05.02.1968

BUNDESLÄNDER / BREMENFalsche Freunde

Fast zwei Jahrzehnte lang kommandierte Bremens mächtigster Genosse Richard Boljahn, 55, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler im kleinsten Bundesland. Er hievte treue Gefolgsleute auf gutdotierte Posten, und er selber sitzt in fünf wichtigen Aufsichtsräten. Er baute Europas größte Trabantenstadt, die "Neue Vahr", und in Bremen"s Zentrum Norddeutschlands größte Stadthalle.
Seit Jahren unkten die Bremer: "Bremen ist boljahnisiert." Die "Neue Vahr" tauften sie "Boljahnograd", die wie ein Wikingerschiff anmutende Stadthalle "Boljahneum" und Boljahn selbst "König Richard".
Seit langem ist der 1,69 Meter große, dynamische und listenreiche wie eigenwillige Herrscher vielen Genossen unheimlich. Aber nur selten und dann nur zögernd wagten sie ein Widerwort. Jetzt haben sie ihn gestürzt.
Am Sonntag vorletzter Woche ließen die Delegierten des SPD-Ortsvereins den hemdsärmeligen Spitzenfunktionär ("Ich sage lieber mal Scheiße, als daß ich drumherum rede") bei der Orts-Vorstandswahl durchfallen. Zugleich wurde beschlossen, ihn für die Wahl zum Landesvorstand nicht wieder aufzustellen. So bedrängt von den Genossen, trat Boljahn einen Tag später als SPD-Fraktionschef zurück.
Die bis dahin so nachsichtigen Genossen wollten nicht länger ertragen, daß der Multi-Funktionär Boljahn je nach Funktion einen anderen Standpunkt bezog. So war, gleich nach der Bremer Knüppel-Schlacht um die Straßenbahn-Tarife, ·der SPD-Fraktionschef Boljahn mit dem Gewerkschaftsboß Boljahn und dem Boljahn, der im Aufsichtsrat der Straßenbahngesellschaft sitzt, kollidiert.
Als in Partei und DGB Kritik aufkam, der Gewerkschaftsboß habe Bremens Arbeiter verraten, weil das Aufsichtsratsmitglied den drastischen Fahrpreis-Erhöhungen zugestimmt hatte, schlug sich Boljahn schnell zu den Gewerkschaftlern, die gegen die "neuen Tarife protestierten. Dabei hatte der Fraktionschef Boljahn Ende November bei der Bildung der SPD/FDP-Koalition ein Papier unterschrieben, das eben diese Tarife vorsah.
Ortsvereins-Vorsitzender Hermann Hansing monierte: "Man kann nicht in der Fraktion mitstimmen und draußen sagen: Ich weiß von nichts." Und der Delegierte Albert Müller folgerte: "So geht es nicht, so machen wir die Partei kaputt.
Nach Boljahns Fall ist Bremen nicht mehr Bremen. Denn der ruppige Provinz-Politiker, der einen Opel"Commodore" steuert, bei Catcher-Veranstaltungen in der ersten Reihe sitzt und nervös auf die von ihm bewunderten Nasengriffe lauert, gehörte zum Stadtbild wie der Roland vor dem Rathaus und die Bremer Stadtmusikanten.
Der gelernte Borgward-Klempner, der seit 1927 der Gewerkschaft und seit 1930 der SPD angehört, hatte nach dem Krieg eine für sozialdemokratische Begriffe beispiellose Ämterfülle eingeheimst. Der vor allem im sozialen Wohnungsbau erfolgreiche Fraktionschef und Gewerkschaftsboß sitzt in der Finanzdeputation der Bürgerschaft (Landtag), im Rundfunkrat, im Verwaltungsausschuß des Bremer Arbeitsamtes und des Landesarbeitsamtes Niedersachsen/ Bremen sowie in der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Er ist
> Aufsichtsratsvorsitzender der gewerkschaftseigenen Baugesellschaft "Neue Heimat Bremen" -- Eigentümerin von insgesamt 46 125 Wohnungen und Bauherr in der Neuen Vahr (10 000 Wohnungen);
> Aufsichtsratsmitglied (bis Dezember 1967 Vorsitzender) der Grundstücksgesellschaft "Weser", die an Grundstückkäufen für öffentliche Bauvorhaben maßgebend beteiligt ist;
