor. Sie wiegt unseres Erachtens schwerer als die einem Meinungsbefrager an der Haustür gegebene Auskunft. Die Behauptung vom "toten Gott" eines Drittels der Deutschen erhält bei genauerer Prüfung -- vorsichtig ausgedrückt -- alle Merkmale eines unbewiesenen Gerüchts ...
Die Frage nach dem angestrebten Zweck einer derartigen Umfrage drängt sich vor allem angesichts der Untersuchung auf, was denn die Christen im Zeitalter der Ökumene wohl von der jeweils anderen Konfession denken. Da ist dann angeblich nach Meinung der Protestanten "typisch katholisch", scheinheilig, engstirnig, rückständig, selbstsüchtig, abergläubisch, falsch, keusch und streitbar zu sein. Umgekehrt sollen Katholiken es für "typisch evangelische" Eigenschaften halten, modern, aufgeschlossen, oberflächlich, selbstbewußt, ausgeglichen, streitbar und fröhlich zu sein.
Der SPIEGEL macht daraus sogar flugs eine "deutsche Volksmeinung". Diese schauerliche Verdrehung wird bei genauer Prüfung der Ziffern offenbar: Nur Minderheiten vertreten die genannten Beurteilungen, bei Protestanten 31 Prozent und weniger, bei Katholiken lediglich 13 Prozent und weniger!
Wie man aus einem Bruchteil von 2037 Deutschen eine "deutsche Volksmeinung" zaubert und sich selbst trotzdem ernst nimmt, wird wohl auf ewig Geheimnis der SPIEGEL-Redaktion bleiben.
"Ohne Panik auswerten"
Der katholische Diplom-Theologe Elmar Maria Larey in einem Kommentar des Zweiten Deutschen Fernsehens ("Tagebuch aus der katholischen Kirche"):
Ich meine, man sollte sich in der Kirche -- ohne allzu große Ängstlichkeit -- mit diesen Zahlen beschäftigen und sie nicht leichthin als journalistische Provokation abtun. Es sollte für die Kirche von Interesse sein zu erfahren, welche Meinungen sich die Menschen im Laufe eines Lebens mit ihr oder neben ihr gebildet haben. Angesichts ihres Auftrages kann sie ihre Augen nicht vor Mißverständnissen verschließen, die vielleicht durch ihr eigenes Handeln entstanden sind. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wenn man in der Kirche glaubte, von außen sähe sie genauso aus wie sie sich selbst versteht. Sie muß diese Mißverständnisse, wie sie in dieser Umfrage allenthalben auftauchen, nach ihrem Grund, nach ihrer Entstehung befragen ...
Um diese kritischen Punkte im Zusammenleben ausfindig zu machen, können auch solche Zahlen beitragen. Man sollte sie ohne Panik auszuwerten versuchen.
Und noch etwas: Wenn die Behauptung des SPIEGEL zutrifft, die Kirchen hätten schon mehrere solcher Umfragen in Auftrag gegeben, die aber nicht veröffentlicht werden durften, dann -- meine ich -- sollte man sie ohne Zögern und ohne Furcht vor vermeintlichem Prestigeverlust veröffentlichen. Denn die Kirche darf sich nicht dem Mißverständnis aussetzen, daß sie sich vor der Wahrheit fürchtet.

DER SPIEGEL 6/1968
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