> Aufsichtsratsmitglied (bis Dezember 1967 Vorsitzender) der Stadthallen GmbH, die eine Mehrzweckhalle für Parteiveranstaltungen, Sechs-Tage-Rennen und dergleichen betreibt;
> Aufsichtsratsmitglied der Bremer Straßenbahn AG und
> Aufsichtsratsmitglied der Bremer Stadtwerke AG.
Und er hätte -- nach eigenem Bekunden -- längst Senator sein können, doch dann, so Boljahn, gäbe es "nur Wackelheinis in der Legislative"; auch Angebote aus der Wirtschaft lägen ihm vor, doch er mag "die Politik nicht ablegen wie ein dreckiges Hemd".
Boljahns Freunde sind einflußreich: Der prominente Architekt Siegfried Morschel ist Leiter der Bremer Hochbau GmbH und der Union-Treuhand GmbH. Der Grundstücksmakler Willy Lohmann (Spitzname: "Millionen-Willy"), Besitzer des ersten Mercedes 600 in Bremen, betätigte sich beim Ankauf des Geländes für die neue Universität sowie bei Vorratskäufen für die Sanierung des Bremer Ostertor- Viertels. Heute gesteht Boljahn: "ich habe auch falsche Freunde, die Millionen an mir verdienten."
Die Machtfülle und die mitunter schroffe Art des Polit-Managers, der Genossen hinter verschlossenen Türen gelegentlich im Feldwebel-Jargon abkanzelte, ließ in der Hansestadt Gerüchte über mannigfache Manipulationen Boljahns gedeihen.
Erst als Deutschlands jüngster Regierungschef und Bremens Erster Bürgermeister, Hans Koschnick, 38, Ende November vorigen Jahres in die kleinbürgerlich drapierte Amtsstube im ersten Stock des Bremer Rathauses einzog, ging es mit Boljahn bergab.
Koschnick wagte, was weder der populäre Wilhelm Kaisen noch der unpopuläre, aber tüchtige Willy Dehnkamp riskiert hatten: den Clinch mit Richard Boljahn. Der neue Stadtstaatschef: "Wir werden in der Bremer SPD schlecht davon leben können, Anti-Boljahner, Pro-Boljahner und Neutralisten zu sein." Koschnick verhieß, er würde "die Führungsrolle des Senats sichtbar machen".
Der neue Regierungschef attachierte dem starken Fraktionschef einen zweiten gleichberechtigten Stellvertreter und nahm für sich das Recht in Anspruch, an den Sitzungen des SPD-Fraktions-Vorstands teilnehmen zu können. Die Genossen bestanden darauf, daß Boljahn den Aufsichtsratsvorsitz in der "Weser"-Grundstücksgesellschaft und in der Stadthallen GmbH niederlege.
Während Boljahns Macht abbröckelte, kamen ihm -- gerufen oder ungerufen -- vierzig Angestellte des Grundstücksmaklers und Boljahn-Freundes Lohmann zu Hilfe. Im Bezirk Bremen-Altstadt, wo sich die Reihen der Boljahn-Anhänger lichteten, nahmen sie einen zweiten Wohnsitz und traten der SPD bei. Der Neuzugang wollte widerspenstige Delegierte abwählen, um so Boljahns drohende Niederlage abzuwenden. Doch die Manipulation mißlang: Der SPD-Ortsverein versagte der Hilfstruppe das Wahlrecht.
Aber auch nach dem Sturz des SPD-Politikers Boljahn weiß Boljahn-Gegner Koschnick, daß der einstmals mächtigste Genosse noch immer mächtig ist. Koschnick: "Ein angeschlagener Tiger ist gefährlicher als ein gesunder." Und Boljahn verkündete denn auch: "Ich bin oft hingefallen, aber immer wieder aufgestanden; ich werde auch diesmal wieder aufstehen."
Tatsächlich glaubt Boljahn, bereits ein neues Konzept gefunden zu haben: Er will die Anti-Notstands-Stimmung und das Unbehagen vieler Gewerkschaftler gegen die Große Koalition nutzen und die 100 000 Mann starke Bremer DGB-Truppe mobilisieren: "Freunde, faßt mal wieder Tritt."
Boljahn drohte: "Ich kann jederzeit 10 000 Gewerkschaftler auf den Domshof bringen."

DER SPIEGEL 6/1968
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